O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Raphael Frisenvaenge Solholm

Erinnerung an eine bessere Welt

CARRYING A DREAM
(Tim Rushton)

Besuch am
7. Mai 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen

In seiner Abschieds­cho­reo­grafie vom Danish Dance Theatre, das er mit großem Erfolg 17 Jahre als Künst­le­ri­scher Leiter aufbaute, beschäftigt sich Tim Rushton mit den großen Fragen der Menschheit. Am 26. April, also vor noch nicht einmal zwei Wochen, wurde das gut einstündige Stück auf der Royal Danish Theatre’s Old Stage in Kopen­hagen urauf­ge­führt und frene­tisch gefeiert.

Umso größer die Vorfreude des Publikums in Lever­kusen, dass hier erneut ein solch aktuelles Werk zu sehen ist. Bis um halb acht. Dann stellt ein überra­schender techni­scher Defekt momentelang die gesamte Aufführung in Frage. Gemeinsam mit den Technikern des Danish Dance Theatre gelingt es der Haustechnik binnen 20 Minuten, den Fehler in den Griff zu bekommen. Einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, wie engagiert auch die Menschen hinter den Kulissen arbeiten – ganz ohne Applaus.

Carrying a dream – einen Traum weiter­tragen will Rushton mit seiner überra­genden Choreo­grafie, die Tanztheater und Klang-Collage mitein­ander vereint. Und es fängt gleich mal damit an, dass er Auszüge aus der Menschen­rechts­charta rezitieren lässt. Ein packender Einstieg, der mehr erwarten lässt. Als Grundlage zeigt Mikael Sylvest ein Licht­design, das man in dieser Perfektion nicht so oft erlebt. 64 Schein­werfer strahlen von oben herab und wechseln in ihrer Bedeutung mit 24 Schein­werfern, die ebenerdig von den Seiten leuchten. In Verbindung mit einer Hinter­grund­be­leuchtung entsteht so ein „Bühnenbild“, das keine Requi­siten mehr braucht. In dieser wechsel­vollen Umgebung agieren zehn Tänzer und Tänze­rinnen oft bis an die Grenze der Akrobatik, immer aber sehr abstrakt zur Klangwelt, die Mikkel Larsen erschafft. Begeis­ternd von Anfang an ist Rushtons Blick für den Raum. Selten hat man eine so gute Raumauf­teilung gesehen. Und da ist es ganz egal, ob zwei Tänzer einen Tango tanzen, der zum großen Teil aus Standard­ele­menten besteht und gleich für Szenen­ap­plaus sorgt, die Gruppe als Ensemble oder einer gegen alle auftritt oder zwei Abläufe parallel geschehen. Dabei geschehen die Verknüp­fungen zwischen den Szenen so geschickt, dass eine Handlung zu entstehen scheint, wo keine ist. Bei aller Abstraktion im Tanz werden doch verschiedene Motive sichtbar wie etwa der Außen­seiter, der keine Chance bekommt, sich in die Gruppe zu integrieren. Oder die vielen, die – gegen ein Unrecht? – aufstehen oder auch die Hommage an Martin Luther King. Rushton bietet keine Hilfen zur Inter­pre­tation, wenn man nicht die Klang-Collage als solche darunter verstehen will.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Da werden Rede-Ausschnitte laut von Harvey Milk, der 1978 in seiner Hope-Speech für die Homose­xu­el­len­be­wegung eintrat. Nelson Mandela ist ebenso zu hören wie Barack Obama oder Angelina Jolie, die 2014 vor dem UN-Weltgipfel über Verge­wal­tigung sprach. Auch Angela Merkels „Wir schaffen das“ erklingt neben Emmanuel Macron und quasi als Gegenpart Wladimir Putin. Die pakista­nische Kinder­rechts­ak­ti­vistin Malala Yousafzai kommt mit einem Ausschnitt ihrer UN-Rede für das Recht auf Bildung 2013 genauso zu Wort wie Nadia Murad, die iranische Menschen­rechts­ak­ti­vistin und Friedens-Nobel­preis­trä­gerin des Jahres 2018. Dabei geht es Rushton weniger darum, die einzelnen Inhalte ganz genau zu verstehen, sondern vor allem darum, wie sich einzelne – damals wie heute – für viele und eine bessere Welt einsetzen. Unermüdlich, obwohl sich in der Zeit von Kings Rede mit dem berühmten Titel I have a dream, die er am 28. August 1963 vor mehr als 250.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., hielt, bis heute eher alles ein wenig verschlimmert zu haben scheint – zumindest in der globalen Betrachtung. Vielleicht werden heute die großen (Wort-)Führer nicht mehr ganz so schnell erschossen wie zu Zeiten von King und Milk.

Foto © Raphael Frisen­vaenge Solholm

Trotz dieser Dramatik, die in der Musik ebenso aufscheint, verbreitet Rushton Optimismus und hinter­lässt beim Zuschauer so etwas wie Hoffnung. Neben einem Song von Elton John gibt es ein paar Ausschnitte aus L’incoronazione di Poppea, elektro­nische Musik von Biosphere und eigens für die Choreo­grafie kompo­nierte Klavier­im­pro­vi­sa­tionen von Nikolaj Hess zu hören, die in erster Linie das Geschehen voran­treiben. Und während der Tango Encanto rojo – zu Deutsch roter Charme – des argen­ti­ni­schen Kompo­nisten Fabio Hager so wunderbar vertanzt wird, dass er sich zu einem der Höhepunkte des Abends aufschwingt, tritt der Tanz bei Nina Simones Live-Aufnahme von Why? – The King of Love Is Dead, ihre persön­liche Hommage an Martin Luther King, fast ein wenig in den Hintergrund.

Rushton ist mit diesem Werk ein ganz großer Wurf gelungen, der zeigt, wie wichtig der politische Tanz ist. Da bleiben die eindrucks­vollen tänze­ri­schen Leistungen im Gedächtnis haften, die den histo­ri­schen Blick in die Gegenwart holen. Und so gibt es beim Publikum, das wieder zahlreich erschienen ist und der Compagnie mit langem Applaus stehend dankt, an diesem Abend auf dem Heimweg noch viel zu besprechen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: