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Wer an das Ballett Schwanensee denkt, hat zunächst einmal die wunderbare, unsterbliche Musik von Peter Tschaikowski im Ohr, und vielleicht die klassischen Tanzszenen vor dem geistigen Auge, bevorzugt aus der russischen Schule, wie sie das Kirov-Ballett zu perfektionieren wusste. Doch es geht auch anders. Wer den Hollywood-Streifen Black Swan aus dem Jahr 2010 von Darren Aronofsky mit Natalie Portman als getriebene Primaballerina gesehen hat, der hat vielleicht auch eine Vorstellung davon, dass Balletttanz nicht nur dieselben stereotypen Tanzfiguren bedeutet, sondern großer, expressiver Körperausdruck ist. Wer anders als Leipzigs Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder ist in der Lage, aus diesem klassisch getanzten Märchen ein völlig neues, modernes Tanztheater mit einer zeitgenössischen Geschichte zu kreieren? Schröder, von 1983 bis 1999 selbst Erster Solist beim Leipziger Ballett unter dem viel zu früh verstorbenen Uwe Scholz, hat bisher über 80 Choreografien entworfen und es dabei immer wieder verstanden, auch große klassische Werke wie Mozarts Requiem, Bachs Johannespassion oder Strawinskys Le Sacre du Printemps als emotionales und modernes Tanztheater auf die Bühne zu bringen. Und nun die Königsklasse des Balletts, Schwanensee. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Thilo Reinhardt, dem Bühnenbildner Paul Zoller und dem Kostümbildner Aleksandar Noshpal interpretiert Mario Schröder den Schwanenmythos völlig neu und macht so das Meisterwerk in seiner Zeitlosigkeit erlebbar. Von der Originalgeschichte um Prinz Siegfried, der verwandelten Prinzessin Odette und dem verführerischen Geschöpf Odile verabschiedet sich das Regie-Team und wählt für seine Neuinszenierung einen komplett neuen Ansatz. Im Zentrum seiner Betrachtungsweise steht die dramatische Geschichte einer jungen Prinzessin, die in einer autoritären, konservativen Welt aufwächst und versucht, sich davon zu emanzipieren, um ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ihr Leben in einem prächtigen Palast empfindet sie wie in einem goldenen Käfig. Sie ist erwachsen geworden, soll Thronfolgerin werden, heiraten und somit den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen, was auch das Anerziehen einer traditionellen Geschlechterrolle bedingt. Diese Unterdrückung ihrer freien Persönlichkeitsentwicklung bedeutet für sie auch, das Paradies ihrer Kindheit zu verlassen. Des Weiteren ist ihre familiäre Situation sehr schwierig. Ihr Stiefvater Rotbart ist herrisch und bedrängt sie, die Mutter zu schwach, um dagegen zu halten. Sie kann dieser Not nicht wirklich entkommen, lediglich die Flucht in eine gedanklich andere Welt hilft ihr, die Situation zu ertragen. Das ermöglicht ihr Freund Benno, ein kunstaffiner Lehrer, der ihr neue Horizonte und Perspektiven eröffnet. Und so flieht sie aus der Palastwelt, der Wirklichkeit, in eine Fantasiewelt, die Schwanenwelt. Hier erlebt sie die Leichtigkeit der Natur und eine bis dato nie gekannte Freiheit. Hier trifft sie auf den weißen Schwan, der ihr Alter Ego ist. Dieser Fluchttraum ist für die Prinzessin erfüllend und beglückend, und für einen Moment beginnt auch die Seele der Prinzessin, die für Mario Schröder ein kleiner Schwan ist, zu tanzen.
Doch die Realität holt sie schnell wieder ein. Auf den Ball, auf dem sie einen Prinzen auswählen soll, kommen Bewerber aus verschiedenen Ländern, die sich in übersteigerten Männlichkeitsritualen nur so überbieten. Doch die Prinzessin will keinen dieser Lackaffen, sie will zurück in die Schwanenwelt. Und in diesem Moment erscheint ein Schwan in Schwarz, in der eleganten Kleidung der Gesellschaft, auch er eine Art Alter Ego der Prinzessin. Eine Figur, die so frei und autonom ist, wie es die Prinzessin gerne wäre. Und ihre Bewunderung für den schwarzen Schwan verschmilzt mit seiner körperlichen Anziehungskraft, die er auf die Prinzessin ausübt. Der schwarze Schwan verzaubert auch die Festgesellschaft, sodass der Moment der Freiheit, den sie in ihrem Traum erlebt hat, für einen kurzen Moment Realität wird. Doch dieser Moment währt nicht lange, der kurze Augenblick der Freiheit und des zärtlichen Miteinanders wird abrupt zerstört, der schwarze Schwan durch Rotbart getötet.
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Es ist der Wendepunkt für die Prinzessin. Während sie versucht, das traumatische Geschehen zu verarbeiten, werden in ihrer Erinnerung der schwarze und weiße Schwan noch einmal lebendig, scheinen mit ihr zu verschmelzen. Auch Benno gibt ihr nochmal Kraft, und am Schluss befreit sie sich von ihren Wunschbildern und geht ihren eigenen Weg. Ob der Weg in eine selbstbestimmte Freiheit oder in den Tod führt, lässt die Inszenierung offen.
Für Schröder steht ein modernes Frauenbild im Zentrum seiner Erzählung. Er möchte nicht die melancholisch verklärte Sichtweise des Prinzen erzählen, sondern aus der Sicht einer Frau, die sich emanzipiert. Und so, wie er die gängigen Rollenklischees durchbrechen möchte, räumt er auch mit den gängigen Ballettklischees auf, ohne dabei Gefühle oder Ausdruck zu opfern. Ganz im Gegenteil. Die moderne Erzähl- und Tanzweise, die höchste athletische und tänzerische Ansprüche an das Ensemble stellt, wird die ganz spezielle Leipziger Interpretation, die in eine Einheit zwischen Bühnenbild, Choreografie, Tänzer und Orchester mündet.
Das Bühnenbild zu Beginn ist ein geschlossener, großer, feudaler Rokoko-Saal, der durch eine Tür Einblick in die einsame Seele der jungen Prinzessin gewährt. Zwei große Bilder von erlegten Schwänen lassen erahnen, in welche Richtung die Handlung gehen wird. Als der Saal sich öffnet, sieht man eine dekadente Festgesellschaft in eleganten Kleidern, denen das Äußere, die Konvention viel wichtiger sind als die persönliche Entfaltung des Einzelnen. Schnell ist klar, da sitzt eine junge Frau gefangen in einem goldenen Käfig, aus dem sie ausbrechen möchte, aber nicht weiß, wie. Lediglich Benno, ihr Freund und Lehrer, der sich auch optisch von der Festgesellschaft unterscheidet, scheint ihr einen Weg aus dem Gefängnis aufzeigen zu wollen. Schon in den ersten Bildern ist deutlich erkennbar, dass Schröder sich in seiner Choreografie vom klassischen Tanz entfernt. Er zeichnet moderne Tanz- und Hebefiguren, die ausdrucksstark und athletisch sind, die aber vor allem eine ganz verständliche Sprache sprechen. So entsteht ein immenser Spannungsbogen auf der Bühne, der durch die dynamische Tanzgestaltung immer wieder verstärkt wird. Großartig die Harmonie mit der Musik, präzise auf die Note gefühlt. Und als wäre das nicht schon Ausdruck genug, ziehen Schröder und Zoller eine weitere Dimension ein. Ein riesiger Spiegel senkt sich von der Decke, und der Zuschauer sieht nun die Tanzbewegungen nicht nur in der Tiefe, sondern auch von oben aus der Vogelperspektive und hat somit viel mehr Fläche. Dazu werden Videos von Meer und Strand eingespielt, die den optischen Eindruck suggerieren, die vielen Schwäne tanzen auf dem Wasser. Mit dem wunderbaren Lichtdesign von Michael Röger ist der Zuschauer plötzlich Teil dieser mystischen Schwanenwelt. Und immer, wenn die Prinzessin sich in ihre Fantasiewelt flüchtet, erscheint dieser Spiegel, quasi als Tor zur Freiheit. Und im Unterschied zum klassischen Schwanensee werden weißer und schwarzer Schwan von zwei Tänzerinnen dargestellt, die im zweiten Aufzug am Schluss parallel auftreten, beide als Alter Ego der Prinzessin. Großartig auch die überzeichnete Darstellung der drei Bewerber, die jeweils mit einer Entourage an Damen auftreten, und für einen Moment der Heiterkeit im Publikum sorgen.

Der innigste Moment ist der Tanz der Prinzessin mit dem schwarzen Schwan, voller Zärtlichkeit und Erotik, der in einem verschmelzenden Kuss mündet. Um so drastischer das Ende, als der schwarze Schwan von Rotbart und der ach so feinen Festgesellschaft erschlagen wird. Das Finale mit den vielen zunächst schlafenden weißen Schwänen gelingt sehr emotional. Sie erwachen, geleiten die Prinzessin mit ihren beiden Alter Ego weiß und schwarz, müssen sie aber am Schluss in Richtung ihres eigenen Spiegelbildes ziehen lassen. So verlässt sie die Welt der Schwäne und bestimmt ihr eigenes Ziel und Ich.
Diese mitreißende Choreografie von Mario Schröder ist auch deshalb so emotional, weil sie von großartigen Tänzerinnen und Tänzer kongenial umgesetzt wird. Allen voran Urania Lobo Garcia als Prinzessin, die mit großem Körperausdruck, sehr dynamisch und athletisch die unterschiedlichen Stimmungen der Prinzessin nachfühlbar auf die Bühne bringt. Anna Jo als weißer Schwan und Laura Costa Chaud als schwarzer Schwan brillieren ebenfalls mit großem Ausdruck und harmonieren im Duett mit der Prinzessin oder im Terzett auf eine besonders innige Weise. Lou Thabart tanzt den Benno mit sehr viel Gefühl. Er ist der einzige, der auch mal eine klassische Figur tanzen darf, quasi als Lehrer und Mittler zwischen der alten und neuen Welt des Tanzes. Fang-Yi Liu tanzt die Prinzessin-Mutter mit der Attitüde der schwachen, unterlegenen Frau, die aber trotzdem den Beschützerinstinkt für die Tochter hat. Marcos Vinicius da Silva gibt den kalten und glatten Stiefvater Rotbart mit künstlicher Noblesse und aggressiver Körpersprache. Das gesamte Ensemble zeigt an diesem Abend eine geschlossene und reife Aufführung von großem Tanztheater.
Getragen werden die Tänzerinnen und Tänzer nicht nur von der wunderbaren Musik Tschaikowskis, sondern vor allem durch das Gewandhausorchester Leipzig, das an diesem Abend ein Feuerwerk musikalischer Finesse abbrennt. Besonders Konzertmeister Frank-Michael Erben an der Geige, Daniel Pfister am Cello, Cornelia Grohmann an der Flöte, Susanne Wettmann an der Oboe, Andreas Lehnert an der Klarinette, Andreas Jainz am Kornett und Gabriella Victoria an der Harfe zeigen mit ihren Solostücken an diesem Abend ihre Extraklasse. Doch die Entdeckung des Abends ist die junge Dirigentin Giedrè Slekyté. Was sie an Farben, an Phrasierungen, an Spannungsbögen aus dem Orchestergraben rausholt, ist fast schon atemberaubend. Und dynamisch präzise ihr Schlag, den man manchmal im großen Spiegel für einige Momente ganz sichtbar bewundern kann. So wird das Stück auch musikalisch neu erzählt, aber absolut passend zur Geschichte von Mario Schröder und zu seiner Choreografie.
Das Ballett der Oper Leipzig hat schon eine große Fangemeinde, gestern dürfte sie sich enorm vergrößert haben. Das altersmäßig sehr gemischte Publikum im ausverkauften Opernhaus bricht am Schluss in geradezu enthusiastischem Jubel aus, es herrscht eine Stimmung wie bei einem Rockkonzert, da wird gejohlt, gepfiffen, gekreischt, und als das Gewandhausorchester komplett auf der Bühne erscheint, erhebt sich das Publikum unisono. Auch Schröder und sein Team dürfen sich am Schluss den verdienten Jubel abholen. Ein einzelner Verirrter buht zum Schluss des ersten Aufzuges, vielleicht ist ihm einfach die Transferleistung vom klassischen Ballett zum modernen Tanztheater und die Neuinterpretation dieses Märchens zu viel.
Am Schluss bleibt die Erkenntnis, dass auch klassisches Ballett modern erzählt und getanzt werden kann und darf, vor allem wenn es so stimmig ist wie bei Mario Schröder.
Andreas H. Hölscher