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Foto © Bernd Böhner

Der Rechtsstaat wankt

AUS DEM NICHTS
(Miraz Bezar)

Besuch am
9. Oktober 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen

Das Leben kennt nur eine Gewissheit. Und die ist der Tod. Alles andere davor ist Risiko. Es ist legitim, dieses Risiko möglichst klein­zu­halten. Ausschalten kann es keiner. Und so muss jeder für sich selbst die Balance zwischen Sicher­heits­maß­nahmen und Freiheit finden. Denn je mehr Schlösser wir an der Tür anbringen, desto länger brauchen wir, um sie zu öffnen. Und desto mehr müssen wir aufpassen, keinen der Schlüssel zu verlieren. Das gilt für den Bürger wie für den Staat. Bei letzterem scheint die Verant­wortung höher, weil er erklärt hat, für die Sicherheit aller Bürger zu sorgen. Aller­dings fordert der Staat für sein Sicher­heits­ver­sprechen die Freiheit der Bürger ein. Dafür räumen ihm die Bürger Rechte ein. Wenn der Staat diese Rechte missbraucht oder sich damit über das Rechts­ver­ständnis hinweg­setzen will, muss das mit den Bürgern verhandelt werden. Unter­bleibt diese Verhandlung, geht die Rechts­staat­lichkeit verloren. Das klingt viel abstrakter, als es ist.

Die ständig zuneh­mende Video­über­wa­chung der Bevöl­kerung wird damit begründet, dass es ihrer Sicherheit diene. Entschließt sich in Halle ein Einzel­täter, zum „letzten Feldzug“ aufzu­brechen, wie heute offenbar geschehen, hilft das gar nichts. Der kann im Tarnanzug mit Sturm­haube, Helm und einem regel­rechten Waffen­ar­senal im Auto durch die Stadt fahren, versuchen, die Tür einer Synagoge aufzu­schießen, Spreng­körper anzubringen. Dabei wird er nicht nur gefilmt, er filmt sich auch gleich noch selbst. Via Livestream kann man das im Internet mitver­folgen. Er kann eine Frau auf offener Straße erschießen. Er kann vom Tatort fliehen. In einer Döner-Bude einen weiteren Menschen erschießen. Mehrere Menschen verwunden. Einen weiteren Wagen stehlen. Und warum stellt ihn die Polizei? Weil er einen Auto-Unfall baut. Ein Sturm­gewehr und eine Maschi­nen­pistole hat er nach Medien­be­richten mit sich herum­ge­tragen. Dass immer mehr Menschen durch­drehen, ist sicher ein gesell­schaft­liches Problem, das wir weder mit Video­ka­meras noch mit Beton­klötzen vor Markt­plätzen lösen werden. Dass sie kilome­terweit durch die Gegend fahren und dabei Mitmen­schen töten können, zeigt, wie weit es mit dem Sicher­heits­ver­sprechen des Staates her ist. Ein gesundes Misstrauen ist angebracht.

Foto © Bernd Böhner

Auf einer anderen Ebene beschäftigt sich Miraz Bezar in seinem neuen Stück Aus dem Nichts nach dem Film von Fatih Akin mit der Willkür des Staates unter dem Vorwand des Sicher­heits­ver­spre­chens. Die Ausgangs­si­tuation erscheint der heutigen Gewalttat anfangs nicht unähnlich. Was im einen Fall Antise­mi­tismus eines Rechts­extre­misten zu sein scheint, ist im andern Fall die rassis­tische Tat eines Rechts­extre­misten. Am 9. Juni 2004 stellt ein Mann ein Fahrrad vor einem Friseur­laden in der Kölner Keupstraße ab, um später per Fernbe­dienung die darauf befind­liche Nagel­bombe zu zünden. Sage und schreibe 5,5 Kilogramm Schwarz­pulver und etliche hundert Zimmer­manns­nägel explo­dieren in dem mit Watte ausge­schla­genen Hartscha­len­koffer. Bei Akin und somit auch bei Bezar wird daraus eine Frau, aus der Keup- die Stein­straße, die Nagel­bombe bleibt. Gezündet wird sie auf der Theater­bühne vor dem Dolmet­scher­laden von Nuri. Nuri und sein Sohn Rocco sterben. Das Stück beginnt damit, dass Ehefrau Katja versucht, nach dem Anschlag in die abgesperrte Stein­straße zu kommen und so erfährt, dass Mann und Sohn ermordet worden sind. Quasi im Zeitraffer werden dann Klischee für Klischee abgear­beitet. Die Trauer von Katja, die Vorwürfe ihrer Mutter, weil Nuri inzwi­schen von der Polizei als Drogen­dealer verdächtigt wird, der unein­sichtige Kommissar, der einen Neonazi-Anschlag als absurd ablehnt, schließlich die Nachricht, dass es doch Neonazis waren, die für die Bombe verant­wortlich waren. All das ebenso wie der Drogen­konsum von Katja gibt es so schlag­licht­artig und fast schon boule­vardesk, dass es schon Überwindung braucht, nach der Pause wieder in den Saal zu gehen. Weil man überhaupt noch keine Idee hat, worauf Bezar hinauswill.

Die zweite Hälfte beschäftigt sich mit der Gerichts­ver­handlung gegen die beiden Haupt­ver­däch­tigen André und Edda Möller. Allmählich schleicht sich die Erkenntnis ein, dass es sich hier nicht um Einzel­täter, sondern um ein Netzwerk handelt. Ein dritter Tatbe­tei­ligter kommt ins Spiel. Finger­ab­drücke gibt es, einen Namen nicht. Schließlich stellt sich heraus, dass es sich um einen V‑Mann des Bundes­ver­fas­sungs­schutzes handelt. Im letzten Kapitel endlich erzählt Bezar den Beweg­grund seines Stücks. Denn der Staat stellt sich über das Recht und nimmt sich heraus, den Namen eines Mittäters aus Staats­schutz­gründen nicht bekannt­zu­geben. Ein Mensch, der an der Tötung von zwei Menschen beteiligt war, wird von Staats wegen geschützt. Bezar klagt nicht an. Er schildert. Im aufwändig gestal­teten Programmheft höhnt ein Zitat der Bundes­kanz­lerin Angela Merkel. „Als Bundes­kanz­lerin der Bundes­re­publik Deutschland verspreche ich Ihnen: Wir tun alles, um die Morde aufzu­klären und die Helfers­helfer und Hinter­männer aufzu­decken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Es liegt am Bürger, dieses zutiefst unmora­lische Verhalten zu reflek­tieren. Und vielleicht die „Sicher­heits­frage“ in der Bundes­re­publik noch einmal ganz neu zu stellen.

In Lever­kusen ist das Stück quasi taufrisch zu erleben. Am 28. September wurde es in Schweinfurt urauf­ge­führt. Das ist der Aufführung auch anzumerken. Die Reise­bühne von Tudorel Neata wirkt noch frisch. Im Zentrum ein Rahmen, der Raum für Projek­tionen gibt. Ergän­zende Requi­siten wie Möbel und Akten­schränke sind funktional, hier gibt es nichts, was unnötig ablenkt. Monika Maria Cleres kleidet die Darsteller in charak­te­ri­sie­rende Kostüme, die allen­falls dann unver­ständlich bleiben, wenn die „Neonazis“ in jugendlich-frischem Weiß vor Gericht auftauchen. Das kann man disku­tieren. Bertram Kohlhofer bringt einige spannende Licht­wechsel ein, die die Drama­turgie gekonnt fokus­sieren. Philipp Figueroa steuert eindrucks­volle Projek­tionen aus der deutschen Geschichte bei, die allein schon zum Nachdenken anregen.

Die Darsteller sind in ihren Rollen noch nicht endgültig angekommen, was auch an der durch­schnitt­lichen Perso­nen­führung liegen mag. Hier wird sich in Zukunft mit zuneh­mender Routine noch viel entwi­ckeln. Unter den Textauf­sa­genden ist Anna Schäfer hervor­zu­heben, die als Katja ihre Rolle verstanden hat, aber zu wenig angeboten bekommt. Davon darf man sich nicht beirren lassen. Kurz vor Schluss wird das Stück richtig stark. Und es lohnt sich durchzuhalten.

Das Publikum verfolgt die Aufführung in konzen­trierter Ruhe. Am Ende applau­diert es teils stehend zunächst der Botschaft, ehe es sich bei den Schau­spielern bedankt. Der Anfang ist gemacht.

Michael S. Zerban

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