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Wort oder Musik

CAPRICCIO
(Richard Strauss)

Gesehen am
20. März 2021
(Premie­re/Live-Stream)

 

Oper Leipzig

Wenn man Richard Wagner gefragt hätte, was in seinen Werken denn wichtiger sei, das Wort oder die Musik, dann hätte er sicher geant­wortet, dass für ihn beides gleich­rangig sei und seine Bühnen­werke als musik­dra­ma­tische Gesamt­kunst­werke zu verstehen seien. So musika­lisch inter­essant ein Ring ohne Worte auch sein mag, das Werk ist und bleibt unvoll­ständig. Anderer­seits gibt es vor allem im italie­ni­schen Fach Opern, die musika­lisch hinreißend sind, wohin­gegen man über das Libretto lieber den Mantel der Nächs­ten­liebe decken sollte. Und so ist es der alte Streitfall der Musik­ge­schichte, den Richard Strauss in seiner letzten Oper aufs Tableau bringt: „Wort oder Musik?“ Wem gebührt der Vorrang in der Oper? Mit seiner letzten Oper gibt Strauss vor dem Hinter­grund des Zweiten Weltkriegs seine durchaus nicht unumstrittene Antwort auf die Frage nach der Stellung des Künstlers in der Gesell­schaft. Doch Capriccio, als „Konver­sa­ti­ons­stück mit Musik“ unter­titelt, ist keineswegs langweilige Theorie, sondern ein farben­reiches, amüsantes Kammer­spiel, in dem der Komponist über den gewitzten Dialogen aus der Feder des Dirigenten und Libret­tisten Clemens Krauss raffi­niert auf 300 Jahre Musik­theater zurück­blickt. Das Werk wurde zur Summe von Richard Strauss’ kompo­si­to­ri­schem Schaffen und seinem Abschied von der Oper. Für ihn selbst, dem Kompo­nisten von so großen Bühnen­werken wie dem Rosen­ka­valier, der Elektra, der Salome und der Frau ohne Schatten war dieses Werk überhaupt nicht für die große Bühne konzipiert.

In einem Brief vom 12. Oktober 1941 schrieb Strauss an Clemens Krauss: „Vergessen Sie nicht: Capriccio ist kein Stück fürs Publikum, wenigstens nicht für ein Publikum von 1800 Personen pro Abend. Vielleicht ein Lecker­bissen für kultu­relle Feinschmecker, musika­lisch nicht sehr bedeutend, jeden­falls nicht so wohlschme­ckend, daß die Musik darüber hinweg­hilft, wenn sich das große Publikum für das Buch nicht erwärmen sollte. In Ihrer Mitar­bei­ter­freude überschätzen Sie freund­licher Weise, glaube ich, das Stück. Buch und Musik zusammen (wenn man jedes Wort Text versteht, Sie die Philhar­mo­niker dirigieren und Ihre Leibgarde singt), dürfte einen für bessere Leute angenehmen Abend ergeben – an die eigent­liche Bühnen­wirk­samkeit im gewöhn­lichen Sinne glaube ich nicht und an einen wirklichen Premie­ren­erfolg im normalen Hofthea­ter­rahmen auch nicht“. Die Premiere von Capriccio fand schließlich unter der Schirm­herr­schaft des Reichs­mi­nisters Joseph Goebbels am 28. Oktober 1942 im Münchner National-Theater statt und wurde dort bis zur Zerstörung des Münchner Opern­hauses am 2. Oktober 1943 mit großem Erfolg gespielt.

Foto © Kirsten Nijhof

Dieses „Konver­sa­ti­ons­stück“ hat aber nicht nur die grund­le­gende Streit­frage um Wort oder Musik zum Inhalt, denn natürlich geht es dabei auch um Liebe und Gunst, um Hingabe und Zurück­weisung, und so wird aus einer Streit­frage schon sehr bald ein existen­zi­elles Spiel um Macht, um Erfolg und Niederlage. Anlässlich der Vorbe­rei­tungen ihrer Geburts­tags­fest­lich­keiten hat die junge, verwitwete Gräfin Madeleine den Kompo­nisten Flamand und den Dichter Olivier in ihr Schloss in der Nähe von Paris geladen. Beide beobachten, wie die Gastge­berin hinge­bungsvoll einem Streich­sextett lauscht, das Flamand für sie kompo­niert hat. Beide, Komponist und Dichter, lieben die Gräfin und ereifern sich über die Frage, ob Wort oder Musik den Vorrang habe: „Prima le parole, dopo la musica oder Prima la musica, dopo le parole“. Der Theater­di­rektor La Roche, der während des Konzerts geschlafen hat, hält nichts von solchen Ausein­an­der­set­zungen. Er ist auf dem Schloss, um ein Schau­spiel von Olivier für die Festlich­keiten in Szene zu setzen. Madeleine tritt, begleitet von ihrem Bruder, dem Grafen, dazu. Auch sie weiß nicht, welcher Muse sie den Vorzug geben, ob sie sich für Flamand oder Olivier entscheiden soll. Der Graf hat es dagegen leichter, er liebt die berühmte Schau­spie­lerin Clairon, die an diesem Tag zu einer Probe erwartet wird. Clairon und der Graf wetteifern im wechsel­sei­tigen Rezitieren eines Sonetts aus Oliviers neuem Schau­spiel. Flamand wiederum fühlt sich durch die Worte zum Kompo­nieren inspi­riert und enteilt, während Olivier die Gelegenheit nutzt, um der Gräfin vergebens eine Liebes­er­klärung zu machen.

Flamand kehrt zurück und trägt Oliviers vertontes Sonett vor. Madelaine ist begeistert und nimmt es als Geschenk beider an. Olivier wiederum besucht die Einstu­dierung seines Stückes durch den Theater­di­rektor La Roche. Nun erklärt Flamand seiner­seits Madeleine seine Liebe und wird zu einem Rendezvous am nächsten Tag um elf Uhr in die Bibliothek bestellt. Nachdem sich alle wieder im Salon versammelt haben, präsen­tiert La Roche eine junge Tänzerin sowie ein italie­ni­sches Sängerpaar dem erlesenen Kreis. Die Diskussion um die Vorherr­schaft der Künste flammt wieder auf.  Mit großer Emphase plädiert La Roche dafür, dass sich alle Künste auf der Bühne der Insze­nierung unter­zu­ordnen haben; außerdem fehle es an Werken, die echte und wahre Menschen darstellen. In seiner Ansprache Holà! Ihr Streiter in Apoll entwi­ckelt La Roche seine Vision eines wahrhaf­tigen wie lebens- und kraft­vollen Theaters – und teilt auch gleich noch die Inschrift, die einst auf seinem Grabstein stehen werde, mit.

Der Graf macht zur Überra­schung aller den Vorschlag: „Schildert euch selbst! Die Ereig­nisse des heutigen Tages – was wir alle erlebt –.“ Flamand und Olivier erhalten den Auftrag, eine entspre­chende Oper zu verfassen. Die Künstler sind begeistert und brechen zur Heimreise nach Paris auf, der Graf begleitet Clairon und Madeleine bleibt allein zurück. Ihr Urteil bleibt vage: „Ihre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreißen?“ Als der Haushof­meister meldet, dass Olivier am folgenden Tag um elf in der Bibliothek auf sie warte, fällt ihr ein, dass sie Flamand um dieselbe Zeit dorthin bestellt hat; für wen soll sie sich entscheiden? „Wählt man einen, verliert man den anderen.“

Foto © Kirsten Nijhof

Neben den Musik­dramen Richard Wagners sind es vor allem die Opern von Richard Strauss, denen sich der Leipziger Intendant und General­mu­sik­di­rektor Ulf Schirmer verschrieben hat. Mit Capriccio, das Schirmer selbst als sein Magen­stück bezeichnet, fügt er dem Leipziger Strauss-Kanon nun ein weiteres Bühnenwerk hinzu, dass als konzer­tante Aufführung seine Premiere feiert, ohne Publikum und Pause, aber dafür zweieinhalb Stunden im Live-Stream. Und was die Oper Leipzig dafür aufge­fahren hat, das reiht sich in die ganz großen Opern­mo­mente der letzten Jahre ein.  Angefangen mit dem wunder­baren Streich-Sextett zu Beginn der Oper, über das dahin­per­lende Parlando, den scheinbar schwe­re­losen Gesprächston, Fuge, Sonett und Oktett bis hin zum poeti­schen Mondschein­stück und dem senti­mental-ironi­schen Finale. Wie fragt die unent­schiedene Gräfin zum Ende ihr Spiegelbild? „Kannst du mir helfen, den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist?“ Es ist zweifelsohne der Abend der Camilla Nylund, die mit Fug und Recht als eine der führenden Strauss-Sänge­rinnen unserer Zeit gilt. Mit der Partie der Kaiserin in der Frau ohne Schatten an der Wiener Staatsoper scheint sie ihre Parade­rolle gefunden zu haben, der sie nun mit der Partie der Gräfin Madeleine eine weitere Facette hinzufügt. Ihr drama­ti­scher Sopran ist von einer großen Tragfä­higkeit, der mit weit gespon­nenen Bögen und leuch­tenden Höhen eine lyrische Leich­tigkeit erzeugt, und doch von großer Durch­schlags­kraft ist. Ihre Darstellung und ihre Ausstrahlung ist geprägt von einer natür­lichen Grandezza. Mit so einer Bühnen­part­nerin an seiner Seite wächst an diesem Abend das ganze Ensemble über sich hinaus. Patrick Vogel gibt mit lyrischem Tenor und Belcanto-Gesang den Kompo­nisten Flamand, während Jonathan Michie mit noblem Bariton die Künste des Dichters Olivier preist. Einen beson­deren Eindruck hinter­lässt Sebastian Pilgrim als Theater­di­rektor La Roche. Mit seinem kräftigen und markanten Bass ist er stimmlich wie optisch ein beein­dru­ckender Künstler, und den La Roche gibt er nicht nur mit viel Leiden­schaft und Nachdruck, sondern auch mit sauberer und schöner Dekla­mation. Kathrin Göring, die in den vergan­genen Jahren in Leipzig vor allem als Wagner-Inter­pretin gewachsen ist, zeigt mit der Rolle der Schau­spie­lerin Clairon, dass Sie nicht nur über einen ausdrucks­starken Mezzo­sopran verfügt, sondern auch in puncto Rezitation und Dekla­mation keinen Vergleich zur sprechenden Zunft scheuen muss.

Liudmila Lokaichuk überzeugt mit leichtem und hellem Sopran als italie­nische Sängerin, während Alvaro Zambrano mit ausdrucks­starkem Tenor ihren italie­ni­schen Counterpart darstellt. Roman Trekel in der Besetzung des Grafen darf mit seinem markanten Bass-Bariton schon als Luxus­be­setzung angesehen werden. Sven Hjörleifsson als Monsieur Taupe, Martin Blasius als Haushof­meister und James Moellenhoff als Diener reihen sich gesanglich in das hohe Niveau des Ensembles ein.

Ulf Schirmer am Pult des Gewand­haus­or­chesters zeigt an diesem Abend wieder einmal, dass er nicht nur ein heraus­ra­gender Wagner-Dirigent ist, sondern auch ein bedeu­tender Strauss-Interpret. Was er aus diesem Werk, aus dieser sinfo­ni­schen Klang­ma­lerei an Schönheit und Tiefgang heraus­ar­beitet, das ist von aller­höchster Güte. Sein Dirigat ist diffe­ren­ziert, jeder Schlag nachvoll­ziehbar, und er nimmt große Rücksicht auf die anspruchs­vollen Gesangs­partien, so dass die Sänger bei ihm im Vorder­grund stehen. Schirmer kann schwelgen, aber er beherrscht genauso die großen kammer­mu­si­ka­li­schen Momente der Partitur, die er dann filetiert und punktiert heraus­ar­beitet und sympho­nische Tondichtung, orches­trale Opulenz und kammer­mu­si­ka­lische Intimität an einem Abend gleicher­maßen anbietet. Und das Gewand­haus­or­chester setzt seine Vorgaben mit Brillanz und großer orches­traler Klang­gewalt um. Das einzige, was an diesem Abend fehlt, ist der Jubel und der Applaus des Publikums, den Sänger­ensemble, Orchester und Dirigent ohne jegliche Einschränkung verdient gehabt hätten. So ist der Abend ein musika­li­scher Hochgenuss, und die Frage „Wort oder Musik“ stellt sich nicht, oder um mit Wagner zu sprechen, es ist das Gesamt­kunstwerk, was zählt. Man kann nur hoffen, dass es bald wieder möglich sein wird, ins Theater zu gehen, denn dieses Werk in dieser Besetzung verdient ein Publikum vor Ort.

Andreas H. Hölscher

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