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Foto © Ida Zenna

Im goldenen Käfig

SCHWANENSEE
(Peter Iljitsch Tschaikowski)

Besuch am
6. Mai 2018
(Urauf­führung)

 

Oper Leipzig

Wer an das Ballett Schwa­nensee denkt, hat zunächst einmal die wunderbare, unsterb­liche Musik von Peter Tschai­kowski im Ohr, und vielleicht die klassi­schen Tanzszenen vor dem geistigen Auge, bevorzugt aus der russi­schen Schule, wie sie das Kirov-Ballett zu perfek­tio­nieren wusste. Doch es geht auch anders. Wer den Hollywood-Streifen Black Swan aus dem Jahr 2010 von Darren Aronofsky mit Natalie Portman als getriebene Prima­bal­lerina gesehen hat, der hat vielleicht auch eine Vorstellung davon, dass Balletttanz nicht nur dieselben stereo­typen Tanzfi­guren bedeutet, sondern großer, expres­siver Körper­aus­druck ist. Wer anders als Leipzigs Ballett­di­rektor und Chefcho­reograf Mario Schröder ist in der Lage, aus diesem klassisch getanzten Märchen ein völlig neues, modernes Tanztheater mit einer zeitge­nös­si­schen Geschichte zu kreieren? Schröder, von 1983 bis 1999 selbst Erster Solist beim Leipziger Ballett unter dem viel zu früh verstor­benen Uwe Scholz, hat bisher über 80 Choreo­grafien entworfen und es dabei immer wieder verstanden, auch große klassische Werke wie Mozarts Requiem, Bachs Johan­nes­passion oder Strawinskys Le Sacre du Printemps als emotio­nales und modernes Tanztheater auf die Bühne zu bringen. Und nun die Königs­klasse des Balletts, Schwa­nensee. Gemeinsam mit dem Drama­turgen Thilo Reinhardt, dem Bühnen­bildner Paul Zoller und dem Kostüm­bildner Aleksandar Noshpal inter­pre­tiert Mario Schröder den Schwa­nen­mythos völlig neu und macht so das Meisterwerk in seiner Zeitlo­sigkeit erlebbar. Von der Origi­nal­ge­schichte um Prinz Siegfried, der verwan­delten Prinzessin Odette und dem verfüh­re­ri­schen Geschöpf Odile verab­schiedet sich das Regie-Team und wählt für seine Neuin­sze­nierung einen komplett neuen Ansatz. Im Zentrum seiner Betrach­tungs­weise steht die drama­tische Geschichte einer jungen Prinzessin, die in einer autori­tären, konser­va­tiven Welt aufwächst und versucht, sich davon zu emanzi­pieren, um ein freies, selbst­be­stimmtes Leben zu führen.

Ihr Leben in einem präch­tigen Palast empfindet sie wie in einem goldenen Käfig. Sie ist erwachsen geworden, soll Thron­fol­gerin werden, heiraten und somit den gesell­schaft­lichen Konven­tionen entsprechen, was auch das Anerziehen einer tradi­tio­nellen Geschlech­ter­rolle bedingt. Diese Unter­drü­ckung ihrer freien Persön­lich­keits­ent­wicklung bedeutet für sie auch, das Paradies ihrer Kindheit zu verlassen. Des Weiteren ist ihre familiäre Situation sehr schwierig. Ihr Stief­vater Rotbart ist herrisch und bedrängt sie, die Mutter zu schwach, um dagegen zu halten. Sie kann dieser Not nicht wirklich entkommen, lediglich die Flucht in eine gedanklich andere Welt hilft ihr, die Situation zu ertragen. Das ermög­licht ihr Freund Benno, ein kunst­af­finer Lehrer, der ihr neue Horizonte und Perspek­tiven eröffnet. Und so flieht sie aus der Palastwelt, der Wirklichkeit, in eine Fanta­siewelt, die Schwa­nenwelt. Hier erlebt sie die Leich­tigkeit der Natur und eine bis dato nie gekannte Freiheit. Hier trifft sie auf den weißen Schwan, der ihr Alter Ego ist.  Dieser Flucht­traum ist für die Prinzessin erfüllend und beglü­ckend, und für einen Moment beginnt auch die Seele der Prinzessin, die für Mario Schröder ein kleiner Schwan ist, zu tanzen.

Doch die Realität holt sie schnell wieder ein. Auf den Ball, auf dem sie einen Prinzen auswählen soll, kommen Bewerber aus verschie­denen Ländern, die sich in überstei­gerten Männlich­keits­ri­tualen nur so überbieten. Doch die Prinzessin will keinen dieser Lackaffen, sie will zurück in die Schwa­nenwelt. Und in diesem Moment erscheint ein Schwan in Schwarz, in der eleganten Kleidung der Gesell­schaft, auch er eine Art Alter Ego der Prinzessin. Eine Figur, die so frei und autonom ist, wie es die Prinzessin gerne wäre. Und ihre Bewun­derung für den schwarzen Schwan verschmilzt mit seiner körper­lichen Anzie­hungs­kraft, die er auf die Prinzessin ausübt. Der schwarze Schwan verzaubert auch die Festge­sell­schaft, sodass der Moment der Freiheit, den sie in ihrem Traum erlebt hat, für einen kurzen Moment Realität wird. Doch dieser Moment währt nicht lange, der kurze Augen­blick der Freiheit und des zärtlichen Mitein­anders wird abrupt zerstört, der schwarze Schwan durch Rotbart getötet.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Es ist der Wende­punkt für die Prinzessin. Während sie versucht, das trauma­tische Geschehen zu verar­beiten, werden in ihrer Erinnerung der schwarze und weiße Schwan noch einmal lebendig, scheinen mit ihr zu verschmelzen. Auch Benno gibt ihr nochmal Kraft, und am Schluss befreit sie sich von ihren Wunsch­bildern und geht ihren eigenen Weg. Ob der Weg in eine selbst­be­stimmte Freiheit oder in den Tod führt, lässt die Insze­nierung offen.

Für Schröder steht ein modernes Frauenbild im Zentrum seiner Erzählung. Er möchte nicht die melan­cho­lisch verklärte Sicht­weise des Prinzen erzählen, sondern aus der Sicht einer Frau, die sich emanzi­piert. Und so, wie er die gängigen Rollen­kli­schees durch­brechen möchte, räumt er auch mit den gängigen Ballett­kli­schees auf, ohne dabei Gefühle oder Ausdruck zu opfern. Ganz im Gegenteil. Die moderne Erzähl- und Tanzweise, die höchste athle­tische und tänze­rische Ansprüche an das Ensemble stellt, wird die ganz spezielle Leipziger Inter­pre­tation, die in eine Einheit zwischen Bühnenbild, Choreo­grafie, Tänzer und Orchester mündet.

Das Bühnenbild zu Beginn ist ein geschlos­sener, großer, feudaler Rokoko-Saal, der durch eine Tür Einblick in die einsame Seele der jungen Prinzessin gewährt. Zwei große Bilder von erlegten Schwänen lassen erahnen, in welche Richtung die Handlung gehen wird. Als der Saal sich öffnet, sieht man eine dekadente Festge­sell­schaft in eleganten Kleidern, denen das Äußere, die Konvention viel wichtiger sind als die persön­liche Entfaltung des Einzelnen. Schnell ist klar, da sitzt eine junge Frau gefangen in einem goldenen Käfig, aus dem sie ausbrechen möchte, aber nicht weiß, wie. Lediglich Benno, ihr Freund und Lehrer, der sich auch optisch von der Festge­sell­schaft unter­scheidet, scheint ihr einen Weg aus dem Gefängnis aufzeigen zu wollen. Schon in den ersten Bildern ist deutlich erkennbar, dass Schröder sich in seiner Choreo­grafie vom klassi­schen Tanz entfernt. Er zeichnet moderne Tanz- und Hebefi­guren, die ausdrucks­stark und athle­tisch sind, die aber vor allem eine ganz verständ­liche Sprache sprechen. So entsteht ein immenser Spannungs­bogen auf der Bühne, der durch die dynamische Tanzge­staltung immer wieder verstärkt wird. Großartig die Harmonie mit der Musik, präzise auf die Note gefühlt. Und als wäre das nicht schon Ausdruck genug, ziehen Schröder und Zoller eine weitere Dimension ein. Ein riesiger Spiegel senkt sich von der Decke, und der Zuschauer sieht nun die Tanzbe­we­gungen nicht nur in der Tiefe, sondern auch von oben aus der Vogel­per­spektive und hat somit viel mehr Fläche. Dazu werden Videos von Meer und Strand einge­spielt, die den optischen Eindruck sugge­rieren, die vielen Schwäne tanzen auf dem Wasser. Mit dem wunder­baren Licht­design von Michael Röger ist der Zuschauer plötzlich Teil dieser mysti­schen Schwa­nenwelt. Und immer, wenn die Prinzessin sich in ihre Fanta­siewelt flüchtet, erscheint dieser Spiegel, quasi als Tor zur Freiheit. Und im Unter­schied zum klassi­schen Schwa­nensee werden weißer und schwarzer Schwan von zwei Tänze­rinnen darge­stellt, die im zweiten Aufzug am Schluss parallel auftreten, beide als Alter Ego der Prinzessin. Großartig auch die überzeichnete Darstellung der drei Bewerber, die jeweils mit einer Entourage an Damen auftreten, und für einen Moment der Heiterkeit im Publikum sorgen.

Foto © Ida Zenna

Der innigste Moment ist der Tanz der Prinzessin mit dem schwarzen Schwan, voller Zärtlichkeit und Erotik, der in einem verschmel­zenden Kuss mündet. Um so drasti­scher das Ende, als der schwarze Schwan von Rotbart und der ach so feinen Festge­sell­schaft erschlagen wird. Das Finale mit den vielen zunächst schla­fenden weißen Schwänen gelingt sehr emotional. Sie erwachen, geleiten die Prinzessin mit ihren beiden Alter Ego weiß und schwarz, müssen sie aber am Schluss in Richtung ihres eigenen Spiegel­bildes ziehen lassen. So verlässt sie die Welt der Schwäne und bestimmt ihr eigenes Ziel und Ich.

Diese mitrei­ßende Choreo­grafie von Mario Schröder ist auch deshalb so emotional, weil sie von großar­tigen Tänze­rinnen und Tänzer kongenial umgesetzt wird. Allen voran Urania Lobo Garcia als Prinzessin, die mit großem Körper­aus­druck, sehr dynamisch und athle­tisch die unter­schied­lichen Stimmungen der Prinzessin nachfühlbar auf die Bühne bringt. Anna Jo als weißer Schwan und Laura Costa Chaud als schwarzer Schwan brillieren ebenfalls mit großem Ausdruck und harmo­nieren im Duett mit der Prinzessin oder im Terzett auf eine besonders innige Weise. Lou Thabart tanzt den Benno mit sehr viel Gefühl. Er ist der einzige, der auch mal eine klassische Figur tanzen darf, quasi als Lehrer und Mittler zwischen der alten und neuen Welt des Tanzes. Fang-Yi Liu tanzt die Prinzessin-Mutter mit der Attitüde der schwachen, unter­le­genen Frau, die aber trotzdem den Beschüt­zer­instinkt für die Tochter hat. Marcos Vinicius da Silva gibt den kalten und glatten Stief­vater Rotbart mit künst­licher Noblesse und aggres­siver Körper­sprache. Das gesamte Ensemble zeigt an diesem Abend eine geschlossene und reife Aufführung von großem Tanztheater.

Getragen werden die Tänze­rinnen und Tänzer nicht nur von der wunder­baren Musik Tschai­kowskis, sondern vor allem durch das Gewand­haus­or­chester Leipzig, das an diesem Abend ein Feuerwerk musika­li­scher Finesse abbrennt. Besonders Konzert­meister Frank-Michael Erben an der Geige, Daniel Pfister am Cello, Cornelia Grohmann an der Flöte, Susanne Wettmann an der Oboe, Andreas Lehnert an der Klari­nette, Andreas Jainz am Kornett und Gabriella Victoria an der Harfe zeigen mit ihren Solostücken an diesem Abend ihre Extra­klasse. Doch die Entde­ckung des Abends ist die junge Dirigentin Giedrè Slekyté. Was sie an Farben, an Phrasie­rungen, an Spannungs­bögen aus dem Orches­ter­graben rausholt, ist fast schon atembe­raubend. Und dynamisch präzise ihr Schlag, den man manchmal im großen Spiegel für einige Momente ganz sichtbar bewundern kann. So wird das Stück auch musika­lisch neu erzählt, aber absolut passend zur Geschichte von Mario Schröder und zu seiner Choreografie.

Das Ballett der Oper Leipzig hat schon eine große Fange­meinde, gestern dürfte sie sich enorm vergrößert haben. Das alters­mäßig sehr gemischte Publikum im ausver­kauften Opernhaus bricht am Schluss in geradezu enthu­si­as­ti­schem Jubel aus, es herrscht eine Stimmung wie bei einem Rockkonzert, da wird gejohlt, gepfiffen, gekreischt, und als das Gewand­haus­or­chester komplett auf der Bühne erscheint, erhebt sich das Publikum unisono. Auch Schröder und sein Team dürfen sich am Schluss den verdienten Jubel abholen. Ein einzelner Verirrter buht zum Schluss des ersten Aufzuges, vielleicht ist ihm einfach die Trans­fer­leistung vom klassi­schen Ballett zum modernen Tanztheater und die Neuin­ter­pre­tation dieses Märchens zu viel.

Am Schluss bleibt die Erkenntnis, dass auch klassi­sches Ballett modern erzählt und getanzt werden kann und darf, vor allem wenn es so stimmig ist wie bei Mario Schröder.

Andreas H. Hölscher

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