Unsicherheit

YOU ARE SAFE
(Silke Z.)

Besuch am
22. Juni 2018
(Urauf­führung am 21. Juni 2018)

 

Alte Feuer­wache, Köln

In den „wilden 20-ern“ des vergan­genen Jahrhun­derts gab es nicht immer zu fressen, aber immer zu saufen und ganze Tüten voller Kokain. Sexuelle Freizü­gigkeit gab’s obendrein. Kurzum, die Menschen unter­nahmen alles, um sich zu betäuben in Zeiten der Massen­ar­beits­lo­sigkeit und politi­scher Unruhen. Ein Jahrhundert später scheint es, als sei die Zeit stehen­ge­blieben. Angst breitet sich aus in einer Gesell­schaft, in der immer weniger Reiche immer reicher werden und der Mittel­stand zerbröselt wie die Rückseite einer alten Badezim­mer­matte. Statt Koks gibt es jetzt Selbst­op­ti­mierung, aber die betäubt nicht ausrei­chend. Und so breitet die Angst sich aus wie ein Krebs­ge­schwür, nagt an der Solida­rität und wird von Rechts­po­pu­listen geschürt, die mit grenzen­loser Dummheit an den Pulver­fässern dieser Welt zündeln.

Choreo­grafin Silke Z. hat sich des Themas angenommen und mit ihrer Kompagnie Die Metabo­listen ein 70-minütiges Stück mit dem Titel You are safe geschaffen. Du bist sicher – eine optimis­tische Botschaft in einer Zeit, in der in deutschen Innen­städten Barri­kaden errichtet werden, um Amokläufe zu verhindern. In Duisburg wurden jüngst anlässlich eines Stadt­festes riesige Wassertank-Barri­kaden an den Zugängen zur Fußgän­gerzone errichtet. Darauf hätten sich Schilder mit der Aufschrift „Du bist sicher“ vermutlich auch gut gemacht. Und so dürfen die Besucher der Alten Feuer­wache in Köln schon vor Beginn der eigent­lichen Aufführung – um im Bild zu bleiben: auf Höhe der Wasser­tanks – ihre Erfahrung mit ihrer ganz eigenen Angst sammeln. Das Empfangs­ko­mitee der Metabo­listen hat es in sich.

Silke Z. hat die Metabo­listen vor zwei Jahren gegründet und dabei viel Wert darauf gelegt, Indivi­dua­listen zu finden. So liegt der Alters­un­ter­schied vom jüngsten bis zum ältesten Kompagnie-Mitglied bei 44 Jahren, wohl kaum anderswo sind die beruf­lichen Hinter­gründe unter­schied­licher und für körper­liche Merkmale inter­es­siert sich ohnehin niemand. In solcher Konstel­lation kann die Angst nun ihre Kreise ziehen.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Bühne bietet dafür einen großar­tigen Rahmen. Die großzügige Tanzfläche liegt zwischen Eingang und Tribüne. Seiten­wände und Hinter­grund sind schwarz abgehängt. Der Hinter­grund bietet Rückzugs­fläche für die Tänzer und auf der ersten Etage Platz für den Kompo­nisten André Zimmermann mit seiner Musik­anlage, der damit „über allem thront“. Auf der rechten Seite gibt es zwischen den Vorhängen eine Abgangs­mög­lichkeit für die Tänzer. Beleuchtet wird der Raum von Garlef Keßler, der die Akteure in spannungs­volles Licht zwischen Verfolger und verschie­denen Abstu­fungen von Weißlicht setzt, ohne die Akteure in die Dunkelheit zu schicken. Das gelingt vor allem deshalb, weil Kostüme und Licht sehr gut mitein­ander funktio­nieren. Denn bei den Kostümen wird zwischen „Alltags­kleidung“ und silber­far­benen Trikots unter­schieden. Daraus ergeben sich für das Licht reizvolle Möglich­keiten, die Keßler nutzt.

Foto © Meyer Originals

Im Vorder­grund der Aufführung steht – der Atem. Alice Smith steht allein im grünen Kleid vor dem Publikum und atmet. Die Anspannung in Körper­haltung und Atmung steigt bis kurz vor eine Hyper­ven­ti­lation. Die Hände sind zu Fäusten geballt, klammern sich krampfhaft in den Rock. Die Idee zieht sich durch den Abend. Immer wieder Atempausen, die Angestrengtheit und Unsicherheit signa­li­sieren. Z. wechselt zwischen Tanzphasen wechselnder Gruppen, in denen kraftvoll immer wieder die gleichen Motive variiert werden, und Duos, die zwischen Schutz, Gebor­genheit, Ablehnung, Vorsicht und Unsicherheit schwanken. Dazwi­schen Rückzugs­be­we­gungen, das Verharren in der Unwis­senheit. Handwerklich gibt es hier große Einlagen zu sehen. Antworten gibt es keine, aber eine Bestands­auf­nahme ist es allemal.

Dass Zimmermann in seiner Kompo­sition immer wieder das Plätschern des Meerwassers erklingen lässt, ist ein akusti­sches Merkmal, das gewiss nicht zum ersten Mal auftaucht, aber mit Sicherheit zum Inbegriff einer histo­ri­schen Epoche werden wird, in der macht­be­sessene Politiker die Mensch­lichkeit mit Füßen treten, ohne zur Rechen­schaft gezogen zu werden. Worte findet man dafür ohnehin nicht mehr.

Silke Z. hat ein Stück entwi­ckelt, das bei aller tänze­ri­scher Befähigung beunruhigt und beim Publikum Begeis­terung und Fragen aufwirft. So soll es sein. Und da ist es gut, dass die Choreo­grafie nicht nach drei Auffüh­rungen verschwindet, sondern im September wenigstens noch drei Mal an verschie­denen Orten zu sehen ist.

Michael S. Zerban

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