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RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
16. November 2019
(Premiere)
Bereits im Vorfeld zu dieser Premiere von Rigoletto gab es Diskussionen. Da äußerte Regisseurin Dorothea Kirschbaum in einem Video, sie wolle aus Gilda einen Cyborg machen, also einen Roboter mit menschlichen Zügen, weil doch heute schon immer häufiger Roboter eingesetzt werden, um Menschen die Einsamkeit zu erleichtern. Und Rigoletto sei ja eindeutig ein einsamer Mensch. Gilda, äußerte Kirschbaum weiter, sei schlicht nicht mehr als ein vierzehnjähriges Mädchen und solle auch als solches dargestellt werden. Manchmal wundert man sich, welche Regie-Konzepte – bei aller gewollten Experimentierfreude – von Intendanten angenommen werden.
Es ist eine Sache, ständig Opernmuseum auf die Bühne zu bringen, und eine andere, 160 Jahre alten Werken neue Aspekte abgewinnen zu wollen. Aber einer Rolle wie der der Gilda ein neues Gewand überstülpen zu wollen, erscheint fragwürdig. Das Publikum lässt da nicht mit sich diskutieren, sondern stimmt mit den Füßen ab. Und so bleiben an diesem Abend viele Plätze im Saal leer. Eine übereilte Entscheidung, wie sich zeigt. Denn die Produktion, mit der sich Kirschbaum erstmalig in Krefeld vorstellt, ist handwerklich so schlecht gearbeitet, dass man sich als Zuschauer wenig Gedanken über Robotik zu machen braucht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zwar packt Rigoletto während des Vorspiels Gilda aus, vermutlich gerade frisch vom Versandhandel geliefert, und aktiviert sie. Aber damit hat es sich auch schon fast. Ein paar Anspielungen noch im weiteren Verlauf, die sich aber am wenigsten auf Gilda beziehen und eher unter ferner liefen agieren, kann man getrost vergessen. Ärgerlicher ist schon, was Julius Theodor Semmelmann als Bühne abliefert. Wer die Oper nicht kennt, wird hier kaum Spielorte erkennen und sich allenfalls über das Kinderzimmer von Gilda mit seinen Plüschfiguren wundern. Semmelmann hat eine graue, bewegliche Wand auf die Bühne stellen lassen, die überdies quietscht und klappert, wenn sie verschoben wird. Ein Tor in der Mitte gibt bei Bedarf ein Podest frei. Das alles ist langweilig, sinnfrei und reduziert zudem die Bühne immer wieder auf die Rampe. Der Arbeit von Kirschbaum kommt das sehr entgegen. Schließlich ist eine Personenführung hier so gut wie nicht zu erkennen. Permanent stehen Leute in der Gegend rum, bestenfalls singend. Ein Herzog, der im Bademantel die Liebesarie Ella mi fu rapita! … Parmi veder le lagrime singt, verdirbt den Geschmack. Und wenn er La donna è mobile, das Glanzstück eines jeden Rigoletto-Abends, im Sitzen singt, bahnt sich hier schon eher ein neuer Skandal an, als man die ganze Schönheit des Opern-Hits zu genießen vermag. Solcherlei Beispiele lassen sich mit Belieben fortsetzen. Der Regisseurin, so das Gefühl, geht jeder Sinn des Werks ab. Da helfen auch die Kostüme von Devin McDonough wenig weiter, die bunt und beliebig aus der Zeit fallen, ohne zum Geschehen tatsächlich beizutragen.

Die Sänger versuchen, aus der Produktion das Beste zu machen. Allen voran Sophie Witte, die in der Rolle Gildas debütiert und wenig Entfaltungsmöglichkeiten bekommt. Ein paar Vorstellungen weiter wird hier eine wunderbare Gilda zu hören sein. Johannes Schwärsky bringt erwartungsgemäß einen souveränen Rigoletto auf die Bühne, der stimmlich jeder Kritik entbehrt und Regie-Anweisungen, so unsinnig sie auch bisweilen erscheinen, schauspielerisch einfach mitnimmt. Gegen die verordnete Bewegungsarmut weiß allerdings auch er kein Mittel. Neu im Ensemble ist Tenor David Esteban, der sich als Herzog von Mantua schon beachtlich schlägt, stimmlich Akzente setzt, auch wenn er in den Höhen eher zurückgenommen klingt. Sparafucile ist ein Böser, dessen Bass nicht schwarz genug sein kann. Da kann Matthias Wippich nicht abliefern, auch wenn er stimmlich einwandfrei arbeitet. Darstellerisch bleibt er ohnehin ohne Anforderungen. Auch die Schwester Sparafuciles, Maddalena, hat schauspielerisch wenig zu bewältigen. Stimmlich ist von Eva Maria Günschmann wenig zu hören, weil die Musik sie meist überdeckt. Hayk Deinyan zeigt einen eindrucksvollen Auftritt als Graf von Monterone.
Maria Benyumova und Michael Preiser haben den Herrenchor des Theaters wie immer eindrucksvoll einstudiert.
Von den Niederrheinischen Sinfonikern ist man sonst Besseres gewöhnt. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson vermag seinen Musikern nicht die Italianità zu vermitteln, die dem Werk innewohnt. Wenn er mit viel Engagement, vor allem auch gegenüber den Sängern, auf das Werk eindrischt, gehen viele der besonderen Momente verloren. Irritierend ist die Zuspielung der Banda-Musik. In einer Oper, die als Gesamtkunstwerk davon lebt, das alles live stattfindet, wirkt eine solche Einspielung wie ein Fremdkörper.
Das Publikum zeigt sich trotzdem dankbar. Zahlreiche Arienapplause gehen über das tatsächliche Ereignis hinaus. Erst im Schlussapplaus, höflich und langanhaltend, gibt es für das Regie-Team endlich die ehrlichen Buhs.
Michael S. Zerban