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Bedřich Smetanas tschechische Nationaloper Prodaná nevěsta – auf Deutsch Die verkaufte Braut – steht nicht sehr häufig an deutschen Opernbühnen auf dem Spielplan, obwohl die Musik so einzigartig schön ist mit den böhmischen folkloristischen Anteilen, den wunderbaren Arien, den großen Chorszenen und der bekannten Ouvertüre, die gerne auch bei symphonischen Konzerten gespielt wird. Vielleicht liegt es daran, dass viele Intendanten Opern nur in Originalsprache bringen wollen und die tschechische Sprache nicht einfach zu singen ist. Vielleicht liegt es auch an der vordergründig trivialen Geschichte aus einem bäuerlichen Milieu, in dem die Tochter gut unter die Haube zu bringen ist, um die Schulden des Vaters zu tilgen. Daher ist es der künstlerischen Leitung der Oper Leipzig zunächst einmal hoch anzurechnen, dieses wunderbare Werk in deutscher Sprache auf den Spielplan zu setzen und die Hauptrollen alle mit Ensemblemitgliedern zu besetzen, die auch alle gleich ihr Rollendebüt feiern dürfen.
Es ist ein tschechischer Sommernachtstraum, der in böhmische Dörfer führt, hinter deren Fassaden alte Traditionen und Bräuche Alltag und Leben der Menschen bestimmen. Nachdem Bedřich Smetana bei seinen Landsleuten als „Wagnerianer“ verschrien war, wurde seine komische Oper Die verkaufte Braut nach ihrer Uraufführung als tschechische Nationaloper gefeiert, die mit ihrer Musik der „böhmischen Volksseele“ Ausdruck verschaffe. Sie wirkt als nostalgische Zeitreise, die viel mehr den menschlichen Mikrokosmos der dörflichen Welt als die große Nation in den Fokus nimmt. Nicht ohne Grund hat der Komponist des bekannten Orchesterstücks Die Moldau seinen gesamten Orchesterzyklus Mein Vaterland genannt. Auch Die verkaufte Braut führt uns in seine Heimat und auch dieses Werk enthält mit dem Tanz der Komödianten eines der berühmtesten Orchesterstücke des Komponisten. Gleichzeitig schuf Smetana mit diesem Werk eine klassische Spieloper, in der die Protagonisten nach vielen Verwicklungen und Intrigen schließlich zu einem glücklichen Ende finden.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Marie, die Tochter des Bauern Kruschina, liebt den Herumtreiber Hans, soll aber Wenzel, den ihr unbekannten Sohn des reichen Bauern Micha heiraten. Hans scheint über ihre bevorstehende Hochzeit mit einem anderen nicht besonders traurig zu sein, allerdings versichert er ihr seine Liebe und Treue. Marie bekennt vor den Eltern ihre Liebe zu Hans und verweigert ihr Einverständnis zu der vom Heiratsvermittler Kezal arrangierten Ehe. Der versucht nun, Hans mit Geld von seinem Anspruch auf Marie abzubringen. Der geht zum Schein darauf ein: Für die Summe von 300 Gulden erklärt er sich bereit, seine Braut an Michas Sohn abzutreten. Maries Eltern sind erfreut, doch Marie ist verzweifelt, als sie erfährt, dass Hans bereit war, seine Braut zu verkaufen. Zudem beteuert Hans öffentlich, Marie werde in jedem Fall Michas Sohn heiraten. Als Micha schließlich in Hans den verschollen geglaubten Sohn erkennt, kann Marie zwischen den Söhnen Michas wählen und entscheidet sich für Hans.
Christian von Götz, der an der Oper Leipzig bereits in Carl Maria von Webers Der Freischütz Regie führte, inszeniert die Geschichte als eine Zeitreise an den Anfang des 20. Jahrhunderts und verortet sie in der Enge dörflicher Beschaulichkeit, die streng nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, in der aber am Ende immer auch das Menschliche siegt. Es sind die vermeintlich wahren Charaktere der Dorfbevölkerung in der böhmischen Provinz, die überholten Ansichten und Rollenverhältnisse und die veraltete Gesellschaftsphilosophie, die bereit ist, Töchter gegen den Erlass von Schulden einzutauschen. Das dargestellte bäuerliche Idyll am Rande einer traditionellen böhmischen Hochzeit ist nur oberflächlich schön und friedlich, unter der Oberfläche brodeln Eifersucht, Hass und Missgunst. Und hier setzt von Götz mit seiner auf Beziehungsebenen angelegten Personenregie seine Akzente, insbesondere das dramatische Spannungsverhältnis zwischen Marie und Hans wird klar skizziert. Sehr feinfühlig herausgearbeitet ist die Figur des Wenzel, ein gesellschaftlich Ausgestoßener, ein Stotterer mit fast autistischen Zügen. Diese Charakterdarstellung gelingt von Götz ausgesprochen intensiv. Seine Marie ist eine selbstbewusste, durchaus emanzipierte junge Frau, wogegen Hans mehr als der Hallodri erscheint, der für wenig Geld zum Entsetzen aller seine Braut verkauft. Dass das eine geschickte List und Strategie ist, wird dem Zuschauer schnell deutlich, und er hat damit gegenüber Marie einen entsprechenden Wissensvorsprung. Hervorragend getroffen ist die Figur des aalglatten und schleimigen Heiratsvermittler Kezal, der nur seine Provision sieht; ein Menschentypus, der uns auch heute leider immer wieder begegnet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es ist ein schmaler Grat zwischen übertriebener Folklore und derbem Kitsch auf der Bühne, doch dank der schnellen Szenenwechsel und der intensiven Interaktionen driftet das Spiel auf der Bühne nicht ab, die manchmal grotesk wirkenden Personen mit übertriebener Schminke und überdimensionierten Frisuren sind Persiflage auf die beengte und schon zwanghafte dörfliche Idylle. Für die die detailgetreuen, farbenfrohen und folkloristischen Kostüme, die Trachten modern interpretieren, zeichnet Sarah Mittenbühler verantwortlich. Diese passenden Kostüme geben mit dem Bühnenbild der Inszenierung den Anstrich eines scheinbar bäuerlichen Idylls. Bühnenbildner Dieter Richter ist bereits zum sechsten Mal in Leipzig für die Ausstattung auf der Bühne verantwortlich. Mit den Möglichkeiten der großen Drehbühne in Leipzig schafft er einen Raum mit schnell wechselnden Orten, was dem Bühnenbild etwas Labyrinthisches verleiht, das mit der Verworrenheit der Handlung durchaus korrespondiert. Eine zentrale Wand, wie ein überdimensionierter Bilderrahmen, wird in der Mitte durchleuchtbar gemacht, wodurch die Szenerie eine besondere Transparenz erfährt. Mittels Videofeedback und einer Projektionsfolie werden einzelne Szenen, die vorher aufgezeichnet wurden, im Hintergrund parallel zum Liveact gespiegelt. Für die Lichtregie sind Raoul Brosch und Gabor Zsitva verantwortlich. Durch die schnellen Drehbewegungen wechseln die Szenen rasch, und so kommt zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf. Die verschiedenen Räume orientieren sich an den Einrichtungen eines böhmischen Dorfes zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Es ist ein junges Ensemble, das diese Oper musikalisch auf die Bühne bringt. Allen voran Magdalena Hinterdobler, die erst vor kurzem an der Leipziger Oper ihr umjubeltes Debüt als Rusalka gab, feiert nun als Marie erneut ein erfolgreiches Debüt. Schauspielerisch zeigt sie die große Zerrissenheit der Marie, schwankend zwischen ihrer großen Liebe zu Hans und der vermeintlich tiefen Enttäuschung, die er ihr zugefügt hat. Mit großem Ausdruck und inniger Beseeltheit singt sie ihre Arie Gern will ich dir vertraun und mit Verzweiflung und Dramatik die große Arie im dritten Aufzug Wie fremd und tot ist alles umher, für die sie großen Szenenapplaus erhält. Ihr Sopran ist klar, die Höhen sind sicher und kraftvoll, eine Stimme im Übergang vom lyrischen zum jugendlich-dramatischen Sopran. Aber auch in den Duetten oder in den Chorszenen ragt ihre Stimme leuchtend heraus. Den Jubel des Publikums am Schluss hat sie sich redlich verdient. Patrick Vogel als Hans ist von seiner Stimmlage noch mehr Mozarttenor, also mehr Tamino als Max. Die Rolle des Hans fordert aber in einzelnen Passagen eine Stimmlage, die sich ins junge Heldenfach entwickelt. Soweit ist Vogel noch nicht, aber er löst dieses Defizit mit einer sehr sauberen und vor allem in den Höhen schönen, klaren Stimme, die noch gut zum lyrischen Sopran der Hinterdobler passt, und schauspielerisch charakterisiert er den Hans durchaus sympathisch. Großartig und vom Publikum zu Recht umjubelt ist Sven Hjörleifsson in der Rolle des Wenzel. Er quält sich durch seine Ängste, sein Stottern, sein Ausgestoßensein, und persifliert dabei die Rolle nicht, sondern gibt ihr auch mit seinem Charaktertenor eine eigene Persönlichkeit. Vielleicht die Entdeckung des Abends. Sebastian Pilgrim als Heiratsvermittler Kezal überzeugt mit markantem Bass und einer Charakterstudie, die den schmierigen Kerl irgendwie sogar sympathisch erscheinen lässt. Auf sein Debüt als König Marke in der Leipziger Neuproduktion von Wagners Tristan und Isolde in der kommenden Spielzeit darf man sich schon freuen.

Bei den beiden Elternpaaren sind es jeweils die Frauen, die stimmlich und spielerisch dominant erscheinen. Sandra Maxheimer als Maries Mutter Kathinka überzeugt mit kraftvollem und warmem Mezzosopran, während Sandra Janke als Wenzels Mutter Agnes mit schneidigem Mezzo die Gefühlskälte der Figur treffsicher charakterisiert. Franz Xaver Schlecht gibt den armseligen Bauer und Maries Vater Kruschina mit warmen Bass, und Jean-Baptiste Mouret als Großgrundbesitzer Micha reiht sich mit kräftigem Bass-Bariton in das herausragende Ensemble ein, bei dem Bianca Tognocchi in der kleinen Rolle der Tänzerin Esmeralda mit glockenhellem Koloratursopran aufhorchen lässt.
Stimmlich ist der Leipziger Opernchor von Alexander Stessin bestens eingestimmt. Mit großer Spielfreude und Agilität sowie hervorragender stimmlicher Diktion gelingen die Chorszenen zu großen musikalischen Momenten. Die Zirkusartisten unter der strengen Leitung ihres Direktors Springer, köstlich dargestellt von Martin Petzold, haben sich für ihren Auftritt ein Sonderlob verdient.
Christoph Gedschold leitet das Leipziger Gewandhausorchester sicher durch den Abend. Schon die herrliche Ouvertüre klingt wie ein Versprechen aus dem Orchestergraben, und der romantische Klang der böhmischen Melodien entfaltet sich immer mehr im Laufe der Aufführung. Die bekannten Klänge fließen strömend, und die ausgelassenen Tänze werden mitreißend begleitet. Nach gut drei Stunden gibt es großen Applaus für das gesamte Ensemble, und insbesondere Christoph Gedschold, das Gewandhausorchester, Magdalena Hinterdobler, Sven Hjörleifsson und Sebastian Pilgrim werden umjubelt. Die Inszenierung der Enge des dörflichen Idylls kommt beim Publikum im nicht ganz ausverkauftem Leipziger Opernhaus gut an, auch wenn die Inszenierung durchaus eine Gratwanderung zum übertriebenen Kitsch ist.
Andreas H. Hölscher