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Foto © O-Ton

Schubert-Feuer

ÜBER ALLEN GIPFELN
(Franz Schubert)

Besuch am
8. September 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Langenberg-Festival, Histo­ri­sches Bürgerhaus

Manchmal möchte man als Künst­le­ri­scher Leiter eines Festivals am liebsten gar keinen Titel im Programm nennen, weil man weiß, dass viele Menschen allein aufgrund des Titels fernbleiben werden. Aber man muss dieses Stück einfach spielen, um es dem Publikum in seiner Virtuo­sität, Wildheit und Aktua­lität näher­zu­bringen. Also gibt es im Prinzip zwei Möglich­keiten. Man kündigt das Werk im Vorfeld ausführlich an und preist seine Quali­täten. Oder man vertraut auf die Neugierde der Menschen und setzt den Titel ohne weitere Erläu­te­rungen ins Programmheft. Das mag vor allem dann funktio­nieren, wenn der Komponist Franz Schubert heißt. Aber eben auch nicht immer, wie jetzt in Langenberg zu erleben ist.

Nina Reddig – Foto © O‑Ton

Langenberg ist ein Bezirk der Stadt Velbert im Kreis Mettmann mit rund 16.000 Einwohnern. Pittoresk ist der in den Hang gebaute histo­rische Stadtkern, der überwiegend aus bergi­schen Fachwerk­häusern besteht. Hier liegt auch das Histo­rische Bürgerhaus, heute einer der wichtigsten Veran­stal­tungsorte des Stadt­be­zirks. Als Spiel­stätte ist es fester Bestandteil des Langenberg-Festivals. Vor fünf Jahren von der Violi­nistin Nina Reddig gegründet und bis heute geleitet, gibt es hier vier Tage lang kammer­mu­si­ka­lische Pretiosen zu hören. Bestritten wird das Fest vom Freun­des­kreis der Geigerin, eine Handvoll namhafter Künstler, die durch „Startups“, also junge Musiker am vielver­spre­chenden Karrie­re­start, ergänzt werden. Eine Akademie rundet das Geschehen rund um die Kammer­musik ab. Der eigent­liche Reiz liegt also nicht im Glanz wechselnder wohlbe­kannter Künst­ler­namen, sondern in der Musik­auswahl selbst. Das abwechs­lungs­reiche Programm reicht vom Barock bis zur Gegenwart, was genau es mit den ausge­wählten Werken auf sich hat, muss der Besucher aber schon selbst heraus­finden. Denn die eher an ein Kochrezept erinnernde Programm­liste gibt nicht viel mehr her als die betei­ligten Künstler, den Namen des Kompo­nisten und des Werks. So mag einem manches Juwel in der Übersicht durchgehen.

Wie beispiels­weise das Streich­quintett in C‑Dur, D956, von Franz Schubert. Dem Werk in der ungewöhn­lichen Besetzung mit zwei Geigen, Bratsche und zwei Celli haftet etwas vom Schwa­nen­gesang des Kompo­nisten an. In den letzten Monaten vor seinem Tod entstanden, verar­beitet Schubert seinen Weltschmerz – und ist mit dem Ergebnis, möchte man rückbli­ckend sagen, seiner Zeit weit voraus. Er selbst hat die Urauf­führung nicht mehr erlebt, fand das ungewöhnlich expressive Werk des Frühro­man­tikers doch keinen rechten Gefallen bei den Verlegern. Erst in jüngerer Zeit wird das 50-minütige Stück aus dem Jahr 1828 in seiner wahren Bedeutung gewürdigt. „Vor Franz Schuberts Streich­quintett in C‑Dur verneigen sich alle Menschen, denen Musik etwas bedeutet“, bemerkte beispiels­weise der Musik­kri­tiker Joachim Kaiser.

Hannah Weber und Julian Arp – Foto © O‑Ton

Eine kluge Wahl für das Finale eines Kammer­musik-Festivals, möchte man meinen. Unver­ständlich ist deshalb, weshalb der Große Saal im Histo­ri­schen Bürgerhaus an diesem verreg­neten Sonntag­abend nur zur Hälfte besetzt ist. Überra­schend formell beginnt der Abend. Die fünf Musiker betreten die Bühne in Abend­gar­derobe, bei der das Schwarz auch schon mal durch einen roten Pullover, einen rotglän­zenden Rock oder rote Socken durch­brochen wird, verneigen und setzen sich, um das Spiel zu beginnen. In diesem doch eher intimen Umfeld wären eine persön­liche Begrüßung und vielleicht sogar ein paar Worte zur Einführung durchaus möglich gewesen.

So verschwinden die Streicher ganz konven­tionell im Halbkreis hinter ihren Noten­ständern. Die folgenden 50 Minuten sind deutlich von Spiel­freude und Expres­si­vität gezeichnet. Während Geigerin Nina Reddig hochkon­zen­triert über Einsätze wacht und auf kurze Pausen achtet, bemüht sich Annette Walther mit der zweiten Violine, so etwas wie außer­mu­si­ka­lische Stimmung aufzu­bauen. Da darf sich der Körper schon mal bewegen, fröhliche Mimik ist ebenso erlaubt wie großes Erstaunen oder Verwun­derung. Ein sehr schöner Einsatz, der auch visuell das Konzert berei­chert. Auch Gareth Lubbe hat schon mal den Schalk im Nacken, wenn er beispiels­weise seine Bratsche zupft. Hannah Weber sitzt halb verdeckt hinter ihrem Cello-Kollegen Julian Arp. Mit großer Souve­rä­nität erzählen die Musiker auf ihren Instru­menten, was das Streich­quintett so wertvoll macht: Wie es aus der zeitlosen Melodie in die ja schon fast wütenden Kontraste geht, aus zarten Momenten in verwun­schene Welten, um endlich in verwe­genen Schlüssen eigentlich schon Lust auf mehr zu machen. In den vier Sätzen ist die Komple­xität eines ganzen Kosmos einge­bunden. Und dem Quintett gelingt es, diese beherzt zu erfassen und dem Publikum zu vermitteln.

Es ist eines der wenigen Konzerte, in denen sich das Publikum ganz auf die Musik einlassen kann, auch ohne über großartige musik­wis­sen­schaft­liche Kennt­nisse zu verfügen. Und es wird klar, dass Schubert damit seiner Zeit weit voraus war. Denn so modern, wie es hier im Saal erklingt, scheint es gerade erst erschaffen zu sein. Mit großem Beifall bedankt sich das Publikum, und den einen oder anderen hält es nicht auf seinem Sitz.

Nun endlich ergreift Nina Reddig das Wort, wenn auch nur, um die Zugabe anzukün­digen, einem Arran­gement zu Wandrers Nachtlied von Goethe, das Reddig dann auch im Wortlaut rezitiert. Ein geschmei­diger Ausklang eines sehr gelun­genen Abends.

Michael S. Zerban

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