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Foto © Sarah Jonek

Maximal lebhaft

EIN AMERIKANER IN PARIS
(George Gershwin)

Besuch am
4. Dezember 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Großer Saal

Wenn ein Musical auf dem Programm steht, kommen die Leute von nah und fern. Da ist der große Saal im Lever­ku­sener Forum schnell ausver­kauft. Geiz ist geil, und in Lever­kusen bekommt man erfah­rungs­gemäß erstklassige Unter­haltung zum günstigen Preis geboten. Die kommer­zi­ellen Musical-Anbieter haben derweil kräftig mit Umsatz­ein­bußen zu kämpfen. Sie haben Preise weit oberhalb der Möglich­keiten der Zielgruppe angeboten. Die ersten schließen Häuser. Mitleid kommt da nicht auf. Vor allem, weil diese Zielgruppen sich nun darauf zu besinnen scheinen, in den öffentlich geför­derten Häusern nach Alter­na­tiven zu suchen. Und damit könnte so manche Berüh­rungs­angst mit diesen Häusern abgebaut werden. Das Forum Lever­kusen ist davon ohnehin nicht betroffen und darf auf ein ausge­sprochen großes Stamm­pu­blikum bauen.

Vor allem dann, wenn Produk­tionen vom Euro-Studio Landgraf auf dem Programm stehen. Ein Tournee-Theater, das sich durch aufwändige wie gewitzte Produk­tionen auszeichnet und mit Sunset Boulevard in ausge­sprochen guter Erinnerung geblieben ist. Jetzt ist Ein Ameri­kaner in Paris angesagt. 1951 in der Regie von Vincente Minnelli als Film mit Gene Kelly und Leslie Caron in London veröf­fent­licht, wurde das Stück erst 2014 ein richtiger Erfolg, als es am Théâtre du Châtelet als Musical urauf­ge­führt wurde. Ein Jahr später wurde das Werk am New Yorker Broadway, zwei Jahre später im Londoner West End aufge­führt. Auch als Musical wurde es ein Riesenerfolg.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur und Choreograf Chris­topher Tölle reizte an dem Stück neben den Welthits von George Gershwin vor allem die Genre-Vielfalt, die die Besetzung aller­dings sehr erschwerte. Denn hier muss nahezu jeder singen, tanzen und schau­spielern können. Außerdem hat er sich zum Ziel gesetzt, mit einem kleinen Rahmen auszu­kommen. Mit Robert Pflanz zur Seite, der für Bühnenbild und Video­kunst verant­wortlich zeichnet, ist ihm das großartig gelungen. Ein paar Kästen, die als Versatz­stücke in immer neuen Anord­nungen zusam­men­ge­stellt werden, ein paar Tische und Stühle, die schnell herein­ge­tragen sind und dazu eine flächen­fül­lende Leinwand auf der Rückseite, auf der die Spielorte als beweg­liche Zeich­nungen eine schöne „Pariser“ Atmosphäre herbei­zaubern, reichen aus, um den Rahmen für ein beschwingtes Stück zu schaffen, das ohnehin überwiegend eines braucht: Platz zum Tanzen.

Mit dem Tanz meint Tölle es etwas zu gut, wenn selbst bei den Abgängen der „Bühnen­ar­beiter“ – in diese Rollen schlüpfen die Akteure so nebenbei auch noch – Körper­dre­hungen getanzt werden müssen. Denn eigentlich reichen die Tanzein­lagen in Fülle und Abwechs­lungs­reichtum vollkommen aus, um dem Abend den nötigen Schwung zu verleihen. Mit seinen Kostümen gelingt Aleš Valášek der Spagat zwischen histo­ri­schem Kontext und den tänze­ri­schen Erfor­der­nissen hervor­ragend. So entsteht ein Bühnen­abend, an dem allein schon das Hinschauen echten Spaß bereitet.

Mariana Hidemi als Lise Dassin – Foto © Sarah Jonek

Das ihrige trägt die exquisite Besetzung bei. Tobias Joch gehört zu den seltenen Menschen, die dann noch wirken, wenn man sie einfach auf der Bühne stehen lässt. Aber das kommt ohnehin nur selten vor. Als Jerry Mulligan hat er ausrei­chend zu tun, die Handlung voran­zu­treiben, zu singen, tanzen und zu sprechen. All das gelingt ihm hervor­ragend und mit seinem Aussehen als „Lieblings­schwie­gersohn“ ist er für die Rolle glänzend besetzt. Als Typus überrascht Mariana Hidemi im ersten Augen­blick etwas, aber das ist nach wenigen Minuten vergessen, wenn sie ihren Charme als Lise Dassin ausspielt. Und nach ihrem Ballett­auf­tritt im vierten Bild des zweiten Akts hat sie auch das letzte Zuschau­erherz für sich gewonnen. Robert D. Marx überzeugt in seiner Rolle als Komponist Adam Hochberg, in der er auch die Erzähler-Funktion übernimmt, voll und ganz, auch wenn die Rolle manchmal etwas flach gezeichnet ist. Für die komische Seite des Männer-Dreige­stirns sorgt mit der nötigen Ernst­haf­tigkeit, um wirklich lustig zu sein, Nico Schweers. Er zeigt sehr überzeugend einen Henri Baurel, der sich in seiner Berufs- und Geschlech­ter­rolle nicht zurecht­finden will. Großartig als seine Mutter agiert Michaela Hanser mit ihrer Alt-Stimme. Kira Primke schließlich ist figürlich wie schau­spie­le­risch hervor­ragend als Milo Davenport besetzt.

Den Musikern des Krzysztof Klima Festival Orchesters gelingt es unter der musika­li­schen Leitung von Heiko Lippmann, einen wunder­baren Gershwin-Klang zu erzeugen. Was unter anderem dadurch erschwert wird, dass die Liedtexte ins Deutsche übertragen wurden. Ob das nun wirklich notwendig war, kann man disku­tieren. Denn zum einen sind die allzu bekannten Texte in der Origi­nal­sprache selbst für nicht des Engli­schen kundige Menschen nachzu­voll­ziehen, während das Deutsche die Musik so verfremdet, dass man mitunter tatsächlich einen Moment braucht, um Schlager wie I Got Rhythm, The Man I Love oder ‚S Wonderful überhaupt zu erkennen. Es hatte schließlich einen Grund, warum die Oper vor 50 Jahren wieder zur Origi­nal­sprache zurück­ge­kehrt ist. Dieses Manko wird aber durch den ewigen Schwung, der der Musik innewohnt und den die Musiker ganz wunderbar aus dem Graben zaubern, überspielt.

Das ohnehin sehr klatsch­freudige Publikum hält es nach dem Ende der Aufführung nicht mehr auf den Sitzen. Frene­tisch applau­diert es einem Ensemble, dem es nicht nur gelungen ist, die Nachkriegs­stimmung in Paris nachzu­emp­finden, sondern auch, das Gefühl des Aufbruchs und Neuan­fangs in den Saal zu tragen. Nach zweieinhalb Stunden darf man das hochin­for­mative und übersichtlich gestaltete Programmheft zuschlagen, um dann rhyth­misch federnd den Saal zu verlassen.

Michael S. Zerban

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