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Foto © privat

Augenmusik

UTOPIE HEIMAT?
(Diverse Komponisten)

Besuch am
18. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Aula der Univer­sität, Köln

Lieder brauchen Leiden­schaft. Chris­tiane Oelze zeigt es. Ist das Wort aufge­laden, will es ins Onoma­to­poe­tische, ist das Oelze nur recht. Sie spürt, wohin die Reise geht, hilft, wo und wie sie kann. Das Gestische ihrer Darbietung erwächst daraus. Hände, Arme, Körper­spannung, die Drehung des Kopfes. Von einem Lieder­abend hat die Sängerin ihre ganz eigene Auffassung. Und in Christoph Maria Wagner einen Partner, dem nicht nur das Pianis­tische vollum­fänglich zu Gebote steht, der vielmehr mit den Augen des Kompo­nisten, der er ist, auf die Noten schaut. Wagner kennt die Eigen­arten der Schreib­weisen seiner Kollegen, was die Kurzpor­träts im Programm­blatt zum Konzert, selten kommt‘s vor, ausge­sprochen lesenswert macht. Abwesen­heit von Stereo­typischem ist immer erholsam. Zwei Künst­ler­per­sön­lich­keiten, die sich gefunden haben, die um ihre Stärken wissen, auch wie die zu bündeln sind.

Weswegen sie auch nicht, anders als in der klassi­schen Aufstellung, auf Tuchfühlung gehen müssen. Oelze hat ihr Pult weit außen positio­niert. Ein Weitwinkel ist das, der sich so bildet. Steht uns ein großer Ton ins Haus? Weiteres Zeichen dafür: Dem Instrument, das sich auf dem Podium der Univer­sitäts-Aula mit vollendeter Grandezza ausbreitet, wird maximale Deckel­öffnung verordnet. Intimität, soviel scheint klar, ist nicht die Zielrichtung an diesem Abend. Allen­falls Ausgangs­punkt, wenn die beiden mit Eislers Holly­wooder Liederbuch eröffnen, den durch und durch Brecht­schen Minia­turen, die den kleinen Radio­ap­parat besingen, den Untergang der Eroberer herbei­sehnen und ihn zugleich fürchten: Die Vater­stadt, wie find ich sie doch? Davon geht es bald weg. In den kantablen, spätro­man­tisch getauften Liedern des Erich Wolfgang Korngold findet zumal Oelze einen siche­reren Tritt. Und dann dieser Teufelskerl! Die Zielgerade der ersten Programm­hälfte hört auf den Namen Kurt Weill. I am a stranger here myself. Das Lied von der harten Nuss. Zwei Unbekannte, denen ein Klassiker folgt. Mit dem Alabama Song aus Mahagonny reichen Oelze und Wagner einen Lecker­bissen herunter, der ihnen selbst schmeckt. Feuer und Flamme die beiden. Wagner, gut beschäftigt an seinem Instrument, fängt an, mitzu­singen. Oh, show us the way/​to the next whiskeybar. Pure Ausge­las­senheit ist das jetzt. Das Wiegende, das angehängte Synko­pische von moon of Alabama – es ist doch zu schön. Klar, da darf kein Deckel zu sein.

Foto © privat

Die Drama­turgie nach der Pause die erwei­terte Kopie von Teil Eins. Eine schöne Idee, mit Francis Poulenc zu starten, mit Kostproben aus dessen unter der deutschen Besatzung entstan­denen Zyklus Banalités. Unbehel­ligtes Leben, nicht-gegän­gelte Existenz das Ideal, was bei Eisler und Brecht in das Loblied auf den Radio­ap­parat mündete, bei Poulenc zu dem auf Paris. Hier als Sehnsuchtsort verstanden, dem man sich zuwendet, um sich vom düsteren Land, pays morose, abzuwenden. Was folgt, ist eine Kölner Sensation. Die 3 Lieder nach Gedichten von Stefan George hat Maria Herz 1929 geschrieben, noch ganz in der Hoffnung, dass die Poesie, und damit auch sie selbst, in der Welt, in der Gesell­schaft ihren Platz behalten darf. Eine Hoffnung, die enttäuscht wird. 1934 geht sie, die deutsche Jüdin, ins englische Exil. Dort schreibt sie, anders als im Programm­blatt zu lesen, tatsächlich keine Werke mehr, keine einzige Note. Was darin aufscheint? – Der Schmerz des Exils. Ein Faden, den uns das Duo Oelze und Wagner zeigt, aber nicht weiter­spinnt. Harter Schnitt zu Schön­bergs frühen Brettl-Liedern, seine kunst­vollen, ihrer­seits höchst ausge­las­senen Beiträge für ein Berliner Cabaret. Und schon, Wagner bekommt jetzt immer mehr zu tun, biegt man ein in die Schluss­kurve. Der Schnee liegt noch weiß auf den Feldern und das Wasser rauscht schon. Verse des genialen russi­schen Poeten Fjodor Iwano­witsch Tjutschew. Und wieder ist es die Sehnsucht, in dem Fall die von Sergei Rachma­ninoff, die daraus Musik kreiert. Und was für eine! Vesennyie vodi, Frühlings­fluten perlen aus der Klaviatur. Wagner und Oelze lassen es rauschen.

Ein gelun­gener Lieder­abend, den man glatt noch einmal besuchen möchte. Dann jedoch gern unter einem Titel, einer Überschrift wie sie Tjutschew entlehnt sein müsste. Das Karge, das Fragende von Utopie Heimat?, noch dazu mit verdorrtem Ästchen, das man vorn aufs Programm­blatt glaubte, setzen zu sollen, wird vom Gehörten gerade nicht beglaubigt. Der, mehr oder minder, gegebene Migrations­hintergrund der Kompo­nisten ist eine Seite, ihre Musik eine andere. Was auch damit zu tun hat, dass im Augen­blick, da Exil Wirklichkeit wird, es noch keine Worte dafür gibt. – Das wäre dann wirklich ein anderes Konzert.

Georg Beck

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