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MADAME POMPADOUR
(Leo Fall)
Besuch am
8. Juni 2019
(Premiere am 2. September 2018)
Es ist Karneval in Paris: Begehrenswert schön und abenteuerlustig stürzt sich die Marquise von Pompadour, Mätresse von König Ludwig XV., inkognito in das aufregende Nachtleben des „Musenstalls“. Auf der Suche nach einem prickelnden Liebesabenteuer trifft sie dort nicht nur den aufsässigen Dichter Calicot, der frivole Spottlieder auf sie singt, sondern auch den Grafen René d‘Estrade, der ebenfalls unerkannt eine Auszeit vom faden Land- und Eheleben nimmt. Mitten in den amourösen Verwicklungen versucht der tölpische Polizeiminister Maurepas die Pompadour in flagranti zu erwischen und sie damit beim König bloßzustellen. Doch die Marquise ist nicht nur attraktiv, sondern auch gewitzt. Die Pompadour wäre nicht die mächtigste Frau Frankreichs, wäre sie allen nicht immer einen Schachzug voraus. Einfallsreich gelingt es ihr, Calicot zum Hofdichter zu ernennen und René als Rekrut zu ihrem Leibregiment abzukommandieren – mit persönlichem Zugang zu ihrem Schlafzimmer. Einem erotischen Abenteuer stünde nun nichts mehr im Wege, wären da nicht der eifersüchtige König und Renés besorgte Gattin Madeleine, die sich als Halbschwester der Pompadour entpuppt. Am Ende wird natürlich alles gut. Madeleine bekommt ihren René zurück, Calicot erhält statt der Guillotine eine lebenslängliche Pension und die Kammerzofe Belotte, und die Marquise als frisch ernannte Herzogin sucht ein neues Abenteuer mit einem feschen Leutnant namens Praliné, da ist der Name schon Programm.
Mit Madame Pompadour betritt eine der größten Verführerinnen die Bühne der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig. Begehrenswert schön, überlegen intelligent und bemerkenswert machtbewusst – die echte Madame de Pompadour war eine der faszinierendsten Frauen ihrer Zeit. Als offizielle Mätresse von König Ludwig XV. stieg sie als erste Bürgerliche in die adeligen Zirkel von Versailles auf und bestimmte über zwei Jahrzehnte lang mehr oder weniger im Verborgenen die Geschicke Frankreichs. Leo Fall setzt ihr 1922 in seiner drittletzten und zugleich erfolgreichsten Operette ein musikalisches Denkmal.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vor dem Hintergrund des umtriebigen Pariser Rokokos, den Regisseur Klaus Seiffert mit Bühnen- und Kostümbildner Tom Grasshof auf die heutige Zeit adaptiert, lässt der Komponist die freizügigen Zwanzigerjahre aufleuchten. Mit der subtil aufsässigen Musik und ihren schwungvoll-eingängigen Melodien wie Heut‘ könnt einer sein Glück bei mir machen oder Joseph, ach Joseph, was bist du so keusch und den anzüglich-witzigen Dialogen von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch war die Madame Pompadour schon bei der Uraufführung ein Sensationserfolg. Die Musikalische Komödie der Oper Leipzig bietet als Operettentheater natürlich die besten Voraussetzungen, um dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Und man muss an diesem Stück nichts politisieren oder neu umdeuten, es ist einfach ein frivol-heiteres Amüsierstück mit ohrwurmtauglichen Melodien. Der Musenstall im ersten Aufzug ist eine einfache Kneipe, während das Schloss Versailles im zweiten und dritten Aufzug durch viele bewegliche und verschiebbare Türen und große Kronleuchter imponiert. Überhaupt spielen die sich ständig öffnenden und schließenden Türen eine zentrale Rolle in dieser Inszenierung. Wer darf wann zu wem? Wer versteckt sich wo vor wem? Und das alles mit einem zwinkernden Auge. Neben dem eingängigen Bühnenbild hat Tom Grasshof auch die Kostüme gestaltet. Klassisch opulent im Rokoko-Stil sind die ausladenden Roben auf Schloss Versailles, frivol und erotisch die Auftritte im Musenstall. Da wird nicht mit kurzen Röcken, Netzstrümpfen und Strapsen gegeizt, auch die Dekolletés lassen tief blicken. Hier standen die wilden Zwanziger Jahre Pate, das Kostüm der Pompadour im ersten Aufzug ähnelt frappierend dem Outfit der Marlene Dietrich in dem Kultfilm Der blaue Engel von 1930. Und auch das Ballett der Musikalischen Komödie, das schon zur Ouvertüre einen Charleston tanzt, gibt den Hinweis auf diese Zeit. Eins ist von Anfang an klar. Hier haben die Frauen das Kommando, und das nicht nur, wenn die Pompadour ihren René als Rekrut kommandiert und er treuherzig antwortet: Ich bin dein Untertan, dein treuer. Auch den ach so schlauen Polizeipräsident Maurepas lässt sie verdammt alt aussehen, denn sie ist „schläuer“. Aber auch Belotte weiß die Waffen der Frau zu nutzen, während sie der langweiligen Madeleine erst noch beigebracht werden müssen. Regisseur Klaus Seiffert nutzt in seinem Debüt an der Musikalischen Komödie die erotischen Anspielungen und lässt seine Frauenfiguren mit Charme und Humor der Männerwelt ihre Doppelmoral vorführen. Und so entwickelt sich in den gut zweieinhalb Stunden ein kurzweiliges Amüsement.

Lilli Wünscher, der Operettendiva der Musikalischen Komödie, ist die Rolle der Pompadour auf den Leib geschneidert. Sie kokettiert mit ihren Reizen, spielt mit den Figuren und verleiht der Figur neben der erotischen Ausstrahlung auch die musikalische Finesse, insbesondere mit den beiden Ohrwürmern Heut‘ könnt einer sein Glück bei mir machen und Joseph, ach Joseph, was bist du so keusch. Lediglich ihr bekanntes Vibrato in der Stimme stört manchmal, dafür beweist sie als Kommandeur der Leibgarde militärisches Talent. Adam Sanchez in der Rolle des Grafen René ist eine Idealbesetzung. Seinem Charme und seinem wunderschönen Tenorschmelz, der aber in den Höhen richtig kraftvoll ertönt, kann auch eine Madame Pompadour nicht widerstehen. Mirjam Neururer als Belotte muss sich mit ihrem klaren Sopran und ihrem neckischen Spiel nicht hinter Lilli Wünscher verstecken. Jefferey Krueger, der Operettenbuffo vom Dienst, gibt den Dichter Calicot mit viel Witz, großartig sein Potiphar-Duett mit Lilli Wünscher, einfach herrlich. Aneta Rucková ist eine naive Madeleine mit leichtem Sopran und schön anzuhörendem Akzent. Justus Seeger gibt den dämlichen Polizeipräsidenten Maurepas mit großer Komik, und Leipzigs Urgestein Milko Milev ist als König Ludwig XV. voll in seinem Element, köstlich und delikat. Auch die vielen kleinen Nebenrollen, teilweise durch Mitglieder des Chores besetzt, werden auf dem gewohnt hohen Niveau dargestellt. Mirko Mahr hat das Ballett passend zu den Rhythmen in Szene gesetzt, und der Chor ist von Mathias Drechsler perfekt eingestimmt und von Regisseur Klaus Seiffert auch entsprechend choreografiert.
Der Chefdirigent der Musikalischen Komödie, Stefan Klingele, gehört mittlerweile zu den Experten dieses musikalischen Genres. Mit scheinbarer Leichtigkeit führt er das Orchester der Musikalischen Komödie durch die rhythmische Partitur, in der große Orchestrierung sich mit Swing und Marschrhythmen abwechseln. Durch das straffe Tempo ist steter Zug im Orchester, und der Spannungsbogen fällt zu keinem Zeitpunkt ab. Das Publikum ist natürlich begeistert und spendet großen Applaus für das gesamte Ensemble mit Jubel für Orchester, Dirigent und die Hauptprotagonisten. Unter den Zuschauern sind auch einige in großartigen Rokoko-Kostümen. Denn zu Pfingsten trifft sich seit vielen Jahren in Leipzig die Wave-Gotik-Szene, und da wird die Aufführung der Madame Pompadour quasi als Kulisse für ihre eigene Inszenierung genutzt, nicht schlecht.
Es ist die letzte Neuinszenierung an der Musikalischen Komödie, denn in der kommenden Spielzeit beginnt die längst überfällige Sanierung von Leipzigs Operettentheater. Das Ensemble zieht dann in die Ausweichspielstätte Westbad um. Die Pompadour zieht aber nicht mit. Wer die erotischen Abenteuer der Madame Pompadour noch erleben will, hat bis zum Ende der Spielzeit Gelegenheit. Es lohnt sich in jedem Fall.
Andreas H. Hölscher