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Charleston gegen Csárdás

DIE HERZOGIN VON CHICAGO
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
20. Oktober 2018
(Premiere)

 

Musika­lische Komödie der Oper Leipzig

Wenn in einem Musikquiz nach Operetten von Emmerich Kálmán gefragt wird, so fallen dem Kenner natürlich die großen Erfolge wie Die Csárdás­fürstin, Gräfin Mariza und Die Zirkus­prin­zessin ein. Allesamt Operetten, in der das öster­rei­chisch-ungarische Musik­ko­lorit im Vorder­grund steht, Walzer und Csárdás. Und natürlich die Liebe, die nach vielen Umwegen am Ende zum Happy End führt. Das gibt es am Ende auch in der Herzogin von Chicago, und doch ist hier einiges anders. In dieser Operette berühren Emmerich Kálmán und seine Textdichter Julius Brammer und Alfred Grünwald ein heikles Thema der Operette jener Zeit, nämlich das Eindringen des Jazz in das Genre der Wiener Operette. „Jazz gegen Csardas“ lautet dann auch die Überschrift der Urauf­füh­rungs­kritik in der Neuen Freien Presse. Während sich die Gegen­sätze im Stück annähern und gegen­seitig befruchten, führt der Jazz im von den Nazis beherrschten Deutschland zum Auffüh­rungs­verbot der Operette. Man versieht sie kurzerhand mit dem Etikett „Entartete Musik“, wie bei so vielen anderen unlieb­samen Werken auch, und Emmerich Kálmán muss emigrieren. An die großen Erfolge seiner populären Operetten konnte Kálmáns Herzogin von Chicago nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen, was vielleicht auch an der über fünfstün­digen Origi­nal­fassung liegt. Regisseur Ulrich Wiggers, Bühnen- und Kostüm­bildner Leif-Erik Heine und Kapell­meister Tobias Engeli haben das Werk drama­tur­gisch gekürzt, gestrafft und neunzig Jahre nach der Urauf­führung eine knackige und farben­frohe Operet­ten­revue auf die Bühne gebracht, die knapp drei Stunden Augen und Ohren begeistert.

Die Herzogin von Chicago ist ein echter „Clash of Cultures“. Emmerich Kálmán trägt den Konflikt zwischen alter und neuer Welt als musika­li­schen Wettstreit auf der Bühne aus, in dem er Jazz und Slowfox gegen Wiener Walzer und Csárdás antreten lässt. Die Kontro­verse hätte 1928 kaum aktueller sein können. Erst zwei Jahre zuvor war der Charleston durch Josephine Baker nach Europa gelangt und zog unauf­haltsam in die Operette ein, die als kommer­zi­elles Unter­hal­tungs­medium im Sinne des Zeitgeists Jazz und Tänze aus Amerika in sich aufsog.       Mit dem Duell Amerika gegen Europa – Fortschritt gegen Tradition – hatte Kálmán auch thema­tisch den Finger am Puls der Zeit, denn die Amerika-Faszi­nation erreichte Ende der 1920-er Jahre bis dato ihren Höhepunkt. Und natürlich sind dezente Anspie­lungen an die heutige Situation in einer Operette obligat, „America First“ ist dafür nur ein Beispiel.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Geschichte ist eigentlich simpel. Für Geld kann man alles kaufen! Dieser ­Überzeugung ist zumindest Mary Lloyd, Milli­ar­därs­tochter aus ­Amerika, Paris Hilton lässt grüßen. Sie wettet mit ihren Freun­dinnen aus dem Young Ladies Eccentric Club, einen Prinzen samt König­reich mit ihren Schecks erstehen zu können. Und da es echte Prinzen nur noch in Übersee gibt, begibt sich Mary für ihre Mission ins alte Europa – im Gepäck eine Jazzband, deren Musik schon bald die ­Tanzlokale von Budapest bis Wien beherrscht. Als Mary in ­einem dieser Etablis­se­ments auf Sándor Boris trifft, Erbprinz des hoch verschul­deten Sylvarien, scheint das ­passende Wettobjekt gefunden. Die käufliche Übernahme des sylva­ri­schen Schlosses ist mit ameri­ka­ni­schen Dollars rasch geregelt, das Herz des Prinzen kann Mary jedoch nicht so leicht gewinnen – immerhin schlägt das noch ganz altmo­disch im Takt von Walzer und Csárdás und kann dem neuen Beat von Charleston und Foxtrott nur wenig abgewinnen. Als es wider Erwarten doch noch zu einer Annäherung zwischen alter und neuer Welt kommt, stellt sich schließlich die alles entschei­dende Frage: Geld oder Liebe … oder beides? Für das Happy End steht am Ende ein Filmpro­duzent aus Hollywood, der die Geschichte von Mary Lloyd und Prinz Sándor verfilmen möchte. Und so könnte die Operette tatsächlich einem Film entnommen sein, mit schnellen Schnitten, stetigen Wechseln und überra­schenden Wendungen. Und es gibt viele humor­volle Acts, auch musika­lisch. Wenn Tobias Engeli das Intro des Filmgi­ganten 20. Century Fox erklingen lässt, dann fühlt man sich an der Musika­li­schen Komödie der Oper Leipzig fast wie im Kino.

Foto © Kirsten Nijhof

Dass zu keinem Zeitpunkt Lange­weile aufkommt, liegt auch an der klaren Perso­nen­regie, die Ulrich Wiggers dem Stück verordnet hat. Mit seinen Erfah­rungen als Theater- und Filmschau­spieler weiß Wiggers um die Notwen­digkeit einer straffen Drama­turgie. Jede kleine Neben­rolle, jeder Komparse, jeder Tänzer ist hier ein eigener Charakter und eine eigene Persön­lichkeit. Und das Ensemble ist ihm scheinbar willig gefolgt. Er driftet nicht ab in billigen Operet­ten­klamauk, auch wenn er durchaus mit den gängigen Klischees spielt, aber immer mit einem gewissen Augen­zwinkern. Seine Mary Lloyd ist keine dumme Tusse, die nur von den Milli­arden ihres Vaters lebt und das Leben wie in einem Kaufhaus erlebt. Sie emanzi­piert sich im Laufe des Stücks und wird zur liebenden Frau, die die alten Werte zu schätzen weiß. Und auch der konser­vative Prinz aus der alten Welt entwi­ckelt sich, inter­es­siert sich für die neue Musik, die er anfangs so abgelehnt hat. Und so ist diese Operette nicht nur ein musika­li­scher Wettstreit zwischen alt und neu, es stehen auch Werte und Systeme wie Konser­va­tismus und Kapita­lismus einander gegenüber.

Leif-Erik Heine hat für diese Produktion annähernd 240 Kostüme anfer­tigen lassen, und damit ist die Musika­lische Komödie der Oper Leipzig sicher an ihr Limit gekommen. Aber wann hat man solch ein farben­frohes Spektakel in dieser geballten Konzen­tration gesehen? Wenn Mary und Sándor ihren Liebes­walzer singen, tanzt dazu ein Double in den identi­schen Kostümen. Herrlich überzeichnet die pracht­vollen Uniformen, die luxuriösen Abend­roben einschließlich wandelnder Freiheits­statuen, es gibt Spiel­zeug­prinzen und Tänze­rinnen in sündigen Dessous, Babylon Berlin lässt grüßen. Auch der offene Bühnenraum wirkt elegant, ist ameri­ka­nische Bar in Budapest und Prinzen­schloss in einem. Großartig die Ballett-Choreo­grafien von Kati Heide­brecht, die mit ihrem Tanzensemble der Produktion die besondere Note verleiht.

Foto © Kirsten Nijhof

Auch musika­lisch und sänge­risch ist dieser Abend ein Festival. Lilli Wünscher als Milli­ar­därs­tochter Mary Lloyd ist eine Ideal­be­setzung. Ihr Sopran klingt warm und weich, insbe­sondere in der Mittellage, ohne die sonstigen Schärfen und Vibrati, die man von ihr in den Höhen kennt. Großartig ihr Slowfox mit Mary, die vielleicht bekann­teste Nummer dieses Werkes. Spiele­risch und sänge­risch hat sie sich mit dieser Rolle zurecht den Status einer Operet­tendiva erarbeitet. Radoslaw Rydlewski gibt den Prinzen Sándor Boris mit senti­men­talem Spiel und schönem Tenor mit viel Glanz und Schmelz in den Höhen, besonders bei seinem Wiener Lied, das schon sehr an Tassilo aus der Gräfin Mariza erinnert.  Sein getanzter Csárdás ist aller Ehren wert. Man darf sich jetzt schon auf seinen René in der Neuin­sze­nierung der Madame Pompadour im kommenden Jahr freuen.

Laura Schwer­witzl als lispelnde Prinzessin Rosemarie ist einfach herrlich anzuschauen und anzuhören, mit leichtem, hellem Sopran und komischem Spiel. Man fühlt sich fast an das Clärchen aus Benatzkys Weißem Rössl erinnert, das zwei Jahre nach der Herzogin von Chicago seine Urauf­führung erlebte. Jeffery Krueger, in Iowa geboren, ist natürlich die Ideal­be­setzung für den Bondy, James Bondy aus Chicago. Mit einem Augen­zwinkern überzeichnet er den Charakter, spielt mit allen gängigen ameri­ka­ni­schen Klischees und gewinnt am Ende das Herz der Prinzessin Rosemarie, auch dank seines schönen Buffo-Tenors. Milko Milev, das wuchtige Urgestein der Musika­li­schen Komödie, ist wieder in seinem Element, denn er darf sogar zwei Rollen spielen. Den eleganten Milli­ardär Benjamin Lloyd, Vater von Mary, und den splee­nigen König Pankraz XXVII, einen Ivan-Rebroff-Verschnitt mit Bärenfell zur Galauniform. Beide Rollen legt er mit der ihm eigenen Komik so geschliffen an, dass da kaum ein Auge trocken bleibt. Die vielen kleinen Rollen sind formi­dabel besetzt, es ist der Abend eines großen Ensembles. Heraus­zu­heben sind noch Thomas Prokein als Zigeu­ner­primas, der seine Geige im wahrsten Sinne des Wortes zum Schluchzen bringt. Enikö Ginzery begeistert mit dem seltenen Spiel auf dem Cymbal.

Das Orchester der Musika­li­schen Komödie ist in Hochform, schafft den ständigen Wechsel zwischen Walzer und Swing, zwischen Csárdás und Charleston. Zusammen hält das alles Kapell­meister Tobias Engeli, der mit seinem Orchester ein musika­li­sches Feuerwerk abbrennt und am Schluss mit dem gesamten Ensemble zur Begeis­terung des Publikums auch noch einen formi­dablen Csárdás tanzt. Der Chor hat sichtbar große Freude an dieser Produktion, und eine herrliche Einlage sind die Buben des Kinder­chores der Oper Leipzig als junge Kadetten, von Sophie Bauer liebevoll einstu­diert. Nach knapp drei Stunden ist grenzen­loser Jubel in der Musika­li­schen Komödie für alle Betei­ligten und die Erkenntnis, dass Die Herzogin von Chicago in keinster Weise den populären Werken Emmerich Kálmáns nachsteht.

Andreas H. Hölscher

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