O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Schneeglöckchen bleibt allein

DER KLEINE SPATZ VOM BOSPORUS
(Tuğsal Moğul, Chris­tiane Hagedorn)

Besuch am
30. November 2021
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Studio

Was für ein großar­tiger Abend. Im riesigen Forum Lever­kusen huschen ein paar Menschen durch Foyer und Gänge. Sie treffen sich im Studio wieder, um irritiert nach den Plätzen zu suchen, die auf ihren Karten angegeben sind. Die Einlas­serin bleibt geduldig. Nein, es ist freie Platzwahl. Zwei Rollstuhl­fahrer suchen nach ihren Plätzen. Rasch erscheint der Haustech­niker und entfernt zwei Stühle. Auch, wenn’s mal nicht ganz so rund läuft, das ist das Sympa­thische am Forum, sind immer schnell helfende Hände zur Stelle, die kleinere Probleme ohne Aufheben besei­tigen. Pünktlich hat jeder seinen Platz auf der Tribüne gefunden, die auf der Bühne aufgebaut worden ist, und so kann es mit nur wenig Verspätung losgehen.

Die öffentlich-recht­lichen Medien sind bis heute nicht von ihrer Bericht­erstattung abgewichen, wenn es um das Anwer­be­ab­kommen zwischen der Bundes­re­publik und der Türkei vom 30. Oktober 1961 geht, jenem zweisei­tigen Dokument, dass das Leben so vieler Menschen verändern sollte. Im Krieg und in der Wirtschaft gilt: Einzel­schicksale gelten nichts. Da wird gern die anonyme Masse von Gastar­beitern darge­stellt, die Deutschland „überflu­teten“. Eine andere Sicht­weise eröffnen Theater in zahlreichen Stücken. Sie hinter­fragen, was die Menschen bewegte, aus der Türkei nach Deutschland zu kommen, berichten, wie es ihnen im „Land der Verheißung“ erging. Chris­tiane Hagedorn eröffnet ihren Abend Der kleine Spatz vom Bosporus mit einer Fangfrage. Ein Mensch geht aus der Türkei weg, um Arbeit zu finden. Was glauben Sie, wohin er geht? Der Lever­ku­sener antwortet weltge­wandt: nach Almanya. Der Rhein­länder antwortet sieges­sicher: nach Köln. Dort haben die türki­schen Gastar­beiter schließlich einen überwäl­ti­genden Anteil daran, dass die Ford-Werke erfolg­reich sind. „Mehmet findet eine Arbeit als Elektriker bei Telefunken in Westberlin“, beginnt Hagedorn ihre Geschichte, die also so ganz anders verlaufen wird als im ersten Moment angenommen.

Foto © O‑Ton

Tuğsal Moğul und die Schau­spie­lerin haben eine Geschichte gefunden, die nicht nur Hagedorn auf den Leib geschrieben, sondern auch dem Leben abgeschaut zu sein scheint. Der Regisseur, Schau­spieler und Mediziner hat das Stück, das das Leben Mehmets nachzeichnet, mit Liedern von Sezen Aksu kombi­niert. Aksu stammt aus Saraköy, wird in der Türkei liebevoll Minik Serçe, zu Deutsch kleiner Spatz, genannt und ist dort so etwas wie eine Natio­nal­heldin. Kleiner Haken der Insze­nierung Moğuls: Es gibt kein Programmheft und auch keine andere Möglichkeit, etwas über die Inhalte der Lieder zu erfahren. So bleibt als einziger Genuss der Wohlklang, den Hagedorn verbreitet.

Das Set hingegen ist wohldurch­dacht. Im Hinter­grund ist die Band Anahtar-Bahnhof platziert. Davor gibt es links eine Kiste mit allerlei Unter­lagen und Bilder, die unter einer funze­ligen Birne steht, wie man sie vielleicht auf einem Dachboden finden könnte. Rechts steht ein kleiner Turm, der unter einer Decke verschwindet und sich später als brauch­bares Utensil entpuppt. Mittig ist ein Mikro­fon­ständer aufgebaut. Damit hat Hagedorn vier Anlauf­sta­tionen, die sie sehr gut zu nutzen weiß. In Verbindung mit ein paar Acces­soires weiß die Darstel­lerin die Geschichte von Mehmet zu erzählen, indem sie in die verschie­denen Rollen schlüpft.

Da ist sie die türkisch-deutsche Sängerin Selma, deren Eltern und was sonst noch so an Rollen anfällt. Mehmet holt seine Frau Hatije nach zwei Jahren nach Deutschland, mit der er sich alsbald über männliche Nachkommen freuen darf. Dabei hätte der Elektriker, der in der Heimat schon die Aufnah­me­prüfung am Konser­va­torium bestanden hatte, gern eine Tochter, die an seiner Stelle die musika­lische Laufbahn absol­vieren soll. Erfüllung findet sein Wunsch schließlich, als er in Ostberlin Gudrun kennen- und lieben lernt. Ihre Tochter Selma blüht und gedeiht in der Liebe ihrer Mutter – von Hagedorn mit einem kräftigen Berliner Dialekt versehen – und des Vaters, der alle zwei Wochen das Wochenende mit ihr verbringt. Liebe kennt keine kultu­rellen Unter­schiede. Der deutsche Staat schon. Der versucht, die Gastar­beiter – die Geister, die er rief – wieder loszu­werden. Zur Not mit mehr oder minder großzü­gigen Abfin­dungen. Mehmet entscheidet sich für das Geld und seine Westber­liner Familie, verlässt Deutschland ohne Gudrun und Selma.

Foto © O‑Ton

Spätestens zu diesem Zeitpunkt der Geschichte haben die Menschen auf der Tribüne viel gelacht, dem wunder­baren Gesang applau­diert und auch hier und da schon die eine oder andere Träne verdrückt. Den Kitsch hat Hagedorn mit so viel Zucker überschüttet, dass man lächelnd ertragen kann. Mit 19 Jahren macht sich Selma auf die Suche nach dem verlo­renen Vater. Die Reise führt nach Istanbul, kleine Stadt­rund­reise inklusive. Aber ist es wirklich die Reise an den Bosporus oder doch eher das Erwach­sen­werden? Zumindest schmerzt es ziemlich, weil der Vater weiter­ge­zogen ist, ohne Spuren zu hinter­lassen. Und die Wunden der Seele haben keine Zeit zu vernarben.

Anahtar-Bahnhof ist eine vierköpfige Band in ungewöhn­licher Besetzung. Martin Scholz sitzt am Flügel, Ahmet Bektaş spielt eine elektrisch verstärkte Oud, Jens Pollheide lässt den Bass vibrieren und steuert die Nei bei. Ömer Bektaş schließlich bedient alles, was für den Rhythmus wichtig ist. Die Musik erklingt mit Leich­tigkeit, mischt sich aus türki­scher Folklore und Jazz-Ambitionen, ohne sich ernsthaft festlegen zu wollen. So bleibt eine schwe­bende Leich­tigkeit, die nicht nur den Gesang Hagedorns auf das Feinste unter­streicht, sondern die Kulturen zusam­men­führt, fast möchte man sagen: die zusammengehören.

Es ist eines dieser seltenen kleinen Theater­stücke, aus denen der Zuschauer beseelt herausgeht, das Leben ein bisschen besser zu verstehen glaubt, einen Hauch Sehnsucht im eigenen Herzen verspürt und genau verstanden hat, wie schwer und schön die Liebe ist – die Liebe zum Leben, das keine Kulturen braucht, weil es immer nur die Menschen betrifft.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: