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Der Kommerz eines riesigen Weihnachtsmarktes beherrscht alljährlich den Augustusplatz vor dem Opernhaus in Leipzig. Während vor ihrer Haustür der Weihnachtsbär tobt, tobt drinnen das Drama einer Frau. Norma, Mutter und Priesterin, ganz Mensch und gleichzeitig religiös intendierte Verwalterin eines göttlichen Keuschheitsgebots, birgt einen Widerspruch in sich. Das kann so nicht gehen. Und wird auch nicht gut gehen.
Die figurierte Konstellation drängt sich als Libretto für eine Oper geradezu auf. Anders als Medée von Luigi Cherubini, La vestale von Gaspare Spontini, Les matyrs von Gaetano Donizetti oder Les barbares von Camille Saint-Saëns behauptet sich Norma von Vincenzo Bellini bis heute auf den Opernbühnen weltweit. Für den Regisseur der Leipziger Inszenierung Anthony Pilavachi erklärt sich das durch das facettenreich illustrierende Libretto von Felice Romani einer tragedia lirica in zwei Akten. Es zeichne das Psychogramm einer Frau, zerrieben in dem nicht auflösbaren Widerspruch von Mutterschaft und Priesterschaft.
Lange, lange Melodienbögen, „das ist, was Bellini wirklich ausmacht, einfach diese puristische Schönheit in der Melodie“. Von Pilavachi im Programmheft formuliert, gilt es dem Dirigat Daniele Squeos am Pult des Gewandhausorchesters als Maßstab einer gelungenen Interpretation. Dezidiert apostrophierte Pausen betonen dramatisch die Stationen eines aussichtslosen Unterfangens. Die gallische Norma-Gesellschaft unter römischer Besatzung folgt prototypisch allein ihren Riten und ritualisierten Verhaltenscodizes. Die Schönheit der Liebe hat keine Chance.

Pilavachis Inszenierung lässt allerdings von solcher Poesie wenig spüren. Dass die Bühne von Markus Meyer eigentlich für das nicht realisierte Les-barbares-Projekt bestimmt war, kann man, wenn man so will, beispielhaft für eine Nachhaltigkeitskultur an der Oper Leipzig nehmen. Die Bühnenbauvorgabe nutzt Pilavachi mit architektonisch klugen Perspektiven. Die öffentlichen Szenen werden auf der großen Bühne verhandelt. Die familiär intime Dramatik eskaliert in einer Guckkasten-Perspektive. Assoziationsebenen, die einerseits ein distanziertes Zuschauen von außen und andererseits eine Innenperspektive, ein unmittelbares Hineingezogensein generieren.
Warum allerdings das martialisch Diktatorische mit militärischen Uniformen aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts dargestellt wird, ist eine wenig verifizierbare Idee der Inszenierung. Der auf die Wand gesprayte Aufruf Fuori i Fachisti, also Faschisten raus, assoziiert Mussolinis Intention mit dem Marsch auf Rom 1922. Die demonstrative Strategie einer solchen politischen Massendiktatur findet sich indirekt auch in Normas Priesterherrschaft wieder. Der so genannte Erfolg wird solange garantiert, bis politische Konstellationen sich grundsätzlich ändern oder, wie im Fall von Norma, der religiöse Kult in Gefahr ist.
Dass die Aufführung, unabhängig von der dramaturgisch kontextuellen Leerstelle, zu einem veritablen Musikerlebnis wird, verdankt sie dem temperamentvollen wie auch temperierten Dirigat Squeos sowie dem von Thomas Eitler de Lint differenziert abgestimmten Klang des Chores der Oper Leipzig. Die Inszenierung schiebt die Choristen mitunter in für die Klangkultur vertrackte Raum-Wand-Situationen. Bellinis Musik kann die Regieentscheidung glücklicherweise nichts anhaben.

Es sind vor allem exzellente Solisten, die die Aufführung zum Leuchten bringen. Roberta Mantegnas leiht ihren scheinbar mühelos bis in die hohen Cis-Lagen reichenden Sopran der tragisch scheiternden Norma. Die berühmte, von Maria Callas aus einer jahrzehntelangen Norma-Vergessenheit in den 1950-er Jahren wieder befreite Kavatine Casta Diva interpretiert Mantegna, als male sie ein romantisches Ornament. Vielleicht braucht es für diese Überzeugungskraft eine südliche, sizilianisch sozialisierte Kultur wie die ihrige.
Kathrin Görings wunderbarer Mezzosopran in der Rolle der getäuschten Adalgisa verbindet sich mit Mantegnas Sopran zu harmonischen Klanggedicht-Duetten von Leben und Tod, von Glück und Enttäuschung. Görings Mezzosopran klangmalt Leidenschaft, Wut und Traurigkeit. Adalgisa, vom Libretto als Novizin referenziert, charakterisiert Göring als eine Frau voller Empathie, die beim Zuschauer umstandslos Sympathie auslöst. Selbst dann noch, wenn Dominick Chenes als der blonde Latin Lover Pollione glaubt, alle schillernd verführerischen Tenor-Trümpfe in seiner Hand zu haben, hält Görings Mezzosopran den Ton und ihren Kopf hoch.
Noch im Niedergang stolze Frauen, scheint es, als könnten Norma und Adalgisa gemeinsam einen Ausweg, eine Zukunft finden. Allein, die Tragödie ist nicht aufzuhalten. Selbst Normas Bitte an ihren Vater Oroveso kommt zu spät. Yorck Felix Speers Bass skizziert Hilflosigkeit, gepaart mit der Karikatur einer nicht eingelösten Machtpose.
Richard Wagner hat 1839 in seiner Begeisterung und in einer Verbeugung vor Bellinis Oper für Oroveso eine Arie komponiert – Norma il predisse. Antony Pilavachi räumt Yorck Felix Speer die Möglichkeit ein, eine ungewöhnliche Bellini-Wagner- Bass-Kultur zu zelebrieren. Speer nutzt mit kraftvoll ausbalancierter Tessitur die – einmalige – Chance.
Die Geschichte der Norma steuert gleichwohl auf die Katastrophe zu. Nach dem Willen von Bellini und Romani muss gestorben werden. Begleitet noch von einem weiteren, finalen Warum. Der Dolch blitzt. Benzin wird über einen fiktiven Scheiterhaufen gegossen. Der Vorhang senkt sich, bevor alles in Brand gerät. Derweil draußen auf dem Weihnachts-Jahrmarkt die Jubel-Feuerfunken auch nur Rohrkrepierer bleiben.
Peter E. Rytz