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Foto © Tom Schulze

Freiheit bis zum Tod

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
30. November 2018
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Die größte Heraus­for­derung an einer Neuin­sze­nierung der Oper Carmen ist der Spagat zwischen Klischee­ver­meidung und dem bewussten Spiel mit den Klischees, die diese Oper so einzig­artig macht. Denn Carmen hat bis heute nichts an Aktua­lität verloren. Es geht um Liebe und Eifer­sucht, um Schuld­zu­wei­sungen und Verletz­barkeit, um Stolz und Ehre – Themen, die im emotio­nalen Alltag von heute immer wieder erscheinen. Und nicht zuletzt geht es auch um Emanzi­pation. Nicht unbedingt nur um die weibliche, sondern um das Erlangen von Eigen­stän­digkeit an sich. Die austra­lische Regis­seurin Lindy Hume, die an der Oper Leipzig bereits Don Pasquale und La ­Cenerentola insze­nierte, sieht Carmen nicht als männer­mor­denden Vamp, als der sie oft darge­stellt wird, sondern als selbst­be­stimmte Frau. Sie zieht ­Paral­lelen zwischen Carmen und Don Giovanni: Beide ­Figuren sind in ihrer Unabhän­gigkeit ihrer Zeit vor­aus und heißen den Tod als letzte Bekundung ihres unbedingten Freiheits­willens willkommen. Und das ist Humes Annäherung an dieses Sujet in ihrem Regie­konzept. Carmen vereint und überhöht gleich­zeitig die Eigen­schaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leiden­schaftlich bis zur Selbst­aufgabe, dreht sinnlich im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefähr­liche Fallhöhe. Carmens größter Drang ist es dabei, ihre Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von den anderen zu machen. Selbst­be­stimmung und Emanzi­pation stehen im Mittel­punkt ihres Handelns. Die Dreiecks­be­ziehung zu Don José und Escamillo ist daher nur die logische Konse­quenz aus Carmens Persön­lich­keits­struktur. Für Carmen ist das höchste Gut ihre Freiheit. ­Niemals will sie sich den Zwängen der Gesell­schaft unter­werfen. Der angepasste Sergeant Don José ist faszi­niert von dieser Frau, die sich einfach nimmt, was sie will. Er gibt alles für sie auf, seine Jugend­liebe Micaëla, in die er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, seine Stellung beim Militär und schließt sich sogar einer Schmugg­ler­bande an. Er ist besessen von Carmen, die schon bald das Interesse an ihm verliert und dem ­todes­mu­tigen Stier­kämpfer Escamillo verfällt. José ist verzweifelt und will Carmen zurück, um jeden Preis. Dabei ist er Opfer seiner eigenen Dämonen, die ihn beherr­schen und ihn immer wieder zu gewalt­tä­tigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät reali­siert er, dass er von Carmen nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Hume tappt nicht in die Gefäl­lig­keits­falle, die gerade bei einer Carmen-Insze­nierung überall lauert. Sie bietet Assozia­ti­ons­flächen für das Publikum an, ohne dabei unver­bindlich zu werden. Sie vermeidet die typisch spani­schen Klischees, ihre Perso­nen­regie ist von eher subtiler Charak­ter­sprache geprägt. Hier die leiden­schaft­liche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unter­schicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert. Don José einer­seits, der dieser Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm einmal wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo anderer­seits, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwi­schen Micaëla, als weiblicher Antipode zur Carmen, die aufgrund ihrer Sozia­li­sation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist. Hume geht von der Rezita­tiv­fassung aus, so dass es so gut wie keine langwie­rigen Dialoge gibt. Das vermeidet Spannungs­löcher und verdichtet die Handlung, die sich ganz auf die Musik und das gesungene Wort konzen­triert. Dass der Schluss mit einem Kopfschuss Carmens endet und ihr Blut an der Mauer herun­ter­läuft, ist einer­seits fast cineas­tisch effektvoll, anderer­seits spricht es für die lebensnahe, reale Darstellung des Eifersuchtsdramas.

Foto © Tom Schulze

Im Mittel­punkt des Bühnen­bildes von Dan Potra stehen links­seitig eine große Mauer und rechts­seitig ein Gebäude, die einen großen Platz in der Mitte bilden. Er ist Außen­fassade der Zigaret­ten­fabrik im ersten Akt und der Stier­kampf­arena im vierten Akt, es ist die Taverne des Lillas Pastia im zweiten Akt und Schmugg­ler­lager im dritten Akt. Doch all das wird nur angedeutet, Hume und Potra bieten dem Publikum hier eine Atmosphäre, in der jeder nach seiner eigenen Vorstellung entscheiden kann, was der Raum für ihn bedeutet. Untermalt wird die Szenerie durch die atmosphä­risch reizvolle Licht­regie von Matthew Marshall, die eine schnee­be­deckte Bergland­schaft auf die Mauer proji­ziert. In der Schluss­szene schließen sich Mauer und Gebäude zu einem Innenhof, aus dem es für Carmen kein Entrinnen mehr gibt.

Die Kostüme, ebenfalls von Dan Potra, erscheinen dagegen fast schon klassisch, ohne den typisch spani­schen Habitus. Die Soldaten wirken eher harmlos, die Arbei­te­rinnen in der Zigaret­ten­fabrik sind schmud­delig verschwitzt mit ungeheurer eroti­scher Ausstrahlung. Hier bedient das Regieteam ganz gezielt anima­lische und archaische Elemente und vermeidet hübsche Klischees.

Es sind die Sänger­dar­steller an diesem Abend, die aus einer gewöhn­lichen Premiere ein umjubeltes Ereignis machen. Die Mezzo­so­pra­nistin Wallis Giunta, in diesem Jahr mit dem Inter­na­tional Opera Award als Nachwuchs­sän­gerin des Jahres ausge­zeichnet, gibt in Leipzig ihr Rollen­debüt als Carmen. Für Giunta die persönlich vielleicht wichtigste Rolle in ihrer noch jungen Karriere. „Gerade jetzt ist es wichtig, diese Geschichte zu erzählen, denn der Dialog über Frauen­rechte und Gleich­be­rech­tigung hat gerade erst begonnen und Carmen ist genau die richtige Geschichte dafür“, verriet sie in einem Interview.

Foto © Tom Schulze

Und dass sie sich mit dieser Carmen identi­fi­ziert, zeigt sie sänge­risch und darstel­le­risch mit leiden­schaft­lichem Spiel. Die Habanera singt sie mit lasziver Stimme. Ihrem relativ hohen Mezzo­sopran fehlt manchmal etwas die erotische Tiefe in der Stimme, die für eine Carmen so prägnant ist. Das macht sie aber mit einer äußerst sinnlich-eroti­schen Darstellung wieder wett und wird an diesem Abend zu Recht umjubelt. Leonardo Caimi verleiht der Partie des Don José einen ganz beson­deren Charak­terzug. Leiden­schaft um jeden Preis. Seine Blume­narie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Verän­derung Don Josés vom einfachen, verliebten Soldaten zum aggres­siven, psycho­ti­schen Stalker setzt Caimi nicht nur darstel­le­risch, sondern auch sänge­risch mit größtem Einsatz um. Olena Tokar gefällt als Micaëla mit lyrischem, glocken­reinem Sopran, strah­lender Höhe und dezentem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Für Leipzigs Publi­kums­liebling ist dieses Rollen­debüt nach der Partie der Rusalka ein neuer großer Erfolg. Gezim Myshketa überzeugt als masku­liner Escamillo mit Testo­steron getränktem Bariton und physi­scher Präsenz. Sein Auftrittslied braucht den Vergleich zu großen Namen nicht scheuen. Die Neben­rollen, allen voran mit Sandra Maxheimer als Mercédès und Bianca Tognocchi als Frasquita sind an diesem Abend alle heraus­ragend besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen großar­tigen sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Eindruck hinterlässt.

Der Chor der Oper Leipzig, einstu­diert von Thomas Eitler-de Lint, ist stimmlich gut präsent und durch inten­sives Spiel in das Gesamt­ge­schehen integriert. Hervor­zu­heben ist dabei der Kinderchor der Oper Leipzig, der dank Sophie Bauer gesanglich hervor­ragend aufge­stellt ist und sich mit engagierter Choreo­grafie einen Sonder­ap­plaus verdient hat. Das Gewand­haus­or­chester Leipzig unter der Leitung des ersten Gastdi­ri­genten Matthias Foremny spielt einen inten­siven und zugkräf­tigen Bizet. Schon das bekannte Vorspiel ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melan­cho­lisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphä­risch im Graben. Werden die Orches­tersoli durchaus prägnant und gerade hinaus gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein dienendes, den Gesang unter­strei­chendes Dirigat und Orches­ter­spiel. Foremny und das Gewand­haus­or­chester Leipzig werden zum Schluss ebenfalls umjubelt.

Das Publikum hat an diesem Abend ein beson­deres Gespür für die Leistungen im Orches­ter­graben, auf der Bühne und hinter den Kulissen. Einhellig werden Regieteam, Chor und Orchester sowie das Ensemble mit langan­hal­tendem Applaus bedacht, ein einzelner Buh-Ruf kann die insgesamt positive Reaktion des Publikums nicht schmälern. Lindy Hume hat mit dieser Produktion eine sehens­werte, moderne Inter­pre­tation der Carmen im klassi­schen Gewand auf die Bühne gebracht, ohne große Aufreger, dafür eingängig und ideal für Operneinsteiger.

Andreas H. Hölscher

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