O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Auf ganz hohem Niveau

À LA FRANÇAISE
(Jacques Offenbach, Maurice Ravel, George Gershwin)

Besuch am
5. Mai 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Erholungshaus Lever­kusen

Zuletzt war das Landes­ju­gend­or­chester NRW mit einer hervor­ra­genden Leistung im Rahmen einer Don-Carlos-Insze­nierung aufge­fallen. Jetzt tritt es im Erholungshaus Lever­kusen mit einem hochin­ter­es­santen, neuen Programm an. À la française umfasst drei Werke. Das in Deutschland nahezu gänzlich unbekannte Grand Concerto Pour Violon­cello et Orchestre von Jacques Offenbach mit dem Unter­titel Concerto Militaire, Op. 24, eröffnet den Abend. Nach La Valse von Maurice Ravel steht Ein Ameri­kaner in Paris von George Gershwin auf dem Zettel. Da freut man sich auf einen Blick ins Programmheft, um vielleicht im Vorfeld schon einmal Wesent­liches vor allem über das Offenbach-Werk zu erfahren. Das erweist sich aller­dings, um es gelinde zu sagen, als Flop. Ein nichts­sa­gender Text über Jacques Offenbach, ein paar Zitate von am Landes­ju­gend­or­chester Betei­ligten, was aus ihrer Sicht Frank­reich ist. Ein Text über den Ort Compiègne, warum auch immer. In diesem Sinn geht es weiter. Über die Stücke oder Kompo­nisten des Abends – kein Wort. Da hat jemand den Sinn einer solchen Infor­ma­ti­ons­schrift eindeutig nicht verstanden. Es bleibt der einzige Wermuts­tropfen des Abends.

1833 brachte Isaac Offenbach den vierzehn­jäh­rigen Jakob mit seinem Bruder Julius nach Paris, um ihnen ein Cello-Studium zu ermög­lichen. Bekanntlich funktio­nierte das nicht so, wie es sich der Vater gedacht hatte, aber die beiden Brüder blieben in Paris, nannten sich fortan Jacques und Jules und wurden Cellisten. Ab 1837 nahm Jacques zusätzlich Kompo­si­ti­ons­un­ter­richt bei Jacques Fromental Halévy. Um seine Virtuo­sität als Cellist unter Beweis zu stellen, kompo­nierte er zehn Jahre später sein einziges Cello-Konzert, das Concerto militaire, ein dreisät­ziges Werk für Orchester und Cello in G‑Dur. Gemeinhin gilt das 45-minütige Werk als unspielbar. Das Landes­ju­gend­or­chester NRW hat Bruno Philippe als Solisten einge­laden, um zu zeigen, warum das so ist. Philippe, 1993 in Frank­reich geboren, studierte am Conser­va­toire National de Région in Perpignan und später am Conser­va­toire de Paris. Er nimmt an Meister­kursen und Wettbe­werben teil, bei denen er – abgesehen von einem Publi­kums­preis – in der zweiten Reihe bleibt, was nach diesem Abend vollkommen unver­ständlich bleibt. Der Ruf der Unspiel­barkeit des Concerto militaire dürfte nicht nur darauf beruhen, dass es vom Solisten einen schon rein zeitlichen Kraftakt erfordert, sondern in erster Linie daran liegen, dass Offenbach seine Virtuo­sität mit diesem Stück beweisen will. Und was Philippe – selbst­ver­ständlich ohne Noten­blätter – auf seinem Instrument zaubert, nötigt nicht nur Laien äußersten Respekt ab. Die blitz­schnellen Griff­wechsel mit einer immer wieder gewagten Bogen­führung in Verbindung zu bringen, ist schon allein ein Kunst­stück. Dabei auch noch die verschie­denen Stimmungen zu erzeugen, die Offenbach später Berühmtheit erlangen lassen, scheint in der Tat schier unmöglich. Philippe vollbringt das Kunstwerk mit gelas­sener Kontem­plation. Das Orchester, kaum weniger gefordert, spielt dem jungen Virtuosen formvoll­endet und hochkon­zen­triert zu. Aus voller Überzeugung und Bewun­derung, wie den Bemer­kungen der Nachwuchs­mu­siker in der Pause zu entnehmen ist. Spätestens, wenn der dritte Satz, das Allegretto, erreicht ist, in dem klar wird, dass es sich hier mehr um eine Persi­flage auf das Militär als um ein Militär-Konzert handelt, ist auch der letzte Zweifler restlos begeistert. Langan­hal­tender Applaus für den Solisten sorgt dafür, dass Philippe zwei Zugaben drauflegt. Anstatt nun noch zwei kleine Stücke von Offenbach nachzu­schieben, gibt es Johann Sebastian Bach. Die Sarabande aus der Suite Nummer zwei in d‑moll und das Vorspiel zur Suite Nummer drei in C‑Dur. Ein Bruch im Programm, der allen­falls durch das geniale Spiel des Cellisten aufge­fangen wird.

Bruno Philippe – Foto © O‑Ton

Das Landes­ju­gend­or­chester NRW hat sich hier einen weiteren Meilen­stein erarbeitet. Dieser Abend wird länger in Erinnerung bleiben als irgendein weltbe­kanntes Orchester, das mit längst bekannter Kost daher­kommt. Dass nach der Pause allzu Bekanntes auf dem Programm steht, um die Zuschauer zu halten, ist drama­tur­gisch legitim. Dass die Leistung auf gleicher­maßen hohem Niveau verweilt, umso lobens­werter. Die ursprünglich als Ballett­musik kompo­nierte Walzer-Variante von Maurice Ravel, dem der Stoff zu einer Warnung vor einem Weltkrieg „entglitt“, wird von den jungen Leuten auf der Bühne mit einer Inten­sität serviert, die ihres­gleichen sucht. Hier sind gleicher­maßen die Feinheiten zur Betrachtung des Balletts zu hören wie die Warnsi­gnale, die La Valse zu einem außer­ge­wöhn­lichen Werk machen. Nach solch schwerer Kost, die von vielen schlicht als Unter­hal­tungs­stück genossen wird, darf das Publikum einen Ameri­kaner nach Paris begleiten.

Das Werk George Gershwins aufzu­führen, macht Spaß. Es ist Gershwins eigener Spaziergang durch Paris, leicht, beschwingt. Und so wird es auch vom Landes­ju­gend­or­chester darge­boten. Ein Genuss, der, sind wir ehrlich, mit dem Origi­nalwerk nicht mehr viel zu tun hat. Aber das spielt keine Rolle. Das Orchester darf hier noch einmal seine außer­ge­wöhn­lichen Fähig­keiten zeigen und einen Gershwin präsen­tieren, wie er den heutigen Hörge­wohn­heiten entspricht. Leicht, spritzig und mit vielen Effekten versehen, gelangt der Abend zu einem außer­ge­wöhn­lichen Ereignis, dem die tatsäch­liche, harte Arbeit der Jugend­lichen nicht anzusehen ist.

Inwieweit Emanuel Dantschers Dirigat zum Erfolg des Abends beiträgt, ist nicht abzuschätzen. Weit ausufernde, rollende Bewegungen ohne sicht­baren Zusam­menhang zur Musik, Entspan­nungs­phasen, in denen sich der Dirigent gelassen zurück­lehnt, lassen oft an der Qualität zweifeln. Dass die Jugend­lichen ihren Dirigenten abschließend mit trampelnden Füßen feiern, spricht immerhin dafür, dass wenigstens sie ihn verstanden haben. Also alles in bester Ordnung. Und das findet auch das Publikum, das nicht nur die Solisten des Orchesters mit Bravo-Rufen feiert, sondern stehend auch der Gesamt­leistung lange und intensiv applaudiert.

Die größte Leistung des Abends liegt aber vielleicht nicht im „wieder­ent­deckten Werk“ oder großartig aufge­führter Stücke, sondern darin, sich aus dem üblichen Konzert-Kanon gelöst zu haben. Und dafür braucht es die Jugend.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: