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IN MIR SINGT EIN LIED
(Maartje de Lint)
Besuch am
30. März 2019
(Premiere am 26. Mai 2018)
Es ist ein ungewöhnliches Mitsingkonzert, zu dem sich über 50 Menschen am frühen Samstagmorgen im Konzertfoyer der Oper Leipzig treffen. Denn etwa 15 dieser Menschen leiden an einer Demenzerkrankung unterschiedlichen Ausprägungsgrades, teilweise sitzen sie im Rollstuhl und sind auf intensive Betreuung und Pflege angewiesen. Neben den Betreuern oder nahen Angehörigen sind auch Mitglieder des Opernchors dabei, die quasi ehrenamtlich das Konzert mitunterstützen. Initiiert wurden diese Mitsingkonzerte durch die Mezzosopranistin und diplomierte Trainerin Maartje de Lint, die in ihrer holländischen Heimat schon lange mit Menschen mit Demenz arbeitet und dabei auch wissenschaftliche Aspekte in ihre Tätigkeit einbindet. Im Mai vergangenen Jahres startete diese einzigartige Serie von Mitsingkonzerten an der Oper Leipzig, und seitdem sind alle Konzerte ausverkauft, es gibt mittlerweile eine Warteliste. Und wenn man ein derartiges Konzert selbst miterlebt, dann weiß man auch, warum. Im Lauf ihrer langen Karriere als Sängerin erlebte de Lint während ihrer Konzerte immer wieder, wie besonders Menschen mit Demenz beim Zuhören immer aufmerksamer und wacher wurden. Aus dieser Beobachtung heraus hat sie die spezielle BASE-Methode – kurz für: Brain Awakening Singing Education – entwickelt, mit der sie auf struktureller Basis in der Pflege für Demenz arbeitet. Unterstützt wurde sie dabei von Wilco Achterberg, Professor für Geriatrie an der Universität Leiden.
Die Methode wurde kontinuierlich weiterentwickelt, bereits in zahlreichen Pflegeheimen in den Niederlanden praktiziert und kommt nun erstmalig in Leipzig zur Anwendung. Durch die von ihr entwickelten Mitsingkonzerte In mir singt ein Lied in der Pflege bei Demenz werden die erkrankten Gehirnregionen durch gemeinsames Singen angeregt und dadurch äußerst positive Effekte erzielt. Erinnerungen an Musik werden durch Demenz kaum beeinträchtigt. „Gemeinsames Singen aktiviert das Klanggedächtnis und stimuliert in der Folge auch die umliegenden Hirnregionen. Die Teilnehmer erwachen buchstäblich aus ihrer Demenz, und die Energie strömt wieder. Das Erlebnis des gemeinsamen Singens ist die Basis, um wieder Kontakt miteinander herzustellen“, fasst Maartje de Lint ihren Ansatz zusammen.
Es ist eine gemütliche, fast schon familiäre Atmosphäre, die die Besucher bei diesem Konzert umgibt. Es gibt Kaffee und etwas Gebäck, dadurch entsteht schnell eine vertrauensvolle Umgebung, und viele der Menschen mit einer Demenzerkrankung sind regelmäßig bei diesen Konzerten. Für de Lint steht die Kommunikation und Interaktion mit diesen Menschen im Vordergrund. Augenkontakt, ein Lächeln, eine zärtliche Berührung, und schon nach den ersten Liedern scheint es, als ob viele aus ihrer Welt der Demenz erwachen. Die Augen strahlen, wenn Maartje während des Singens zu jedem einzelnen geht, die Hände zärtlich berührt. Die Verwandlung, die diese Menschen in diesem kurzen Zeitraum durchleben, ist verblüffend und berührend zugleich. War die alte Dame im Rollstuhl zunächst völlig teilnahmslos, ja, fast apathisch, kommt plötzlich Leben in das Gesicht, sie singt leise die Lieder mit, die sie als junger Mensch geliebt und gesungen hat, und die im Gedächtnis verblieben sind. Und mit ihrer offenen und herzlichen Ausstrahlung schafft es de Lint, diesen Menschen, aber auch deren Angehörigen und Pflegern, für knapp zwei Stunden nicht nur ein Gefühl der Freude zu vermitteln, sondern auch einen musiktherapeutischen Effekt zu erzielen.

Mit dem Erbarme Dich aus Bachs Matthäus-Passion stimmt de Lint die Konzertgäste ein und hat mit ihrer warmen Stimme auch sofort die Aufmerksamkeit der Teilnehmer, die in einem Kreis sitzen, während die Therapeutin während des Singens zu jedem einzelnen geht, ihn berührt und damit auch das letzte Eis zum Schmelzen bringt. Schon das erste Lied Wenn ich ein Vöglein wär animiert alle Gäste zum Mitsingen, und Maartje de Lint mitten im Kreis singt, dirigiert, tanzt und berührt, in jeder Hinsicht. Es sind in erster Linie klassische Volkslieder, zum Frühling passend, die de Lint mitgebracht hat.
Jeder Konzerteilnehmer hat eine liebevoll gestaltete Mappe bekommen, wo die Liedtexte altersgerecht groß gedruckt sind, und zu jedem Lied hat de Lint auch ein schönes passendes Bild hinzugefügt. Spätestens bei Tulpen aus Amsterdam, für die Holländerin natürlich ein Muss, kann sich keiner mehr diesem Zauber entziehen. Und dass die Sängerin auch noch für jeden Gast eine Tulpe mitgebracht hat, lässt bei so manchem dann doch die Augen feucht werden.
Ein Höhepunkt des gemeinsamen Singens ist In mir singt ein Lied, angelehnt an Frédéric Chopins Klavier-Etüde Nr. 3. Da scheinen bei vielen die Erinnerungen zu strömen, so innig singen sie alle mit. Zur großen Kunst wird dann das Dona Nobis Pacem, das gleich in drei Gruppen gesungen wird. Unterstützt wird de Lint dabei durch Ihren Mann, Thomas Eitler-de Lint, Chordirektor der Oper Leipzig und Jordi Molina, Mitglied des Opernchores, die jeweils eine Gruppe dirigieren und so die Stimmen zu einem harmonischen Kanon vereinen. Dass Chorleiter Eitler-de Lint und Damen und Herren des Opernchores an diesem Samstagmorgen das Mitsingkonzert unterstützen, ist auch deshalb so beachtlich, weil bereits am Abend die Premiere von Richard Wagners Der Fliegende Holländer auf dem Programm steht, bei der dem Chor gesanglich und schauspielerisch so einiges abverlangt wird. Aber an diesem Morgen sind sie ausschließlich für die Teilnehmer des Mitsingkonzerts da. Und natürlich nicht zu vergessen Maria König am Flügel, die sich ganz flexibel auf Maartje de Lint einlässt und dabei auch großes Improvisationskönnen in der Begleitung beweist. Bei Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein wagen sogar einige ein kleines Tänzchen. Besonders berührend ist eine Dame, die sich sanft mit ihrem demenzkranken Ehemann im Rollstuhl im Takt wiegt. Dann heißt es schon Auf Wiedersehen und Dankeschön, und ein berührendes und inspirierendes Konzert geht zu Ende.
Zurückbleiben gelöste und strahlende Gesichter und das gute Gefühl, durch die Musik und den Gesang den Menschen mit einer Demenzerkrankung und deren Angehörigen einen besonderen Moment der Verbundenheit und Freude bereitet zu haben. Der Oper Leipzig gebührt hier sicher der Dank, für ein derartiges Projekt den Rahmen zu gestalten und ein Mitsingkonzert überhaupt zu ermöglichen. In Kooperation mit dem Verein Selbstbestimmt Leben Leipzig und Umgebung und einem Sponsor konnte das Projekt realisiert werden.
Der Verein Selbstbestimmt Leben Leipzig und Umgebung unterstützt Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen durch Beratung, Begleitung und Betreuung in der Häuslichkeit. Demenz ist eine der häufigsten Krankheiten im Alter: Der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit und das quälende Verlöschen der Persönlichkeit betrifft weltweit rund 45 Millionen Menschen – und jedes Jahr kommen weltweit über 300.000 Betroffene dazu. Allein in Deutschland sind 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Noch immer gibt es kein Heilmittel, und nicht alle Ursachen sind bekannt. Dennoch weiß man bereits, wie sich beispielsweise das Erkrankungsrisiko senken lässt. Und es gibt immer wieder neue Therapien und Betreuungsmöglichkeiten für Menschen mit Demenz. Die Musiktherapie ist dabei ein wichtiger Ansatz, auch um die Erkrankten am gesellschaftlichen Leben noch teilhaben zu lassen.
Die Oper Leipzig veranstaltet noch zwei Mitsingkonzerte in diesem Frühling, die aber schon lange ausverkauft sind. Die gute Nachricht: In der kommenden Spielzeit werden die Mitsingkonzerte mit Maartje de Lint fortgesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Idee der Mitsingkonzerte für Menschen mit einer Demenzerkrankung verbreitet wird und auch andere Häuser ein derartiges Projekt veranstalten.
Andreas H. Hölscher