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Es sind nur noch drei Jahre bis zu den Opernfesttagen „Wagner 22“ im Sommer 2022. Bis dahin wird die Oper Leipzig unter der Leitung von Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer alle dreizehn Opernwerke Wagners im Repertoire führen und innerhalb von drei Wochen in der Reihenfolge ihrer Entstehung zur Aufführung bringen. Ein Mammutprojekt und in seiner Form einzigartig! Mit der Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde in der Inszenierung von Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiels Leipzig, ist nach der Premiere des Fliegenden Holländers im März dieses Jahres ein weiterer wichtiger Meilenstein auf diesem Weg gelegt, und das nicht nur in chronologischer Hinsicht. Da ist zu einem das Regieteam um Lübbe, seit 2013 Intendant am Schauspiel Leipzig, er gibt mit dieser Arbeit sein Hausdebüt an der Oper Leipzig. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Schirmer. Zwei Leipziger Intendanten erarbeiten gemeinsam ein Werk, das ist einerseits außergewöhnlich, andererseits wiederum symptomatisch für das besondere kulturelle Leben dieser Stadt.
Lübbe und sein Co-Regisseur Torsten Buß tauchen tief in die psychoanalytischen Tiefen des Werkes ein, ohne dabei die Macht der Musik und des Gesangs zu vernachlässigen. Das Aufeinandertreffen der Erzähl- und der Realitätswelt lässt Lübbe sowohl optisch als auch spielerisch immer wieder betonen. Während die reale Welt, die helle Tagwelt, als Kammerspiel inszeniert wird, ist die philosophische Nachtwelt, von Schopenhauer und Novalis beeinflusst, Projektionsfläche einer schon transzendenten Ebene jenseits der Welt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Insbesondere der Tod hat in dieser Inszenierung das Bedrohliche, das Endgültige verloren. Für Lübbe und Buß bedeutet er Freiheit, eine Welt jenseits aller Belastungen und Feindlichkeit. Und so gibt es in dieser Inszenierung ein fast glückliches Ende. Tristan stirbt und stirbt doch nicht. Er steht wieder auf, und während Isolde in ihren Liebestod sinkt, deutet Tristan mit einer liebevollen Geste auf Isolde. Am Schluss gehen sie Hand in Hand hinüber in ihre Welt. Ob tot oder lebendig, das spielt in diesem Moment gar keine Rolle mehr. Es sind die vielen, kleinen Gesten der Zärtlichkeit, die diese Inszenierung so emotional machen, da sie auch mit der Musik im Einklang sind. Hier eine zärtliche Berührung oder Umarmung, dort ein liebevoller Blick. Tristan und Isoldes Beziehung ist von Anfang an auf einer anderen Stufe, als ihre Umgebung es fassen kann. Eine der innigsten und berührenden Momente dieser Inszenierung ist die Personifizierung des Englischhorns im dritten Aufzug. Es spielt die „alte Weise“, die nur Tristan in seinem Fieberwahn hören kann, die vom Tod seiner Eltern erzählt, die er nie kennengelernt hat und die die nie verheilte alte Wunde und die neue Wunde aufreißt. Dreimal erklingt dieses Instrument solistisch, elegisch und todestraurig, und die Solo-Englischhornistin, Gundel Jannemann-Fischer, spielt es szenisch auf der Bühne, ohne als extra Figur zu fungieren. Als Daniel Kirch in der Rolle des Tristan von dieser „alten Weise“ geweckt wird, nimmt er die Hornistin ganz behutsam in den Arm, ein inniger Moment des Trostes und der Hoffnung.
Die Momente der inneren Handlung werden zudem durch ein Tristan-und-Isolde-Double im zweiten Aufzug verstärkt und verdeutlichen die geistige Verschmelzung des Paares. Noch drastischer wird Lübbe dann im dritten Aufzug, als Tristan im Fieberwahn und Delirium seine Isolde herbeisehnt. Zeitweise sind bis zu sieben Isoldefiguren auf der Bühne zu sehen, die choreografisch auf- und abgehen, bis dann die echte Isolde erscheint und Tristan von seinen Qualen erlöst. Und es ist nicht nur die behutsame Personenregie, die zu diesen schon fast intimen Momenten führt, es ist auch das beeindruckende Bühnenbild von Étienne Pluss, der für die Handlung einen Schiffsfriedhof als zeitlosen und symbolischen Ort schafft, als Metapher für den allgegenwärtigen Tod, aber auch für den Stillstand der Handlung. Das Wrack dient auch als Rückblende der Vorgeschichte, und Isoldes letzte Worte „ertrinken – versinken, unbewusst – höchste Lust“ bekommen hier eine ganz neue Dimension.

Lübbe und Pluss schaffen so eine ganz neue Form der Ästhetik, die durch den Einsatz der Drehbühne und den Videoprojektionen von Momme Hinrichs und Torge Møller verschiedene Realitäts- und Zeitebenen entstehen lässt: reale sowie überdimensionierte und philosophische. Die Videoprojektionen sind nicht reißerisch gemacht, sie doppeln die Dimension des Bühnenbildes und lassen die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen. Es sind Bühnenelemente, Requisiten und Gänge durch das Bühnenbild, die gefilmt wurden und projiziert werden. Unterstützt durch die Drehbühne, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegt, verändert sich die Bühnenrealität kontinuierlich. Die darauf abgestimmte Lichtregie von Olaf Freese verstärkt diesen Effekt kongenial.
Das ganze Bild wird eingefasst von einem Lichtrahmen, der als Grenze zwischen den Welten und als Abgrenzung für Tristan und Isolde zur echten Welt dient. Während des Vorspiels sieht man nur dieses nachtschwarze Bild mit dem hellen Lichtrahmen, und die Assoziation zu Novalis Hymnen an die Nacht wird geweckt. Der Genuss des vermeintlichen Todestranks im ersten Aufzug markiert die erste Zäsur zwischen Erzähl- und Realitätswelt. Tristan und Isolde fallen förmlich aus dem Rahmen, hinter ihnen wird alles schwarz, und das grade noch vorhandene Bühnenbild ist wie ausgelöscht. Tristan und Isolde erfahren hier ihre höchste Form des Glücks, in ihrer eigenen Welt, die auch von Kurwenal und Brangäne nicht mehr erreichbar ist. Sie bleiben unglücklich mit einem erschütterten und verzweifelten König Marke zurück. Die Kostüme von Linda Redlin sind für die Hauptfiguren eher zeitlos, wobei Isoldes blaues Kleid doch hervorsticht, während die Mannen König Markes wie englische Gutsherren am Ende des 19. Jahrhunderts gekleidet sind.
Regie, Bühnenbild und Kostüme bilden jedoch nur den äußeren Rahmen, die innere Handlung wird durch die Musik und den Gesang ausgedrückt. Und hier beweist Ulf Schirmer am Pult des Gewandhausorchesters aufs Neue, dass er zu den führenden Wagner-Dirigenten unserer Zeit gehört. Mit den von Hans von Bülow 1865 vorgenommenen Retuschen der Partitur gelingt ihm ein Klangbild, dass transparent wirkt und die Sänger in den großen Forte-Stellen nicht zudeckt. Berührend sind die symphonischen Elemente wie das Vorspiel zum ersten Aufzug, das filigran und zerbrechlich aus dem Graben ertönt, sowie der Beginn des dritten Aufzuges mit dem schon erwähnten Englischhorn-Solo. Der berühmte dissonante Tristan-Akkord weckt die Hoffnung auf eine verströmende Tonsprache, die so charakteristisch für dieses Werk ist.
So entstehen stimmungsgeladene Bilder, rauschhafte Klänge der Unendlichkeit, die die überwältigenden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen. Schirmer beherrscht die Kunst, Stimmung und Farben zu erzeugen und die Bögen fließen zu lassen. Dies gilt besonders für den Tristan mit seinen Liebes‑, Todes- und Erlösungsmotiven. Eine insgesamt überragende Leistung des Gewandhausorchesters, die nur ein wenig durch einige unsaubere Intonationen der Hörner zu Beginn des zweiten Auftrages getrübt wird. Ein Sonderlob haben sich neben Jannemann-Fischer am Englischhorn Gábor Richter an der Holztrompete und Ingolf Brachmann an der Bass-Klarinette verdient.
Damit eine derartige Aufführung zu etwas Besonderem wird, bedarf es natürlich großer Wagner-Sänger, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch emotional ganz auf die Sprache der Bilder und der Musik einlassen. Mit Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde gelingt das an diesem Abend in berückender Weise.
Daniel Kirch darf als einer der führenden Wagnertenöre dieser Zeit bezeichnet werden, dennoch setzt seine Interpretation und Darstellung des Tristan neue Maßstäbe. Sein baritonal gefärbter Tenor ist kraftvoll in der Mittellage und ausdrucksstark in den Höhen und strahlkräftig in den dramatischen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer bewältigt er diese Partie, seine „Sehnen, sehnen…“- Rufe gehen förmlich durch Mark und Bein. Er schafft es ohne Mühen, mit seiner kraftvollen Stimme über das Forte des Orchesters zu kommen, ohne dass die stimmliche Präsenz darunter leidet. Seine dramatische Ausdruckskraft und seine physische Bühnenpräsenz in dieser Partie sind beeindruckend, gleiches gilt für seine Textverständlichkeit.

Meagan Miller gibt als Isolde ein formidables Rollendebüt. Ihre Isolde ist noch jugendlich-dramatisch, was der Vorstellung Richard Wagners deutlich näherkommt als die vielen hochdramatischen Interpretationen. Miller überzeugt vor allem mit ihrer wunderbaren weiten Mittellage, wo sie schöne Farbkontraste erzeugt. Sie hat den Stahl in der Stimme für die dramatischen Ausbrüche, während sie in den lyrischen Passagen mit Geschmeidigkeit und Schönheit aufhorchen lässt. Ihr Liebestod am Schluss gerät zu einer elegischen Darbietung des Strömens und Versinkens, mit einer weltenumarmenden Gestik. Ihr beider Schlussabgang strahlt eine derartige Harmonie und Innigkeit aus, dass hier Wagners großer Liebestraum mit Mathilde Wesendonck plötzlich erlebbar wird.
Mit Barbara Kozelj erobert eine noch eher unbekannte Mezzosopranistin in der Rolle der Brangäne das Publikum im Sturm. Mit einer warmen Mittellage und strahlenden Höhen ergänzt sich Ihre Stimme mit Meagan Millers Sopran auf harmonische Weise, und ihr Wachtruf im zweiten Aufzug ist von Anteilnahme und Mitgefühl geprägt. Jukka Rasilainen als Kurwenal ist ganz kurzfristig für den erkrankten Mathias Hausmann eingesprungen und hatte nur eine ganz kurze szenische Einweisung. Dennoch meistert er die Partie mit großer Routine und kraftvollem Bass-Bariton, ohne allerdings einen nachdrücklichen Akzent setzen zu können. Ein weiteres überzeugendes Rollendebüt gibt Sebastian Pilgrim als König Marke. Er beeindruckt mit seinem markanten und ausdrucksstarken, schwarzen Bass. Fast meint man, der große Gottlieb Frick sei stimmlich wieder auferstanden. Sein Marke ist voller Trauer und Verzweiflung, sowohl über den Verrat Tristans, aber auch über den Verlust der beiden Menschen, die ihm am meisten bedeuten. Die Rolle des Melot ist mit Matthias Stier gut besetzt, und das Urgestein der Leipziger Oper Martin Petzold als Hirte darf durchaus als Luxusbesetzung bezeichnet werden. Alvaro Zambrano singt das Klagelied des jungen Seemanns mit ausdrucksstarkem Tenor und großer Textverständlichkeit auf offener Bühne, während Franz Xaver schlecht den Steuermann mit wohlklingendem Bariton intoniert. Der Chor der Oper Leipzig ist von Thomas Eitler-de Lint hervorragend eingestimmt und stimmlich wie spielerisch voll präsent.
Nach annähernd fünf Stunden senkt sich der Vorhang über eine berückende und hoch emotionale Vorstellung. Enrico Lübbe und sein Team haben den Tristan verständlich und verstehbar gemacht, sie haben vor allem Emotionen und Berührung zugelassen, was auch die Musik ausdrückt. Und vielleicht sollte Katharina Wagner mal wieder der Geburtsstadt ihres Urgroßvaters einen Besuch abstatten und diese Tristan-Aufführung besuchen, denn ihre jetzt in Bayreuth abgespielte Interpretation zeigt genau das Gegenteil – Kälte und Gefühlslosigkeit. Das Publikum reagiert mit großem Jubel und erhebt sich am Schluss für das gesamte Ensemble. Ein großer Schritt in Richtung „Wagner 2022“ ist gemacht, und es ist ein großer Erfolg auch für die Stadt Leipzig, die in dieser Woche des dreißigsten Jahrestages der „Friedlichen Revolution“ am 9. Oktober 1989 gedenkt.
Andreas H. Hölscher