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Foto © O-Ton

Die beste seiner Opern

MESSA DA REQUIEM
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
17. November 2018
(Premiere)

 

Erlöser­kirche Langenfeld

Busseto ist eine Gemeinde in der Provinz Parma in der Emilia-Romagna, rund 100 Kilometer von Mailand entfernt, und wenn seine Verehrer den Namen hören, wissen sie sofort, um welchen Ort es sich handelt. Hier ist Giuseppe Verdi geboren, und hier war seine Heimat. In der Chiesa di San Michele Arcangelo – der Kirche des Erzengels Michael – erlernte er das Orgel­spiel. Damals ahnte er noch nicht, dass er 1874 eines der schönsten existie­renden Requien in Mailand zur Urauf­führung bringen würde. Vor- und Entste­hungs­ge­schichte sind ebenso bekannt wie das Zitat, dass es sich bei dem Requiem um die beste seiner Opern handele.

Die Erlöser­kirche in Langenfeld im Rheinland wurde am 28. November 1909 einge­weiht. Ab 1975 wird der Innenraum umgestaltet. Dem Paradig­men­wechsel der Evange­li­schen Kirche folgend, dass nicht der Pfarrer den Gottes­dienst hält, sondern die Gemeinde ihn feiert, wird der Altarraum bis 1981 erweitert. Für den Gottes­dienst mögli­cher­weise eine Berei­cherung, für die Aufführung eines Requiems erweckt die Raumge­staltung erst mal Skepsis. Zumal die Kirche in der Größen­ordnung einer ganz normalen Stadt­kirche liegt, auch wenn sie archi­tek­to­nisch, von außen betrachtet, ein Schmuck­stück ist.

POINTS OF HONOR

Dirigentin



Solisten



Chor



Programm



Publikum



Chat-Faktor



Seit fast 20 Jahren ist Esther Kim Kantorin an der Kirche, und ihr Traum, einmal die Messa da Requiem von Giuseppe Verdi aufzu­führen, währt seit annähernd drei Jahrzehnten. Nimmt man nach solch langer Zeit in Kauf, etwas auf Biegen und Brechen aufzu­führen? In einer Großstadt mag so etwas mit dem nötigen Größenwahn gehen, aber nicht im Langen­felder Vorort Immigrath, wo die Kirchen­ge­meinde sich fest auf die musika­lische Leiterin verlässt. Es muss also gute Gründe geben, wenn die Kantorin sich auf ein solches Vorhaben einlässt. Und Kim hat sie gleich bündel­weise. Die nette, kleine Kirche an der Durch­gangs­straße verfügt völlig überra­schend über eine großartige Akustik. Das Altstadt­herbst-Orchester Düsseldorf hat seine Meriten auch bei größeren Veran­stal­tungen längst verdient und kennt die Gegeben­heiten der Kirche. Die Kantorei und der junge Kammerchor Hosanna sind hier sowieso zuhause. Und die Solisten sind erfahrene Kirchen­mu­siker und Opern­sänger, für die ein Verdi-Requiem mehr ein Genuss denn Arbeit sein dürfte.

Dank bester Organi­sation, mit der sich Kirchen­ge­meinden immer wieder auszeichnen, wird die schier endlos lange Schlange vor dem Kirchen­portal zügig abgear­beitet, nachdem erst einmal die Tore geöffnet sind. Mit den Parkplätzen hätte man sich etwas großzü­giger zeigen können, anstatt die Fläche vor dem nebenan liegenden Gemein­dehaus abzusperren, aber das war es auch schon. Ohne Anzeichen von Hektik kann ein Konzert der Spitzen­klasse pünktlich beginnen.

Mit seidenem Glanz schleichen sich die Streicher in die Herzen des Publikums, ehe der Chor einstimmt. Der musika­lische Toten­got­tes­dienst wird zelebriert. Wer sich die Aufzeichnung eines Konzerts unter Leitung von Daniel Barenboim in Paris anschaut, bekommt eine Idee davon, was an diesem Abend in der Kirche passiert. Denn hier passt alles wie maßge­schneidert. Esther Kim hat hervor­ra­gende Vorarbeit geleistet. Dass der Chor noch an seiner Textver­ständ­lichkeit arbeiten könnte – geschenkt. Denn schon bald fühlt man sich wie in der Dorfkirche von Le Roncole. Draußen liegt die Landschaft der Emilia-Romagna, in der allmählich die Farben des Herbstes verblassen, das Risor­gi­mento feiert seinen Helden Verdi, aber herinnen klingen die italie­ni­schen Stimmen, die sich den Toten widmen. Dafür, dass sich der eigentlich latei­nische Text ziemlich italie­nisch anhört, hat Beatrice Santini wohlfeil gesorgt. Sehr abgestimmt auf die Größe des Raums erschallen die Choristen. Brausend, wie es sich gehört, das Dies irae. Gegen Ende verstärken sich die italie­ni­schen Momente. Obwohl das Amen zum Ende ein wenig verhalten klingt, ruft die letzte Strophe Gänsehaut hervor. Beim Lacrimosa dies illa ist man auf Sizilien gelandet, erinnert sich an den Paten. Das ist Atmosphäre pur.

Judith Hoffmann und Franziska Orendi – Foto © O‑Ton

Das Orchester unter­stützt das Geschehen in idealer Weise. Ein beson­deres Lob gilt sicher der großen Trommel und den Pauken, die immer wieder feinzi­se­liert die Stimmungen unter­malen. Das soll die übrigen Leistungen nicht schmälern. Wie das Altstadt­herbst-Orchester für einen Verve sorgt, der die Italianità geradezu beflügelt, erlebt man nicht so oft. Dabei gibt es keine Tutti, in denen sich jeder Klang verliert. Statt­dessen herrscht eine Trans­parenz vor, die auch den Solisten den nötigen Raum verleiht.

Es ist großartig, wenn die Solisten über ausrei­chende Erfahrung verfügen. Da ist keine Anspannung spürbar, der Gesang wird zum Genuss für beide Seiten und es bleibt auch Raum für die persön­liche Entfaltung zu Spitzen­leis­tungen. Allen voran Judith Hoffmann, die ihre Stimme im Libera me noch über den Chor erhebt. Mit Leich­tigkeit versteht sich. Franziska Orendi wiegt ihre Stimme förmlich in der Rolle des Mezzo­so­prans. Rolf A. Scheider, der Bass-Bariton, und nicht irgendein Herr Schneider, wie er vom Pfarrer in der Ankün­digung des Konzerts oder auch im Programmheft genannt wird, wächst über sich selbst hinaus. Seine Auftritte gehören nicht nur zu den anspruchs­vollsten, sondern auch zu den stärksten des Abends. Thomas Piffka rundet das Solisten-Quartett mit tenoralem Wohlklang ab.

Esther Kim hat sich einen Traum erfüllt. Mit großer Geste hat sie ihn auf Flügeln getragen und nach nur anderthalb Stunden versöhnlich wieder zur Erde gebracht. Befreie mich, Herr, heißt es zuletzt. Und es klingt verdammt nach Ich befreie mich, Herr an diesem Abend. Das Publikum ist ergriffen, wartet die Besin­nungs­se­kunden zum Schluss des Konzerts ab, ehe es sich zu einem nicht enden wollenden Beifall hinreißen lässt. Hier läuft niemand weg, weil der Bus wartet, aber es gibt eine Menge Leute, die nach dem Konzert noch Gesprächs­bedarf mit den Sängern haben. Dieser Abend wird wohl noch lange im Gedächtnis bleiben.

Michael S. Zerban

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