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DIE REISE NACH REIMS
(Gioachino Rossini)
Besuch am
28. März 2024
(Premiere am 17. März 2024)
So ein richtiger Publikumsmagnet ist die Oper Il viaggio à Reims von Gioachino Rossini seit ihrer Uraufführung 1825 im Théâtre Italien in Paris bis heute nicht. Das fängt schon damit an, dass viele Häuser die Voraussetzungen gar nicht bieten können. Satte 18 Solisten-Rollen müssen auf hohem Niveau besetzt werden. Und dann muss man mal einen Regisseur finden, der drei Stunden Oper auf der Bühne gestaltet, in der es faktisch so gut wie keine Handlung gibt. Da hilft die großartige Musik genauso wenig wie der Witz, der dem Werk vor allem in Anspielungen innewohnt. Der schwer auszusprechende Name mag auch beim Publikum keine rechten Sympathien hervorzurufen.

Selbstbewusst hat sich das Theater Krefeld Mönchengladbach nun an die Umsetzung gewagt und den Namen lieber erst mal ins Deutsche übersetzt. Mit der Regie der Reise nach Reims wurde Jan Eßinger beauftragt. Eine goldrichtige Entscheidung. Der Mann hat Musiktheaterregie in Hamburg studiert und ist seit 2017 als freiberuflicher Regisseur unterwegs. Seine Idee besticht und lässt sich gut in einer Zeitungsüberschrift zusammenfassen. Sensationsfund am Niederrhein! In seiner Fassung wird bei archäologischen Grabungen eine Kutsche mit einer Reisegesellschaft irgendwo am Niederrhein ausgebuddelt. Das Unglaubliche: Die Menschen leben. Das letzte, woran sie sich erinnern können, ist, dass sie auf der Reise nach Reims waren, wohin sie auch schnellstens wieder zurückwollen, weil dort Kaiser Karl X. gekrönt werden soll. Die Archäologen finden rasch eine Lösung. Sie bestellen eine Zeitmaschine, um die Gesellschaft wieder in ihre Zeit zurückzubefördern. Weiß ja jeder, dass 2024 solche Zeitmaschinen einfach geordert werden können, wenn man die richtigen Bezugsquellen im Internet kennt. Genau wie jeder weiß, dass die Zustellung dieser Dinger ziemlich umständlich ist und man einige Zeit in Kauf nehmen muss, bis so ein Gerät im eigenen Garten steht. Damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Viel mehr möchte man gar nicht von dieser wunderbar intelligenten Inszenierung erzählen, um die Überraschungen nicht zu verderben, die die 200 Jahre alte Oper bis zum Ende bietet. Also zumindest in Krefeld. Denn Eßinger gelingt es, seine Geschichte so zu erzählen, dass er den alten Stoff so in seine Erzählung einbettet, dass er sie nicht biegen und brechen muss. Benita Roth hat ihm dazu ein naturalistisches Bühnenbild gebaut, wie man es in modernen Inszenierungen nur noch selten findet – und wie es die Zuschauer doch immer wieder vermissen. Rechts im Vordergrund gibt es das Grabungsfeld, links einen Hügel und einen Ansitz, im Hintergrund hängt ein Bühnenprospekt, das die – idyllische – niederrheinische Landschaft zeigt. Ihre Kostüme charakterisieren einerseits die Reisenden aus dem 19. Jahrhundert, andererseits die Entourage um die Archäologen treffend. Hier wird wenig herumgealbert, sondern mehr Wert darauf gelegt, dass die Zuschauer die Beziehungsverhältnisse der Personen untereinander erkennen können. Und das ist außerordentlich hilfreich. Udo Baum sorgt für nicht immer nachvollziehbare, aber in jedem Fall die Stimmung unterstreichende Lichteffekte. Dass der Spaß nicht zu kurzkommt, dafür sorgen unter anderem die Übertitel, die zum einen recht frei übersetzt sind, andererseits Kommentare seitens der Spielleitung einstreuen, die für mehr als einen Lacher sorgen.
Wenn Eßinger von der idealen „Einsteiger-Oper“ spricht, möchte man ihm uneingeschränkt Recht geben. Man muss gar nichts von Oper kennen, um einen einzigartigen Opernabend zu erleben. Ein eindrucksvolles Bühnenbild, herrliche Kostüme, die Darstellungsfreude der Sänger, die mit ihren Stimmen wirklich Respekt abnötigen und eine Musik, die man nicht verstehen muss, sondern einfach genießen kann. Nach diesem Abend fällt es leicht, sich auch auf andere Werke und kompliziertere Zusammenhänge einzulassen.

Dem Theater Krefeld Mönchengladbach gelingt es allen Ernstes, bis auf zwei alle Solisten aus dem eigenen Haus zu besetzen. Und wie! Als Gäste sind Heidi-Elisabeth Müller als Cortese und Patrick Kabongo als Libenskof verpflichtet worden. Kabongo ist ein Tenor, der eindeutig mehr kann als an der Rampe zu kleben und vollständig ohne Näseln auskommt. Das erlebt man nicht so oft. Eine Stimme mit unglaublichem Potenzial. Müller ist an diesem Abend ihrer Stimme verlustig gegangen, so dass sie zwar mitspielen kann, aber von der Seite durch – und hier entbehrt es nicht einer gewissen Ironie – Antonia Busse, Sopranistin aus dem Hausensemble, gänzlich überzeugend im Gesang ersetzt wird. Es würde zu weit führen, nun das gesamte Ensemble aufzuzählen, zumal hier wirklich jeder am rechten Fleck besetzt ist und Bestleistungen bietet. So soll hier stellvertretend Sophie Witte erwähnt werden, die, man ist bei ihr verwöhnt, gesanglich, aber vor allem mit ihrer Spielfreude als Fashion Victim des 19. Jahrhunderts begeistert. Seit dieser Spielzeit ist Sofia Poupopoulou am Haus engagiert. Mit einer Corinna, die in der Natürlichkeit, Selbstsicherheit und Präzision ihrer Darstellung fasziniert, raubt sie dem Publikum spätestens mit ihrer Arie All’ombra amena del Giglio d’or – im angenehmen Schatten der goldenen Lilie – den Atem. An dieser Stelle wäre nun auch der Chor zu nennen. Wenn es ihn denn gäbe. Aber den lassen sich die Solisten nicht nehmen. Und so kann er auch nicht hoch genug gelobt werden.
Giovanni Conti leitet die Niederrheinischen Sinfoniker mit unglaublichem Körpereinsatz ebenfalls zu Höchstleistungen an. Nicht etwa im Sinne eines laut und heftig, sondern im Bemühen, der italienischen Leichtigkeit des Rossini-Klangs möglichst nahezukommen. Eine durchweg sehr ordentliche Leistung.
Wenn das Publikum nach vielerlei Zwischenapplausen und fast drei Stunden ohne nennenswerte Handlung, abgesehen von ein paar Liebesgefechten und einem Duell, einfach nur lange klatscht, liegt das nicht an mangelnder Begeisterung, sondern an der körperlichen Erschöpfung. Und es sollte nicht verwundern, wenn diese Produktion an anderer Stelle einen Titel als „Aufführung des Jahres“ gewinnt. Verdient wäre es allemal.
Michael S. Zerban