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In seiner Abschiedschoreografie vom Danish Dance Theatre, das er mit großem Erfolg 17 Jahre als Künstlerischer Leiter aufbaute, beschäftigt sich Tim Rushton mit den großen Fragen der Menschheit. Am 26. April, also vor noch nicht einmal zwei Wochen, wurde das gut einstündige Stück auf der Royal Danish Theatre’s Old Stage in Kopenhagen uraufgeführt und frenetisch gefeiert.
Umso größer die Vorfreude des Publikums in Leverkusen, dass hier erneut ein solch aktuelles Werk zu sehen ist. Bis um halb acht. Dann stellt ein überraschender technischer Defekt momentelang die gesamte Aufführung in Frage. Gemeinsam mit den Technikern des Danish Dance Theatre gelingt es der Haustechnik binnen 20 Minuten, den Fehler in den Griff zu bekommen. Einmal mehr ein schönes Beispiel dafür, wie engagiert auch die Menschen hinter den Kulissen arbeiten – ganz ohne Applaus.
Carrying a dream – einen Traum weitertragen will Rushton mit seiner überragenden Choreografie, die Tanztheater und Klang-Collage miteinander vereint. Und es fängt gleich mal damit an, dass er Auszüge aus der Menschenrechtscharta rezitieren lässt. Ein packender Einstieg, der mehr erwarten lässt. Als Grundlage zeigt Mikael Sylvest ein Lichtdesign, das man in dieser Perfektion nicht so oft erlebt. 64 Scheinwerfer strahlen von oben herab und wechseln in ihrer Bedeutung mit 24 Scheinwerfern, die ebenerdig von den Seiten leuchten. In Verbindung mit einer Hintergrundbeleuchtung entsteht so ein „Bühnenbild“, das keine Requisiten mehr braucht. In dieser wechselvollen Umgebung agieren zehn Tänzer und Tänzerinnen oft bis an die Grenze der Akrobatik, immer aber sehr abstrakt zur Klangwelt, die Mikkel Larsen erschafft. Begeisternd von Anfang an ist Rushtons Blick für den Raum. Selten hat man eine so gute Raumaufteilung gesehen. Und da ist es ganz egal, ob zwei Tänzer einen Tango tanzen, der zum großen Teil aus Standardelementen besteht und gleich für Szenenapplaus sorgt, die Gruppe als Ensemble oder einer gegen alle auftritt oder zwei Abläufe parallel geschehen. Dabei geschehen die Verknüpfungen zwischen den Szenen so geschickt, dass eine Handlung zu entstehen scheint, wo keine ist. Bei aller Abstraktion im Tanz werden doch verschiedene Motive sichtbar wie etwa der Außenseiter, der keine Chance bekommt, sich in die Gruppe zu integrieren. Oder die vielen, die – gegen ein Unrecht? – aufstehen oder auch die Hommage an Martin Luther King. Rushton bietet keine Hilfen zur Interpretation, wenn man nicht die Klang-Collage als solche darunter verstehen will.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Da werden Rede-Ausschnitte laut von Harvey Milk, der 1978 in seiner Hope-Speech für die Homosexuellenbewegung eintrat. Nelson Mandela ist ebenso zu hören wie Barack Obama oder Angelina Jolie, die 2014 vor dem UN-Weltgipfel über Vergewaltigung sprach. Auch Angela Merkels „Wir schaffen das“ erklingt neben Emmanuel Macron und quasi als Gegenpart Wladimir Putin. Die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai kommt mit einem Ausschnitt ihrer UN-Rede für das Recht auf Bildung 2013 genauso zu Wort wie Nadia Murad, die iranische Menschenrechtsaktivistin und Friedens-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. Dabei geht es Rushton weniger darum, die einzelnen Inhalte ganz genau zu verstehen, sondern vor allem darum, wie sich einzelne – damals wie heute – für viele und eine bessere Welt einsetzen. Unermüdlich, obwohl sich in der Zeit von Kings Rede mit dem berühmten Titel I have a dream, die er am 28. August 1963 vor mehr als 250.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., hielt, bis heute eher alles ein wenig verschlimmert zu haben scheint – zumindest in der globalen Betrachtung. Vielleicht werden heute die großen (Wort-)Führer nicht mehr ganz so schnell erschossen wie zu Zeiten von King und Milk.

Trotz dieser Dramatik, die in der Musik ebenso aufscheint, verbreitet Rushton Optimismus und hinterlässt beim Zuschauer so etwas wie Hoffnung. Neben einem Song von Elton John gibt es ein paar Ausschnitte aus L’incoronazione di Poppea, elektronische Musik von Biosphere und eigens für die Choreografie komponierte Klavierimprovisationen von Nikolaj Hess zu hören, die in erster Linie das Geschehen vorantreiben. Und während der Tango Encanto rojo – zu Deutsch roter Charme – des argentinischen Komponisten Fabio Hager so wunderbar vertanzt wird, dass er sich zu einem der Höhepunkte des Abends aufschwingt, tritt der Tanz bei Nina Simones Live-Aufnahme von Why? – The King of Love Is Dead, ihre persönliche Hommage an Martin Luther King, fast ein wenig in den Hintergrund.
Rushton ist mit diesem Werk ein ganz großer Wurf gelungen, der zeigt, wie wichtig der politische Tanz ist. Da bleiben die eindrucksvollen tänzerischen Leistungen im Gedächtnis haften, die den historischen Blick in die Gegenwart holen. Und so gibt es beim Publikum, das wieder zahlreich erschienen ist und der Compagnie mit langem Applaus stehend dankt, an diesem Abend auf dem Heimweg noch viel zu besprechen.
Michael S. Zerban