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Foto © Tom Schulze

Jenseits der Welt

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
5. Oktober 2019
(Premiere)

 

Oper Leipzig

Es sind nur noch drei Jahre bis zu den Opern­fest­tagen „Wagner 22“ im Sommer 2022. Bis dahin wird die Oper Leipzig unter der Leitung von Intendant und General­mu­sik­di­rektor Ulf Schirmer alle dreizehn Opern­werke Wagners im Reper­toire führen und innerhalb von drei Wochen in der Reihen­folge ihrer Entstehung zur Aufführung bringen. Ein Mammut­projekt und in seiner Form einzig­artig! Mit der Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde in der Insze­nierung von Enrico Lübbe, Intendant des Schau­spiels Leipzig, ist nach der Premiere des Fliegenden Holländers im März dieses Jahres ein weiterer wichtiger Meilen­stein auf diesem Weg gelegt, und das nicht nur in chrono­lo­gi­scher Hinsicht. Da ist zu einem das Regieteam um Lübbe, seit 2013 Intendant am Schau­spiel Leipzig, er gibt mit dieser Arbeit sein Hausdebüt an der Oper Leipzig. Am Pult des Gewand­haus­or­chesters steht Schirmer. Zwei Leipziger Inten­danten erarbeiten gemeinsam ein Werk, das ist einer­seits außer­ge­wöhnlich, anderer­seits wiederum sympto­ma­tisch für das besondere kultu­relle Leben dieser Stadt.

Lübbe und sein Co-Regisseur Torsten Buß tauchen tief in die psycho­ana­ly­ti­schen Tiefen des Werkes ein, ohne dabei die Macht der Musik und des Gesangs zu vernach­läs­sigen. Das Aufein­an­der­treffen der Erzähl- und der Reali­tätswelt lässt Lübbe sowohl optisch als auch spiele­risch immer wieder betonen. Während die reale Welt, die helle Tagwelt, als Kammer­spiel insze­niert wird, ist die philo­so­phische Nachtwelt, von Schopen­hauer und Novalis beein­flusst, Projek­ti­ons­fläche einer schon transzen­denten Ebene jenseits der Welt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Insbe­sondere der Tod hat in dieser Insze­nierung das Bedroh­liche, das Endgültige verloren. Für Lübbe und Buß bedeutet er Freiheit, eine Welt jenseits aller Belas­tungen und Feind­lichkeit. Und so gibt es in dieser Insze­nierung ein fast glück­liches Ende. Tristan stirbt und stirbt doch nicht. Er steht wieder auf, und während Isolde in ihren Liebestod sinkt, deutet Tristan mit einer liebe­vollen Geste auf Isolde. Am Schluss gehen sie Hand in Hand hinüber in ihre Welt. Ob tot oder lebendig, das spielt in diesem Moment gar keine Rolle mehr. Es sind die vielen, kleinen Gesten der Zärtlichkeit, die diese Insze­nierung so emotional machen, da sie auch mit der Musik im Einklang sind. Hier eine zärtliche Berührung oder Umarmung, dort ein liebe­voller Blick. Tristan und Isoldes Beziehung ist von Anfang an auf einer anderen Stufe, als ihre Umgebung es fassen kann. Eine der innigsten und berüh­renden Momente dieser Insze­nierung ist die Perso­ni­fi­zierung des Englisch­horns im dritten Aufzug. Es spielt die „alte Weise“, die nur Tristan in seinem Fieberwahn hören kann, die vom Tod seiner Eltern erzählt, die er nie kennen­ge­lernt hat und die die nie verheilte alte Wunde und die neue Wunde aufreißt. Dreimal erklingt dieses Instrument solis­tisch, elegisch und todes­traurig, und die Solo-Englisch­hor­nistin, Gundel Jannemann-Fischer, spielt es szenisch auf der Bühne, ohne als extra Figur zu fungieren. Als Daniel Kirch in der Rolle des Tristan von dieser „alten Weise“ geweckt wird, nimmt er die Hornistin ganz behutsam in den Arm, ein inniger Moment des Trostes und der Hoffnung.

Die Momente der inneren Handlung werden zudem durch ein Tristan-und-Isolde-Double im zweiten Aufzug verstärkt und verdeut­lichen die geistige Verschmelzung des Paares. Noch drasti­scher wird Lübbe dann im dritten Aufzug, als Tristan im Fieberwahn und Delirium seine Isolde herbei­sehnt. Zeitweise sind bis zu sieben Isolde­fi­guren auf der Bühne zu sehen, die choreo­gra­fisch auf- und abgehen, bis dann die echte Isolde erscheint und Tristan von seinen Qualen erlöst. Und es ist nicht nur die behutsame Perso­nen­regie, die zu diesen schon fast intimen Momenten führt, es ist auch das beein­dru­ckende Bühnenbild von Étienne Pluss, der für die Handlung einen Schiffs­friedhof als zeitlosen und symbo­li­schen Ort schafft, als Metapher für den allge­gen­wär­tigen Tod, aber auch für den Still­stand der Handlung. Das Wrack dient auch als Rückblende der Vorge­schichte, und Isoldes letzte Worte „ertrinken – versinken, unbewusst – höchste Lust“ bekommen hier eine ganz neue Dimension.

Foto © Tom Schulze

Lübbe und Pluss schaffen so eine ganz neue Form der Ästhetik, die durch den Einsatz der Drehbühne und den Video­pro­jek­tionen von Momme Hinrichs und Torge Møller verschiedene Realitäts- und Zeitebenen entstehen lässt: reale sowie überdi­men­sio­nierte und philo­so­phische. Die Video­pro­jek­tionen sind nicht reiße­risch gemacht, sie doppeln die Dimension des Bühnen­bildes und lassen die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen. Es sind Bühnen­ele­mente, Requi­siten und Gänge durch das Bühnenbild, die gefilmt wurden und proji­ziert werden. Unter­stützt durch die Drehbühne, die sich mit unter­schied­licher Geschwin­digkeit bewegt, verändert sich die Bühnen­rea­lität konti­nu­ierlich. Die darauf abgestimmte Licht­regie von Olaf Freese verstärkt diesen Effekt kongenial.

Das ganze Bild wird einge­fasst von einem Licht­rahmen, der als Grenze zwischen den Welten und als Abgrenzung für Tristan und Isolde zur echten Welt dient. Während des Vorspiels sieht man nur dieses nacht­schwarze Bild mit dem hellen Licht­rahmen, und die Assoziation zu Novalis Hymnen an die Nacht wird geweckt. Der Genuss des vermeint­lichen Todes­tranks im ersten Aufzug markiert die erste Zäsur zwischen Erzähl- und Reali­tätswelt. Tristan und Isolde fallen förmlich aus dem Rahmen, hinter ihnen wird alles schwarz, und das grade noch vorhandene Bühnenbild ist wie ausge­löscht. Tristan und Isolde erfahren hier ihre höchste Form des Glücks, in ihrer eigenen Welt, die auch von Kurwenal und Brangäne nicht mehr erreichbar ist. Sie bleiben unglücklich mit einem erschüt­terten und verzwei­felten König Marke zurück. Die Kostüme von Linda Redlin sind für die Haupt­fi­guren eher zeitlos, wobei Isoldes blaues Kleid doch hervor­sticht, während die Mannen König Markes wie englische Gutsherren am Ende des 19. Jahrhun­derts gekleidet sind.

Regie, Bühnenbild und Kostüme bilden jedoch nur den äußeren Rahmen, die innere Handlung wird durch die Musik und den Gesang ausge­drückt. Und hier beweist Ulf Schirmer am Pult des Gewand­haus­or­chesters aufs Neue, dass er zu den führenden Wagner-Dirigenten unserer Zeit gehört. Mit den von Hans von Bülow 1865 vorge­nom­menen Retuschen der Partitur gelingt ihm ein Klangbild, dass trans­parent wirkt und die Sänger in den großen Forte-Stellen nicht zudeckt. Berührend sind die sympho­ni­schen Elemente wie das Vorspiel zum ersten Aufzug, das filigran und zerbrechlich aus dem Graben ertönt, sowie der Beginn des dritten Aufzuges mit dem schon erwähnten Englischhorn-Solo. Der berühmte disso­nante Tristan-Akkord weckt die Hoffnung auf eine verströ­mende Tonsprache, die so charak­te­ris­tisch für dieses Werk ist.

So entstehen stimmungs­ge­ladene Bilder, rausch­hafte Klänge der Unend­lichkeit, die die überwäl­ti­genden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen. Schirmer beherrscht die Kunst, Stimmung und Farben zu erzeugen und die Bögen fließen zu lassen. Dies gilt besonders für den Tristan mit seinen Liebes‑, Todes- und Erlösungs­mo­tiven. Eine insgesamt überra­gende Leistung des Gewand­haus­or­chesters, die nur ein wenig durch einige unsaubere Intona­tionen der Hörner zu Beginn des zweiten Auftrages getrübt wird. Ein Sonderlob haben sich neben Jannemann-Fischer am Englischhorn Gábor Richter an der Holztrompete und Ingolf Brachmann an der Bass-Klari­nette verdient.

Damit eine derartige Aufführung zu etwas Beson­derem wird, bedarf es natürlich großer Wagner-Sänger, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch emotional ganz auf die Sprache der Bilder und der Musik einlassen. Mit Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde gelingt das an diesem Abend in berückender Weise.

Daniel Kirch darf als einer der führenden Wagner­tenöre dieser Zeit bezeichnet werden, dennoch setzt seine Inter­pre­tation und Darstellung des Tristan neue Maßstäbe. Sein baritonal gefärbter Tenor ist kraftvoll in der Mittellage und ausdrucks­stark in den Höhen und strahl­kräftig in den drama­ti­schen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer bewältigt er diese Partie, seine „Sehnen, sehnen…“- Rufe gehen förmlich durch Mark und Bein. Er schafft es ohne Mühen, mit seiner kraft­vollen Stimme über das Forte des Orchesters zu kommen, ohne dass die stimm­liche Präsenz darunter leidet. Seine drama­tische Ausdrucks­kraft und seine physische Bühnen­präsenz in dieser Partie sind beein­dru­ckend, gleiches gilt für seine Textverständlichkeit.

Foto © Tom Schulze

Meagan Miller gibt als Isolde ein formi­dables Rollen­debüt. Ihre Isolde ist noch jugendlich-drama­tisch, was der Vorstellung Richard Wagners deutlich näher­kommt als die vielen hochdra­ma­ti­schen Inter­pre­ta­tionen. Miller überzeugt vor allem mit ihrer wunder­baren weiten Mittellage, wo sie schöne Farbkon­traste erzeugt. Sie hat den Stahl in der Stimme für die drama­ti­schen Ausbrüche, während sie in den lyrischen Passagen mit Geschmei­digkeit und Schönheit aufhorchen lässt. Ihr Liebestod am Schluss gerät zu einer elegi­schen Darbietung des Strömens und Versinkens, mit einer welten­um­ar­menden Gestik. Ihr beider Schluss­abgang strahlt eine derartige Harmonie und Innigkeit aus, dass hier Wagners großer Liebes­traum mit Mathilde Wesen­donck plötzlich erlebbar wird.

Mit Barbara Kozelj erobert eine noch eher unbekannte Mezzo­so­pra­nistin in der Rolle der Brangäne das Publikum im Sturm. Mit einer warmen Mittellage und strah­lenden Höhen ergänzt sich Ihre Stimme mit Meagan Millers Sopran auf harmo­nische Weise, und ihr Wachtruf im zweiten Aufzug ist von Anteil­nahme und Mitgefühl geprägt. Jukka Rasilainen als Kurwenal ist ganz kurzfristig für den erkrankten Mathias Hausmann einge­sprungen und hatte nur eine ganz kurze szenische Einweisung. Dennoch meistert er die Partie mit großer Routine und kraft­vollem Bass-Bariton, ohne aller­dings einen nachdrück­lichen Akzent setzen zu können. Ein weiteres überzeu­gendes Rollen­debüt gibt Sebastian Pilgrim als König Marke. Er beein­druckt mit seinem markanten und ausdrucks­starken, schwarzen Bass. Fast meint man, der große Gottlieb Frick sei stimmlich wieder aufer­standen. Sein Marke ist voller Trauer und Verzweiflung, sowohl über den Verrat Tristans, aber auch über den Verlust der beiden Menschen, die ihm am meisten bedeuten. Die Rolle des Melot ist mit Matthias Stier gut besetzt, und das Urgestein der Leipziger Oper Martin Petzold als Hirte darf durchaus als Luxus­be­setzung bezeichnet werden. Alvaro Zambrano singt das Klagelied des jungen Seemanns mit ausdrucks­starkem Tenor und großer Textver­ständ­lichkeit auf offener Bühne, während Franz Xaver schlecht den Steuermann mit wohlklin­gendem Bariton intoniert. Der Chor der Oper Leipzig ist von Thomas Eitler-de Lint hervor­ragend einge­stimmt und stimmlich wie spiele­risch voll präsent.

Nach annähernd fünf Stunden senkt sich der Vorhang über eine berückende und hoch emotionale Vorstellung. Enrico Lübbe und sein Team haben den Tristan verständlich und verstehbar gemacht, sie haben vor allem Emotionen und Berührung zugelassen, was auch die Musik ausdrückt. Und vielleicht sollte Katharina Wagner mal wieder der Geburts­stadt ihres Urgroß­vaters einen Besuch abstatten und diese Tristan-Aufführung besuchen, denn ihre jetzt in Bayreuth abgespielte Inter­pre­tation zeigt genau das Gegenteil – Kälte und Gefühls­lo­sigkeit. Das Publikum reagiert mit großem Jubel und erhebt sich am Schluss für das gesamte Ensemble. Ein großer Schritt in Richtung „Wagner 2022“ ist gemacht, und es ist ein großer Erfolg auch für die Stadt Leipzig, die in dieser Woche des dreißigsten Jahres­tages der „Fried­lichen Revolution“ am 9. Oktober 1989 gedenkt.

Andreas H. Hölscher

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