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DIE DREIGROSCHENOPER
(Kurt Weill)
Besuch am
20. September 2019
(Premiere)
Die Dreigroschenoper gehörte bis 1933 zu den erfolgreichsten Theateraufführungen aller Zeiten in Deutschland. Am 31. August 1928 fand die Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt. Bis heute unvergessen Harald Paulsen als Mackie Messer und Lotte Lenya, die Frau des Komponisten, als Seeräuber-Jenny. Wer die beiden im Ohr und Bertolt Brecht im Kopf hat, geht mit bestimmten Erwartungen in das Theater, das sich an eine neue Inszenierung wagt. Das Theater Krefeld Mönchengladbach hat das Stück zur Spielzeiteröffnung in Krefeld auf den Spielplan gesetzt, weil Helen Malkowsky, die sich sonst eher um Opernbearbeitungen kümmert, glaubte, eine schlüssige Schauspielbearbeitung auf die Bühne bringen zu können.
Wer Die Dreigroschenoper in Angriff nimmt, hofft insgeheim darauf, einen Zugang zu finden, der noch einmal einen solchen Erfolg hervorruft wie den, der zu 10.000 Aufführungen an europäischen Bühnen führte. Um es vorwegzunehmen: Wenn die geplanten Aufführungen in Krefeld alle stattfinden, wäre das auch ein Erfolg. Über den Ansatz Malkowskys kann man diskutieren. Sie sieht den morbiden Grundton des Stücks im Fokus. Und verlegt die Handlung in eine Pathologie. Das ist nett, hat allerdings einen entscheidenden Nachteil. Der politische Aspekt geht verloren. Damit löst sich das Stück in provinzielles Theater auf. Genau das geschieht. Deshalb funktionieren dann auch die hochpolitischen Texte nicht mehr, sondern geraten zu Absonderlichkeiten, die nicht einmal mehr erkennbar sind. Aber der Reihe nach.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hermann Feuchter hat eine halbrunde Rückwand auf die Bühne gestellt. Nach der Anzahl der Totenfächer, die dort untergebracht sind, ist man hier bestens für einen Massenanfall an Leichen gerüstet. Weil sich die Idee der Prosektur allerdings recht schnell totläuft, werden die Türen zusätzlich für Auf- und Abgänge genutzt. Dass dabei allerlei schiefgehen kann, bekommt man bei der Premiere ausreichend zu sehen. Über diesem „Anatomischen Theater“, wie Malkowsky die Arena versteht, sind drei metallische Ringe aufgehängt, die nach Bedarf heruntergelassen werden, tatsächlich aber mehr der Effekthascherei dienen als großen Nutzen zu bringen. Über den Graben ist eine Brücke geschlagen, die die Schauspieler näher an die Rampe bringt. Links im Graben ist die achtköpfige Combo untergebracht, bei der jeder Musiker mehrere Instrumente zu spielen hat. An beweglichem Inventar gibt es einige fahrbare „Seziertische“ mit Laken, ein paar alte Möbelstücke wie ein halbiertes Cembalo oder eine Standuhr. Die zeitlosen Kostüme von Alexandra Tivig unterstreichen die Beliebigkeit. Das Licht von Stefanie Rodewies ist angemessen, wenn auch die Lichtwechsel am Premierenabend hier und da noch ein wenig holprig verlaufen. Bessere Arbeit leistet Stefan Kunzke mit der Einstudierung seiner Choreografie, die zu einem der Höhepunkte des Abends wird.
Wie es sich für ein Stadttheater gehört, kümmert sich Malkowsky weniger um die Intention Brechts als vielmehr darum, den Abend „lustig“ zu gestalten. Da gibt es etliche Schmunzler, und als die zu Zombies mutierten Darsteller in die Stuhlreihen einfallen, ist im Publikum auch Lachen zu hören. Man kann in der Dreigroschenoper vieles sehen. Sie ist bissig, ironisch, gesellschaftskritisch, poetisch, sentimental, grotesk und vieles mehr, nur als Boulevardstück taugt sie nicht. Die Regisseurin ist ganz fasziniert davon, mit den Schauspielern mal Text erarbeiten zu können, dass sie viel Wert darauf legt, dass die Kraftausdrücke auch deutlich rüberkommen, ihr dabei aber der Gesang außer Acht gerät. Auch bleiben die Charaktere zu schablonenhaft. Nein, man muss kein Anhänger der Werktreue sein, um eine Aufführung zu beurteilen, aber wenn ein Regisseur den Blickwinkel entscheidend verändert, darf der Zuschauer erwarten, dass er sich das herausnimmt, damit etwas Besseres, Größeres dabei herauskommt.

Wer die längst totgeglaubten Klischees vom Stadttheater liebt, wird sich in dieser Inszenierung sehr wohl fühlen. Sie geht flott von der Hand, bietet viel „Amüsantes“ und die Beilagen von Gesang und Tanz lockern den Abend auf. Dazu kann Malkowsky auf das hervorragende Ensemble in Krefeld zurückgreifen. An erster Stelle ist an diesem Abend sicher Jannike Schubert als Spelunken-Jenny zu nennen, die in der Überlegenheit wie der Tragik ihrer Rolle glänzt. Gleich gefolgt von Michael Ophelders, der bereits Erfahrung in der Rolle des Macheath hat, was ihm hier zugutekommt, und eine fröhliche Version der Moritat von Mackie Messer darbietet. Wie nicht anders zu erwarten, gelingt Adrian Linke ein souveräner Auftritt als Peachum. Bruno Winzen wirkt als Polizeichef etwas unterfordert. Polly wird von Carolin Schupa ebenso ordentlich dargeboten wie Celia, ihre Mutter, von Chris Nonnast. Die weiteren Rollen sind adäquat besetzt.
Will Haselbek hat die musikalische Leitung des Abends, die sich allerdings mehr auf das Zusammenspiel der Band zu konzentrieren scheint. Und hier scheint es ihm mehr um die Begleitung des Bühnengeschehens zu gehen als darum, den Weillschen Geist zu erfassen. Aber das passt zur Inszenierung, und so ist dem nichts hinzuzufügen.
Das Publikum bedankt sich nach der Aufführung artig bei Ensemble, Musikern und Leitungsteam. Nach dem ersten Vorhang versiegt der Applaus dann aber auch rasch. Am Sonntag geht es dann in das Theater Rheydt. Dort zeigt Anthony Pilavachi seine neue Inszenierung von Richard Strauss‘ Salome zum ersten Mal.
Michael S. Zerban