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Sehnsucht nach einem anderen Leben

RUSALKA
(Antonín Dvorák)

Besuch am
3. Dezember 2017
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Wer in diesen Tagen mit der Straßenbahn in Leipzig unterwegs ist, kann auf der elektro­ni­schen Anzeige folgendes lesen: „Das Leben ist kein Wunsch­konzert. Aber die Oper Leipzig macht es möglich. Aufgrund der vielen Wünsche von Besuchern der Oper Leipzig steht nun Antonín Dvořáks erfolg­reichste Oper Rusalka neu auf dem Spielplan.“ Eine schöne Geste der Opern­leitung, ein eher selten gespieltes Stück, und dann auch in der tsche­chi­schen Origi­nal­sprache aufgrund vieler Zuschau­er­wünsche nach über 40 Jahren in einer Neuin­sze­nierung auf die Bühne zu bringen. Bis auf Gasttenor Peter Wedd als Prinz sind alle Rollen Debüts von Leipziger Ensemblemitgliedern.

Passend zur Adventszeit also ein lyrisches Märchen für Erwachsene, aber ohne Happy End. Antonín Dvořák und sein Librettist Jaroslav Kvapil vermi­schen in ihrer am 31. März 1901 am Prager Natio­nal­theater urauf­ge­führten Oper Rusalka den slawi­schen Mythos der untoten Rächerin aus dem Wasser mit Märchen­fi­guren wie Friedrich de la Motte Fouqués Undine und Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau vor dem Hinter­grund der düsteren Sagen des Dichters Karel Jaromír Erben. Die faszi­nie­renden Klang­welten, die liedhaften und hochdra­ma­ti­schen Momente ließen Rusalka zu einer der erfolg­reichsten tsche­chi­schen Opern werden und sie gilt neben Smetanas Verkaufter Braut als tsche­chische Nationaloper.

Rusalka ist ein Märchen für Erwachsene von der Sehnsucht nach einer anderen Welt. Die Geschichte wird aus der Sicht der Natur­geister erzählt, in deren Welt der Mensch rücksichtslos herein­bricht. Die Geschichte einer Meerjungfrau, die sich in einen Prinzen verliebt und ein Mensch werden möchte, um mit ihm zusammen zu sein, dafür doch ihre Stimme opfern muss, ist den meisten von uns bekannt. Sie wird in den verschie­densten Varianten erzählt. Zu Beginn des 20. Jahrhun­derts bedienten sich Dvořák und sein Librettist an slawi­schen Volks­märchen und schufen daraus die Oper Rusalka als lyrisches Märchen.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Nixe Rusalka wünscht sich nichts sehnlicher, als Teil der Welt der Menschen zu werden. Ein unbekannter Prinz hat es ihr angetan, und sie ist bereit, alles für ihn aufzu­geben. Dabei kennt sie ihn nicht einmal. Ihr Vater, der Wassermann, versucht vergebens, sie umzustimmen. Es ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die sie treibt. Der Wassermann warnt sie vor den vielen Gefahren, die sie dort erwar­teten, rät ihr aber schließlich, sich an die Hexe Ježibaba zu wenden. Doch damit treffen zwei Gegen­sätze aufein­ander, denn die Hexe hasst die Menschen abgrundtief. Auch der Prinz ist vom ersten Moment an von Rusalka faszi­niert. Er will sie haben, ganz und gar. Da Rusalka als Nixe keine Seele besaß, kann sie auch in Menschen­ge­stalt keine wirkliche Leiden­schaft zeigen. Der Prinz wird von Tag zu Tag ungedul­diger, und als dann auch noch die Hexe in Gestalt einer heißblü­tigen, fremden Fürstin auftaucht, die den Prinzen verführt, hat Rusalka verloren. All ihre Opfer nutzen nichts, um gegen die mensch­liche Begierde anzukommen. Am Schluss findet der Prinz den erlösenden Tod in den Armen Rusalkas, doch die muss nun, verflucht, als Irrlicht ewig weiter leben. Es ist ein Märchen, das ans Herz geht und doch kein gutes Ende nimmt. Der Preis war zu hoch, die Einsicht kam zu spät, und am Ende haben alle verloren.

Michiel Dijkema, der an der Oper Leipzig unter anderem Tosca mit großem Erfolg insze­nierte, haucht diesem Stück an der Oper Leipzig neues Leben ein. Neben der Regie ist er auch für das Bühnenbild verant­wortlich. Und diese Kombi­nation ist für die Insze­nierung einfach perfekt. Für die Szenerie ist es dem Regisseur wichtig, dass die Elemen­tar­geister auch gewis­ser­maßen aus ihren jewei­ligen Elementen auftauchen können. Und so wird es eine ganz zeitlose, natura­lis­tische Insze­nierung, mit wenigen Verweisen zur heutigen Zeit und zur heutigen Gesell­schaft, nämlich dann, wenn die Menschen ins Spiel kommen. Es ist eine hügelige Landschaft, mit Wasser umgeben, so dass der Wassermann und die Nixe aus dem Wasser auftreten können, die Erdwesen aus maulwurfs­hü­gel­ähn­lichen Löchern. Großartig auch das beweg­liche Haus der Hexe Ježibaba auf großen beweg­lichen Hühner­füßen. Und hier schlägt Dijkema, der auch Klavier studiert hat und von der Musik kommt, einen Bogen zu Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung.

Denn die Ježibaba ist das tsche­chische Pendant zur russi­schen Baba Jaga. In dem neunten Bild dieser Ausstellung ist das Haus der Baba Jaga auf Hühner­füßen abgebildet, und auch musika­lisch sind Anklänge an Mussorgsky zu vernehmen. Es ist nicht der einzige geniale Regie­einfall, den Dijkema hier hervor­zaubert. Der Mond, der eine zentrale Rolle bei den Natur­wesen spielt, wird als leuch­tende Kugel darge­stellt, von einem Fährmann auf einem Kahn übers Wasser gebracht, ein so simples wie gleich­zeitig treffendes Bild, das in die Atmosphäre der zwei Welten harmo­nisch passt.

Die Szene mit den Menschen ist kurz und kühl, hier herrscht die Dekadenz vor. Und der Prinz, der mit der schönen, aber stummen und leiden­schafts­losen Geliebten nichts mehr anzufangen weiß, lässt sich von der schönen unbekannten Fürstin im verfüh­re­ri­schen,  roten Venus­kostüm gerne verführen, nicht­ahnend, das es die Hexe Ježibaba ist, die dem Prinzen die Sinne raubt, während Rusalka tatenlos zusehen muss und ihr verzwei­feltes Schicksal grausam erkennt. Nicht Frau, und nicht mehr Nixe zu sein, ein seelen­loses Wesen ohne Hoffnung auf Erlösung. Die gibt es, im Wagner­schen Sinne, optisch und musika­lisch nur für den Prinzen, der in Rusalkas Armen quasi den Liebestod stirbt und von seinen Qualen erlöst wird, während Rusalka als Irrlicht keine Erlösung findet.

Dijkema hat die Perso­nen­regie sehr stark auf Olena Tokar zugeschnitten, die ein furioses Debüt als Rusalka gibt. Sie ist nicht nur musika­lisch der Mittel­punkt, auch ihr Spiel ist ergreifend, als sie die Aussichts­lo­sigkeit ihres Schicksals erkennt. Der Regisseur lässt Tokar alle Freiräume, die Rolle zu entwi­ckeln, ohne den strin­genten roten Faden aus der Hand zu geben. Das wird sichtbar bei der Anlage der Figur der Hexe Ježibaba, die grausam und kalt Rusalka und den Prinzen vernichtet. Sie erklärt, dass die Menschen von ihren Wurzeln losgelöst sind, keine Verbindung mehr zur Natur haben, destruktiv sind und Blut an den Händen haben. Sie hat von vorne­herein nicht die Absicht, die Liebe zwischen Rusalka und dem Prinzen gelingen zu lassen, sondern will den Prinzen zu Grunde zu richten. Dijkemas Bühnenbild und Regie­konzept käme nicht so zur Wirkung, hätte er nicht die Kostüm­bild­nerin Jula Reindell an seiner Seite gehabt. Die Nixen­kostüme von Rusalka und dem Wassermann hätten auch aus einer Walt-Disney-Produktion kommen können, einfach nur schön anzuschauen. Und die Erdtrolle in massigen Fatsuits mit überdi­men­sio­nierten Brüsten, die aus den Maulwurfs­hü­gel­lö­chern hervor­kommen, könnten ohne Probleme bei den Hobbits mitspielen. Die Hexe Ježibaba steckt in einem farben­frohen Kostüm, das ihre Gefähr­lichkeit optisch etwas abmildert. Das Outfit der unbekannten Fürstin ist einfach nur Erotik pur, Victoria‘s Secret lässt grüßen. Unter­stützt wird die Szenerie durch das punkt­genaue Licht­design von Michael Fischer, das die emotionale Kompo­nente des Werkes noch einmal unterstreicht.

Foto © Kirsten Nijhof

Der Star des Abends ist das großartige Sänger­ensemble der Oper Leipzig, und allen voran Olena Tokar in der Titel­rolle, die in der Rolle debütiert. Es waren wohl nicht nur die vielen Zuschau­er­wünsche nach einer Neuin­sze­nierung der Rusalka, die die Intendanz bewogen haben, das Werk auf die Bühne zu bringen. Das Wissen darum, eine Sängerin am Hause zu haben, die für diese Partie geboren zu sein scheint, mag hier sogar den Ausschlag gegeben haben. Und mit dieser Einschätzung haben die Verant­wort­lichen Recht gehabt. Tokar übertrifft an diesem Abend alle Erwar­tungen. Und es ist nicht nur das Lied an den Mond, das sie innig und lyrisch mit fast kindlich unschul­diger Stimme inter­pre­tiert, sondern sie zeigt alle Facetten ihres Könnens, vom leichten Piano bis zu den großen drama­ti­schen Ausbrüchen. Die Höhen sind strahlend klar, und die Phrasie­rungen gelingen ihr mit großem Atem. Sie zeigt große Wandlungs­fä­higkeit im Spiel, von der kindlichen Nixe zur Frau ohne Leiden­schaft bis hin zum verlo­renen Irrlicht. Tokar hat sich lange und gut sowohl mental als auch technisch auf ihre Rolle vorbe­reiten können. Das ist nur möglich, weil die Verant­wort­lichen der Oper Leipzig ihrem Ensemble auch die Zeit geben, ihre Rollen adäquat und dazu noch in einer für sie fremden Sprache einzu­stu­dieren. Mit Peter Wedd als Prinz konnte die Oper Leipzig einen versierten Wagner­tenor verpflichten, den es für diese Rolle auch braucht. Und mit kernigem Helden­tenor und großem körper­lichen Einsatz gestaltet er diese Partie brillant, seinen Liebestod am Schluss gestaltet er in bester Tristan-Manier. Karin Lovelius gestaltet die Partie der Hexe Ježibaba mit großem Einsatz und musika­lisch auf höchstem Niveau. Kathrin Göring als fremde Fürstin ist nicht nur optisch eine Verfüh­rerin, auch stimmlich vermag sie mit ihrem warmen Mezzo­sopran zu betören. Da steckt schon viel Venus drin, mit der sie am Haus in drei Monaten debütieren wird. Tuomas Pursio gibt den Wassermann mit kräftig markantem Bariton und leiden­schaft­lichem Spiel. Die Verzweiflung, seine geliebte Tochter Rusalka zu verloren zu haben, ist ihm förmlich körperlich anzumerken. Herrlich komisch sind Magdalena Hinterd­obler, Sandra Maxheimer und Sandra Fechener als die drei Waldelfen im Fatsuit, die mit ihrem Schwab­beltanz nicht nur für Heiterkeit sorgen, sondern mit Pursio ein Terzett im ersten Aufzug hinlegen, dass den Rhein­töchtern in Wagners Rheingold alle Ehre macht. Jonathan Mitchie als Heger und Mirjam Neururer als Küchen­junge ergänzen stimmlich und spiele­risch ein großar­tiges Sänger­ensemble. Alexander Stessin hat den Chor der Oper Leipzig für seinen kurzen Auftritt bestens präpariert.

Christoph Gedschold hat nach dem Freischütz nun seine zweite große Oper dirigiert, und das mit großer Leiden­schaft und Inten­sität. Dvořáks Musik ist die slawische Seele, heiter und ausge­lassen einer­seits, melan­cho­lisch und traurig anderer­seits. Das Gewand­haus­or­chester zeigt diese zwei Seiten der slawi­schen Seele. Heiter sind die Anklänge an Dvořáks slawische Tänze, schwer­mütig die großen Orches­ter­stellen, insbe­sondere die Anklänge an seine neunte Sinfonie Aus der Neuen Welt werden wunderbar heraus­ge­ar­beitet. Gedschold begleitet die Sänger unprä­tentiös und dienend, und Olena Tokar trägt er musika­lisch über jede Hürde. So gelingt dieser Abend musika­lisch, sänge­risch und optisch zu einem großen Erlebnis, dass noch tiefer hätte gehen können, wenn nicht einige im Publikum in die letzten Schlusstöne schon reinklat­schen und damit den Zauber des Liebes­todes am Schluss zerstören.

Am Ende ist die Begeis­terung riesengroß, Olena Tokar wird natürlich umjubelt, aber auch die anderen Protago­nisten einschließlich des Regie­teams dürfen den verdienten Beifall entge­gen­nehmen. Mit dieser Neuin­sze­nierung und diesem Ensemble hat die Oper Leipzig einmal mehr neue Maßstäbe gesetzt. Und die Aufführung hat das Zeug zum Dauer­brenner, nicht nur in der Adventszeit.

Andreas H. Hölscher

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