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The Wild, Wild Girl

L’ELISIR D’AMORE
(Gaetano Donizetti)

Besuch am
14. September 2019
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Sechs Jahre nach der grandiosen Premiere von Don Pasquale und knapp drei Jahre nach Katharina Thalbachs überzeu­gender Inter­pre­tation von Lucia di Lammermoor steht in Leipzig als erste Opern­pre­miere der Spielzeit 201920 mit Der Liebes­trank wieder eine Donizetti-Oper auf dem Spielplan, ein Klassiker des Belcantos. Gaetano Donizetti, gerne auch „Maestro orgasmo“ genannt, gilt neben Rossini und Bellini als einer der drei großen Vertreter des Belcantos und kompo­nierte das Werk um das Liebes­glück verhei­ßende Gebräu innerhalb von zwei Wochen. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Ein Liebes­trank soll es richten. Zumindest setzt Nemorino all seine Hoffnung in dieses Gebräu: Schließlich hat er als kleiner Niemand – so die wörtliche Übersetzung seines Namens – sein Herz an die anbetungs­würdige, aber eher am schnei­digen Belcore inter­es­sierte Adina verloren. Welch ein Glück, dass der fahrende Wunder­doktor Dulcamara ein solches Mittel rein zufällig in seinem Sortiment führt. Das Wunder­elixier, bei dem es sich freilich um nichts anderes als Alkohol handelt, zeigt auch prompt seine Wirkung: Mit frisch gewon­nenem Selbst­ver­trauen steigt Nemorino zum begehr­testen Jungge­sellen weit und breit auf – wozu das Gerücht einer beträcht­lichen Erbschaft wohl nicht unwesentlich beiträgt. So gelingt es Nemorino nicht nur, seinen Neben­buhler auszu­stechen, sondern letztlich auch Adinas Herz zu gewinnen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Rolando Villazón, der im Laufe seiner erfolg­reichen Gesangs­kar­riere den Nemorino an den großen Bühnen dieser Welt gegeben hat, insze­niert zum ersten Mal an der Oper Leipzig und sorgt natürlich im Vorfeld für großes Interesse und Nachfrage. Selbst­redend ist die Premiere ausver­kauft, die Spannung und Vorfreude im Publikum ist groß. Bei den Pfingst­fest­spielen Baden-Baden 2012 hat Villazón in seiner zweiten Regie­arbeit insgesamt das erste Mal diese Oper als „Italo-Western“ insze­niert und dabei selbst den Nemorino gesungen.

In Leipzig konzen­triert sich Villazón ausschließlich auf die Regie, die an sein Baden-Badener Konzept von 2012 anknüpft, aber die Perso­nen­regie an die Sänger­dar­steller der Oper Leipzig anpasst. Villazón verlegt in seiner Insze­nierung die Handlung an das Filmset eines Western-Movies der 1940-er Jahre in klassi­scher John-Ford-Kulisse und schafft damit ein Spiel im Spiel. Am Filmset soll der Italo-Western The Wild, Wild Girl gedreht werden – mit Adina und Belcore in den Haupt­rollen. Dulcamara ist der Regisseur und gibt – unter­stützt von Regie­as­sis­tentin Giannetta – im Film den india­ni­schen Medizinmann. Als einfacher, mexika­ni­scher Statist ist Nemorino Hals über Kopf in die Filmdiva Adina verliebt, hat aber zunächst keine Chancen bei ihr, zumal er auch nicht immer zwischen Realität und Filmfiktion unter­scheiden kann. Alle Verwick­lungen um seine Liebe zu Adina werden in der Rahmen­handlung am Set und im „Film auf dem Theater“ gespiegelt. Erinne­rungen und Paral­lelen zu den frühen Stumm­film­stars wie Buster Keaton, Harold Lloyd oder Charlie Chaplin sind gewollt. Um die zwei Handlungs­ebenen vonein­ander zu trennen, setzt Villazón an seinem „Filmset“ auf von der Commedia dell ´arte inspi­rierte Gestik und Mimik, die beinahe panto­mi­mische Momente entstehen lassen.

Foto © Kirsten Nijhof

Dabei schafft er es, den Spagat zwischen clowneskem Humor und der immer wieder durch­schei­nenden Melan­cholie so anzusetzen, dass das Pendel weder in die eine noch in die andere Richtung zu stark ausschlägt. Durch die Slapstick-Einlagen, bei denen auch schon mal jemandem eine Torte ins Gesicht gedrückt wird, ist viel Heiterkeit im Spiel, und der Regisseur des Films darf dann auch schon mal im breitesten Schwar­zen­egger Akzent „action“ oder „cut“ rufen. Villazón achtet in seiner Perso­nen­regie schon penibel auf die Details, denn die schnellen Abfolgen müssen sitzen, sonst hängt die Szene. Jeder Chorsänger, jeder Komparse hat eine sehr indivi­duelle und zum Teil tragende Rolle in diesem Gesamt­konzept. Da gibt es einen Indianer, der fast 2 ¾ Stunden stoisch auf der Bühne steht, grimmig schaut und ab und zu ein lautes „Howgh“ von sich gibt. Oder ein Chinese, der im Hinter­grund die ganze Zeit „Thai-Chi“-Übungen in Zeitlupe durch­führt. Am Anfang wirken diese Statisten wie Fremd­körper, doch im Laufe der Handlung werden sie dem Publikum immer vertrauter und gehören schlichtweg dazu. Und so fügen sich die Handlungs­stränge und die Querver­bindung zwischen Filmsze­nerie und reiner Opern­handlung harmo­nisch zusammen und ergeben ein durchaus schlüs­siges Regie­konzept, in dem durch die vielen bekannten Filmzitate für jeden Zuschauer etwas Bekanntes dabei ist, und wenn es King Kong ist, der sich aus einem anderen Filmstudio ans Set verirrt hat.

Das Bühnenbild von Johannes Leiacker scheint einem der großen Western-Filme wie Die Glorreichen Sieben entliehen zu sein. Man sieht den obliga­to­ri­schen Saloon, eine Bank, das Haus des Sheriffs und natürlich ein Gefängnis, alles als Hinter­grund­ku­lisse des Filmsets, gut verschiebbar und drehbar, so dass im zweiten Akt der offene Saloon als Kulisse fungiert.

Die Kostüme von Thibauld Vancrae­nen­broeck sind der Filmku­lisse entspre­chend konzi­piert und würden auch wunderbar zu Puccinis Oper Das Mädchen aus dem Goldenen Westen passen.

Foto © Kirsten Nijhof

Auch musika­lisch und sänge­risch stimmt die Mischung an diesem Abend. Allen voran Bianca Tognocchi mit ihrem fulmi­nanten Rollen­debüt als Adina. Mit leichtem Stimm­ansatz bewältigt sie mühelos die Kolora­turen und die drama­ti­schen Höhen. Regis­ter­wechsel und Tessitura sind bei ihr perfekt angelegt wie zum Beispiel in der großen Arie Chiedi all’aura. Auch ihr Spiel als Hollywood-Diva ist köstlich, eine Ähnlichkeit zu einer gewissen Rita Hayworth ist schon offen­sichtlich. Piotr Buszewski ist als Nemorino so etwas wie eine Ideal­be­setzung und tritt mit seinem geschmei­digen Belcanto-Tenor und dem naiv-clownesken Spiel aus dem Schatten seines Regis­seurs, der diese Rolle stark geprägt hat. Höhepunkt ist natürlich die große Arie Una furtiva lagrima, die er mit großem stilis­ti­schem Ausdruck und der notwen­digen Melan­cholie inter­pre­tiert, und hier zeigt sich die tiefgründige Seele des kleinen Nemorino. Jonathan Mitchie als Belcore begeistert mit kraft­vollem und doch schmei­chelndem Bariton und chargie­rendem Spiel als eitler, selbst­ver­liebter Belcore, während Sejong Chan als Dulcamara mit seinem markanten Bass und herrlich witzigem Spiel fast den Haupt­prot­ago­nisten etwas die Schau stiehlt. Sandra Maxheimer als Giannetta kann die wenigen sänge­ri­schen Passagen überzeugend gestalten.

Der Chor der Oper Leipzig, hervor­ragend von Alexander Stessin einge­stellt, überzeugt wieder durch eine beein­dru­ckende Stimm­har­monie und engagiertes Spiel. Die junge Dirigentin Giedrė Šlekytė am Pult des Gewand­haus­or­chesters war im letzten Jahr bei der Premiere von Schwa­nensee die Entde­ckung des Abends. Šlekytė lässt das Gewand­haus­or­chester einen leichten, aber inten­siven Donizetti spielen. Und gerade diese Leich­tigkeit aus dem Graben auf die Bühne und ins Publikum zu trans­po­nieren, das ist eine große Heraus­for­derung. Sie wechselt die Tempi, ohne sich zu verga­lop­pieren und begleitet sehr sänger­freundlich das Ensemble. An manchen Stellen fehlt vielleicht etwas die Sprit­zigkeit, die Donizettis Musik so auszeichnet, und manchmal klingt es etwas verhalten aus dem Orches­ter­graben, aber insgesamt ist es eine überzeu­gende Leistung des Gewand­haus­or­chesters, das wieder einmal gezeigt hat, dass es nicht nur das große roman­tische und drama­tische Reper­toire von Wagner und Strauss beherrscht. Als der Vorhang fällt, ist die Aufführung noch nicht vorbei. Das Opernhaus verwandelt sich in ein Kino, und zu den Klängen der Ouvertüre wird im Stil eines Stumm­films ein gut dreimi­nü­tiger schwarz-weiß-Film gezeigt, der die Highlights des grade gedrehten Films The Wild, Wild Girl noch einmal zeigt. Die Kamera­führung ist rasant und zeigt das grade gesehene in Close-ups. Da hat sich Maria Gollan ein ganz großes Sonderlob verdient.

Das Publikum ist am Schluss nach nahezu drei Stunden Auffüh­rungszeit begeistert, es gibt lautstarken Jubel für alle Protago­nisten, einschließlich des Regie­teams, und nach dem zweiten Vorhang erhebt sich das Publikum geschlossen. Besser hätte der Start in die neue Spielzeit kaum laufen können. Und wer nicht genug hat von diesem Liebes­elixier: In drei Wochen steht in Leipzig die nächste Premiere mit einem Liebes­trank auf dem Spielplan, dann wird es aber deutlich ernster. Richard Wagners Tristan und Isolde ist angekündigt.

Andreas H. Hölscher

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