O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Friede sei ihr erst Geläute

ULRICH MATTHES LIEST SCHILLER-BALLADEN
(Friedrich Schiller, Christian Morgenstern)

Besuch am
10. Juli 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Krefeld-Pavillon, Krefeld

Der Krefeld-Pavillon entstand 2019 als Auftrags­arbeit des Vereins Projekt Mies van der Rohe in Krefeld. Der Düssel­dorfer Künstler Thomas Schütte erhielt den Auftrag, eine begehbare Skulptur zu entwi­ckeln, die Platz für Ausstel­lungen bot. Auf 200 Quadrat­metern baute Schütte einen Rundbau aus Lärchenholz mit einem Kupferdach. Inzwi­schen hat die Stadt beschlossen, dass das Kunst­objekt, das zum 100-Jahres­ju­biläum des Bauhauses gebaut wurde, seinen Standort im Kaiserpark in unmit­tel­barer Nähe zu den Bauhaus-Museen Haus Lange und Haus Esters bis zum Stadt­ju­biläum Ende 2023 beibe­halten soll. Das bedeutet einer­seits, dass die leicht asiatisch anmutende Konstruktion weiter in schönem Umfeld zu bewundern ist, anderer­seits sollte sie dann auch entspre­chend bespielt werden. Kurzfristig wurde die Kultur­ma­na­gerin Silke Zimmermann beauf­tragt, eine Veran­stal­tungs­reihe zu kuratieren, die sie binnen Wochen auf die Beine stellte.

Ehe drei Konzerte die ungewöhn­liche Spiel­stätte bis Ende September mit Klang erfüllen, eröffnet eine Lesung die vierteilige Veran­stal­tungs­reihe. Dazu hat Zimmermann den Schau­spieler Ulrich Matthes einge­laden, der seit vielen Jahren ein Programm vorträgt, das insoweit überrascht, als man es an mindestens jedem zweiten Gymnasium in Deutschland als Standard­pro­gramm vermuten möchte. Tatsächlich scheint es einzig­artig zu sein. Der 63-jährige Matthes, einer der bekann­testen deutschen Schau­spieler und Synchron­sprecher, liest Balladen und Gedichte von Friedrich Schiller. Auch das eine Überra­schung. Ein Schau­spieler, zumal der alten Schule, der nicht in der Lage ist, Gedichte von Schiller auswendig vorzu­tragen, sondern vom Blatt lesen muss. Nun denn, wenn es der Qualität dient.

90 Stühle sind in dem Rundbau aufge­stellt, und keiner bleibt an diesem Abend leer. Was ja in diesen Zeiten erst mal eine gute Nachricht ist. Nachdenklich stimmt die Zusam­men­setzung des Publikums. Es scheint sich hier um einen überwie­genden Teil an Lehre­rinnen zu handeln, die seit vielen Jahren im Ruhestand sind. Jüngere, lyrik­be­geis­terte Menschen sucht man vergebens.

Nach ein paar einlei­tenden Worten, bei denen man auch erfährt, dass der Schau­spieler beim Theater Krefeld Mönchen­gladbach sein erstes Festenga­gement hatte, beginnt Matthes den Abend mit dem Ring des Polykrates. Die aus dem Jahr 1797 stammende Ballade lässt sich auf die Botschaft herun­ter­brechen: Je höher du steigst, desto tiefer fällst du. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, warum sich diese Kunstform so lange großer Beliebtheit erfreute. Sie kann pointieren und verdichten. Matthes bezeichnet sie aus gutem Grund als Minidrama – und trägt sie auch bewusst so vor. Anschließend folgt der Handschuh, eine wunderbare Metapher über die Respekt­lo­sigkeit, die aus dem gleichen Jahr, nämlich dem Jahr des freund­schaft­lichen Wettstreits zwischen Schiller und Johann Wolfgang von Goethe um die besseren Balladen. Natürlich kann man selbst bei einer Lesung nicht ununter­brochen Gedichte vortragen, und so moderiert Matthes immer wieder, indem er kleinere Anekdoten erzählt oder Fremd­worte aus den Balladen kurz erklärt. Dazu gehört auch die Überleitung, in der eine Schüler­klasse während einer Lesung im Frank­furter Theater am 31. Oktober 2012 durch große Unruhe auffiel und von Matthes zur Ordnung gerufen wurde. Die Schul­klasse entschul­digte sich eine Woche später mit einem Brief, in dem sie ihm auch das Gedicht aufschrieb, das er fortan in das Programm einbaute. Das Glück entstand 1799. Poesie in Höchstform. Das konnte der junge Konstantin Wecker besser als Matthes. Der ist wieder ganz in seinem Element, wenn er den Taucher, ebenfalls aus dem Jahr 1797, vorträgt. Bei dem Stück über die mensch­liche Gier funktio­niert der Erzählstil.

Foto © O‑Ton

Nachdem Matthes bis hierhin vom Blatt gelesen hat, wirft er die Frage in die Runde, wer eine Ballade auswendig rezitieren könne. Das hat schon was. Betty meldet sich, um wahrheits­gemäß zu antworten, dass sie eine Ballade aus dem Kopf wieder­geben könne. Was Schönes von Uhland, sagt sie. Natürlich zielte die Frage des Schau­spielers darauf ab, ob jemand etwas von Friedrich Schiller aufsagen könne. Und so kommt Betty mit Uhland nicht durch, kann aber dann mit Christian Morgen­stern punkten. 1910 erschien sein Gedicht Das Butter­brot­papier, bei dem ein Butter­brot­papier zu Hirn gelangt. Es bekommt ihm nicht, sorgt aber im Pavillon für Heiterkeit. Die Überleitung zum nächsten Klassiker fällt Matthes leicht. In Weimar nämlich konnte ein Herr die Glocke auswendig vortragen. Er hatte sie kurz vorher zuliebe seiner 85-jährigen Mutter gelernt. Es gab eine Zeit, da war es eine Selbst­ver­ständ­lichkeit, dass Schüler das Lied von der Glocke aus dem Jahr 1799 auswendig lernten. Damals galt es nicht als schädlich, memorieren zu können, und auch ein wenig Lebens­weisheit konnte nach Ansicht der damaligen Pädagogen nicht schaden. Matthes enthält sich solcher Bemerkungen.

Gedichte anderthalb Stunden lang aufzu­sagen, ist auch für einen erfah­renen Schau­spieler geistige Höchst­leistung. Und da verwundert es nicht, wenn selbst ein Ulrich Matthes hin und wieder auf die Überholspur geht. Die Glocke trägt er in 21 Minuten vor, die nach eigenen Angaben mindestens 25 Minuten braucht. Aber es gelingt ihm, das Leiern zu vermeiden, zu dem die Reime verleiten. Das Publikum ist begeistert und vergibt auch für diese vielleicht berühm­teste aller Balladen einmal mehr einen kräftigen Zwischen­ap­plaus. Nach Hoffnung und Die Kraniche des Ibykus fehlt eigentlich nur noch eine Ballade zum Best of. Für die sammelt der Schau­spieler noch einmal all seine Konzen­tration, weil sie nach eigenen Angaben zu seinen Lieblings­bal­laden gehört. „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bund der Dritte.“ Mit diesen Worten endet Die Bürgschaft und ein wunder­barer Abend. Ja, gewiss, auch mal anstrengend, aber in erster Linie bleibt die Gewissheit, dass klassische Bildung ein vehementes Bollwerk gegen die grassie­rende Dummheit unserer Tage bilden kann.

So gelungen der Auftakt, so dringend ist der Nachhol­bedarf im organi­sa­to­ri­schen Teil des Geschehens. Das Bedürfnis der perma­nenten Lüftung führt dazu, dass alle Fenster gekippt sind, und gipfelt im Mithören eines Telefonats vor den Toren des Pavillons während der Glocke. Der Versuch, das während der Veran­staltung zu unter­binden, sorgt für zusätz­liche Unruhe. Und irgend­jemand will während des Abends dringend erreichbar sein. Davon zeugt das penetrante Summen eines Handys, das irgendwo im Eingangs­be­reich vereinsamt liegt. Kleinig­keiten, die viel von der Konzen­tration nehmen, aber leicht zu beheben sind. Bis zur kommenden Woche. Denn am Samstag will der Jazz-Pianist Grégory Privat neue Wege in der Musik aufzeigen. Obwohl die Aufführung ausver­kauft ist, lohnt die Nachfrage an der Abendkasse.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: