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DER RING DES NIBELUNGEN
(Richard Wagner)
Besuch vom
10. bis zum 13. Mai 2018
(Premiere vom 5. bis zum 8. Mai 2016)
Der Richard-Wagner-Verband Leipzig, bekannt für sein Engagement für die Pflege des Wagner-Werkes in dessen Geburtsstadt Leipzig, hat einen griffigen Slogan: „Richard ist Leipziger“. Und dieser Slogan passt auch hervorragend zu dem Mammutprojekt, das die Oper Leipzig erneut an vier Abenden hintereinander stemmen will. Vor fünf Jahren feierte man in Leipzig den 200. Geburtstag des Komponisten Richard Wagner, und ein Höhepunkt der Feierlichkeiten war die Premiere Rheingold, die den Auftakt zu einem neuen Ring-Zyklus an der Oper Leipzig in der Inszenierung von Rosamund Gilmore bedeutete. Bereits Ende 2013 folgte mit der Premiere von der Walküre die lang ersehnte Fortsetzung der Ring-Tetralogie. Bis zur Premiere des Siegfried mussten sich die Wagnerianer dann fast eineinhalb Jahre gedulden. Das mag auch ein Grund sein, warum diese Aufführung im Vergleich zu den ersten beiden einen Einbruch hatte bei der Inszenierung, wo der rote Faden scheinbar abhandengekommen war. Den finalen Höhepunkt der Tetralogie, ein Jahr nach der Siegfried-Premiere, erlebt die Oper Leipzig mit der Premiere Götterdämmerung auch die Krönung und Vollendung des Ring-Zyklus, der sich nach drei Jahren geschlossen hat. Nur fünf Tage nach der Premiere der Götterdämmerung Ende April 2016 stand zum ersten Mal nach über vierzig Jahren die Aufführung des Ring des Nibelungen als Zyklus auf der Bühne, und das direkt an vier Abenden hintereinander. Eine Herkulesaufgabe, die mit großem Erfolg bewältigt wurde und ein vor allem internationales Publikum begeisterte sowie Leipzigs Stellenwert in der Pflege des Wagnerschen Werkes erhöhte.
Nachdem im vergangenen Jahr der Ring-Zyklus mit einem Tag Pause gegeben wurde, das war Christiane Libor geschuldet, die alle drei Brünnhilden-Partien sang, gibt es in diesem Jahr erneut den Zyklus an vier Abenden hintereinander. Zudem ist die Oper Leipzig deutschlandweit das einzige Haus, das auch in diesem Jahr den Ring an vier Abenden hintereinander ohne Unterbrechung präsentiert. Das ist nur durch eine sehr ausgewogene personelle Besetzung und ein ausgeklügeltes logistisches und technisches Konzept möglich.
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Für die insgesamt 49 Partien, die es an den vier Abenden zu besetzen sind – hier sind die Partien wie Wotan, Brünnhilde oder Siegfried jeweils pro Werk einzeln gezählt – stehen der Oper Leipzig für diesen Zyklus 25 Sängerinnen und Sänger zu Verfügung. Und obwohl einige natürlich mehrere Partien zu bestreiten haben, sind die großen Rollen meist einzeln besetzt. Mit Burkhard Fritz, Christian Franz und Thomas Mohr stehen drei Heldentenöre für die Partien des Siegmund und die beiden Siegfriede auf der Bühne, Tuomas Pursio und Iain Paterson alternieren beim Wotan und beim Wanderer, und es gibt diesmal zwei Brünnhilden mit der Besonderheit, dass Christiane Libor die Partie der Brünnhilde in der Walküre und in der Götterdämmerung gibt, während Katherine Broderick kurzfristig diese Rolle für Elisabet Strid im Siegfried übernimmt. Thomas Mohr, Siegfried in der Götterdämmerung, übernimmt auch die Partie des Loge im Rheingold. Rúni Brattaberg ist der meistbeschäftigte Sänger in diesem Zyklus und darf – oder muss – an allen vier Abenden auf die Bühne. Im Rheingold als etwas melancholischer Riese Fasolt, in der Walküre als brutaler Hunding, im Siegfried als Schatzhüter Fafner, und in der Götterdämmerung als verschlagener Hagen. Das verlangt schon eine enorme Kondition und beste Gesundheit. Auch Kathrin Göring und Tuomas Pursio, wie Rúni Brattaberg feste Ensemblemitglieder der Oper Leipzig, können sich über mangelnde Einsatzzeiten nicht beschweren. Göring gibt im Rheingold und in der Walküre die Fricka, kann sich den Siegfried in Ruhe anschauen, um dann in der Götterdämmerung als zweite Norn und Waltraute auf die Bühne zurückzukehren. Pursio, der Wotan im Rheingold, pausiert am zweiten Abend, um dann dieses Jahr zum ersten Mal den Alberich im Siegfried zu geben, um dann am letzten Abend wieder als Gunther im Einsatz zu sein. Insgesamt ist die Besetzung des gesamten Ringes aber so ausgewogen, dass die Aufführungen an vier Abenden hintereinander für die Sänger zumutbar sind. Die größten Herausforderungen haben sicher das Gewandhausorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Ulf Schirmer und die Bühnenarbeiter hinter den Kulissen zu bewältigen.

Im fünften Jahr seit der Premiere 2013 wirkt das Rheingold nach wie vor lebendig und auch komödiantisch. Es ist der Übergangsmoment vom archaischen, zeitlosen Mythos in die Geschichte zu dem Zeitpunkt, in dem die Hoffnung auf die Zukunft gerichtet ist. Angesiedelt von der Ausstattung und den Kostümen ist das Rheingold zur Zeit seiner Entstehungsgeschichte, also zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, doch das Konzept ist zeitgeschichtlich nach vorne gerichtet, und die Götterdämmerung wird dann in der aktuellen Gegenwart spielen. Rosamund Gilmore bedient sich in ihrer Erzählung eines choreografischen Ansatzes, und hält sich dabei sehr dicht an den Text. Zwölf Tänzerinnen und Tänzer, auch als mythische Elemente bezeichnet, sind omnipräsent auf der Bühne und illustrieren, beobachten und begleiten das Geschehen. Sie sind der zentrale Mittelpunkt der Inszenierung. Sie sind Helfershelfer der Protagonisten, stellen in der Verwandlungsszene im dritten Bild Riesenwurm und Kröte dar, sind die geknechteten Nibelungen, erscheinen als Wotans Raben oder als Nornen in der Erda-Szene, ein gelungener Verweis auf die drohende Götterdämmerung, und bewegen während der offenen Wechsel zwischen den einzelnen Bildern grazil die wenigen Requisiten hin und her. Ihre elastischen Körperhüllen lassen viel Spielraum für Verwandlung, Fantasie und Mythos zu. Gilmore, die über eine klassische Ballettausbildung verfügt, hat die Choreografie ganz der Musik untergeordnet. Die wogende Welle, das Charakteristikum im Rheingold, wird von den Tänzern aufgenommen und setzt sich über das gesamte Werk fort. Die Götter werden in ihrer Erzählung als blasierte, marode Gesellschaft dargestellt, hinter deren mythischer Fassade menschliche Eigenschaften zum Vorschein kommen: Liebe und Hass; Neid, Gier und Machthunger. Erda erscheint mit den seilspinnenden Nornen, die schon auf die bevorstehende Götterdämmerung hinweisen. Und schon fast liebevoll berührt Wotan den Bauch der hochschwangeren Erda, ein erster Hinweis auf Brünnhilde und die Walküren, die Wotan mit Erda noch zeugen wird. Auch in der anderen mythischen Ebene gibt es bunte Kontraste. So geizen die Rheintöchter nicht mit ihren optischen Reizen, und bringen Alberich, den lüsternen Herrn der Nibelungen mit lasziven Gesten fast um den Verstand. Seine Entsagung der Liebe und der Raub des Goldes verwandelt die Komödie in ein Drama, an dessen Ende der Untergang der Götter und die Hoffnung auf eine neue Welt stehen. Gilmore erzählt die Geschichte spannend und intensiv ohne dramaturgische Brüche und ohne belehrenden Zeigefinger. Carl Friedrich Oberle hat für das Rheingold einen einzigen Bühnenraum geschaffen. Im Mittelpunkt stehen ein großes Treppenhaus, das die Zeit des Transits markiert, ein großes Becken in der Mitte, das im ersten Bild mit Wasser gefüllt wird und dann wie eine Bühne auf der Bühne die Handlungsabläufe zentralisiert; sowie ein großer Bogen, der durch unterschiedliche Beleuchtung die verschiedenen Ebenen und Beziehungen charakterisiert und sich zum Einzug der Götter in Walhall am Schluss in einen leuchtenden Regenbogen verwandelt. Hier hat die Lichtregie von Michael Röger ihren ganz großen Moment. Die Kostüme von Nicola Reichert sind fantasievoll an die Entstehungsgeschichte des Werkes adaptiert und verleihen den einzelnen Figuren ihren besonderen individuellen Charakter.

Gilmore setzt für den ersten Abend der Tetralogie ihr Konzept fort und erzählt die Walküre in zwei Handlungsebenen, die psychologisch eng miteinander verflochten sind. Schon früh wird deutlich, dass das Ende der Götter bevorsteht. Es ist nach dem Drama der Lieblosigkeit, des Neides und der Gier im Rheingold das Drama der Liebe und der psychologischen Beziehungsgeflechte. Da ist der Vater-Tochter-Konflikt zwischen Wotan und Brünnhilde, der Ehezwist zwischen Wotan und Fricka, und natürlich die stürmische, inzestuöse Geschwisterliebe zwischen Siegmund und Sieglinde. Diese drei Beziehungen sind miteinander verwoben und verflochten und bedingen die zutiefst menschlichen Agitationen in der Walküre. Zentralfigur ist Wotan, der nach der Szene mit Fricka resignierend auf das Ende wartet. Da ist kein blasierter Stolz mehr, sondern reine Verzweiflung. Nicht nur, dass er seinen Sohn Siegmund opfern muss, er verliert auch seine Lieblingstochter Brünnhilde, weil er ein Gefangener seiner eigenen Verträge und Anordnungen ist. Im Abschied von Brünnhilde zeigt sich dieser ganze Schmerz in einer einzigen Geste. Tief berührt, ja, fast weinend, nimmt der Gottvater seine Tochter ein letztes Mal in den Arm und hält sie fest. Hier haben die Protagonisten die Regie weiterentwickelt, bei der Premiere lehnte Wotan lediglich sein Haupt an ihr Gesicht. Wunderbar begleitet vom Gewandhausorchester, ist das der größte und emotionalste Moment an diesem Abend. Gilmore bleibt ihrem choreografischem Erzählstil treu und wird dadurch auch vorhersehbarer, was die Spannung aber kaum mindert. So begleiten, großartig dargestellt, Wotans Raben, Frickas Widder und Siegmunds Wölfe den Handlungsstrang. Sie sind stille Beobachter, ohne ins Handlungsgeschehen einzugreifen, und sind doch omnipräsent. Ja, sogar Brünnhildes Pferd Grane wird durch einen Tänzer angedeutet, und auch die gefallenen Helden in Walhall dürfen mitspielen, auch wenn deren Choreografie nicht ganz nachvollziehbar ist. Angesiedelt von der Ausstattung und den Kostümen spielt die Walküre zum Ende des 19. Jahrhunderts, konzeptionell also nach Wagners Tod. Interessant ist die Figur Frickas, die optisch einer jungen Cosima von Bülow ähnelt, die ihren Göttergatten klar in die Knie zwingt. Ob die Ähnlichkeit gewollt ist oder Zufall, dramaturgisch macht es durchaus Sinn. Siegmund und Sieglinde, das liebende Geschwisterpaar, bleiben spielerisch eher blass, weil Gilmore ihre Interaktion doch sehr statisch anlegt. Überhaupt ist wenig Bewegung im Spiel, es ist mehr die Kraft des Ausdruckes, des Blickes, der kleinen Gesten, die berühren. Dass Siegmund am Schluss des zweiten Aufzuges von Hunding erschossen wird, steht zwar nicht in Wagners Regieanweisung, passt aber durchaus in das Gesamtkonzept einer bildreichen Sprache. Ansonsten ist Gilmore eine enge Werktreue zu attestieren, zum finalen Feuerzauber mit ordentlicher Pyrotechnik darf Loge höchst persönlich erscheinen und den Feuerkreis um Brünnhildes Felsen ziehen. Carl Friedrich Oberle hat wieder die Bühnenbilder geschaffen. Im ersten Aufzug ähnelt Hundings Hütte einem offenen Betonbunker mit Stacheldrahtverhau auf dem Dach, dessen Rückwand sich passend zu Siegmunds Winterstürme wichen dem Wonnemond … öffnet. Im zweiten Aufzug setzt er sein Walhalla-Bild aus dem Rheingold fort, doch wirkt die Götterbehausung schon baufällig, ja ruinös. Im zweiten Bild des Aufzuges bleiben nur die Seitenwände stehen, und das Geschwisterpaar erscheint aus einem zerklüfteten Hintergrund. Im dritten Aufzug dominiert ein zentraler Stahlblock, der Walküren-Felsen, um den mehr als 200 Paar weiße Stiefel als Symbol der gefallenen Helden platziert sind, die nach Walhall durften.
Ein schon fast einstürzender Bau mit großen Bogenfenstern scheint Walhalls Rückfront zu sein, hier dürfen sich am Schluss die Walküren aufreihen. Die Kostüme von Nicola Reichert sind nicht spektakulär, eher bieder, ganz im Stile des ausklingenden 19. Jahrhundert. Die Walküren in ihrem Amazonenoutfit sind dagegen ein echter Hingucker. Erwähnenswert auch wieder die Lichtregie von Michael Röger, die auf den Punkt gesetzt stimmungsvoll die Musik untermalt.
Der dritte Teil der Tetralogie hat durchaus einen Bruch, ähnlich wie die Musik, denn Wagner hatte die Komposition des Siegfried nach dem zweiten Aufzug unterbrochen und zunächst den Tristan und die Meistersinger komponiert. Siegfried ist in dieser Inszenierung ein pubertierender, kraftmeiernder Teenager, der Antworten sucht auf elementare Fragen. Wer war sein Vater, wer seine Mutter? Und was ist mit Mime, den er lange für seinen Vater hält? Die zögerlichen Antworten des Zwerges stoßen ihn in ein emotionales Chaos. Liebe, Geborgenheit, das sind abstrakte Begriffe für ihn, doch genau danach sehnt er sich. Mime kann ihm das nicht geben. Und hier greift Gilmore erstmals ins Geschehen ein. Für sie ist Siegfried Teil der mythischen Wesen, die versteckt in einem gartenähnlichen Feld das Geschehen beobachten und mit ausdrucksstarkem Tanz kommentieren. Sie nehmen direkter als im Rheingold oder in der Walküre am Geschehen teil. Statt aktiver Schmiedeszene Siegfrieds gibt es nur eine imaginäre Andeutung der Kraft, das neu zusammengefügte Schwert Nothung wird ihm von den mythischen Wesen überreicht. Requisiten und Kostüme lassen auf die 1950-er Jahre tippen, ein neuerlicher Zeitsprung im Vergleich zum Rheingold und zur Walküre. Doch die entscheidenden Interaktionen zwischen Siegfried und Mime einerseits und Mime und dem Wanderer in der Wissenswette andererseits bleiben blass und entwickeln nicht die Spannung und Dynamik, die die Musik suggeriert. Fafner ist ebenfalls ein mythisches Wesen, ein Riesentroll, der sich reproduziert hat, und elf kleine Fafners versuchen wie ein triefendes Geschwür Siegfried davon abzuhalten, den Hort für sich zu gewinnen. Die Szene ist großartig grotesk, bunt und schillernd. Als Siegfried Fafner tötet, und mit ihm auch die kleinen Fafners in den letzten Zuckungen liegen, kommt wieder das emotionale Dilemma des tumben Jünglings zum Vorschein. Wie ein kleiner Junge schmiegt er sich an den toten Riesen, wieder eine Vaterfigur, die nicht taugt. In dieser Situation weiß Gilmore Abhilfe zu schaffen. Ein großer, weißer Waldvogel erscheint, mehr Schwan als Vöglein, und nimmt Siegfried mit auf eine emotionale Reise, die ihn zu Brünnhilde führe soll. Das dann noch drei weitere große, weiße Waldvögel auftauchen, passt zu Gilmores Ansatz, den gesungenen Text wörtlich umzusetzen. Der dritte Aufzug gelingt dann fast zur ganz großen Wagner-Oper. Wanderer Wotan ruft Erda hervor, noch einmal will er das Schicksal wenden. Erda, wie schon im Rheingold mit den drei Nornen auftretend, wickelt ihn in seilartiges Tuch, aus dem er sich noch einmal befreien kann für seine letzte Mission, den ungeheuerlichen Jungen aufzuhalten. Die Geschichte ist bekannt.
Siegfried zerschlägt Wotans Speer, dessen Macht ist endgültig gebrochen, und für den jungen Siegfried gibt es auf dem Weg zu seiner ersten weiblichen Eroberung kein Zurück mehr. Brünnhildes Erwachen ist mehr Geburt der Venus, ein erotisches Verlangen, dass den pubertierenden Knaben ganz schön überfordert. Das ist alles noch akzeptabel, weil auch schön anzuschauen. Doch da war ja noch was. Die mythischen Wesen, die freundlichen Begleiter Siegfrieds in seinen jungen Jahren, dürfen am Schluss nicht fehlen. Und mitten im taumelnden Jubel um leuchtende Liebe und lachenden Tod sind sie da, freuen sich mit Siegfried und Brünnhilde und rauben dem Zuschauer die Illusion von wahrer Liebe. Oberle hat sich mit seinem Bühnenbild genau dieser Regieordnung gefügt. Im ersten Aufzug dominiert das merkwürdige Gartenfeld, und einige wenige Requisiten wie Amboss und diverse Schwerter erinnern den Zuschauer daran, dass er sich in der Ring-Tetralogie befindet. Riesentroll Fafner sitzt auf einem riesigen, roten Sofa, das in die Tiefe absenkbar ist, während die umgestürzte Brücke an der Neidhöhle dem Rheingold entstammt. Grandios das Bild im dritten Aufzug mit einer erneut formidablen Lichtregie von Röger. Der dunkle Walküren-Felsen von hinten, mit Nebel überzogen, und nach der Drehung das stilisierte Schlussbild aus der Walküre mit der schlafenden Brünnhilde. Hier wird das Geschehen wieder zum Märchen für träumende Erwachsene. Reichert unterstützt das mit ihren Kostümen, die ihr dann am besten gelingen, wenn es um die Fantasie geht, insbesondere bei Fafner und bei Brünnhilde. Siegfried in seiner hochwassertauglichen Latzhose ist kein großer Wurf. Mimes Arbeitskleidung entstammt irgendeiner Fabrik, passt aber zu seinem kleingeistigen Habitus. Alberich mit Trenchcoat und Brille sieht aus wie ein Ministerialbeamter und der Wanderer mehr wie ein Fischer auf Landgang.
Auch in der Götterdämmerung bleibt Gilmore bei ihrem Konzept, Wagners Musik zu visualisieren und eine Geschichte zu erzählen, die nachhaltig ist und zum Nachdenken anregt. Die mythischen Wesen, die wir zum Teil schon aus den ersten drei Ring-Opern kennen, begegnen uns hier wie gute, alte Bekannte. Das Pferd Grane, in der Walküre schon ein Schlüsselbild, wird hier noch mehr personifiziert, auch dank der ausdrucksstarken Bühnenpräsenz von Ziv Frenkel. Grane ist mehr als nur ein Geschenk Brünnhildes an Siegfried. Es ist treuer Begleiter, Wächter und emotionaler Ausdruck seines Herren Siegfried. Das vielleicht bewegendste Bild im ganzen Ring ist die Szene, in der Grane den toten Siegfried auf seinem Rücken zu den Klängen des Trauermarsches zu Gibichs Halle trägt. Hier verschmilzt die Symbiose aus Musik und erzählten Bildern zu einer visuell erlebbaren, symphonischen Dichtung. Aber auch die anderen Wesen, seien es die Nornen-Schatten, die Wasserelemente des Rheins, das Gibichungen-Dienstpersonal oder die schon hinlänglich bekannten Raben Wotans, sie alle visualisieren Wort und Musik, geben der Geschichte eine neue Facette, ohne oberlehrerhaft dem nichtwissenden Zuschauer den Ring erklären zu wollen.
Großartig auch die Idee, die Göttererscheinungen auf die Bühne zu bringen. Ein düstrer Tag dämmert den Göttern verkündet Erda schon im Rheingold, und es sind Wotans Worte an Brünnhilde in der Walküre, wenn er voller Verzweiflung prognostiziert: nur eines will ich noch: das Ende … Und die Götter fürchten um ihr Ende. Obwohl keiner von ihnen mehr als Figur in der Götterdämmerung erscheint, geht es letztendlich um sie, um ihr Ende, und damit auch das Ende einer dekadenten Herrschaft. Gilmores Kunstgriff, mit Hilfe der Göttererscheinungen Wotan, Fricka, Freia, Froh und Donner als ängstlich beobachtende Gestalten, die auf ihr Ende warten, mehrfach kurz auf die Bühne zu bringen, ist nicht nur ein interessanter Regiekniff, es ist auch die immerwährende Mahnung, dass alles endlich ist, auch die Herrschaft der eigentlich unsterblichen Götter. Wenn am Schluss das Bühnenbild ineinander zerfällt, die Götter im wahrsten Sinne des Wortes untergehen, dann wird die Götterdämmerung wörtlich zitiert. Doch Gilmore erzählt nicht nur in fesselnden Bildern, sondern sie ordnet den Figuren auch eine dezidierte Rolle in diesem Gefüge zu und bleibt damit ihrem bekannten Linienkonzept der ersten drei Werke treu. Im Zentrum steht Hagen, Alberichs Sohn. Ein Antiheld, gefühlskalt und von Hass beseelt. Sein ausschließlicher Sinn ist es, den Ring, der unendliche Macht verheißt, von Siegfried zu gewinnen. Nicht für Alberich, sondern für sich. Hagen ist eine eigenständige Persönlichkeit, der in seinem strategischen Denken seinen Vater Alberich um Längen überragt und ein Meister der Manipulation ist. Seine Halbgeschwister Gunther und Gutrune, die Gibichungen, sind da nur schwache, willfährige Objekte. Die Gibichungen sind eine reiche, verwöhnte, dekadente, aber verschwächlichte Gesellschaft, die von Hagen nur zu leicht manipuliert werden kann. Gunther wirkt wie ein kokainsüchtiger Managertyp, der auf Entzug ist. Hypernervös, fahrig mit zwanghaftem Verhalten, wenn er mit seinem Ärmel andauernd die Glasplatte des Tisches zu säubern versucht. Gutrune wirkt verklemmt, beziehungsunfähig, ohne eigene Meinung, komplett von Hagen beherrscht. Auch Siegfried wird sein Opfer, auch wenn es dazu der Hilfe des Vergessenstrunks bedarf. Mit der gesponnenen Intrige, dass Siegfried zwar Brünnhilde für Gunther – in dessen Gestalt – freit, aber letztendlich Brünnhildes Gatte ist und damit seine vermeintliche Verlobte Gutrune entehrt habe, rechtfertigt Hagen das Todesurteil gegen Siegfried. Ihm geht es aber nicht primär um den Tod Siegfrieds, er ist lediglich Mittel zum Zweck, den Ring zu erbeuten, den er vom lebenden Siegfried nicht gewinnen könnte. Siegfried ist der Naturbursche, etwas naiv, auf seine Kraft und Stärke vertrauend, der eher das Gute im Menschen sieht und zu spät realisiert, welch furchtbarer Intrige er zum Opfer fällt. Brünnhilde ist nicht mehr die starke, unbezwingbare Walküre, sie hat den Wandel zur liebenden Frau vollzogen, die sich betrogen fühlt, die auch Rachegelüste hat, um am Ende zu erkennen, dass ihr Opfer einem höheren Zwecke dient. Waren die Bühnenbilder von Oberle in den ersten drei Werken noch in Zeitsprüngen verwandelt worden, so entsteht in der Götterdämmerung ein völlig neues Bild. Wir sind im Jetzt angekommen. Die Halle der Gibichungen wirkt wie eine große, moderne Atelierwohnung, wie man sie heute als Loft in umgebauten Fabrikhallen finden kann. Fünf große Säulen stehen im Zentrum, sie sind Pfeiler und Versteck oder Zutritt zur Halle gemeinsam. Am Schluss erfahren wir, dass die Zahl fünf hier eine besondere Bedeutung hat, denn die Götter, als Erscheinung dargestellt, werden am Ende mit jeweils einer Säule untergehen. Eine große Fensterfront öffnet den Blick auf den Rhein, und diese Front ist dank des grandiosen Rögerschen Lichtdesigns mal Wasser, mal Erde, mal Feuer. Rechts oben befindet sich ein offener Balkon, Brünnhildes geschützter Bereich, bevor Siegfried sie betrügt. Dieses Bühnenbild bleibt über alle drei Aufzüge unverändert bestehen, nur wenige Requisiten werden verändert, um die neuen Szenen darzustellen. Es sind alles offene Verwandlungen, und die Gibichungen-Bedienstete sowie die anderen, schon erwähnten mythischen Wesen fungieren nebenbei als dezente Bühnenarbeiter, die tänzerisch die wenigen Requisiten von der Bühne oder auf die Bühne bringen. Im Hintergrund erkennt man ein großes Bodenregal mit Überbleibseln aus den vergangenen drei Werken. Etwas Gold, Brünnhildes Brustpanzer, Helm und Speer, ein Paar Stiefel gefallener Helden; wie ein Reliquienschrein mahnen diese Accessoires an die Macht und den Fluch des Ringes. Ein Piano auf der Bühne steht für den Reichtum der Gibichungen, wird aber zum Schluss der Aufbahrungsort des toten Siegfried und gleichzeitig Scheiterhaufen, auf dem Brünnhilde, Siegfried und Grane verbrennen. Die Kostüme von Nicola Reichert haben sich ebenfalls der Moderne angepasst, ohne einen ganz konkreten Zeitbezug zu haben. Tragen die Gibichungen eher stylische Glamourkleidung, wirken Brünnhilde und Siegfried in ihrer Arbeitskluft eher postkommunistischer Herkunft. Hagen und Alberich tragen die gleichen Outfits, während Hagens Mannen in ihren hellbraunen Uniformmänteln und Barretts eher britischen Soldaten der Nachkriegszeit ähneln, ohne dass damit eine politische Assoziation künstlich herbeigeführt wird. Hagen ist nicht nur ein Machtmensch, er führt seine Mannen militärisch, die in ihm und nicht in Gunther den Befehlshaber anerkennen. Die Nornen wirken in ihren schwarzen Gewändern düster elegant, während die Rheintöchter ihre erotischen Kostüme aus dem Rheingold beibehalten haben. Bühnenbild, Kostüme und Lichtdesign ergeben aber einen klaren optischen Dreiklang, der visuell aufeinander abgestimmt ist. Fesselnd die Schlussszene, wenn die Bühne in rotes Licht getaucht, von oben große Stofftücher herabfallen, wie Feuerflammen, die alles verzehren, bis sich der Boden öffnet, die Säulen auseinanderbrechen und je zur Hälfte mit den Göttern sowie den toten Protagonisten im Boden versinken oder in die Höhe gehoben werden. Die Rheintöchter haben den Ring vom toten Siegfried gezogen, verschwinden im tiefen Blau des Rheins, und auch Hagen, noch immer von der Gier nach Macht zerfressen, springt hinterher und verschwindet im Nichts. Es bleibt die Natur im Einklang mit der Musik, und die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Neuanfang, nach der Reinigung durch das Feuer und das Löschen des Weltenbrandes durch das Wasser.
Dieses Ring-Erlebnis an vier Abenden ist von einer enormen Intensität und Spannung. Ulf Schirmer sprach im Vorfeld von einem Lebensgefühl, und er und sein Team haben an den vier Abenden Wagner und den Ring gelebt, und auch das internationale Publikum konnte teilhaben an diesem Lebensgefühl, sowohl während der Aufführungen als auch in den Pausen, in denen intensiv diskutiert wurde. Es sind vor allem Briten und US-Amerikaner, die den Weg nach Leipzig gefunden haben, um diesen Ring erleben zu können.
Im Vergleich zu Einzelaufführungen mit längerer Pause zwischen den einzelnen Werken sieht man die Inszenierung von Rosamund Gilmore mit anderen Augen. Sie wird dichter, intensiver und verständlicher. Die mythischen Wesen, Wagners stumme Stimmen, bekommen noch mehr Bedeutung, sie sind wie seine Leitmotive elementare Bestandteile und werden fast zu Partnern auf Augenhöhe mit den singenden Protagonisten. Gilmore hat einen mythischen Ring erzählt, ohne in bedeutungsvolle Interpretationsversuche abzudriften. Ihr gelingt der Spannungsbogen von der Tiefe des Rheins bis zum finalen Ende in der Götterdämmerung, ohne dass es große Brüche gibt. Als Zyklus ist der Ring verdichtet, klar und verständlich. Und die tanzenden mythischen Wesen, Gilmores stumme Stimmen, sind nicht nur choreografisch schön angeordnet, sondern sie erzählen den Ring mit und geben ihm einen ganz neuen und verständlichen künstlerischen Aspekt. Die Bühnenbilder und Kostüme von Carl Friedrich Oberle und Nicola Reichert harmonisieren an den vier Abenden noch viel deutlicher, als das bei der Betrachtung eines einzelnen Werkes der Fall ist. Und jetzt erkennt man auch, warum der Ring des Nibelungen ein Gesamtkunstwerk ist, und nicht einfach nur die Summation von vier Opern hintereinander. Die grandiose Lichtregie von Michael Röger verstärkt die visuelle Illusion und emotionale Anteilnahme an diesem Werk, durchaus synergetisch mit Personenregie und Musik.
Ein Ring-Projekt ist auch eine große Herausforderung an den Klangkörper des Hauses, seien es die Sängerinnen und Sänger, sei es das Orchester mit seinem Dirigenten, die an vier Abenden hintereinander körperliche und mentale Höchstleistung zu vollbringen haben. Christiane Libor gibt die zwei Brünnhilden mit Licht und Schatten. In der Premiere der Walküre noch als Sieglinde zu hören, hat sie sich mittlerweile zu einem hochdramatischen Sopran weiterentwickelt. Folgerichtig hat sie mittlerweile alle drei Brünnhilden-Partien im Repertoire. In der Walküre begeistert sie zwar durch kraftvolle und leuchtende Höhen sowie einer warmen Mittellage in der Todesverkündigung, doch zwei komplette Aussetzer sowie bei ihr sonst nicht zu vernehmende Schwierigkeiten mit dem Text trüben den Gesamteindruck etwas. In der Götterdämmerung ist sie dann wieder ganz die Christiane Libor, wie man sie kennt. Ihre Brünnhilde in der Götterdämmerung nur zwei Tage später wird dann zu diesem magischen Moment. Sie verlangt ihrer Stimme alles ab, schont sich keinen Moment. Hochdramatisch die Schwurszene im zweiten Aufzug, emotional berückend ihre Schlussszene im dritten Aufzug, wenn sie Abschied vom toten Siegfried nimmt. Hier hat sie sich in den letzten zwei Jahren enorm weiterentwickelt. Katherine Broderick als Brünnhilde im Siegfried ist stimmlich im Vergleich zu Libor höher gelagert. Allerdings hat sie vor allem in den dramatischen Höhen ein derart scharfes, unangenehmes Vibrato, dass ihr Finale mit leuchtender Liebe und lachender Tod fast nicht zum Aushalten ist. Hier sollte die junge Sängerin an ihrer Technik arbeiten, wenn sie in diesem Fach länger singen möchte. Das Publikum stört es allerdings nicht, auch sie wird am Schluss bejubelt.
Meagan Miller ist eine der Wagner-Sängerinnen, die aus dem jugendlich-dramatischen Fach kommen, deren Weg aber schon weiter nach vorne zeigt. So geht sie ihre Sieglinde teils lyrisch, teils hochdramatisch an. Dieser Wechsel der Klangfarben, des dramatischen Ausdrucks in der Stimme und ihre strahlenden Höhen lassen ihre Sieglinde warm und fraulich erklingen. Wunderbare, strahlende, leuchtende Höhen, die in dem Ausbruch O hehrstes Wunder Gänsehautgefühl vermitteln. Burkhard Fritz ist in seiner Darstellung ein eher zurückhaltender Siegmund, der aber stimmlich mit einem strahlenden Tenor ausgestattet ist, den Siegmund eher lyrisch anlegt, ohne die notwendige Dramatik missen zu lassen. Christian Franz überzeugt als junger Siegfried durch seinen strahlkräftigen Tenor, doch lässt ihm Gilmore zu wenig spielerische Gestaltungsmöglichkeit. Sein Schmiedelied vermag nicht wirklich zu zünden, wie auch ohne Schmiedeszene. Und obwohl er die kraftvollen Höhen hat, wirkt sein Auftritt insgesamt etwas uninspiriert. Auch ist sein Gesang nicht immer ganz sauber, was dann das Finale mit Katherine Broderick nicht so leuchtend schön erklingen lässt, wie man es noch vor zwei Jahren mit Elisabet Strid gehört hat.
Thomas Mohr, Siegfried in der Götterdämmerung und Loge im Rheingold, kann seine Stimme so variieren, dass sie einerseits dem Charaktertenor Loge einen heldenhaften Anstrich verleiht, andererseits dem Heldentenor Siegfried genauso liedhafte, lyrische Züge gibt. Mohr verfügt sowohl über den metallischen Stahl in der Stimme, der für die hochdramatischen Passagen unabdingbar ist, als auch über das warme und dunkle Timbre, mit dem er fast schon zärtlich von Brünnhilde Abschied nimmt. Seine Deklamation ist so vorbildlich, dass es zum Textverständnis keiner Übertitel bedarf. Im Zusammenwirken mit Christiane Libor mischen sich zwei exzellente Stimmen harmonisch zu einem einzigen Klang und werden am Schluss dafür stürmisch umjubelt.
Die große zentrale Figur im Ring ist Wotan, Gottvater. Bauherr von Walhall im Rheingold mit blasierter Selbstüberschätzung, als Gefangener seiner Verträge und Unterlegener im Zwist mit seiner Göttergemahlin Fricka, als wütender Rächer und trauriger Gottvater in der Walküre, und schließlich als suchender, wissender Wanderer im Siegfried, dessen Zeit zu Ende geht. Diese fulminanten Partien werden im Leipziger Ring durch zwei exzellente, aber in ihrer Stimmlage und ihrem Ausdruck ganz unterschiedliche Sänger besetzt. Tuomas Pursio verfügt über einen edlen Bariton mit schmeichelndem Timbre und einer warmen Mittellage. Eine angenehme und verführerische Stimme, die prädestiniert ist einerseits für den arroganten Wotan im Rheingold, gleichzeitig aber auch ideal für die Besetzung des schwachen, dekadenten Gunter in der Götterdämmerung angelegt ist. Neu ist seine Darstellung des Alberich im Siegfried, dem er eine ganz neue Facette verleiht. Pursio meistert alle drei Partien mit großem Stimmeinsatz und einer starken Bühnenpräsenz. Iain Paterson als Wotan in der Walküre und als Wanderer im Siegfried begeistert mit seinem dramatisch angelegten Bass-Bariton, mit großem musikalischem Ausdruck und innigem Gesang bei seinem Abschied von Brünnhilde.
Sein Leb wohl du kühnes, herrliches Kind gerät dann zu einem dieser großen, magischen Momente dieses Rings. Seine Stimme hat die notwendige Ausdruckskraft und Präzision, um die anspruchsvollen Passagen wie die Wissenswette im ersten Aufzug mit Mime, die große Erda-Szene und die Konfrontation mit Siegfried im dritten Aufzug mit großem körperlichem Ausdruck zu gestalten. Eine weitere große gestaltende Persönlichkeit auf der Bühne ist Rúni Brattaberg. Sein mächtiger schwarzer Bass, seine kräftige Körperstatur und seine schon fast bedrohlich wirkende physische Bühnenpräsenz machen ihn zu einer Idealbesetzung für die beiden Bösewichter dieser Werke, Hunding und Hagen. Beide Rollen gestaltet er mit großer Intensität, aggressivem Spiel und einem manchmal schon dröhnenden Bass, der sich hervorragend mit den eigens angefertigten Stierhörnern im zweiten Aufzug der Götterdämmerung mischt. Dass er im Rheingold den Fasolt und im Siegfried noch die kleine, im Vergleich zu Hunding und Hagen fast schon lyrische Rolle des Fafner mit sehr viel Fingerspitzengefühl gestaltet, sei hier noch einmal erwähnt, zumal er der einzige Sänger ist, der an allen vier Abenden der Tetralogie auf der Bühne steht. Pavlo Hunka legt in seiner Rollenanlage des Alberich im Rheingold großen Wert auf Deklamation, was vor allem in der ersten Szene sehr wichtig ist. Mit großem Körpereinsatz, wuchtigem Bass und starkem Ausdruck gestaltet er die Partie, die Fluch-Szene ragt dabei heraus. Peter Sidhom mit der kurzen, aber intensiven Partie des Alberich in der Götterdämmerung überzeugt mit markantem Bass, allerdings überzeichnet er die Rollenanlage etwas. Dan Karlström, der wendige Charaktertenor, gibt die beiden Partien des Mime im Rheingold und im Siegfried mit ausdrucksstarkem Spiel und Gesang und ist aufgrund seiner Statur und seiner Stimmmodulation eine Idealbesetzung der Figur.
Kathrin Göring hat sich in den letzten Jahren zu einer festen Größe im Wagner-Fach etabliert, zuletzt begeisterte sie mit ihrem Rollendebüt als Venus im Tannhäuser an der Oper Leipzig. Eindrucksvoll zeigt sie das mit den Partien der Fricka im Rheingold und in der Walküre. Stimmlich auf einer tiefen, warmen Mittellage fußend, kann sie in den dramatischen Passagen auch sopranartige Höhen erreichen, was der Rolle einen besonderen Ausdruck verleiht. Wie sie am Schluss ihres Ehestreits in der Walküre spöttisch auf Wotan herabblickt, ihn fast schon mit Verachtung straft und die anwesende Brünnhilde einfach ignoriert, das ist ganz große Kunst. Aber auch in den vermeintlich kleineren Rollen wie der Waltraute und der zweiten Norn in der Götterdämmerung ragt sie mit ihrer markanten Stimme deutlich erkennbar heraus und gibt diesen Figuren, insbesondere der Waltraute, einen eigenständigen und markanten Charakter. Neben Brattaberg ist sie die einzige Sängerin, die in vier Partien im Ring-Zyklus zu sehen und zu hören ist. Claudia Huckle begeistert mit ihrem dunkel gefärbten Mezzosopran und ihrem warmen Timbre in beiden Erda-Partien, während Danae Kontora die Stimme des Waldvogels aus dem Orchestergraben mit hohem Koloratursopran zwitschert.
Gal James gibt eine erfrischend jugendlich-dramatische Freia im Rheingold, während ihre Gutrune in der Götterdämmerung eine frustrierte, schwache Frau ist, die einem Hagen oder einer Brünnhilde nichts entgegenzusetzen hat. Als Walküre Gerhilde ragt James neben Wallis Giunta als Rossweisse markant aus der Schar ihrer Geschwister heraus, die im übrigen sehr sangesstark und spielfreudig besetzt sind. Eun Yee You als Woglinde im Rheingold, Magdalena Hinterdobler in der gleichnamigen Partie in der Götterdämmerung, Sandra Maxheimer als Wellgunde in beiden Partien sowie Sandra Fechner als Flosshilde im Rheingold als auch Sandra Janke in der Götterdämmerung harmonieren bestens. Gleiches gilt auch für Karin Lovelius, Kathrin Göring und Olena Tokar als Nornen. Sven Hjörleifsson als Froh, Kay Stiefermann als Donner und James Moellenhoff als Fafner komplettieren im Rheingold die Riege der gesangsstarken Solisten in diesem Ring-Zyklus. Der Damen- und Herrenchor der Oper Leipzig unter Thomas Eitler-De Lint zeigt in der Götterdämmerung großes sängerisches Engagement und einen starken Ausdruck.
Die wahrscheinlich größte künstlerische Leistung aber vollbringen Ulf Schirmer am Pult und sein Gewandhausorchester im Graben. An vier Abenden hintereinander, nach exakt 14 Stunden und 40 Minuten reiner Spielzeit und damit insgesamt gut zehn Minuten schneller als vor zwei Jahren, auf höchstem musikalischen Niveau, das ist eine schon bemerkenswerte Leistung, sowohl physisch als auch mental. Das Lebensgefühl, von dem Schirmer sprach, überträgt sich von ihm auf die Musiker und aus dem Graben auf das Publikum, dass schier süchtig danach zu sein scheint. Das kann man auch nicht beschreiben, das muss man erleben. Es ist schon ein besonderes Gefühl als Zuschauer, nicht nur Zeuge, sondern Teil dieses Ring-Erlebnisses zu sein. Und Schirmer kostet sein Lebensgefühl aus, für ihn ist es ein Höhepunkt im Dasein als Dirigent. Er trägt die Sänger über den gesamten Zeitraum hinweg, begleitet sie unprätentiös, fordert ihnen aber auch manchmal im Forte des Orchesters gesanglich alles ab, manchmal sind die Sänger in den vorderen Reihen kaum noch zu verstehen. Schirmer zieht alle Register, wechselt die Tempi, wenn nötig, geht ins feinste Piano, um eine Brünnhilde hauchen zu lassen: Ruhe du Gott. Er schlägt ins stürmische Forte bei Siegfrieds Rheinfahrt, und erneut ist der Trauermarsch in der Götterdämmerung vielleicht der emotionalste Moment des gesamten Ringes, der durch die Dichte des Geschehens noch intensiver nachwirkt.
Als der Weltenbrand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Weltenordnung entstehen kann, befindet sich in der Partitur eine Fermate, eine kleine Pause, die aber einen Rieseneffekt hat. Viele Dirigenten gehen darüber hinweg, aber Schirmer kostet diese Fermate aus, um Atem zu schöpfen, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzuzeigen. Diese wenige Sekunden andauernde Pause, in der das Publikum den Atem anzuhalten scheint, und der Übergang zur beruhigten Orchestermusik, in der am Schluss wieder das Rheingold-Motiv erklingt, steht symbolisch für die Erlösung und den Neuanfang, aber auch für die Vollendung des Gesamtkunstwerkes.
Einziger Wermutstropfen sind leider einige unüberhörbare Unsauberkeiten bei den Blechbläsern, vor allem in der Walküre. An allen vier Abenden jubelt das Publikum lautstark, besonders frenetisch nach der Götterdämmerung, feiert Schirmer, der allerdings nach der Walküre einige Buhrufe wegzustecken hatte, das Gewandhausorchester und die Sängerinnen und Sänger für eine insgesamt herausragende Leistung, die internationales Format hat. Aber auch das Publikum ist international, und vielleicht sollte man sich an der Oper Leipzig einmal überlegen, ob man die Übertitel, insbesondere bei Wagner, neben der deutschen auch in englischer Sprache einblendet. Das ist an der Semperoper Dresden schon längst der Fall und würde dem Anspruch eines vermehrt internationalen Publikums gerecht werden und nebenbei die vielen Kommentare während der Aufführung reduzieren. Leider sind wieder sehr viele penetrante Huster im Publikum, was vor allem während der Walküre mit gefühlt minütlichen Hustenattacken einen ungetrübten Kunstgenuss unmöglich macht. Zwar haben fleißige Helfer vor der Aufführung der Götterdämmerung Lutschtabletten gegen Hustenreiz verteilt, doch kam diese lobenswerte Aktion drei Tage zu spät, und es haben auch nicht alle, die es benötigt hätten, davon Gebrauch gemacht. Da kann man nur den großen Komponisten und Kapellmeister Albert Lortzing zitieren, der von 1833 bis 1845 am Stadttheater Leipzig wirkte: „Überhaupt muß der Gott eigentümlicher Laune gewesen sein, als er das Leipziger Publikum erschuf.“
Wer es verpasst hat, dieses Lebensgefühl zu spüren, von dem Schirmer so gerne spricht: Im kommenden Jahr wird es zu den Richard-Wagner-Festtagen wieder zwei komplette Zyklen geben, allerdings nicht an vier Abenden hintereinander.
Andreas H. Hölscher