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DIE RÖMISCHE UNRUHE
(Reinhard Keiser)
Besuch am
7. Juni 2025
(Premiere)
Im Gegensatz zu seinem Landsmann und Zeitgenossen Händel tut man sich heute schwer, eine der rund 70 Opern des 1674 im Städtchen Teuchern, rund 50 Kilometer südlich von Halle geborenen Reinhard Keiser im Programm eines Opernhauses zu finden. Zwar waren die Opern des heute weitgehend in der Versenkung verschwundenen Komponisten zu seiner Zeit sehr beliebt und fanden häufig im Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt statt, doch leider ist nur ein Teil dieser Opern erhalten, die sich durch eine lebendige Darstellung der Figuren und eine spannende Handlung im Mittelpunkt der Stücke auszeichnen.
Seine Oper Die römische Unruhe oder Die edelmüthige Octavia, für die Barthold Feind das Libretto schrieb, ist ein Singspiel in drei Akten mit Prolog und zwei italienischen Arien von Pantaleon Hebenstreit, die am 5. August 1705 in Hamburg uraufgeführt wurde.
Zwei Jahre davor hatte sich der damals 18jährige Georg Friedrich Händel nach Hamburg begeben, dessen von Keiser geleitetes Opernhaus zahlreiche begabte junge Musiker anzog. Händel spielte dort zuerst Violine und später Cembalo und pflegte nach anfänglicher Freundschaft einen langanhaltenden Streit mit seinem Musiker- und Komponistenkollegen Johann Mattheson. Am Vorabend des Dreikönigsfestes 1705 wurde dort Händels erste Oper Almira, Königin von Castilien uraufgeführt, nachdem Keiser 1604 vor den Gläubigern in seine Heimat fliehen musste und seine gleichnamige Oper nicht herausbringen konnte. Keiser war aber zur Premiere wieder in Hamburg und steuerte einen Epilog bei. Heute nur sehr selten gespielt, galt Keiser Mattheson in dessen Musikerlexikon als „der größte Opern-Componist der Welt“. Für Händel war die Zeit mit seinem elf Jahre älteren Chef bei seiner Entwicklung als Komponist von großer Bedeutung. Keisers Melodien und Einfälle finden sich in zahlreichen von Händels Werken.
Heute wäre so etwas undenkbar. „Ohne Copyrights wären Abba nie zu dem geworden, was sie waren“ hatte deren Sänger und Liedermacher Björn Ulvaeus einmal im Interview gesagt. Nur selten, wie 2005 bei Madonnas Hung Up erlaubte er – wie man es heute nennt – einen der Abba-Songs zu sampeln. Doch in Zeiten des Barocks war das Sampeln üblich und wenig anrüchig. Besonders Keisers Oper Octavia hatte es dem jungen Händel angetan. Als er 1706 nach Florenz, Rom und Venedig aufbrach, hatte er vermutlich außer der Octavia auch andere Partituren seines Hamburger Chefs im Gepäck, von denen er bei eigenen Opern gerne und oft Anleihen nahm. Als er 1709 an seiner Oper Agrippina arbeitete, die in Venedig uraufgeführt wurde, plünderte er recht unverfroren die dort so gut wie unbekannte Partitur von Keisers Octavia und übernahm sechs Arien fast ohne Änderungen.
Die Titelfiguren beider Opern sind bei Händel die Mutter und bei Keiser die erste Gemahlin des römischen Kaisers Nero. Der gewalttätige Wahnsinnige, der – obwohl untalentiert – sich als begnadeten Musiker sah, ist in beiden Opern eine der Hauptfiguren. Bei Keiser bedient sich die von Nero zum Selbstmord gedrängte Octavia einer List, um ihr Leben zu retten und erscheint Nero auf Rat des Stoikers Seneca als ihr eigener Geist und kann ihn so zum Einlenken bewegen. Die dritte Inszenierung der Octavia in der Neuzeit geht zurück auf den Kontakt des im Februar 2025 verstorbenen Festspiel-Intendanten Bernd Feuchtner zu Wolfgang Katschner von der Berliner Lautten Compagney.

Händel hatte mit seinem – verschollenen – Nero schon kurz nach der Almira eine Oper zum Thema vorgelegt, als Keiser quasi als Replik auf den jungen begabten Händel zusammen mit seinem Librettisten Barthold Feind die Texte überarbeiten ließ, wodurch sich die Handlung deutlich unterscheidet. Es war für Keiser die erste Zusammenarbeit mit Feind, der mehrere weitere folgen sollten. Keiser hatte Octavia aufwendig instrumentiert und setzte erstmals ein Waldhorn ein. Besonders eindrucksvoll und eine von Keiser ausgedachte Innovation ist die von fünf Fagotten begleitete Arie Geloso sospetto der Octavia, die als bekanntestes Stück schon mehrfach eingespielt wurde. Keisers Opern waren damals wegen ihrer guten Verständlichkeit und des klaren Aufbaus der Handlung sehr beliebt. Vorwiegend bediente sich Keiser der deutschen Sprache, fügte aber auch einige Arien in italienischer Sprache ein.
Die Oper zeigt auch die Vielseitigkeit des Komponisten, der seine Stoffe aus aller Herren Länder so vertonte, dass sie die musikalischen Einflüsse dieser Länder mit der Musik seiner Heimat verband. Anders als Händel und etliche Zeitgenossen zog es ihn nicht nach Italien, doch nahm er italienische Einflüsse dankbar bei seinen fantasievollen Gesangspartien auf. Das Spektrum der Ausdrucksformen ist weit und man findet in seiner Oper virtuose Arien, Ohrwürmer, die nicht nur Händel im Gedächtnis blieben und lange und aufwändige Koloraturen, die Sänger zwar brillieren lässt, aber auch an die Grenze ihrer Fähigkeiten bringt. Zumindest in der Aufführung im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt werden die aber nicht überreizt.
Feind griff in seinem Libretto den Rombesuch des von Rom besiegten parthischen Armenierkönigs Tiridates auf, der von Nero im Jahr 66 nach Christus seine Krone als Vasall Roms zurückerhielt. Der Rest entspringt der Fantasie Feinds. Zwar sind auch viele der Akteure historisch belegt, doch hat Feind sie frei nach Gusto in seine Geschichte eingewoben. Auch Octavia, Neros erste Ehefrau, war da schon seit drei Jahren tot. Der Patrizier Piso ist historisch als Verschwörer gegen Nero belegt, doch wurde er, als der Anschlag fehlschlug, wie der unschuldige Seneca im Jahr 65 hingerichtet.
Bei Keiser geht alles gut aus. Octavia und Seneca bleiben am Leben und Piso wird begnadigt. Auslöser der amourösen Ränkespiele ist Tiridates attraktive Gattin Ormoena, die Nero für die Rückgabe der Krone fordert. Octavia soll für die Neue weichen, entweder durch Gift oder den Dolch. Auch Tiridates wandelt in Rom auf Freiersfüßen. Er hat sich – genau wie General Fabius – in Neros Verwandte Livia verliebt. Die meisten der Verliebtheiten am kaiserlichen Hof finden nicht wirklich Gehör. Im Stück sorgt schließlich Seneca für Ordnung, indem er Octavia rät, Nero als Geist zu erscheinen und zur Reue zu bewegen. So bleiben am Ende die Paare Nero und Octavia sowie Tiridates und Ormoena zusammen, und auch die anderen drei Töpfchen finden am Ende ihr Deckelchen. Nur Piso, der Octavia liebt, geht leer aus, bleibt aber am Leben.
Tilman Hecker hat die Geschichte lustvoll mit einem jungen Team von elf Sängern luxuriös umgesetzt und sie erscheint kein bisschen veraltet. Alles wirkt in den historischen Kulissen des Goethe-Theaters wie frisch zusammengestellt. Die von Lene Schwind entworfenen Kostüme sind gut gewählt, ein Mix aus historischen und modernen Accessoires zu Trainingskleidung und Oversized, das gut zu den Paaren der Aufführung passt. Am elegantesten wirkt Octavia mit einem langen goldgewirkten Gewand. Auch in ihrer Verzweiflung über die Untreue ihres Gatten und dessen Wunsch nach ihrem Tod wirkt sie erhaben und edel. Nero, der imperiale und leicht zum grausamen Wahn neigende Kaiser bemüht sich, auch sein Äußeres der Bedeutung seiner Person anzugleichen, und bei der nabelfreien Ormoena ist ihre glitzernde Kleidung durchaus auf Wirkung ausgelegt.
Nero ist der erste, der zu sehen ist, als der Einlass beginnt. Er lehnt auf der Galerie an der Brüstung und singt vor sich hin. Später kommen vor der Vorstellung die anderen Sänger auf die Bühne. Viel Platz ist zwar nicht im alten Theater, aber das gehört zum Regiekonzept. Die verschiedenen Liebesverwicklungen werden den Zuschauern präsentiert und von Keiser mit eindringlichen Arien geschmückt. Die Paare kontaktieren sich auch mit Blicken oder Zurückweisungen. Nur die Kaiserin erträgt den Blick ihres Gatten nicht: „Geliebtes Auge, sagt, wo schaut ihr hin? Schaut nicht in einem fremden Spiegel. Ich bin ja Euer Gegenstand“. Da tut man sich als Zuschauer bei dem präsentierten Frauenbild schon etwas schwer. In einigen Teilen hätte man besser daran getan, die Aufführung durch Streichungen zu straffen, denn die 150 Minuten bis zur Pause sind für viele der Besucher bei den frühsommerlichen Temperaturen eher grenzwertig. Wie leider auch die Organisation, die nicht immer professionell wirkt.
Das Stück ist durchkomponiert aus vielen angenehm kurzen Arien mit Accompagnati. Nur selten hat Keiser bei den Arien die italienische Sprache gewählt. Das war für das Hamburger Publikum angenehm, wo 1705 keine Projektion den Text einblenden konnte wie für die heutigen Besucher.

Einen hervorragenden Job erledigt mit kraftvollem Bariton Tomas Kral, ein gern gesehener Gast auf den Bühnen Europas, der mit Grandezza und viel Speifreude den wahnsinnigen Tyrannen mit viel Verve spielt und singt. Da fällt es schwer, dem souverän agierenden Kaiser die Angst und Selbstzweifel abzukaufen, die zu einem glücklichen Ende der Oper führen. Die Rolle des Armenier-Königs Tiridates spielt der Countertenor Georg A. Bochow sanft, weich und voller zurückhaltender Verliebtheit. Kein machthungriger König, den auch die Abgabe seiner Gattin an Nero wenig zu stören scheint. Atemberaubende Arien hat Keiser der Titelheldin Octavia ins Libretto schreiben lassen. Schon das erwähnte Geloso sospetto mit den Fagotten ist den Besuch der Oper wert, wenn Johanna Kaldewei mit ihrem runden melodischen Sopran das Publikum begeistert. Einige ihrer Arien dürften Händel-Freunden bekannt vorkommen, der sie für seine Agrippina kopierte und manchmal etwas aufpeppte. „Wer große Meister kopiert, erweist ihnen Ehre“, sagte Konfuzius. Händel war offenbar ein Anhänger des chinesischen Philosophen. Auch Octavias Rivalin Ormoena ist gut mit eindrucksvollen Arien versorgt. Sanae Kontora schafft es mit schönen Koloraturen und den für ihre verführerische Rolle nötigen Sexappeal, nicht nur Nero, sondern auch die Zuschauer zu betören. Mit hellem, leuchtendem Sopran schwingt sie sich in die Höhe und macht Nero und seiner Frau klar, dass sie gewillt ist, die Rolle anzunehmen.
Doch nicht nur die Hauptrollen sind gut besetzt. Maria Ladurner hat als florentinische Prinzessin Clelia einige eindrucksvolle Arien, bei denen sie mit ihrer zarten, hellen Stimme warm und klangstark ihr stimmliches Spektrum präsentieren kann. Klar in der Höhe und sauber artikuliert beeindruckt sie die Zuschauer. Als kaiserliche Prinzessin Livia kann auch die Berlinerin Frieda Jolande Barck beeindrucken. Der bei Oratorien sehr beliebte Bass Magnus Piontek singt die Partie des Seneca mit tiefem Timbre. Der am Cambridge Trinity College und der Riyal Academy ausgebildete Brite Gwilym Bowen singt agil und dynamisch die Tenorpartie des Piso, der Tenor Christopher B. Fischer ist als Lepidus, Johannes Gaubitz als General Fabius und Christian Miebach als Neros Spielgefährte Davus zu sehen.
Sehr beeindruckend ist auch die von Wolfgang Katschner mit sicherer Hand geführte Lautten Compagney Berlin, dem es gelingt, die Details der Keiser-Oper zu erarbeiten und mit seinem erfahrenen Ensemble differenziert und klangvoll umzusetzen.
Das Theater in Bad Lauchstädt ist ein kleines Juwel, denn es ist das einzig originalerhaltene Theater der Goethezeit. Goethe war 1791 Oberdirektor des Weimarer Hoftheaters und ließ seinen Vorgängerbau erwerben und umbauen, um dort ab 1802 in der Sommersaison zu gastieren. Die Lauchstädter Theaterbühne war zu dieser Zeit eine der ersten im deutschsprachigen Raum und zog wegen des für Halle geltenden Theaterverbots Friedrich des Großen zahlreiche Besucher an.
Michael Ritter