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Foto © O-Ton

Mit einer Handvoll Talkum

HEROES
(Marguerite Donlon)

Besuch am
15. Januar 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen

Als Marguerite Donlon zu Beginn der laufenden Spielzeit ihr Amt als Ballett­di­rek­torin am Theater Hagen antrat, hatte sie eine wichtige Botschaft für die Stadt im Gepäck. „Meine Maxime war und ist: Kultur ist für alle da, nicht nur für wenige. Der Tanz ist für Junge und Jungge­bliebene. Tanz ist ein zeitloses Medium und seine Sprache ist universell“, sagte die 52-jährige Irin. Im großen Saal des Lever­ku­sener Forums zeigt sie jetzt, was sie damit meint. Mit dem Programm Heroes beweist ihre eigene Compagnie, das Donlon Dance Collective, dass man mit klugen Choreo­grafien auch Menschen erreichen kann, die bislang wenig Zugang zum zeitge­nös­si­schen Tanz oder zum Ballett haben.

Zwei Stunden inklusive einer Pause nimmt sich die Choreo­grafin Zeit, um die Menschen anrührend, humor- und tempe­ra­mentvoll davon zu überzeugen, dass Tanz mehr als künst­le­ri­scher Anspruch ist. Schon in der Einführung im vollbe­setzten Foyer begeistert die Choreo­grafin das Publikum im Gespräch mit Drama­turgin Claudia Scherb mit ihrer sympa­thi­schen und herzlichen Art. Im nahezu vollbe­setzten Saal zeigt dann ihre Compagnie ohne Angst vor Genre-Grenzen, dass man handwerk­liche Kunst durchaus mit publi­kums­ge­rechter Ansprache mischen darf, ohne Ballett oder Tanz zu „verraten“ oder einen künst­le­ri­schen Anspruch aufzugeben.

Foto © O‑Ton

Gleich zu Beginn wird Biogra­fi­sches mit Choreo­gra­fi­schem kombi­niert. Großtante Katherine Gilnagh war Donlon Inspi­ration zu einem drama­ti­schen, viertel­stün­digen Stück. Denn mit 16 Jahren überlebte die Verwandte den Untergang der Titanic als letzter Passagier auf dem letzten Rettungsboot. Mit 80 Jahren gab Gilnagh ein Interview, das als Tondo­kument erhalten ist und Dirk Haubrich zu einer Kompo­sition inspi­rierte, die an die katastro­phale Nacht erinnert. Tänze­risch einfühlsam lässt Donlon die Tänzerin nicht nur die Gefühle jener Nacht erleben, sondern auch die Hilfe, die ihr von einem jungen Mann zuteil wird. Da braucht es auf der Bühne vor allem viel Nebel und wenig Licht, um die Dramatik jener Stunden aufleuchten zu lassen. Bewegend erzählen Jemima Rose Dean und Gennaro Chianese als Tänzer die Geschichte. Und schon nach dieser Viertel­stunde ist das Publikum ergriffen, ehe es sich unbeschwer­teren Themen widmen darf.

Heroes – also Helden – war eigentlich als kurzes Stück mit drei männlichen Tänzern geplant. Geworden ist daraus ein vierzig­mi­nü­tiges Werk mit fünf Tänzern, die ihre Geschichte erzählen. Sind Eoin Mac Donncha, Ciro Iorio, Riccardo De Nigris, Dario Rigaglia oder Shori Yamamoto tatsächlich Helden, weil sie über Umwege über den Strip­tease, gegen den Wider­stand ihrer Eltern oder ähnlicher Schwie­rig­keiten doch zum Tanz kamen? Weil der Beruf ihnen alles abver­langt bis hin zu körper­lichen Verlet­zungen? Kann man lange disku­tieren, muss man aber nicht. Viel lieber genießt man die kleinen Geschichten, die jeder einzelne von ihnen zu erzählen hat, während Stich­wörter auf einer Tafel proto­kol­liert werden und die Tanzein­lagen zur Musik von David Bowie mit Titeln wie Fame, Fashion, Hero die eigenen Knie zucken lassen. Die scheinbare Leich­tigkeit des Tanzes mischt sich hier mit irischem Humor, ohne auch nur einen Augen­blick ins Seichte abzugleiten. So kann man Tanz für alle zugänglich machen. Das Publikum ist hingerissen.

Foto © O‑Ton

Die letzte halbe Stunde ist eine Hommage an die irische Heimat im Wandel der Zeit. Den englisch­spra­chigen Titel kann man tatsächlich nur schwer ins Deutsche übertragen. Ruff Celts, das sind die Kelten, die Halskrausen tragen, aber es ist auch ein Wortspiel, weil ruff wie rough, also rau, ausge­sprochen wird. Und damit ist der Titel Programm. Alle Tänzer tragen weiße Halskrausen, die Damen zu schlichten, schwarzen Kostümen, die Herren zu Kilts und bloßem Oberkörper. Zur Musik von unter anderem The Dubliners, Sinéad O’Connor, Luke Kelly und Sam Auinger zeigt das komplette Ensemble, was es aus tradi­tio­nellen Tänzen extra­hiert, um sich dann völlig losgelöst von festge­legten Tanzstilen in einer flüssigen, tempo- und abwechs­lungs­reichen Choreo­grafie durch die Zeitläufte zu bewegen. Das kann brachial, aber auch mal sehr zart wirken. Langweilig wird es in keiner Sekunde. Und die Zuschauer dürfen hier auch erleben, wie man eine Choreo­grafie mit einer Handvoll Talkum-Puder, gekonnt in die Luft geworfen, als i‑Tüpfelchen verfeinern kann, ohne gleich die Bühne unter Nebel zu setzen. Herrlich. Ein letztes Kompliment gilt dem Licht, das trotz mancher Verdun­kelung die Tänzer nicht in der Dunkelheit verschwinden lässt, ansonsten aber mit stimmungs­vollen, kaum wahrnehm­baren Wechseln glänzt.

Ein in jeder Hinsicht stimmiger Abend scheint nur so zu verfliegen, und das Publikum dankt den Tänzern wie der Choreo­grafin mit donnerndem Applaus. Neuere Arbeiten von Marguerite Donlon wird man künftig im Theater Hagen bewundern können. Wer die im Lever­ku­sener Forum gezeigten Pretiosen zeitge­nös­si­schen Tanzes – noch einmal – erleben will, hat dazu Ende Februar bei den Tanzwochen Neuss Gelegenheit.

Michael S. Zerban

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