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Foto © O-Ton

Carmen am Strand

1 STUNDE LEICHTE KLASSIK
(Diverse Komponisten)

Besuch am
19. August 2020
(Premiere am 5. August 2020)

 

RhineSide Gallery, Krefeld

An der Rhineside Gallery in Krefeld-Uerdingen kommt man nicht zufällig vorbei. Da muss man hinwollen. Mitten im Hafen­gebiet gelegen, das von lost places nur so strotzt, weist ein riesiges Graffiti darauf hin, wo es langgeht. Der Weg lohnt sich. Mittler­weile gewohn­heits­mäßig greift man zur Maske, wird auf das Herzlichste empfangen. Ein kurzer Hinweis auf das Desin­fek­ti­ons­mittel für die Hände und nach dem Ausfüllen des „Melde­zettels“ betritt man ein eigenes Reich inmitten einer verrot­tenden Indus­trie­land­schaft. Ein Sandstrand, auf dem Sonnen­schirme, Bierbänke, Tische und Stühle aufgebaut sind, erinnern an das frühere Monkey’s Island in der Nachbar­stadt Düsseldorf, das inzwi­schen einem Hotel­komplex gewichen ist. Auch in Krefeld kämpft die Rhineside Gallery Jahr für Jahr um ihr Überleben, ehe sie irgendwann der Neube­bauung weichen wird. Vermutlich nicht in diesem oder im nächsten Jahr, wie zu erfahren ist. So lange die Rhineside Gallery existieren darf, versucht sie, mit einem inter­es­santen Rahmen­pro­gramm Gäste zu locken. Auf dem Gelände selbst darf man sich ohne Maske bewegen, wenn man sich nicht an einem der beiden Getränke- oder dem Imbiss­stand anstellt. Die Blödheiten inmitten einer so genannten Pandemie werden immer abstruser. Die meisten Gäste halten sich an die Anwei­sungen, um nicht disku­tieren zu müssen, das Verständnis schmilzt.

James Williams, Meghan Behiel, Philippa Thomas – Foto © O‑Ton

Auf der Bühne gibt es derweil ganz andere Probleme. Die Akustik ist unter­ir­disch, die technische Ausstattung ist für alles Mögliche ausgelegt, nur nicht für klassische Musik. Aber wer inter­es­siert sich in diesen Tagen dafür? Das Team, das dem Publikum heute Abend klassische Musik vermitteln will, gibt sich alle Mühe, einen angenehmen Klang herzu­stellen. Maddox Classics, das sind Linus Weber, Cellist, und Meghan Behiel, Pianistin, die in früheren Zeiten eine Kammer­musik-Reihe mit Gästen in einem Gebäude in der nahege­le­genen Fußgän­gerzone betrieben haben, haben heute die beiden Sänger Philippa Thomas und James Williams einge­laden, um den dritten Klassik­abend bei der Rhineside-Gallery zu veran­stalten. Abstands­pro­bleme gibt es nicht, denn Behiel und Weber sind ebenso mitein­ander verhei­ratet wie Thomas und Williams. Die ersten beiden Klassik­abende waren nach Angabe von Weber sehr erfolg­reich, der erste Abend gar „ausver­kauft“, sprich: vollbe­setzt, denn der Eintritt ist hier frei. Auch an diesem Abend ist der Sandstrand wunderbar besucht, wobei Weber davon ausgeht, dass rund 70 Prozent der Gäste Besucher sind, die sonst ihre Kammer­musik-Reihe verfolgen. Die haben sich gleich im Bühnen-Bereich platziert, so dass die Zufalls­gäste am Rand sitzen und ihre gewohnten Gespräche fortführen können, ohne den Auftritt sonderlich zu stören. Selbst das System, das Gäste mit perma­nentem Piepsen darüber infor­miert, dass ihr Essen fertig ist und sie es abholen können, hält sich während der Aufführung weitgehend zurück.

Es gehört sicher zu den guten Seiten dieser Pandemie, dass sich hochka­rätige Künstler jetzt auf die Straßen und in ungewöhn­liche Spiel­stätten begeben. Da werden plötzlich Menschen erreicht, die Konzert­häuser und Theater­bauten meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es nimmt kaum Wunder, dass die Künstler in ihren Programmen „Rücksicht“ nehmen und sich auf Altbe­währtes und ‑bekanntes verlassen. So beginnt auch dieser Abend unter dem Titel 1 Stunde leichter Klassik mit dem Duett Là ci darem la mano aus Mozarts Don Giovanni, das Thomas und Williams sänge­risch hinreißend darbieten. Das Niveau hält Williams, wenn er die Arie anstimmt, die zum Pflicht-Reper­toire eines jeden Baritons gehört. Im zweiten Akt von Don Giovanni singt der Titelheld Deh, vieni alla finestra – Ach, komm ans Fenster. Mit Chi vuol la zinga­rella aus Giordano Paisi­ellos Gli zingari in fiera beschließt Thomas mit leichter, aber sicherer Stimme den ersten Arienreigen.

Meghan Behiel und Linus Weber – Foto © O‑Ton

Mit dem Duett La Cinquan­taine für Cello und Klavier von Jean Gabriel Marie sorgen Weber und Behiel für instru­mentale Unter­haltung, ehe Williams die beiden nur allzu bekannten Lieder Frühlings­glaube von Franz Schubert und Der Hidalgo von Robert Schumann vorträgt. Bewun­dernswert, welche Bandbreite an Reper­toire Behiel bereithält. Philippa Thomas glänzt mit der Segui­dilla aus George Bizets Carmen zum Entzücken des Publikums. Aber auch das Allegro appas­sionato von Camille Saint-Saëns, das Behiel und Weber vortragen, kommt gut an.

Wie „leichte Klassik“ auch geht, zeigt der folgende, englisch gesungene Musical-Teil. Mit I could have danced all night und On the street where you live aus Frederick Loewes Musical My fair lady gibt es gleich zwei Eveer­greens. Aber auch All I ask of you und Wishing you were somehow here again aus dem Phantom der Oper von Andrew Lloyd Webber sorgen in der Inter­pre­tation von Thomas beim Publikum für Begeis­terung. Für ein Schmunzeln sorgt die Romanze in F‑Dur von Artur Rubin­stein, die Behiel und Weber trotz der Sandstrand-Akustik bravourös vortragen. Nach dieser kleinen „Unter­bre­chung“ gibt es einen weiteren, kurzen Ausflug ins Musical. Williams singt Cole Porters Easy to love und mit dem Duett Some enchanted evening aus dem Musical South Pacific schließt auch diese Runde.

Zum Finale hat Linus Weber ein beson­deres Schmankerl vorbe­reitet, zu dem sich alle Musiker auf der Bühne versammeln und Thomas und Williams zudem noch mit einer kleinen Tanzeinlage entzücken. Ja, es ist Lippen schweigen. Da geht das Herz noch einmal richtig auf. Für einen lauschigen Sommer­abend auf einem Sandstrand hat Weber mit seinem Programm genau das richtige Gefühl entwi­ckelt. Da füllt das Publikum gern den Hut, mit dem der Cellist gegen Ende herumgeht, und es wird kein Klingel­beutel daraus.

Damit ist die „Klassik-Reihe“ in der RheinSide Gallery für dieses Jahr beendet, wird aber sicher im kommenden Jahr wiederholt. Es ist ein gutes Signal, wenn die Gastro­nomie der klassi­schen Live-Musik eine Bühne bietet. Und nach den bishe­rigen Erfah­rungen ist die Begeis­terung auch beim unkun­digen Publikum groß. Da ist auf zahlreiche Nachahmer zu hoffen.

Michael S. Zerban

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