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Tiefer Fall des großen Diktators

CHAPLIN
(Chris­topher Curtis)

Besuch am
11. Oktober 2018
(Premiere am 10. März 2018)

 

Forum Lever­kusen

Im März dieses Jahres fand die deutsche Erstauf­führung des Musicals Chaplin am Theater Osnabrück statt. Jetzt zeigt das Theater das Stück als Gastspiel am Forum Lever­kusen. Ob es daran liegt, dass ein dreistün­diges Stück für einen Donners­tag­abend einfach zu lang ist oder doch eine gewisse Musical-Müdigkeit einge­setzt hat, ist schwer zu sagen. Jeden­falls bleiben doch etliche Plätze im Auditorium frei. Und das, obwohl die Osnabrücker nicht nur mit eigenem Orchester, sondern auch mit einem vergleichs­weise großen Ensemble anreisen. Eine solch luxuriöse perso­nelle Ausstattung erlebt man nur noch selten. Großer Bahnhof für eine kleine Person, die in der Filmge­schichte noch viel Größeres geleistet hat.

Für die halbwegs angemessene Aufar­beitung eines 88 Jahre währenden Lebens sind selbst annähernd drei Stunden auf der Bühne eher wenig. Ameri­ka­nische Musical-Produk­tionen verfolgen da ein angestammtes Muster, indem sie sich auf wichtige Lebens­sta­tionen kapri­zieren und diese szenisch darstellen, ohne allzu streng auf histo­rische Einzel­heiten zu bestehen. Librettist Thomas Meehan weicht davon nicht ab. Chris­topher Curtis hat diese Szenen dann mit Musik und Liedtexten ausge­stattet. Das hat er im Sinne des Mainstreams gut gelöst. Viel mehr aber auch nicht. Auch die deutsche Übersetzung von Nico Rabenald hält sich sprachlich durchaus in Grenzen.

Mit diesem eher mediokren Material hatte sich Regisseur Christian von Götz ausein­an­der­zu­setzen. Und er greift seiner­seits auf bewährte Mittel zurück. Was ja erst mal in Ordnung geht. Ein vorderer Vorhang im samtigen Rot bietet ebenso Platz für Projek­tionen wie ein hinterer. Ein Zwischen­vorhang teilt die Bühne bei Bedarf, um eine Bühne auf der Bühne darzu­stellen. Zahlreiche beweg­liche Elemente wie Kisten, Stühle, fahrbare Kameras, Garde­ro­ben­ständer und so weiter schaffen Flexi­bi­lität, um die verschie­denen Spielorte abzubilden. Sarah Mitten­bühler steht von Götz mit Kostümen zur Seite, die poppig bunt in Primär­farben daher­kommen und mit ausge­fal­lenen Frisuren ergänzt werden. Das schafft einen starken Kontrast zur Schwarzweiß-Filmwelt Charlie Chaplins und eine theatrale Sprache, die das Stück der biogra­fi­schen Exaktheit enthebt und viel künst­le­rische Freiheit erlaubt. Auf dieser Grundlage kann Kerstin Ried Tanzein­lagen schaffen, die halbwegs sauber getanzt werden und für den nötigen Verve sorgen. Wo Filmein­spie­lungen unabdingbar sind – von Götz hat auf Filmzitate bewusst weitgehend verzichtet, leider fällt dem auch die Rede des großen Diktators zum Opfer – hat Melanie Kitzinger gute Arbeit geleistet. Mit zwei reizvollen Einfällen gelingt es von Götz dann aber doch noch, seine Insze­nierung über das Musical-übliche Maß hinaus zu hieven. Einer­seits führt er den Tramp als zusätz­liche Figur ein, der eine Idee von der Faszi­nation Chaplins vermittelt, und anderer­seits schafft er immer wieder überra­schend tableaux vivants, die höchst eindrucksvoll sind, auch wenn sie nur über Sekunden stehenbleiben.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eigentlich könnte also alles in Ordnung sein und das Publikum einen unter­halt­samen Abend erleben, gäbe es da nicht die Tücken der Technik, was den Ton angeht. Der Opernchor des Theaters Osnabrück säuft ohne Mikro­fo­nierung regel­mäßig ab, und die Solisten klingen unaus­ge­glichen bis zur Unver­ständ­lichkeit. Wenig nachvoll­ziehbar ist das in mehrfacher Hinsicht. Landes­theater und auch Stadt­theater, die ihre Produk­tionen für andere Häuser zur Verfügung stellen, sollten eigentlich auf unter­schied­lichste Akustiken vorbe­reitet sein, und das schon erst recht, wenn sie, wie in diesem Fall, ein Haus bereits mehrfach besucht haben. An diesem Abend läuft es aber so gründlich schief, dass es erheb­liche Einbußen in der Qualität nach sich zieht. Und das geht so weit, dass die Qualität des Gesangs über Strecken nicht mehr beurteilbar ist.

Foto © Jörg Landsberg

Dabei steht außer Frage, dass alle ihr Bestes geben, gerade, was den Gesang angeht. Mit dem der Tramp gerade gar nichts zu tun hat. Verena Hierholzer bemüht sich nach Kräften, eine Idee vom Tramp zu vermitteln. Und das macht sie wirklich sehr schön, auch wenn es an den echten Tramp nicht einmal ansatz­weise heran­kommt. Aber muss ja auch nicht sein. Der junge Charlie und später Jacki wird von Gabriel Spaude nicht wirklich glaubhaft vermittelt. Was vielleicht auch daran liegt, dass seine Rolle allzu schablo­nenhaft angelegt ist. Mark Hamman hat die Löwen­rolle des Abends. Er stellt den erwach­senen Charlie Chaplin dar. Zahlreiche Versprecher werden durch großar­tigen Gesang kompen­siert. Syd, der Halbbruder Charlies, wird von Tobias Rusnak bei durch­schnitt­lichen Anfor­de­rungen gut gemeistert. Annina Hempel ist da schon wesentlich mehr gefordert. Die Gesangs­stu­dentin zeigt eine wirklich reife Leistung als Hannah, Charlies Mutter, die psychisch erkrankt verschiedene Kliniken durch­wandert. Und so erklärt sich auch, wie das Theater Osnabrück mit derar­tiger Mannschafts­stärke antreten kann. Denn zahlreiche Gesangs­stu­denten wie auch Teilnehmer am Opern­studio ergänzen das Ensemble. Und die sind alle so gut, dass das Publikum den Unter­schied zu den regulären Ensemble-Mitgliedern nicht bemerkt. In diesem Zusam­menhang sind besonders Diana Guss als Klatsch­re­por­terin, die zwischen­zeitlich merkliche Textschwächen zeigt, und Celena Pieper als Oona zu erwähnen, die beide noch im Studium sind und gesang­liche Höchst­leis­tungen bringen. Sage und schreibe 34 Rollen besetzt das Theater Osnabrück ohne nennens­werte Ausfälle. Das ist beein­dru­ckend auch dann, wenn einige Rollen doppelt besetzt sind.

An-Hoon Song hat die musika­lische Leitung des Abends inne. Da spielt das Osnabrücker Sympho­nie­or­chester fröhlich auf, zeigt, was man aus der flauen Kompo­sition heraus­holen kann. Dass die Sänger trotzdem gern mal überdeckt werden, ist dem mangelnden Ausgleich zu den mikro­fo­nierten Sängern geschuldet. Insgesamt aber wird hier eine ordent­liche Leistung abgeliefert.

Das Publikum applau­diert matt, aber anhaltend. Liegt vielleicht auch am Alters­schnitt der Besucher. Neben einem unter­halt­samen Abend ist der Gewinn des Musicals vielleicht, dass man sich anschließend doch noch einmal ausführ­licher mit dem Leben von Charlie Chaplin ausein­an­der­setzen möchte und auf einen inter­es­santen Menschen stoßen wird, der vom Armenhaus bis zum Millio­närs­dasein alles durch­ge­macht hat, was ein Leben beinhalten kann. Dass am Ende der Aufführung der Tramp noch einmal auftritt, von dem sich Chaplin doch zwischen­durch schmerzhaft verab­schieden musste, als nach dem Großen Diktator der tiefe Fall einsetzte, zeigt, dass vom Leben Chaplins etwas die Zeiten überdauern wird. Ein tröst­licher Ausblick.

Michael S. Zerban

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