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Foto © Tom Schulze

Der kalte Engel

LULU
(Alban Berg)

Besuch am
24. Juni 2018
(Premiere am 16. Juni 2018)

 

Oper Leipzig

Zum Festwo­chenende „325 Jahre Oper in Leipzig“ hat sich Leipzigs GMD Ulf Schirmer einen beson­deren Wunsch erfüllt. Alban Bergs Lulu, für Schirmer eine Art „Lebensoper“, die ihn seit 35 Jahren begleitet, ist ein Klassiker des 20. Jahrhun­derts. Die Kindfrau Lulu ist das Abbild einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist. Als ­Projek­ti­ons­fläche für erotische Männer­fan­tasien steht sie für die obsessive Suche nach dem eigenen Ich hinter der ­Oberfläche eines schil­lernden Scheins, bei denen sich Triebe über gesell­schaft­liche Konven­tionen erheben. „Ich habe nie in der Welt etwas anderes erscheinen wollen, als wofür man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen, als was ich bin“, so Lulu. Aber wer ist sie wirklich?

Alle Welt dreht sich um sie und dennoch vermag keiner diese Frage zu beant­worten, am wenigsten dieje­nigen, die ihr verfallen sind. Im Laufe ihres Lebens trifft Lulu auf unter­schied­liche Männer und Charaktere, mit denen sie Bezie­hungen eingeht, die allesamt unglücklich, ja, fatal enden. Sie heiratet einen älteren Arzt, betrügt ihn mit einem avant­gar­dis­ti­schen Maler. Der Gatte erwischt die beiden in flagranti und stirbt an einem Herzanfall. Daraufhin heiratet Lulu den Maler, der jedoch an dieser Beziehung zugrunde geht und schließlich Selbstmord verübt. Und dann ist da noch der seltsame Dr. Schön, der Lulu als Zwölf­jährige zu sich nahm und ihr, die schon als Kind vom Vater missbraucht wurde, eine Zukunft gibt und den gesell­schaft­lichen Aufstieg ermög­licht. Dr. Schön ist der Einzige, den sie nicht manipu­lieren kann, der sich ihr wider­setzt. Sie will ihn besitzen, und als ihr das nicht gelingt, tötet sie ihn hinter­rücks. Eiskalt und ohne Reue, und wendet sich scheinbar ohne Skrupel Dr. Schöns Sohn Alwa zu, der ihr auch verfällt. Der Anblick Lulus gleicht dem Blick in einen Spiegel, der sein Gegenüber mit seinen eigenen Obses­sionen konfron­tiert und langsam daran zugrunde gehen lässt. In der Schluss­szene, für den Zuschauer nicht sichtbar, setzt mit dem Massen­mörder Jack the Ripper ebenfalls ein Instinkt­wesen dem Fluch Lulus ein Ende und läutet damit zugleich eine neue Zeit ein, das Zeitalter einer durch und durch verrohten Gesell­schaft. Es ist ein drama­ti­scher zwölf­tonaler Schluss­akkord, nicht ästhe­tisch, aber kalt wie Stahl und brutal wie ein Hammerschlag.

Alban Bergs Zwölf­tonoper Lulu beruht auf perso­nen­be­zo­genen Tonreihen, die es dem Kompo­nisten ermög­lichen, seine Charaktere mit unter­schied­lichen konstruk­tiven Mitteln und in unter­schied­lichen Tonsys­temen zu selbst­stän­digen musika­li­schen Sphären zu entwi­ckeln. Die noch nicht vollständig instru­men­tierte Oper kommt am 30. November 1934 als Fragment in Berlin zur Urauf­führung. Ihre endgültige Fassung erhält sie durch die Fertig­stel­lungen des 1926 geborenen öster­rei­chi­schen Kompo­nisten und Dirigenten Friedrich Cerha und gelangt als Dreiakter 1979 in Zürich zur Urauf­führung. Man kann die Oper auch als tonale Musik mit Mitteln der Zwölf­ton­musik bezeichnen, denn neben atonalen Klang­farben sind auch große tonale Tondich­tungen zu vernehmen, die an die große Zeit der Romantik erinnern. Schirmer bezeichnet die Musik selbst als „silberne Operette der Zwölf­ton­musik“ mit Cabaret-Atmosphäre, und kein Wagner­sches Musik­drama, das gilt insbe­sondere für den ersten Akt. Auf musika­li­scher Ebene arbeitet Berg zwar mit Leitmo­tiven, doch die mathe­ma­tische Konstruktion der Musik tritt stets zurück hinter die atmosphä­rische Wirkung und den Farben­reichtum des Klangs.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Im Mittel­punkt von Lotte de Beers Insze­nierung steht der Stummfilm, den Alban Berg für den zweiten Akt vorsah. Dort treibt er die Handlung voran. Die Video­pro­jek­tionen von Momme Hinrichs und Torge Møller treten über die gesamte Strecke an Stelle das Bühnen­bildes von Alex Brok, das nur aus wenigen Stell­wänden besteht. Auf sie werden neben histo­ri­schen Aufnahmen in Anlehnung an die Stumm­filmzeit auch Zitate aus der Oper proji­ziert. Hier wäre eine durch­gängige Einblendung von Übertiteln für das Publikum sicher eingän­giger gewesen, denn der Text ist nicht leicht verständlich, die Handlung bisweilen konfus. Während das Zusam­men­spiel von Video und Musik an der vorge­se­henen Stelle gelingt, ist die Idee, auf Video statt auf Kulisse zu setzen, über die drei Akte insgesamt gesehen etwas ermüdend und wirkt wie ein drama­tur­gi­scher Einheitsbrei.

Am Ende ist die Regie auf ein notwen­diges Minimum reduziert – die Leinwand flackert hier größten­teils schwarz – Sinnbild für die düstere Atmosphäre nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Inneren der Seele der kranken Lulu. Jorine van Beek hat die der Zeit entspre­chenden Kostüme angefertigt. Durch das stilis­tische Mittel der Rückblenden mit Hilfe des Stumm­films in schwarzweiß können nicht nur die unter­schied­lichen Orte wie Wien, Berlin, Paris und London im Zeitraf­fer­tempo einge­spielt werden, durch Origi­nal­film­aus­schnitte der frühen Zwanziger Jahre wird der Zuschauer wie in einem Kino in die Vergan­genheit katapul­tiert und erlebt so in teils drasti­schen Bildern den Missbrauch der kleinen Lulu durch Ihren Vater, der sie dann auch noch an andere pädophile Freier verkauft. Ein missbrauchtes, trauma­ti­siertes Kind, das seine Seele, seine Gefühle verloren hat und wie ein kalter Engel zum männer­mor­denden Vamp mutiert.

Dass am Ende ihres sozialen Abstieges, wo sie als Prosti­tu­ierte versucht zu überleben, ihre Freier die selben Figuren sind wie ihre verstor­benen Männer, ist genauso bizarr wie genial. Dass ihr Mörder Jack the Ripper in der Figur des von ihr getöteten Dr. Schön auftritt, gibt dem psycho­pa­thi­schen Seelen­strip­tease eine besonders pikante Note. Sigmund Freud hätte seine Freude gehabt. Am Schluss schließt sich der Kreis, und die junge Lulu betritt die Bühne. Das ist ausdrucks­stark als Bild, aber nicht aussa­ge­kräftig im Hinblick auf die emotionale Kompo­nente der Protago­nisten. Doch kein kalter Engel? Nur eine arme geschundene Kinder­seele? Diese Frage bleibt am Ende offen und muss von jedem Zuschauer selbst beant­wortet werden.

Foto © Tom Schulze

Rebecca Nelsen gibt mit der Rolle der Lulu nicht nur ein fulmi­nantes Rollen­debüt, sie lebt diese Figur in allen Facetten stimmlich und schau­spie­le­risch. Omnipräsent auf der Bühne, überzeugt sie mit ihrem jugend­lichen Sopran mit drama­ti­schem Einschlag. Ja, und sie lässt sich auf atembe­rau­bende Weise auf diese Rolle ein, dass man fast schon Angst um die junge Sängerin haben muss. Da wirkt nichts gekünstelt, das ist im wahrsten Sinne des Wortes Kunst. Nicht nur in den Figuren des Dr. Schön und Jack the Ripper ist Simon Neal ein Seelen­ver­wandter der Lulu. Sein geschmei­diger und ausdrucks­starker Bariton ist der ideale Kontrast zu Lulus Sopran, und auch seine schau­spie­le­rische Leistung verdient höchste Anerkennung. Der Tenor Patrick Vogel zeigt als Maler neue Facetten seines Könnens. Yves Saelens überzeugt mit schönem tenoralem Gesang, während Martin Blasius als Lulus Vater Schigolch mit schwarzem, markantem Bass und grobschläch­tigem Habitus beein­druckt.  Großartig in ihrer Wandlungs­fä­higkeit auch die Mezzo­so­pra­nistin Kathrin Göring als lesbisch verklemmte Gräfin Geschwitz. Auch die vielen Darsteller der kleinen Rollen haben sich ein beson­deres Lob verdient, insbe­sondere was Spiel­freude und Ausdrucks­kraft anbelangt. Das ist Schau­spiel mit Gesang, weniger konven­tio­nelle Oper.

Musika­lisch ist das Gewand­haus­or­chester unter der Leitung von Ulf Schirmer wieder einmal in Topform und erzeugt einen Klang­teppich voller Chromatik und drama­tur­gi­scher Vielfalt. Schirmer kennt die Partitur wie kaum ein anderer und lässt den Musikern die Freiheiten, die Tonvielfalt auszu­kosten, auch wenn es für den in der Zwölf­ton­musik unerfah­renen Zuhörer sicher eine Grenz­wert­erfahrung ist und nicht jeder, der harmo­nische Ästhetik bevorzugt, wird trotz der großar­tigen Darbietung zu einem Fan dieser Musik.

Das Publikum ist nach gut dreidrei­viertel Stunden fast erschlagen, es herrscht ein Moment der Stille und des Durch­atmens, bis der Applaus losbrandet und insbe­sondere Rebecca Nelsen, Simon Neal, Ulf Schirmer und das Leipziger Gewand­haus­or­chester werden umjubelt. Insgesamt gibt es nur drei Auffüh­rungen dieser Lulu anlässlich des Jubiläums „325 Jahre Oper in Leipzig“. Und es ist die letzte Neupro­duktion in dieser Spielzeit gewesen, die mit einem fulmi­nanten Don Carlos begann und mit einer ebenso grandiosen Lulu ihrem Ende entgegen geht.

Andreas H. Hölscher

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