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Die größte Herausforderung an einer Neuinszenierung der Oper Carmen ist der Spagat zwischen Klischeevermeidung und dem bewussten Spiel mit den Klischees, die diese Oper so einzigartig macht. Denn Carmen hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Es geht um Liebe und Eifersucht, um Schuldzuweisungen und Verletzbarkeit, um Stolz und Ehre – Themen, die im emotionalen Alltag von heute immer wieder erscheinen. Und nicht zuletzt geht es auch um Emanzipation. Nicht unbedingt nur um die weibliche, sondern um das Erlangen von Eigenständigkeit an sich. Die australische Regisseurin Lindy Hume, die an der Oper Leipzig bereits Don Pasquale und La Cenerentola inszenierte, sieht Carmen nicht als männermordenden Vamp, als der sie oft dargestellt wird, sondern als selbstbestimmte Frau. Sie zieht Parallelen zwischen Carmen und Don Giovanni: Beide Figuren sind in ihrer Unabhängigkeit ihrer Zeit voraus und heißen den Tod als letzte Bekundung ihres unbedingten Freiheitswillens willkommen. Und das ist Humes Annäherung an dieses Sujet in ihrem Regiekonzept. Carmen vereint und überhöht gleichzeitig die Eigenschaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leidenschaftlich bis zur Selbstaufgabe, dreht sinnlich im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefährliche Fallhöhe. Carmens größter Drang ist es dabei, ihre Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von den anderen zu machen. Selbstbestimmung und Emanzipation stehen im Mittelpunkt ihres Handelns. Die Dreiecksbeziehung zu Don José und Escamillo ist daher nur die logische Konsequenz aus Carmens Persönlichkeitsstruktur. Für Carmen ist das höchste Gut ihre Freiheit. Niemals will sie sich den Zwängen der Gesellschaft unterwerfen. Der angepasste Sergeant Don José ist fasziniert von dieser Frau, die sich einfach nimmt, was sie will. Er gibt alles für sie auf, seine Jugendliebe Micaëla, in die er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, seine Stellung beim Militär und schließt sich sogar einer Schmugglerbande an. Er ist besessen von Carmen, die schon bald das Interesse an ihm verliert und dem todesmutigen Stierkämpfer Escamillo verfällt. José ist verzweifelt und will Carmen zurück, um jeden Preis. Dabei ist er Opfer seiner eigenen Dämonen, die ihn beherrschen und ihn immer wieder zu gewalttätigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät realisiert er, dass er von Carmen nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hume tappt nicht in die Gefälligkeitsfalle, die gerade bei einer Carmen-Inszenierung überall lauert. Sie bietet Assoziationsflächen für das Publikum an, ohne dabei unverbindlich zu werden. Sie vermeidet die typisch spanischen Klischees, ihre Personenregie ist von eher subtiler Charaktersprache geprägt. Hier die leidenschaftliche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unterschicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert. Don José einerseits, der dieser Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm einmal wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo andererseits, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwischen Micaëla, als weiblicher Antipode zur Carmen, die aufgrund ihrer Sozialisation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist. Hume geht von der Rezitativfassung aus, so dass es so gut wie keine langwierigen Dialoge gibt. Das vermeidet Spannungslöcher und verdichtet die Handlung, die sich ganz auf die Musik und das gesungene Wort konzentriert. Dass der Schluss mit einem Kopfschuss Carmens endet und ihr Blut an der Mauer herunterläuft, ist einerseits fast cineastisch effektvoll, andererseits spricht es für die lebensnahe, reale Darstellung des Eifersuchtsdramas.

Im Mittelpunkt des Bühnenbildes von Dan Potra stehen linksseitig eine große Mauer und rechtsseitig ein Gebäude, die einen großen Platz in der Mitte bilden. Er ist Außenfassade der Zigarettenfabrik im ersten Akt und der Stierkampfarena im vierten Akt, es ist die Taverne des Lillas Pastia im zweiten Akt und Schmugglerlager im dritten Akt. Doch all das wird nur angedeutet, Hume und Potra bieten dem Publikum hier eine Atmosphäre, in der jeder nach seiner eigenen Vorstellung entscheiden kann, was der Raum für ihn bedeutet. Untermalt wird die Szenerie durch die atmosphärisch reizvolle Lichtregie von Matthew Marshall, die eine schneebedeckte Berglandschaft auf die Mauer projiziert. In der Schlussszene schließen sich Mauer und Gebäude zu einem Innenhof, aus dem es für Carmen kein Entrinnen mehr gibt.
Die Kostüme, ebenfalls von Dan Potra, erscheinen dagegen fast schon klassisch, ohne den typisch spanischen Habitus. Die Soldaten wirken eher harmlos, die Arbeiterinnen in der Zigarettenfabrik sind schmuddelig verschwitzt mit ungeheurer erotischer Ausstrahlung. Hier bedient das Regieteam ganz gezielt animalische und archaische Elemente und vermeidet hübsche Klischees.
Es sind die Sängerdarsteller an diesem Abend, die aus einer gewöhnlichen Premiere ein umjubeltes Ereignis machen. Die Mezzosopranistin Wallis Giunta, in diesem Jahr mit dem International Opera Award als Nachwuchssängerin des Jahres ausgezeichnet, gibt in Leipzig ihr Rollendebüt als Carmen. Für Giunta die persönlich vielleicht wichtigste Rolle in ihrer noch jungen Karriere. „Gerade jetzt ist es wichtig, diese Geschichte zu erzählen, denn der Dialog über Frauenrechte und Gleichberechtigung hat gerade erst begonnen und Carmen ist genau die richtige Geschichte dafür“, verriet sie in einem Interview.

Und dass sie sich mit dieser Carmen identifiziert, zeigt sie sängerisch und darstellerisch mit leidenschaftlichem Spiel. Die Habanera singt sie mit lasziver Stimme. Ihrem relativ hohen Mezzosopran fehlt manchmal etwas die erotische Tiefe in der Stimme, die für eine Carmen so prägnant ist. Das macht sie aber mit einer äußerst sinnlich-erotischen Darstellung wieder wett und wird an diesem Abend zu Recht umjubelt. Leonardo Caimi verleiht der Partie des Don José einen ganz besonderen Charakterzug. Leidenschaft um jeden Preis. Seine Blumenarie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Veränderung Don Josés vom einfachen, verliebten Soldaten zum aggressiven, psychotischen Stalker setzt Caimi nicht nur darstellerisch, sondern auch sängerisch mit größtem Einsatz um. Olena Tokar gefällt als Micaëla mit lyrischem, glockenreinem Sopran, strahlender Höhe und dezentem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Für Leipzigs Publikumsliebling ist dieses Rollendebüt nach der Partie der Rusalka ein neuer großer Erfolg. Gezim Myshketa überzeugt als maskuliner Escamillo mit Testosteron getränktem Bariton und physischer Präsenz. Sein Auftrittslied braucht den Vergleich zu großen Namen nicht scheuen. Die Nebenrollen, allen voran mit Sandra Maxheimer als Mercédès und Bianca Tognocchi als Frasquita sind an diesem Abend alle herausragend besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen großartigen sängerischen und darstellerischen Eindruck hinterlässt.
Der Chor der Oper Leipzig, einstudiert von Thomas Eitler-de Lint, ist stimmlich gut präsent und durch intensives Spiel in das Gesamtgeschehen integriert. Hervorzuheben ist dabei der Kinderchor der Oper Leipzig, der dank Sophie Bauer gesanglich hervorragend aufgestellt ist und sich mit engagierter Choreografie einen Sonderapplaus verdient hat. Das Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung des ersten Gastdirigenten Matthias Foremny spielt einen intensiven und zugkräftigen Bizet. Schon das bekannte Vorspiel ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melancholisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphärisch im Graben. Werden die Orchestersoli durchaus prägnant und gerade hinaus gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein dienendes, den Gesang unterstreichendes Dirigat und Orchesterspiel. Foremny und das Gewandhausorchester Leipzig werden zum Schluss ebenfalls umjubelt.
Das Publikum hat an diesem Abend ein besonderes Gespür für die Leistungen im Orchestergraben, auf der Bühne und hinter den Kulissen. Einhellig werden Regieteam, Chor und Orchester sowie das Ensemble mit langanhaltendem Applaus bedacht, ein einzelner Buh-Ruf kann die insgesamt positive Reaktion des Publikums nicht schmälern. Lindy Hume hat mit dieser Produktion eine sehenswerte, moderne Interpretation der Carmen im klassischen Gewand auf die Bühne gebracht, ohne große Aufreger, dafür eingängig und ideal für Operneinsteiger.
Andreas H. Hölscher