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Foto © O-Ton

Gesamtkunstwerk in drei Akten

ROCOCÓ/​TAUBENLIED/​PETUNIA
(Cia Rampante, Flemming Paul, Figuren­theater Cyanacrylat)

Besuch am
6. August 2022
(Premiere)

 

Atelier Mobile – Travelin‘ Theatre, Open-Air-Spiel­stätte am Weidenweg, Köln

Nachdem das Ton und Kirschen Wander­theater Ende vergan­genen Monats einen sehr schönen Erfolg mit der Legende vom heiligen Trinker auf den Poller Wiesen feiern konnte, steht auch das erste August­wo­chenende ganz im Zeichen der fahrenden Künstler. Aller­dings hat Jens Kuklik, Künst­le­ri­scher Leiter von Atelier mobile und verant­wortlich für das Areal, dieses Mal die Verant­wortung für die Program­mierung Anne Wenzel übertragen. Die Künst­lerin verfügt nicht nur über ein ausge­zeich­netes Netzwerk, sondern zeigt auch einen Hang zur Größe. Und so wird aus der Abend­ver­an­staltung gleich so eine Art „Famili­entag“. Wer möchte, kommt ab vier Uhr nachmittags mit den Kindern. Gleich neben dem Eingang ist eine Hüpfburg aufgebaut, die im Umfeld ein wenig exotisch wirkt, aber von den Kindern gut angenommen wird. Außerdem steht da jetzt eine „Besen­flug­ma­schine“, eine Art Wippe, die man im Kreis drehen kann. Auf der einen Seite ist ein Besen angebracht, auf dem die Gäste Platz nehmen können, auf der anderen Seite wird die Wippe mit Muskel­kraft betrieben. Eine echte Attraktion, die bis in die Abend­stunden gern genutzt wird. Zu Unrecht ein wenig im Hinter­grund bleibt die Seifen­blasen-Blasma­schine, die Wenzel eigens für die zwei Tage gebaut hat. Sie selbst wird später als „Popcorn-Fee“ die Kinder mit der Süßigkeit aus Mais versorgen.

Wer das Gelände betritt, vergisst für die Zeit seines Aufent­halts mal alles, was einen „da draußen“ so umtreibt. Es ist eine Zauber­wiese, wo es Mike mit seinem fahrbaren Steinofen gibt, aus dem ohne Unterlass neue Pizzafladen gezogen werden, die Kinder dürfen selbst gemacht Limonade aus einer Kühlbox zapfen. Hinter der Zeltbühne fällt der Blick auf die weit entrückten Krantürme des Rhein­au­hafens, auf der anderen Seite erstreckt sich undurch­sich­tiges Grün, so weit das Auge reicht. Neben dem Versor­gungs­stand hat sich eine kleine Wagenburg mit Fahrzeugen gebildet, von denen du gar nicht mehr weißt, dass es sie überhaupt noch gibt. Kleine Lastkraft­wagen, die all das beinhalten, was die Künstler heute und morgen brauchen, um das Publikum mit in ihr Universum zu nehmen. Auf der großen Bühne laufen die Vorbe­rei­tungen für den ersten Auftritt, der um sechs Uhr angekündigt ist. Daraus wird nichts werden, das weiß hier jeder, aber alle nehmen es mit wunder­barer Gelas­senheit. Gegenüber wird schon jetzt die nächste Bühne vorbe­reitet. Dieses Mal sind erst gar keine Stühle aufgebaut. Jeder, der vor der Bühne sitzen will, nimmt sich halt einen Stuhl und platziert ihn, wo er möchte.

Foto © O‑Ton

Gegen halb sieben stürmt die Compañía Rampante die Bühne. Seit 2014 arbeiten Florencia Caro und Luciano Ranicri zusammen, um ihren Traum vom eigenen Programm zu erfüllen. Ursprünglich aus Südamerika, wo die beiden studiert haben, haben die beiden sich auf eine Welttournee begeben, reisen von Festival zu Festival, um den Menschen zu zeigen, wie man Schau­spiel, Clownerie, Tanz und Akrobatik vereinen kann, damit daraus eine eigene Welt entsteht. In ihrem Stück Rococó erinnern die beiden zunächst ein wenig an Bonnie und Clyde, die verkleidet in ihr Versteck flüchten, wo ein kleiner Schrank auf sie wartet, der allerlei Utensilien enthält. Während­dessen erklingen Schlager, Canzoni und Chansons längst vergan­gener Zeiten, die bis heute unver­gessen sind. Es beginnt ein furioser Auftritt, der von klassi­schen Tänzen mit Schall­plat­ten­covern vor dem Gesicht über Ring-Akrobatik bis zum Todes­sturz reicht. Bei letzterem lässt sich die Akrobatin kopfüber zu Boden stürzen in der Hoffnung, der Partner möge sie recht­zeitig auffangen, um sie vor dem sicheren Genick­bruch zu bewahren. Aber alles halb so drama­tisch, schließlich haben die beiden offenbar einen Heidenspaß an dem, was sie da unter­nehmen. Woher sonst sollten sie die Leich­tigkeit und den Humor nehmen, in die sie ihren Auftritt einbetten. Nach einer knappen Stunde sind das Publikum, aber auch die Künstler vollkommen erschöpft. Die einen, weil sie atembe­rau­bende Aktionen noch und noch erlebt haben, die anderen, weil sie sie gezeigt haben. Welch ein Auftakt!

Eine ganz andere Art von Theater zeigt Flemming Paul, der in einer guten halben Stunde sein Taubenlied vorträgt. Die Poesie rückt in den Vorder­grund. Ein Reisender macht Halt auf einer Wiese, auf der ein Geflecht von Rohren und alten Reifen aufgebaut ist. Er sei Künstler, sagt er und malt sein Gesicht weiß an. Zwischen den Rohren ist ein Mischpult eingebaut, das ihm den Aufbau von zeitge­steu­erten Endlos­schleifen erlaubt. So entsteht nicht nur eine minima­lis­tische Musik, sondern auch der eine oder andere witzige Effekt, während Paul sein Lied beginnt. Dazu packt er einen Synthe­sizer und später eine E‑Gitarre aus. Aber auch das Bühnenbild, das Hedi Michels gebaut hat, gibt nach und nach eine Menge Überra­schungen frei. Auch hier darf die Prise Humor nicht fehlen, ehe zum Schluss das Lachen eher in der Kehle stecken bleibt. Neben der künst­le­ri­schen Leistung, die das Publikum zu Recht bejubelt, gilt auch Wenzel hier noch ein beson­deres Kompliment. Das Stück wirkt so, als sei es für diesen Ort geschaffen worden.

Foto © O‑Ton

Und die richtige Entscheidung trifft Wenzel gleich auch noch im Anschluss, als sie festlegt, dass das dritte Stück des Abends eine halbe Stunde vorverlegt wird. Inzwi­schen ist die Nacht herein­ge­brochen, und es ist allmählich an der Zeit, an den Heimweg zu denken. Also gut. Noch einen letzten Blick auf den dritten Auftritt. Da nimmt das Figuren­theater Cyanacrylat Aufstellung, um sein Stück Petunia aufzu­führen. Figuren­theater. Hm. Die Assoziation zum Kasper­le­theater der Kindheit klebt hartnäckig im Hinterkopf. Von der muss man sich erst mal verab­schieden. Um dann eine surreale Geschichte zu genießen, die sich Björn Schimpf und Maren Lange ausge­dacht haben. Was, wenn Dir plötzlich die Erde zu Füßen liegt, obwohl für dich das Wichtigste ist, deine Katze mit dem bestmög­lichen Futter zu versorgen und deine Topfpflanze zu umhegen? Lange hat dazu skurrile Figuren gebaut, die sie mit Schimpf virtuos durch die Geschichte bewegt, während Benedikt Hench Musik auf einem Koffer­cello und einer Glasharfe virtuos beisteuert. Da kriecht mitunter Gänsehaut über den Rücken. Bravourös. Aus welchem Jahr das Koffer­cello mit dem großar­tigen Klang, der noch mit Endlos­schleifen unterlegt wird, stammt, möchte man schon gern wissen. Henrich verrät es: aus dem letzten Jahr. Da hat er es selbst gebaut. Und selbst­ver­ständlich ist auch die Bühne in eigener Handarbeit entstanden. Nach einer Stunde, in der das Publikum schmunzeln, staunen und hoffen darf, geht auch hier das Licht aus. Die Begeis­terung der Zuschauer ist grenzenlos. Da reicht der Applaus einfach nicht, besser ist, sich persönlich bei den Künstlern zu bedanken.

Mit diesem Programm hat sich Anne Wenzel eindeutig für höhere Aufgaben empfohlen. Ob sie das will, ist eine andere Frage. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Open-Air-Sommer noch weitere Steige­rungen bereithält. Aber bis Ende August gibt es noch Programm. Und da lohnt es sich sicher, mal auf die Zauber­wiese zu kommen.

Michael S. Zerban

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