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LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)
Besuch am
14. Dezember 2019
(Premiere am 29. September 2018)
La Fanciulla del West im Dezember in Leipzig passt als musikalische Oper-Schmonzette à la Giacomo Puccini in die Jahreszeit. Wie überall dominieren in den Städten die Weihnachtsmärkte. Die von Bratwurst, Glühwein, gerösteten Mandeln und Gebäck geschwängerte Luft tragen die Opernbesucher selbstverständlich mit ins Haus.
Hohe Zeit des Advents, die in der Oper und auf dem Weihnachtsmarkt parallel, doch sehr unterschiedlich verstanden wird. Kaum noch einen Gedanken an die Erwartung der Geburt des im Neuen Testament verheißenen Erlösers zu verschwenden, scheint die vom Alkohol befeuerte Weihnachtsmarktgesellschaft. Im Opernhaus ist Minnie, la Fanciulla, in einem Wild-West-Kaff für die Goldgräber nicht nur Wirtin und erotische Projektionsfläche, sondern geriert sich letztlich als eine Heilige. Minnie versammelt den wilden Männerhaufen um sich und liest ihnen aus der Bibel vor.
Wo auf dem Weihnachtsmarkt der Glühwein die Stimmung hebt, belebt er sie bei Minnie in der Spelunke Polka mit Whisky. Trällern dort im Hintergrund abgenudelte, verhunzte Weihnachtslieder, fluten über die Opernbühne Puccinis musikalisch kalkulierte Emotionen. Minnies christliche Lektionen geben der reichlich konstruierten, schwer verdaulichen Liebe-Herz-Schmerz-Räuberpistole nach dem Schauspiel The Girl of the Golden West von David Belasco aus dem Jahr 1905 sowie dem darauf fußenden Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini auch noch die noch weniger glaubhafte Erlösungsgeste.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Puccini liegt das dolce vita mit schnellen Autos und eleganten Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher, als sich als Avantgardist moderner Musik à la Arnold Schönberg zu profilieren. Nach seinen frühen Erfolgen mit Tosca, Madama Butterfly und Manon Lescaut genießt er sein Leben in Reichtum und Glanz. Schöne, süffig melodramatische Melodien sind es, die musikalische Stimmungen schaffen, in die man sich wie in einer medial inszenierten Soap-Oper zurücklehnen kann. Harmonisch komponierte Hör-Schönheit.
La Fanciulla del West wirkt dabei wie eine prophetische Vorwegnahme des Kinos. Puccinis dezidierte Anmerkungen für jeden Gesangspart lesen sich dazu wie ein effektvoll organisiertes Film-Script. Dass sich La Fanciulla del West heute auf den Opernbühnen eher rar macht, liegt einerseits an einem mehr als gewöhnungsbedürftigen Melodie-Platzhalter-Libretto. Gewichtigere Gründe liegen in den solistischen Höchstschwierigkeiten. Wie lässt sich dieser Dualismus auflösen?
Die Inszenierung von Cusch Jung folgt konsequent einem weit verbreiteten Wild-West-Mythos mit Cowboyhut und Zigarre. Die Bühne und die Kostüme von Karin Fritz erinnern an das Ende des Bergbaus. Mit Paletten und Bierkästen möbliert, ist das Wirtshaus Wäschekaue und Beichtstuhl in einem. Melancholisch sentimentale wie auch vom Whisky besoffene Gold-Glückssucher treffen sich bei Minnie mit ihren Sehnsüchten und Hoffnungen nach einem anderem, einem diffusen Liebesglück. Halbbekleidet, duschnass die einen, in abgenutzten Jeans die anderen, vereint im Glücksspiel, singen und spielen die Herren des Opernchores mit wechselnder Überzeugung. Von Thomas Eitler-de Lint gestimmt, vermisst man mitunter in den Massenszenen eine klangliche Stringenz.
Ulf Schirmer lässt nach dem fulminanten Ouvertüre-Auftakt das Gewandhausorchester mit Volldampf voraus spielen. In den Trink- und Spielgelage-Szenen klingt das narrativ gerecht, turbulent radikal zuspitzend. Meagan Millers erste Auftritte als Minnie deckt der Fortissimo-Orchesterklang allerdings ziemlich zu. Im Weiteren gelingt Schirmer mehr Klangdifferenzierung, mehr farbiges Kolorit im Blech und mit den Streichern, untermalt von einer Windmaschine. Puccinis Instrumentation in ihrer facettenreichen Klang-Bandbreite, eine italienisch jubilierende, dramatisch dröhnende Grandezza bleibt ein Versprechen in Ansätzen.
Gaston Rivero gewinnt der überstrapaziert gebrochenen Figur des Dick Johnson charaktervolle Aspekte ab. Er spielt die Verbrecher-Sünder-Liebhaber-Rolle in einer Mischung aus liebesgebremster Brutalität und sanfter Demut. Rivero muss sich als Sänger lange zurückhalten, bevor ihm Puccini im letzten Akt mit der Arie Ch’ella mi creda die Chance gibt, als Tenor zu brillieren. Puccinis Tenor-Anforderung, bruchlos auf das hohe C und höher hinauf zu singen, gelingt Rivero relativ angestrengt. Tief einatmend, gewinnt er mit konzentrierter Anstrengung in verinnerlichter Authentizität, ohne spektakulär zu glänzen, die geforderten Höhen.

Das große Goldgräber-Solisten-Ensemble – auffällig präsent Patrick Vogel als Opportunist Nick, Jonathan Michie als agiler Sonora, Randall Jacobsh als intriganter Ashby – nimmt die von der Partitur vorgegebenen Gestaltungschancen stilsicher an. Sie bilden ein verlässliches Rückgrat nicht nur für Rivero, sondern für die Inszenierung insgesamt.
Jung entgeht der Versuchung, sich allein auf die Dreieckskonstellation Minnie, Dick und den versoffenen Sheriff Jack Rance zu fokussieren. Als Sheriff Rance ist Tuomas Pursio für Jung der Protagonist für Leere, Einsamkeit und Depression von Menschen, die um ihrer und der Familien Existenz Willen eine Arbeit leisten, die sie irgendwo fern, irgendwie unwirklich, irgendwann völlig entmenschlicht.
Pursio überzeugt, je länger die Aufführung dauert, immer stärker. Er gibt diesem verzweifelten, in sich gespaltenen Charakter eine variabel charakterisierende Stimme sowie eine spielerisch gestisch nachhaltige Struktur, die vergeblich Minnies Liebes-Kuss-Zustimmung erfleht.
In dieser abstinenten Männerwelt wirkt Minnie wie ein Märchen-Engel, der den männlich sexualisierten Überdruck vermindert. Dem ersten Anschein nach Flintenweib, ist sie für die Männer realiter Seelentrösterin, Mutter, Schwester – und Lehrerin der Bibel. Meagan Miller charakterisiert Minnie mit imponierendem Verve und Instinkt. Ihr gelingt es, Minnie in ihrer jungfräulichen, weltfremden Brombeer-Zufriedenheit und naiven Gläubigkeit, dass allein der erste Kuss über ewig dauernde Liebe entscheidet, ausgerechnet einem Räuber verfällt, als weltfremde Person glaubhaft zu machen.
Miller schafft das mit einer empathischen Rollenauffassung, die selbst Unglaublichem einen Hauch des Möglichen gibt. Das gelingt ihr mit einem differenziert abrufbaren Potenzial an gesanglicher und spielerischer Präsenz. Ihre den Romantik-Kitsch streifende Unschulds-Arie Oh, se sapeste come il vivere é allegro! singt sie lyrisch verklärt, wobei ihre brillante Gesangskultur die Libretto-Ungereimtheiten überdeckt.
In dem Moment, als Minnie Dicks Verlangen nach dem einen Kuss – Un bacio, un acio alem! – in liebender Ergebenheit erliegt – „Eccolo! É tuo!“ – und sie ihn wenig später als einen geraubten versteht – „Ma il primo bacio mio vi siete preso, ché vi credevo mio, solanto mio“ – singt sich Miller in einen von redundanten Kuss-Fantasien gezeichneten Sopran-Rausch.
Aus tiefster Verzweiflung erlöst sie sich und die Goldgräber schlussendlich in göttlicher Marien-Pose. Minnie, mit Millers Sopran koloriert – „Fratelli, non v’é al mondo peccatore cui non stapra una via di redenzione“ – entschwebt zusammen mit Dick in himmlischer Erlösung.
Nur wenige Treppenstufen vom Opernhaus entfernt, dreht sich noch das glitzernde Riesenrad. Bierselige Stimmung schwappt den Opernbesuchern beim Verlassen des Hauses entgegen. La Fanciulla del West, das kleine Mädchen aus dem Westen, tanzt mit Weihnachtsmarktmaskerade in eine andere Welt durch Leipzig davon.
Peter E. Rytz