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Ein Holländer inszeniert den Fliegenden Holländer, da erwartet man doch etwas Besonderes. Und die Premiere der Leipziger Neuinszenierung von Richard Wagners Frühwerk hält der hohen Erwartungshaltung stand. Denn Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema, dem Leipziger Publikum durch seine bildgewaltigen Inszenierungen von Tosca, Faust und Rusalka sehr vertraut, macht auch mit dieser Inszenierung seinem Ruf alle Ehre. Wie immer arbeitet Dijkema eng an der Wagnerschen Partitur, bezieht in seine Recherchen aber nicht nur die autobiografisch erzählte stürmische Seefahrt Richard Wagners 1839 von Riga nach London ein, die ihn nachdrücklich zu der Bearbeitung dieses Stoffes animiert hat, sondern auch Heinrich Heines Fabel vom Fliegenden Holländer aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski. So erscheint der Holländer einerseits als romantisches Theaterstück, in dem mit eingeblendetem Heineschen Text der Zuschauer eher die Perspektive von Schnabelewopski einnimmt. Gleichzeitig ist das Werk für Dijkema eine Oper mit dramatischem Stoff im herkömmlichen Sinn, dass die Jenseits-Sucht von Holländer und Senta erörtert. Und so steht ein Psychogramm zweier zerstörter Seelen im Vordergrund der Inszenierung. Einerseits der Holländer, der sich nach dem Tod, dem Nichts, als Erlösung sehnt, und auf der anderen Seite Senta, die in ihrer Seelenverwandtschaft zum Holländer das Gleiche sucht und mit ihm eine Schicksalssymbiose eingeht. Sie unterscheiden sich in ihren Gesten und Kostümen fundamental von allen anderen Protagonisten. Senta beschwört in ihren seelischen Abgründen den Holländer hervor, der sich nach dem Ende, der Annihilation, dem Nichts sehnt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Für Senta ist dieses Sehnen nach dem Unendlichen heroisch und tragisch zugleich, und in letzter Konsequenz erlöst sie den Holländer am Schluss, indem sie sich von einem Schiffsmast in den Abgrund stürzt, und der Holländer in diesem Moment zu Staub zerfällt, technisch grandios gelöst.
Dijkema erzählt das Werk wie gewohnt mit opulenten Bildern. Mit Hilfe der ausgeklügelten Bühnentechnik dreht sich der Chor wellenförmig in seinem ersten Auftritt, dass man vom Zusehen schon seekrank werden kann. Passend zu den Worten des Holländers „…wirft mich das Meer ans Land“ wird der Holländer förmlich mit drei gestrandeten Pottwalen ans Ufer gespült. Allein die aufwändige Produktion dieser drei Wale, über acht Meter lang und 200 Kilogramm schwer, sehr naturalistisch dargestellt, ist gewaltig. Dass im Bauche eines Wales sich noch der Schatz des Holländers befindet, der, nachdem der Wal aufgeschnitten wird, förmlich herauskullert, ist szenisch beeindruckend dargestellt. Die Spinnstube im zweiten Aufzug zeigt die Spinnräder als großindustrielle Geräte, überdimensioniert und doch mit Muskelkraft zu bedienen. Große gesponnene Kokons, aus dem am Schluss ein blutroter Schmetterling erwächst, stehen als Metapher für die Metamorphose Sentas und die Analogie zu den blutroten Segeln des Geisterschiffes. Und dieses Schiff ist der absolute Clou des Abends. Vielleicht ist Dijkema ja ein großer Fan vom Fluch der Karibik, der „Auftritt“ des Holländerschiffes im dritten Aufzug erinnert an Jack Sparrows Black Pearl, ein Dreimaster mit zerschossenen, blutroten Segeln, Kanonen, Takelage und geisterhaft geschminkte Besatzung. Mit einer technischen und logistischen Meisterleistung wird das erst quer stehende Schiff gedreht, und fährt dann mit dem Bug über den Orchestergraben bis zur Hälfte des Parketts, der Vormast ragt bis in den Rang. Das ist 3D-Kino vom Feinsten, ohne 3D-Brille. Dass dieser Effekt an dieser Stelle großen Szenenapplaus erhält, ist zwar bei einer Wagner-Oper eher ungewöhnlich, aber hochverdient. Gäbe es in der Oper eine Oscar-Verleihung, der Technische Direktor Oliver Gerds und die Bühnentechniker hätten ihn für diesen „Special Effect“ verdient. Natürlich gab es im Vorfeld der Inszenierung Diskussionen über die Produktionskosten für dieses Schiff, von 100.000 Euro ist da die Rede. Da die Kosten aber durch den Förderverein der Oper Leipzig übernommen wurden, kann man sich wieder ganz entspannt zurücklehnen und diesen optisch einzigartigen Moment in Kombination mit Wagners dramatischer Musik einfach genießen. Ansonsten ist die Ausstattung eher spartanisch, da reicht auch schon mal ein Bett und ein Türdurchgang, um das Innere von Dalands Haus zu zeigen.

Auch die Kostüme von Jula Reindell reihen sich in das teils düstere Bild ein. Einheitlich sind die Matrosen in abgewetzter Arbeitskleidung. Auffällig ist, dass fast alle Matrosen irgendeine Verletzung auf See davongetragen haben, fast jeder trägt einen Verband, auch der Steuermann humpelt mit bandagiertem Bein. Die Frauen in der Spinnstubenszene sind einheitlich im norwegischen Stil der 1840-er Jahre, also der Entstehungszeit des Werkes, gekleidet, mit strenger Frisur. Sie sind Arbeiterinnen, von Mary als Oberaufseherin angetrieben. Und auch Mary ist verletzt, muss eine Augenklappe tragen. Hier scheint jeder, sichtbar oder unsichtbar, seine Wunden zu haben. Sentas Kleid im zweiten Aufzug ist da schon edler, und mit ihren roten Locken hebt sie sich schon optisch von den anderen Frauen ab. Ihr rotes Kleid im dritten Aufzug passt farblich zu den Segeln des Holländerschiffs und den Flügeln des Schmetterlings. Erik erscheint als biederer Jägerbursche, der ähnlich wie Max im Freischütz allein nicht in der Lage ist, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, und hat daher bei seiner Senta keine Chance mehr, die Übermacht des faszinierenden Holländers ist einfach zu gewaltig. Der Holländer wirkt in seinem Gewand und seinem gespenstischen Habitus tatsächlich wie ein Geist aus einer anderen Zeit und Welt, dessen ewige Landgänge alle sieben Jahre ihn aller Hoffnung auf einen erlösenden Tod beraubt haben. Bei ihm und seinen Gespenstermatrosen haben Kostümbildnerin und vor allem die Maske großartige Arbeit geleistet.

Während diese gewaltigen Bilder die Inszenierung bestimmen, ist Dijkemas Personenregie dafür eher spärlicher, da spielt sich doch vieles gesanglich ohne große Interaktion ab. Ausnahme ist das berührende Duett zwischen Senta und dem Holländer im zweiten Aufzug, wo im Holländer die Hoffnung auf Erlösung wieder aufkeimt und er quasi vor Senta auf die Knie geht. Eriks Cavatine im dritten Aufzug spielt in Sentas Schlafzimmer, und während Erik seine Senta an ihr altes Treueversprechen erinnert, schält sich der Holländer aus Sentas Bett heraus. Eine zutiefst menschliche Szene, die klar macht, dass es für keinen der drei eine glückliche Zukunft geben kann.
Es ist nicht nur ein Abend der imposanten Bilder, es ist auch musikalisch und sängerisch bis auf ganz wenige Einschränkungen eine Sternstunde Wagnerscher Darstellung. Mit dem Ausdruck der zerstörten, nach Erlösung suchenden Seele legt Iain Paterson, Leipzigs umjubelter Wotan, die Gestaltung des Holländers an. Mimik und Gestik zeigen die innere Zerrissenheit dieser Figur.
Sein Auftrittsmonolog Die Frist ist um im ersten Aufzug besticht durch ein kräftiges Fundament in der Tiefe und starken Höhen in den dramatischen Ausbrüchen. Sein Ausdruck und sein Gestus bei seiner ersten Begegnung mit Senta sind von einer derartigen Intensität, dass die Qualen, von denen er singt, förmlich sichtbar werden. Das große Duett mit Senta im zweiten Aufzug ist der sängerische Höhepunkt der Aufführung, die beiden Stimmen scheinen fast zu verschmelzen, denn in Christiane Libor hat Iain Paterson die ideale Senta an seiner Seite. Ihr hochdramatischer Sopran, mittlerweile Brünnhilden-gestählt, ist von einer unnachahmlichen Leuchtkraft geprägt. Überzeugend ist ihre dramatische Stimmführung, in der Ballade im zweiten Aufzug wechselt sie vom zärtlichen Piano in furienhafte Ausbrüche, und im großen Duett mit dem Holländer harmoniert ihre Stimme mit Paterson so wunderbar, dass die Seelenverwandtschaft der beiden Figuren auch gesanglich zum Ausdruck kommt. Nur in den großen Ausbrüchen im Duett kann Paterson dem durchdringenden Stahl der Libor nicht ganz standhalten. Randall Jakobsh gibt den aalglatten Daland, der für Reichtum sogar seine Tochter verkauft, mit wohltönendem Bass und großer Textverständlichkeit. Ladislav Elgr in der Partie des Erik zeigt zwar, dass er die Kraft für einen jungen Heldentenor hat, doch seine Stimmführung wirkt knödelig und nicht sehr textverständlich. Seine Cavatine im dritten Aufzug intoniert er zwar mit großer Leidenschaft, doch sind die sängerischen Defizite schon auffällig. Dan Karlström überzeugt als Steuermann mit kultiviertem Charaktertenor. Sein Auftrittslied im ersten Aufzug zeigt Durchschlagskraft und lyrische Qualität zugleich und versprüht dabei Spielwitz und Charme. Karin Lovelius ist eine Mary mit resolutem Mezzosopran und starker physischer Präsenz.
Chor und Extrachor der Oper Leipzig sind von Thomas Eitler-de Lint hervorragend eingestimmt und begeistern durch saubere Intonation und Intensität. Insbesondere die Tenöre, die im Steuermannchor so dominant sein müssen, sind stark präsent. Auch der Damenchor präsentiert sich vorzüglich, und neben der großen Spielfreude beeindrucken vor allem die Textverständlichkeit und der sängerische Ausdruck und geben dieser Chor-Oper die besondere Würze.
Das Gewandhausorchester überzeugt an diesem Abend durch eine beeindruckende Klangmalerei, aus der die Bläser dominant sauber hervorstechen. Die Ouvertüre in der Konzertfassung ist dramatisch kraftvoll und dynamisch, das Holländer-Motiv ist stark akzentuiert, während das Senta-Motiv eher zart und verletzlich klingt.
Ulf Schirmer leitet das Gewandhausorchester mit klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders im großen Duett zwischen Holländer und Senta, mit Fingerspitzengefühl. Am Schluss gibt es frenetischen Jubel und stehenden Applaus für alle Beteiligten aus dem Publikum, und besonders Iain Paterson, Christiane Libor, Chor und Orchester werden gefeiert. Das Regieteam muss neben großem Jubel für eine bildgewaltige Inszenierung auch vereinzelte Buhrufe über sich ergehen lassen. Vielleicht war es dem einen zu viel Spektakel auf der Bühne, vielleicht hat aber auch die Fassung mit Aktschluss und einer kurzen technischen Umbaupause nach dem ersten Aufzug und einer regulären Pause nach dem zweiten Aufzug seinen Anteil daran, dass dann kurzfristig die Spannung abfiel, was nicht jeder im ausverkauftem Opernhaus goutiert. Dennoch überwiegen die Knalleffekte nach den Pausen, und dieser Holländer hat definitiv das Zeug zum Erfolgsschlager.
Andreas H. Hölscher