O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DER GOLDENE DRACHE
(Peter Eötvös)
Besuch am
18. Mai 2019
(Premiere am 12. Mai 2019)
Was die Neugier und Entdeckerfreude angeht, kann sich manches große Opernhaus im Rheinland und darüber hinaus eine dicke Scheibe vom Theater Krefeld Mönchengladbach abschneiden. Eine vorzügliche Produktion von Francis Poulencs Oper Die Gespräche der Karmeliterinnen ist noch in guter Erinnerung, zuletzt mobilisierte man alle Kräfte für ein aufwändiges Mammutwerk wie den Boris Godunow und jetzt lädt man das Publikum auf die Bühne des Krefelder Hauses zu einem besonderen Leckerbissen ein. Und zwar zu Peter Eötvös‘ Musiktheater Der goldene Drache. Mit fünf Solisten und 16 Instrumentalisten sowie einem auf 120 Besucher begrenzten Platzangebot könnte man von einer Kammeroper sprechen. Allerdings schlüpfen die Sänger in 18 Rollen und das Orchester mischt Eötvös so virtuos auf, dass von kammermusikalischer Intimität nicht die Rede sein kann. Geboten wird große Oper in kleinem Rahmen.
Tatsächlich ist Eötvös‘ Goldener Drache trotz des bescheideneren Aufwands und Anspruchs eindrucksvoller als seine bekannteste Oper, Die Drei Schwestern nach Anton Tschechow. In den drei Schwestern kann Eötvös zwar aus dem vollen Reservoir des Musiktheaters schöpfen, doch beweist sein Erfolgsstück im Grunde nur, dass die spezifische Stimmungs- und Tonlage der Tschechow-Dramen, wie schon Richard Strauss bemerkte, auch durch eine noch so ambitionierte Vertonung nur verlieren kann.
Davon kann in dem locker gefügten Goldenen Drachen nicht die Rede sein. Auch wenn die Thematik alles andere als clownesk ist, lädt das geschickte Textbuch von Roland Schimmelpfennig zu einem fantasievollen Umgang mit den 21 Szenen ein. Und diese Vorlage griff nicht nur der Komponist erfolgreich auf, sondern auch das gesamte Team des Krefelder Theaters.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zur Handlung: Der Goldene Drache ist der Name eines Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants, in dem „der Kleine“ als illegaler Mitarbeiter seine verschollene Schwester sucht. Er leidet unter starken Zahnschmerzen, einen Arztbesuch kann er sich jedoch nicht leisten. Ohne sie zu erkennen, wird seine Schwester als „Grille“ von einer „Ameise“ gedemütigt, zur Prostitution gezwungen und vergewaltigt. „Dem Kleinen“ wird von den Angestellten der Zahn gezogen, woran er stirbt, ohne seine Schwester erkannt zu haben. Der Zahn führt ein etwas rätselhaftes Eigenleben und findet sich in der Suppe einer Flugbegleiterin wieder, die sich von dem Zahn nicht trennen will. Am Ende verschwindet der Zahn wie auch der tote „Kleine“ auf dem Weg einer „langen, letzten Reise“.

Eine Handlung mit einem realistisch-nachdenklichen Hintergrund, der auf das Schicksal illegaler Einwanderer und auf rassistische Tendenzen innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft hinweist, gleichwohl spielerisch mit fernöstlichen Klischees umgeht, was sich in der teilweise puppenhaft vitalen Darstellung und klanglich in exotisch gefärbten Tönen niederschlägt. Auf oberflächliche, folkloristische Anspielungen verzichtet Eötvös, der ohnehin mit honoriger Bescheidenheit den Text niemals überwuchert, so dass man dem 90-minütigen Abend auch ohne Übertitel folgen kann.
Schauplatz ist das Restaurant mit seiner kleinen Küche und seinem noch kleineren Gastraum, in dem sich die raschen Szenenwechsel reibungslos abwickeln lassen. Die verschiedenen Schichten führt die Regisseurin Petra Luisa Meyer geschickt, sensibel und lebendig aus: Der Stress in der Realität des Küchenbetriebs; die sich im Hintergrund der „goldenen“ Fassade abspielende Welt der Zwangsprostitution in der Beziehung zwischen der Ameise und der Grille; die Welt der Stewardessen, die nach einem Flug ermüdet nichts anderes wollen, als sich satt zu essen, und am Ende der weltentrückte Flug des „Kleinen“ in ein fernes Reich. Das alles bringt die Regisseurin in den sparsamen, aber vollkommen ausreichenden Dekorationen von Dietlind Konold treffsicher zum Ausdruck. Auch die Entwicklung der Flugbegleiterin Inga, die von den menschlichen Katastrophen in und hinter der Suppenküche etwas zu erahnen scheint, wird glaubhaft dargestellt.
Dass Inga die einzige Figur ist, die eine Entwicklung erkennen lässt, wenn man von dem Sterbevorgang des „Kleinen“ absieht, führt zu dem bereits erwähnten puppenhaft-künstlichen Eindruck. Damit vermeidet Eötvös freilich jeden ungewollten melodramatischen oder romantisch aufgeheizten Anflug. Meyer begegnet diesem Umstand so geschickt, dass die Problematik des Stücks dennoch deutlich zum Ausdruck kommt.
Yorgos Ziavras leitet das 16-köpfige Ensemble der Niederrheinischen Sinfoniker mit Umsicht. Die fünf Sänger verstehen es, quer durch Altersgrenzen und Geschlechter mühelos in insgesamt 18 Rollen zu wechseln. Lediglich Panagiota Sofroniadou, ein hoffnungsvolles Talent des Opernstudios Niederrhein, kann sich auf die anspruchsvolle Rolle des „Kleinen“ konzentrieren, die sie mit anrührender Anmut und makelloser stimmlicher Führung gestaltet. Susanne Seefing, James Park, Peter Koppelmann und Rafael Bruck teilen sich die zahlreichen Rollen so souverän und gleichwertig, dass eine Einzelbewertung kaum möglich ist.
Langanhaltender Beifall für einen weiteren eindrucksvollen Leistungsnachweis des Theaters Krefeld Mönchengladbach.
Pedro Obiera