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Foto © Tom Schulze

Freigeist statt Frauenheld

CASANOVA
(Albert Lortzing)

Besuch am
12. Juni 2018
(Premiere am 2. Juni 2018)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig

Wenn der Name des Kompo­nisten Albert Lortzing fällt, denkt der Opern­lieb­haber an die großen Spiel­opern Zar und Zimmermann, Der Wildschütz, Der Waffen­schmied und natürlich Undine. Doch Lortzing kompo­nierte noch elf weitere Opern und vier Singspiele, die alle so gut wie in Verges­senheit geraten sind. Eines dieser Werke ist die Oper Casanova, die Lortzing in Leipzig schrieb und die am Silves­ter­abend des Jahres 1841 am Stadt­theater Leipzig urauf­ge­führt wurde. Nun hat die Musika­lische Komödie der Oper Leipzig das Stück über den berühm­testen Frauen­helden der Litera­tur­ge­schichte in ein barockes venezia­ni­sches Gewand gekleidet und auf die Bühne gebracht.

Lortzing stammte aus einfachen Verhält­nissen und wurde nie als seriöser Komponist anerkannt. 1833 kam er nach Leipzig, wo er zunächst als Schau­spieler und Sänger am Stadt­theater engagiert war, dann auch von 1844 bis 1845 als Kapell­meister, bevor er wegen finan­zi­eller Nöte des Theaters entlassen wurde und als Kapell­meister nach Wien ging. Um seine Familie zu ernähren, kompo­nierte er neben seiner Tätigkeit als Schau­spieler und Sänger quasi Opern am Fließband. Obwohl seine Stücke großen Erfolg hatten, sah er von dem Geld wenig. Die Theater­di­rek­toren hingegen verdienten sich eine goldene Nase an ihm. Die Wut auf diese ungerechten Verhält­nisse schimmert im Casanova durch. Wie bei den meisten seiner Opern schrieb Lortzing den Text selbst, als Vorlage diente ihm das franzö­sische Vaude­ville Casanova au Fort St. André von Etienne Arago Varin und Desvergers, das 1836 in Paris urauf­ge­führt wurde, das er aber komplett umarbeitete. Erzählt wird eine Anekdote aus dem Leben des berühmt-berüch­tigten venezia­ni­schen Frauen­helden Giacomo Girolamo Casanova, der sich selbst Chevalier de Seingalt nannte.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der histo­rische Casanova lebte im Venedig des 18. Jahrhun­derts und schil­derte in seinen zwölf­bän­digen Memoiren explizit seine amourösen Abenteuer. Bei Lortzing ist Casanova aller­dings nicht der klassische Frauenheld und Verführer, sondern mehr der Poet und der Freigeist. Das Thema Freiheit, gleich­zeitig auch Inhalt der Auftrittsarie Casanovas, zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück. Es beherrscht sein Denken und Tun und vielleicht auch deshalb verführt er in diesem Stück keine einzige Frau, obwohl die Gelegen­heiten reichlich vorhanden sind. Es finden sich ferner jede Menge Anspie­lungen und Zitate wie die Figur des Abbé da Ponte, ein Hinweis auf Mozarts Libret­tisten Lorenzo da Ponte. Dass der Kerker­meister in diesem Stück auch Rocco heißt, ist sicher auch kein Zufall, denn Beethovens Fidelio ist die Freiheitsoper schlechthin. Natürlich ist Casanova eine heitere Spieloper, mehr dem Genre der Operette zugeneigt als der drama­ti­schen Oper, mit einer eingän­gigen Musik, die mehr an Rossini und Mozart erinnert als an seinen Zar und Zimmermann. Mit seinen anmutigen Arien, pointierten Couplets sowie den großen Ensem­ble­sätzen und Chören steht Casanova in der Tradition der italie­ni­schen Opera buffa.

Die Geschichte ist eigentlich simpel, doch durch Verwechs­lungen und Intrigen wiederum vertrackt und kompli­ziert und manchmal schwer nachvoll­ziehbar. Casanova hat sich in eine unbekannte Schönheit namens Rosaura verliebt, die die Nichte des Festungs­kom­man­deurs Busoni ist. Doch Rosaura ist unglücklich mit dem reichen, verschla­genen Gambetto verlobt, der seinen alten Freund Casanova schnell als Rivalen erkannt hat. Und dann gibt es noch Bettina, die Tochter des stets volltrun­kenen Kerker­meisters Rocco, die Casanova anschmachtet, was wiederum ihrem Verlobten Peppo, einem einfäl­tigen Pinsel, gar nicht gefällt. Casanova wird wegen eines Duells ins Gefängnis gesperrt, dort aber gut versorgt, kann fliehen und letzt­endlich die Heirat Rosauras mit Gambetto verhindern, ohne seine Angebetete am Ende erobern zu können. Also kein echtes Happy End.

Üppig und farbenfroh ist die Ausstattung von Beate Zoff. Schon der Vorhang im Stile Canalettos versetzt den Zuschauer in das spätba­rocke Venedig. Im Zentrum steht eine typische venezia­nische Brücke, die Dreh- und Angel­punkt des Geschehens ist und in allen drei Aufzügen aus einer anderen Perspektive gezeigt wird. Im ersten Aufzug ist eine typische venezia­nische Piazza mit Canale und der klassi­schen Fassade Venedigs im Hinter­grund zu sehen, und eine Gondel darf natürlich auch nicht fehlen. Die farben­frohen und opulenten Kostüme der Damen, die Gondo­lieri, das alles könnte auch so eins zu eins als Kulisse für Johann Strauss und seine Operette Eine Nacht in Venedig fungieren. Die Gefäng­nis­szene im zweiten Aufzug spielt unter dem Brücken­ge­wölbe, was sich auf den ersten Blick gar nicht erschließt, ein raffi­nierter und effekt­voller Kunst­griff. Beim Ball im dritten Aufzug, der an den großen Karneval in Venedig erinnert, wird die Treppe zu einer großen Freitreppe umfunktioniert.

Cusch Jung, Chefre­gisseur der Musika­li­schen Komödie, hat das Stück mit viel Witz und Augen­zwinkern auf die Bühne gebracht und dabei die Figuren stark überzeichnet, insbe­sondere Rocco, Peppo und Gambetto sind doch schon skurrile Gestalten. Und genau hier krankt das Stück etwas. Mit knapp drei Stunden ist das Werk insgesamt zu lang, die Dialoge zünden nicht immer, die Pointen sind zu vorher­sehbar, und es werden zu viele Klischees bedient. Vielleicht auch ein Grund, warum dieses Werk Lortzings fast völlig in Verges­senheit geraten ist. Das Stück gestrafft, die Dialoge gekürzt, der große Erfolg wäre vorpro­gram­miert gewesen. So ermüdet es eher, und die Reaktion des Publikums, das durch die großar­tigen Operetten und Musicals an der Musika­li­schen Komödie natürlich auch verwöhnt ist, reagiert zwar mit freund­lichem Applaus, aber Euphorie sieht anders aus.

Dabei hat das Werk großes musika­li­sches Potenzial, mit schönen Orches­ter­szenen, großen Arien und Chorszenen. Stefan Klingele, Chefdi­rigent der Musika­li­schen Komödie, leitet das Orchester mit Leiden­schaft, spannt große Bögen und betont den Farben­reichtum der Partitur.

Foto © Tom Schulze

Radoslaw Rydlewski in der Titel­rolle verkörpert einen sympa­thi­schen Casanova, der mehr Freigeist als Frauenheld ist. Doch seine Stimme wirkt an diesem Abend klein, die Stimm­führung ist eng, die Höhen manchmal gequält, was den positiven Gesamt­ein­druck trübt. Lilli Wünscher, Leipzigs Operet­tendiva, gibt die Rosaura mit Grandezza und kühler Schönheit im Ausdruck. Großen Eindruck hinter­lässt Magdalena Dobler als kecke Bettina. Ausge­liehen von der Oper Leipzig, wo sie grade noch die Woglinde in der Götter­däm­merung gesungen hat, darf sie hier ihr komödi­an­ti­sches Talent in Spiel und Gesang unter Beweis stellen. Hinrich Horn gibt den intri­ganten und glatten Gambetto mit schön­ge­färbtem Bariton. Michael Raschle überzeugt mit markantem Bass-Bariton als Festungs­kom­mandeur Busoni, während die beiden Urgesteine der Musika­li­schen Komödie, Milko Milev als Rocco und Andreas Rainer als Peppo eine Bank in komödi­an­ti­scher Darstellung sind. Und Stefan Dittko als Gastwirt Fabio lässt mit schönem Bariton aufhorchen. Der Chor der Musika­li­schen Komödie, von Mathias Drechsler exzellent einge­stimmt, hat sicht­lichen Spaß an dieser Komödie und fühlt sich in den Kostümen sehr wohl, was der Spiel­freude, vor allem bei den Damen, sehr entgegenkommt.

Am Ende bleibt vor allem das schöne venezia­nische Bild im Kopf, und die eingän­gigen Melodien klingen noch nach. Wären die Dialoge noch etwas kürzer gewesen, das ganze Stück auf zweieinhalb Stunden kompri­miert, es hätte ein zündendes Feuerwerk sein können. So bleibt am Schluss etwas Ermüdung und die Tatsache, dass auch ein Frauenheld gelegentlich seine Priori­täten verschieben muss. Ach ja, nach langem Umbau hat nun pünktlich zur Premiere von Casanova das neue Theater­re­staurant an der MuKo geöffnet mit dem treffenden Namen Lortzing.

Andreas H. Hölscher

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