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Foto © Matthias Stutte

Walzer der Hölle

DIE PASSAGIERIN
(Mieczysław Weinberg)

Besuch am
19. April 2025
(Premiere)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Krefeld

Der Theater­vor­platz ist blank­gefegt. Die Grüppchen, die sich sonst an dessen Rand aufhalten, fehlen ebenso wie patrouil­lie­rende Ordnungsamt-Mitar­beiter. Das wirkt fast schon unheimlich. Statt­dessen hat sich das Theater Krefeld heraus­ge­putzt. An der Fassade sind Leucht­re­klamen aufge­hängt. Rechts vom Eingang ist eine Sandfläche angelegt worden, auf der eine Hollywood-Schaukel und Liege­stühle aufge­stellt sind. Links davon gibt es Bierbänke. Daneben ist ein Getränke-Mobil aufgebaut. Das Gemein­schafts­theater Krefeld Mönchen­gladbach feiert sein 75-jähriges Bestehen. Da darf es halt ein Stadt­strand vor dem Theater sein. Ambitio­nierter widmet sich das Musik­theater von Opern­di­rektor Andreas Wendholz dem erfreu­lichen Ereignis. Gegen das Vergessen feiert heute Die Passa­gierin von Mieczysław Weinberg Premiere. In Bregenz feierte das Werk 2010 seine szenische Urauf­führung und ist inzwi­schen an zehn Theatern gezeigt worden. Nun nimmt sich das Theater Krefeld Mönchen­gladbach der Oper an.

Foto © Matthias Stutte

Alexander Medwedew hat das Libretto nach der Erzählung Pasazerka der polni­schen Autorin Zofia Posmysz erarbeitet. In den 1950-er Jahren reist Anna-Lisa, geborene Franz, mit ihrem Mann Walter Kretschmar, dem angehenden Botschafter auf einem Schiff nach Brasilien. Während der Passage glaubt Lisa, eine Bekannte zu erkennen. Es stellt sich heraus, dass Lisa als KZ-Aufse­herin in Auschwitz gearbeitet hat. Martha war zu der Zeit Insassin. Lisa, von ihrem Mann zur Rede gestellt, erzählt von ihrer Arbeit und davon, dass sie der Polin Martha gar geholfen habe. Ihr fehlt jegliches Unrechts­be­wusstsein, schließlich sei sie nur einer Arbeit nachge­gangen und habe ihre Pflicht erfüllt. Medwedew hat das Stück auf zwei Zeitebenen angesiedelt: während der Schiffs­passage und im Konzen­tra­ti­ons­lager Auschwitz. Lisa erzählt, dass sie ein Treffen Marthas mit ihrem Verlobten Tadeusz nicht verraten, den beiden sogar ein weiteres heimliches Treffen angeboten, das Tadeusz aber abgelehnt habe, um Martha nicht zu gefährden. Denn Lisa genießt entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung bei den Insassen den Ruf einer heimtü­cki­schen, hinter­häl­tigen Aufse­herin. Als Tadeusz aufge­fordert wird, bei einer Feier­lichkeit den Lieblings­walzer des Lager­kom­man­danten auf der Geige zu spielen, stimmt er statt­dessen die Chaconne von Johann Sebastian Bach aus der Partita in d‑Moll an. Die Geige wird zerstört, Tadeusz brutal zusam­men­ge­schlagen. Auf dem Schiff überreicht die Passa­gierin dem Kapell­meister einen Zettel mit einem Musik­wunsch. Es ist der Lieblings­walzer des KZ-Komman­danten. In der Schluss­szene sitzt Martha an ihrem Heimat­fluss und erinnert sich an ihre getöteten Freunde. „Wenn eines Tages eure Stimmen verstummt sind, dann gehen wir zugrunde“, lautet die eine Botschaft. Die andere liegt ihm Schwur der weiblichen Lager­häft­linge, ihren Peinigern niemals zu vergeben. Ein, zumindest im christ­lichen Sinne, proble­ma­ti­scher Schluss. Eine Holocaust-Überle­bende hat es versöhn­licher ausge­drückt: „Wir können vergeben, aber niemals vergessen“.

Für die Insze­nierung in Krefeld wurde die 70-jährige, israe­lische Regis­seurin Dedi Baron verpflichtet. Wer nun erwartet, mit der Abrechnung einer alten, verbit­terten Jüdin mit dem Holocaust konfron­tiert zu werden, wird rasch eines Besseren belehrt. Fast möchte man sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Denn Baron entschließt sich, auf die Gegen­über­stellung der Situation auf dem Luxus­dampfer mit der des KZ zu verzichten – und damit auch auf die scharfe, effekt­ver­spre­chende Abgrenzung. Statt­dessen lässt sie die Bilder verwi­schen, was sehr viel „hübscher“ daher­kommt, aber auch dem Zuschauer die Zuordnung erschwert. So wirkt vor allem der erste Akt auf den nicht mit dem Libretto vertrauten Besucher eher eindi­men­sional, in der Pause hört man gar Stimmen, die mit der schein­baren „Relati­vierung“ der KZ-Szenen wenig anfangen können.

Dabei hat sich Kirsten Dephoff, die für Kostüme und Bühnenbild zuständig ist, alle Mühe gegeben, ein Einheits­büh­nenbild zu schaffen, das beiden Ebenen gerecht wird. Und das ist durchaus gelungen. An den drei grauen Wänden läuft der Rost herunter, während der Bühnenraum mit einem Podest im hinteren Bereich Gelegenheit für inter­es­sante Spiel- und Choreo­grafie-Szenen gibt. So ist der Raum im ersten Akt mit Liegen vollge­stellt, im zweiten Akt bietet er viel Platz für die Bewegungen des Chors. Udo Baum sorgt immer wieder für überzeu­gende, detail­lierte Licht­ef­fekte, die die Aufführung deutlich berei­chern. Bei den Kostümen überwiegen Brauntöne, aber Dephoff verzichtet auf die stereo­typen SS-Leder­mäntel und Haken­kreuz-Armbinden. Sehr erfreulich.

Foto © Matthias Stutte

Vollends erfreulich wird es beim Ensemble, das vollständig aus den eigenen Reihen besetzt ist. Einmal mehr beweist das Theater Krefeld Mönchen­gladbach damit nicht nur das gute Gespür für Stimmen, sondern auch seine Leistungs­fä­higkeit. Nicht anders als Ideal­be­setzung kann man Eva-Maria Günschmann bezeichnen, die nicht nur stimmlich, sondern auch darstel­le­risch die Anna-Lisa Franz mit all ihren psycho­lo­gi­schen Fallhöhen von der liebenden Ehefrau bis zur pflicht­erfüllten, aber „mensch­lichen“ KZ-Aufse­herin kongenial verkörpert. Rollen­be­dingt muss Sofia Poulopoulou im ersten Akt als Marta zurück­stecken, darf aber dafür spätestens mit der Todes-Arie und ihrem Schluss­auf­tritt umso mehr glänzen. Ihre Leidens­ge­nos­sinnen sind mit Sophie Witte, Susanne Seefing und Gabriela Kuhn sowie Antonia Busse und Bettina Schaeffer aus dem Opern­studio Nieder­rhein geradezu luxuriös besetzt.

Jan Kristof Schliep zeigt in Gesang und Darstellung, wie weit Walter trotz aller Liebes­be­zeu­gungen von seiner Frau Lisa entfernt ist. Warum Rafael Bruck sich als hervor­ra­gender Tadeusz beim Geigen­spiel nackt zeigen muss, wird wohl das Geheimnis der Regis­seurin bleiben, nötig ist es nicht. Gesanglich überzeugt er das Publikum ohnehin schon restlos. Auch die übrigen Rollen sind mit Kejti Karaj, Birgitta Henze, Markus Heinrich, Jeconiah Retulla, Matthias Wippich und Arthur Meunier wunderbar besetzt. Besonders Hayk Deinyan sorgt als älterer Passagier mit seinem kurzen Auftritt für manches Lächeln.

Beein­dru­ckende Gesangs­pas­sagen gelingen dem Opernchor in der Einstu­dierung von Michael Preiser. Aber auch die Choreo­grafie von Liron Kichler zeigt heraus­ra­gende Ergeb­nisse, die maßgeblich dazu beitragen, die oft eher kammer­spiel­ar­tigen Szenen mit Leben zu füllen. Dass Kichler während des gesamten Abends auch in der stummen Rolle einer jungen Israelin den Bühnen­hin­ter­grund bewandert, wirkt zwar überflüssig, schadet dem Verlauf aber nicht.

GMD Mihkel Kütson wächst mit großer Gestik über sich selbst hinaus, wenn er die Nieder­rhei­ni­schen Sinfo­niker und das Ensemble vehement motiviert, um eine Musik zwischen Zwölfton, Jazz und eingän­gigen Tanzrhythmen und immer wieder program­ma­ti­schen Klängen nachdrücklich erklingen zu lassen. Im „Walzer der Hölle“ wird noch einmal besonders deutlich, wie Weinberg zunächst wunderbare Klänge in die Katastrophe abrut­schen lässt. So bleibt der Abend durch­gängig spannungsgeladen.

Selten erlebt man, dass das Publikum den stärksten Applaus an den Regisseur vergibt. Heute Abend darf Baron diesen Erfolg für sich verbuchen, nachdem schon Ensemble und Musiker frene­tisch im Stehen gefeiert werden. Und wenn auch dem einen oder anderen die Insze­nierung zu glatt­ge­bügelt, zu sehr entschärft vorkommen mag, in Krefeld trifft sie offenbar den Geschmack des Premierenpublikums.

Michael S. Zerban

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