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Foto © O-Ton

Trennungsschmerz im Hafengebiet

LA STRADA – EIN LANDSTREICH
(Jens Kuklik)

Besuch am
21. Juni 2019
(Urauf­führung am 19. Juni 2019)

 

Atelier mobile – travelin‘ theatre, Deutzer Hafen und Theater im Zelt, Köln

Zugegeben, derzeit eignet sich das Deutzer Hafen­gebiet in Köln wohl in erster Linie für Fotografen mit dem Lieblings­thema lost places. Gerne zur Blauen Stunde oder für Nacht­auf­nahmen. Wenn man sich aller­dings anschaut, was dort entstehen soll, kann es einen gruseln. Lebens­qua­lität wird hier zugunsten des Profits ganz klein geschrieben. Da verwundert es nicht, dass sich Kölner Bürger im Abschieds­schmerz winden. Köln hat aus Chorweiler offenbar ebenso wenig wie aus dem Medien­hafen gelernt. Die Gier ist grenzenlos. Und das ruft das Ensemble Atelier mobile – travelin‘ theatre auf den Plan.

Ein alter, weißer Trans­porter überquert die histo­rische Drehbrücke am Deutzer Hafen, hält direkt dahinter am Zollhaus. Zwei junge Frauen bauen einen Camping-Tisch und zwei Stühle auf. Nach und nach sammeln sich die Besucher, um dort ihre Eintritts­karten zu erwerben. Während­dessen sitzt Little Red Taxi Girl im Hinter­grund und intoniert auf der Gitarre Blues und Folk, singt dazu ihre Lieder. Die milde Abend­sonne verbreitet einen warmen Glanz über der Szene. Die beiden Damen, die fleißig Geld einsammeln und Stempel und Programm­zettel verteilen, sind ein wenig nervös. Eigentlich ist die Veran­staltung schon nach den Voranmel­dungen überbucht und ein paar Menschen versuchen noch an der Abend­kasse ihr Glück. Schließlich werden es um die 85 Besucher, und keiner muss wegge­schickt werden. Ein Ziehhar­mo­niker-Spieler mischt sich in das Bild, einen Zylinder auf dem Kopf, eine dunkle Sonnen­brille verbirgt seine Augen. Auf dem Ärmel des schwarzen T‑Shirts ein gelber Aufnäher, der auf eine Sehbe­hin­derung hinweisen könnte. Im Mundwinkel klemmt eine selbst­ge­drehte Zigarette. Er wird während des gesamten folgenden Geschehens schweigen, aber die Reise­gruppe anführen. Eine Figur, wie sie Federico Fellini nicht hätte schöner erfinden können.

Dahinter verbirgt sich Jens Kuklik. Er ist der Autor des Stücks La Strada – Ein Landstreich, das heute Abend im Deutzer Hafen­gebiet zur Aufführung kommt. Die Zuschauer werden einen anderthalb Kilometer langen Spaziergang am Rhein entlang zurück­legen müssen, um Motive aus Fellinis grandiosem Film La Strada zu erleben. 1954 kam der Film in die Kinos und verhalf dem Regisseur zum inter­na­tio­nalen Durch­bruch. Es war seine Abkehr vom Neorea­lismus des italie­ni­schen Kinos, in dem er aber – noch nicht – gänzlich auf die Mittel des Neorea­lismus verzichtete. Nach Angaben Fellinis sein persön­lichstes Werk, eine Ausein­an­der­setzung mit Trennung und den damit verbun­denen Schmerzen. Voll rauer Poesie, angesiedelt in der Welt der Gaukler und veredelt mit der Musik von Nino Rota. Dieses Meisterwerk nachzu­spielen, ist allein schon eine Anmaßung. Es in Köln aufzu­führen, kann eigentlich nicht funktio­nieren, weil der Film voller Italianità steckt. Als sei das nicht genug, wird die Filmhandlung mit den Usancen der deutschen Immobi­li­en­wirt­schaft durch­flochten. Das kann nur schief­gehen. Die Zuschauer ziehen los, allen voran der Harmonika-Spieler, dessen Klänge schon nach wenigen Metern verwehen.

Aischa-Lina Löbbert als Gelsomina – Foto © O‑Ton

Hinter der ersten Kurve liegen die Poller Wiesen, das ist das Ufer der „schäl Sick“ des Rheins, also der falschen Seite des Rheins, weil das Kölner Zentrum auf der anderen Rhein­seite liegt. Von dort aller­dings bietet sich eine fantas­tische Sicht auf die Kulisse Kölns. Im Hinter­grund der Dom, am Ufer reihen sich die Kranhäuser anein­ander, inzwi­schen schon ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, der Rhein­au­hafen als neues Stadt­viertel, in dem sich der Kölner Arbeiter keine Wohnung mehr leisten kann. Aber imposant ist es. Ja, der Deutzer Binnen­hafen wird einmal ähnlich glanzvoll mit Hochhäusern modernster Archi­tektur aufwarten. Viele Arbeits­plätze sind angekündigt. Plätze der Begegnung. Das Übliche. Kennen wir aus vielen Städten wie Duisburg oder Düsseldorf, wo sich die Ankün­di­gungen nach der Fertig­stellung alle nicht bewahr­heitet haben. Und hinter dieser Kurve steht dieses Zweirad­ge­fährt, das künftig zwei Menschen Wohnung sein wird. Schnell ist der Handel zwischen Gelso­minas Mutter und Zampanò abgeschlossen, mit dem der Gaukler 10.000 Lire dafür leistet, dass er das unbedarfte Mädchen als Assis­tentin auf Reisen mitnehmen kann. Schon an der nächsten Spiel­station, noch befindet sich die Gesell­schaft auf der Promenade, erzählt Frederike Bohr, die als Pina, Angehörige eines Immobi­li­en­kon­zerns, ein unglaub­liches Pensum vor sich hat, von der Entstehung und Entwicklung des Hafen­ge­ländes. Und von hier aus entspinnen sich die Fäden. Im einen Strick­muster entfaltet sich die Romantik des Roadmovies, das so unglücklich endet, im anderen werden die Fäden durch Klischee­bäder gezogen, die wenig an konkreter Infor­mation, aber viel an Polemik bieten.

Bohr schlägt sich tapfer und zeigt viele Facetten des Immobilien-Vertriebs, wenn sie im roten Kleid gehetzt und mit Rollen­koffer ihre Bahnen zieht. Aber hinter der Ziehhar­monika und der Gitarre herzu­ziehen, während man seine eigene Straße des Lebens erlebt, entlang am Rhein, dem Abend entgegen, dem Untergang entgegen, das hat eine ganz eigene Qualität. Kuklik hätte das nicht brillanter insze­nieren können. Thomas Krutmann gibt einen wunderbar natür­lichen Zampanò, Brecht wäre entzückt. Hier ist nichts gespielt. Die Panzer­faust der Männer­bastion schlägt sich durchs Leben. Was einen herzlich wenig inter­es­siert, wenn man Aischa-Lina Löbbert als Gelsomina erlebt. Die Nasen­spitze rot gefärbt, verdient sie alle Schau­spie­ler­preise dieser Welt. Allein der Blick verzaubert. Ihre Rolle als Clown gelingt sensa­tionell. Dagegen verliert Giulietta Masina, Ehefrau Fellinis, die im Film mit ihrer Rolle als Gelsomina Weltruhm erlangte, um Längen. Es muss ein neuer Fellini kommen, um dieser Frau die richtigen Rollen zu verschaffen. Damit sie noch einmal am Rheinufer in den Poller Wiesen um Geld betteln darf, die Trompete entdecken, um Matto trauern kann.

Jens Kuklik spielt die Ziehhar­monika – Foto © O‑Ton

Nach vielen Stationen wird die letzte Strecke als sizilia­nische Karfrei­tags­pro­zession zurück­gelegt. Kurz zuvor hat sich Elena Martino noch mit einer Taran­tella künst­le­ri­schen Respekt verschafft. Jetzt zieht sie als Bischof vor der Menge her und intoniert das Lied der Prozession, das man auf einer Filmplattform als Video anschauen kann, um sich von der Gänsehaut zu überzeugen, die selbst dem letzten in der Gruppe nicht erspart bleibt. Am Ende der Wanderung wartet eine viertel­stündige Pause, ehe die Handlung im Zelt zu Ende geführt wird.

Im Theater im Zelt erfährt der Zuschauer noch einmal alle Möglich­keiten emotio­nalen Theaters. Angefangen von den seiltän­ze­ri­schen Fähig­keiten der Elena Martino, die auch schau­spie­le­risch auftrumpfen darf, über das Können von Krutmann und Löbbert, die Zuschauer emotional gefangen zu nehmen bis zur überzeu­genden Live-Musik von Regina Melech, die Tom Waits und Bob Dylan in das Geschehen einbe­zieht. Nach dreieinhalb Stunden geht die Aufführung zu Ende. Schon. Der Applaus ist zu wenig für das, was hier an La Strada – und Immobi­li­en­be­trieb – geboten wurde.

Und gibt es an diesem Abend eine Kritik, dann ist es der Rückweg, der zwar noch einmal die Stationen in Erinnerung ruft, die geboten wurden, aber doch zu lang und durch eine zu unsichere Gegend führt, um als angenehm empfunden zu werden. Immerhin wird auf dem Weg von den Zuschauern lange über die immobilen Entwick­lungen der Zukunft disku­tiert. Und da ist nichts Gutes zu hören.

Ein langer Abend geht emotional bewegend, humorvoll unterwegs, aber kognitiv nicht überzeugend zu Ende. Trotzdem: Das möchte man gern jeden Abend haben. Hier haben alle Betei­ligten ihr Bestes gegeben, um Poesie zu vermitteln und zu zeigen, dass wir in der Immobi­li­en­ent­wicklung endlich wieder andere Wege gehen müssen, um wieder ein wenig mensch­licher zu werden. Im September gibt es eine Reprise, die an dieser Stelle dringend empfohlen wird.

Michael S. Zerban

Hier klicken, um mehr Bilder von der Aufführung zu sehen.

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