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Wenn die Scheiße weg ist

SHIT ISLAND
(Futur3)

Besuch am
19. November 2017
(Premiere am 18. November 2017)

 

Orangerie – Theater im Volks­garten, Köln

Das Theater­kol­lektiv Futur3 hat eine Geschichte ausge­graben, die im deutschen öffent­lichen Bewusstsein wohl überhaupt nicht existiert. Das Bild von der Südsee als Paradies ist vielleicht zu tief in den Genen der Deutschen einge­pflanzt. Die Tourismus-Industrie tut ihr Übriges dazu, den Traum vom ewigen Sommer unter Palmen auf einsamen Inseln aufrecht­zu­er­halten. Zugegeben, die Geschichte klingt auch eher nach einem Märchen- oder Opern­stoff als nach einer wahren Begebenheit.

Die traurigen Ereig­nisse kann man in Kurzform wieder­geben. Nauru ist ein Insel­staat im Pazifi­schen Ozean mit rund 10.000 Einwohnern. Das Atoll ist die kleinste Republik der Erde. Entwick­lungs­ge­schichtlich war es einst ein Vogel­pa­radies. Die Vögel hinter­ließen im Verlaufe von Hundert­tau­senden von Jahren ihre Exkre­mente, die zu einer meter­dicken Schicht anwuchsen und nahezu die gesamte, 21-Quadrat­ki­lo­meter-große Insel bedeckten. 1899 entdeckte man, dass sich die Vogel­scheiße unter Sonnen- und Meeres­ein­fluss, vor allem aber in Verbindung mit den Kalkböden der Insel in fast reines Phosphat verwandelt hatte. Phosphat ist einer der wichtigsten Bestand­teile für Dünge­mittel und wurde zeitweilig so wertvoll wie Gold einge­schätzt. Mit der Verselbst­stän­digung des Insel­staates kam auch der sagen­hafte Reichtum. Obwohl schon zu Beginn des Abbaus von Guano feststand, dass nach rund 30 Jahren Schluss damit sein würde, wollte das so recht keiner wahrhaben. Heute ist die Insel verwüstet, der Staat sucht verzweifelt nach zusätz­lichen Einnah­me­quellen und geriet zudem durch die Flücht­lings­lager in Verruf, die die Australier dort einrich­teten. Die Bevöl­kerung leidet unter Fettlei­bigkeit und jeder dritte Nauruaner leidet unter der Zucker­krankheit. Die Moral von der Geschicht‘: Man kann eben aus Scheiße kein Gold machen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

André Erlen setzt den Stoff fanta­sievoll anhand histo­ri­scher Dokumente um, bleibt aber sehr stark der erzäh­le­ri­schen Ebene verhaftet. Über weite Strecken ist hier etwas entstanden, was man ohne Schwie­rig­keiten als Hörspiel versenden könnte. Das ist ohne Zweifel aller Ehren wert und handwerklich gut gemacht, für ein Theater­stück aller­dings ein bisschen wenig, wenn die Räumlichkeit und die Akteure zur Staffage verkommen. Dabei ist der Ansatz originell.

Im Vorraum der Orangerie beginnt die Handlung. Im Mittel­punkt steht ein Tisch, der mit Kerzen und Intarsien einer Insel bedeckt ist. Aus dem Hinter­grund treten immer wieder die Darsteller hervor, um in die Historie – und die Träume – des Kolonia­lismus einzu­führen. Eine Dreivier­tel­stunde lang. Dann laden die Schau­spieler das Publikum in den Theatersaal, ins „Pleasant Island“ ein. Im Hinter­grund die Tribüne, ihr gegenüber eine riesige Leinwand auf einem Podium, dazwi­schen gibt es viel Spiel­fläche, auf der auch eine Radio­station, von Petra Maria Wirth durch einen Tisch mit zwei Mikro­fonen und zwei Stühlen kenntlich gemacht, unter­ge­bracht ist. Rechts vom Publikum ist die Technik aufgebaut, da sitzt auch Komponist Jörg Ritzenhoff, links der Tisch, von dem aus Per Larsen seine Live-Video­pro­jektion veran­staltet. Die drei Darsteller, im ersten Teil in dunkle Kostüme gekleidet, auch dafür ist Wirth verant­wortlich, treten im Saal im bunten, leichten Wollstrick auf, was auch immer das zu bedeuten hat. Vorteilhaft jeden­falls wirkt es kaum. Boris Kahnert setzt das mit kräftigen Strichen ins rechte Licht.

Foto © Meyer Originals

Irene Eichen­berger, Stefan H. Kraft und Luzia Schelling präsen­tieren sich ganz wunderbar in den unter­schied­lichsten Rollen und meistern die zumeist überzeugend. Beim Radio-Interview gerät dann schon mal das oder andere durch­ein­ander, ohne dass es sonderlich stört. Dass das Stück mit einem Skype-Interview mit einem „Urein­wohner“ abschließt, ist schlüssig, aber in der Durch­führung völlig daneben. Larsen und Ritzenhoff wollen eigentlich die Übersetzung des auf der Leinwand darge­stellten Inter­views liefern, nehmen das aber entweder zu leicht oder scheitern am Timing. Hölzern geht damit das Stück nach knapp zwei Stunden zu Ende.

Ritzenhoff hat dafür eine eingängige Klang­ku­lisse gefunden, die nicht nur mit rührse­liger Südsee-Romantik zu Beginn, sondern auch in den Geräu­schen im Verlauf des Stücks atmosphä­risch nachhaltig überzeugt. Das starke Schlusswort fehlt nicht nur im Text, sondern auch in der Musik. Das kann man damit argumen­tieren, dass die Geschichte von Nauru für sich selber steht.

Und die ist in der Tat so eindrucksvoll, dass das Publikum lange applau­diert. Was vom Abend bleibt, reicht allemal, um den Ärger über die rote Ampel-Welle in Köln, mangelnde Parkmög­lich­keiten und eine in der früh einbre­chenden Dunkelheit fast schon gruselige Atmosphäre des Veran­stal­tungs­ortes zu übertünchen.

Michael S. Zerban

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