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Als Marguerite Donlon zu Beginn der laufenden Spielzeit ihr Amt als Ballettdirektorin am Theater Hagen antrat, hatte sie eine wichtige Botschaft für die Stadt im Gepäck. „Meine Maxime war und ist: Kultur ist für alle da, nicht nur für wenige. Der Tanz ist für Junge und Junggebliebene. Tanz ist ein zeitloses Medium und seine Sprache ist universell“, sagte die 52-jährige Irin. Im großen Saal des Leverkusener Forums zeigt sie jetzt, was sie damit meint. Mit dem Programm Heroes beweist ihre eigene Compagnie, das Donlon Dance Collective, dass man mit klugen Choreografien auch Menschen erreichen kann, die bislang wenig Zugang zum zeitgenössischen Tanz oder zum Ballett haben.
Zwei Stunden inklusive einer Pause nimmt sich die Choreografin Zeit, um die Menschen anrührend, humor- und temperamentvoll davon zu überzeugen, dass Tanz mehr als künstlerischer Anspruch ist. Schon in der Einführung im vollbesetzten Foyer begeistert die Choreografin das Publikum im Gespräch mit Dramaturgin Claudia Scherb mit ihrer sympathischen und herzlichen Art. Im nahezu vollbesetzten Saal zeigt dann ihre Compagnie ohne Angst vor Genre-Grenzen, dass man handwerkliche Kunst durchaus mit publikumsgerechter Ansprache mischen darf, ohne Ballett oder Tanz zu „verraten“ oder einen künstlerischen Anspruch aufzugeben.

Gleich zu Beginn wird Biografisches mit Choreografischem kombiniert. Großtante Katherine Gilnagh war Donlon Inspiration zu einem dramatischen, viertelstündigen Stück. Denn mit 16 Jahren überlebte die Verwandte den Untergang der Titanic als letzter Passagier auf dem letzten Rettungsboot. Mit 80 Jahren gab Gilnagh ein Interview, das als Tondokument erhalten ist und Dirk Haubrich zu einer Komposition inspirierte, die an die katastrophale Nacht erinnert. Tänzerisch einfühlsam lässt Donlon die Tänzerin nicht nur die Gefühle jener Nacht erleben, sondern auch die Hilfe, die ihr von einem jungen Mann zuteil wird. Da braucht es auf der Bühne vor allem viel Nebel und wenig Licht, um die Dramatik jener Stunden aufleuchten zu lassen. Bewegend erzählen Jemima Rose Dean und Gennaro Chianese als Tänzer die Geschichte. Und schon nach dieser Viertelstunde ist das Publikum ergriffen, ehe es sich unbeschwerteren Themen widmen darf.
Heroes – also Helden – war eigentlich als kurzes Stück mit drei männlichen Tänzern geplant. Geworden ist daraus ein vierzigminütiges Werk mit fünf Tänzern, die ihre Geschichte erzählen. Sind Eoin Mac Donncha, Ciro Iorio, Riccardo De Nigris, Dario Rigaglia oder Shori Yamamoto tatsächlich Helden, weil sie über Umwege über den Striptease, gegen den Widerstand ihrer Eltern oder ähnlicher Schwierigkeiten doch zum Tanz kamen? Weil der Beruf ihnen alles abverlangt bis hin zu körperlichen Verletzungen? Kann man lange diskutieren, muss man aber nicht. Viel lieber genießt man die kleinen Geschichten, die jeder einzelne von ihnen zu erzählen hat, während Stichwörter auf einer Tafel protokolliert werden und die Tanzeinlagen zur Musik von David Bowie mit Titeln wie Fame, Fashion, Hero die eigenen Knie zucken lassen. Die scheinbare Leichtigkeit des Tanzes mischt sich hier mit irischem Humor, ohne auch nur einen Augenblick ins Seichte abzugleiten. So kann man Tanz für alle zugänglich machen. Das Publikum ist hingerissen.

Die letzte halbe Stunde ist eine Hommage an die irische Heimat im Wandel der Zeit. Den englischsprachigen Titel kann man tatsächlich nur schwer ins Deutsche übertragen. Ruff Celts, das sind die Kelten, die Halskrausen tragen, aber es ist auch ein Wortspiel, weil ruff wie rough, also rau, ausgesprochen wird. Und damit ist der Titel Programm. Alle Tänzer tragen weiße Halskrausen, die Damen zu schlichten, schwarzen Kostümen, die Herren zu Kilts und bloßem Oberkörper. Zur Musik von unter anderem The Dubliners, Sinéad O’Connor, Luke Kelly und Sam Auinger zeigt das komplette Ensemble, was es aus traditionellen Tänzen extrahiert, um sich dann völlig losgelöst von festgelegten Tanzstilen in einer flüssigen, tempo- und abwechslungsreichen Choreografie durch die Zeitläufte zu bewegen. Das kann brachial, aber auch mal sehr zart wirken. Langweilig wird es in keiner Sekunde. Und die Zuschauer dürfen hier auch erleben, wie man eine Choreografie mit einer Handvoll Talkum-Puder, gekonnt in die Luft geworfen, als i‑Tüpfelchen verfeinern kann, ohne gleich die Bühne unter Nebel zu setzen. Herrlich. Ein letztes Kompliment gilt dem Licht, das trotz mancher Verdunkelung die Tänzer nicht in der Dunkelheit verschwinden lässt, ansonsten aber mit stimmungsvollen, kaum wahrnehmbaren Wechseln glänzt.
Ein in jeder Hinsicht stimmiger Abend scheint nur so zu verfliegen, und das Publikum dankt den Tänzern wie der Choreografin mit donnerndem Applaus. Neuere Arbeiten von Marguerite Donlon wird man künftig im Theater Hagen bewundern können. Wer die im Leverkusener Forum gezeigten Pretiosen zeitgenössischen Tanzes – noch einmal – erleben will, hat dazu Ende Februar bei den Tanzwochen Neuss Gelegenheit.
Michael S. Zerban