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TUNDRA/THEY SEEK TO FIND …/THE GREEN HOUSE
(Marcos Morau, Lee Johnston, Caroline Finn)
Besuch am
10. April 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Revolution, Beziehungskram und Sitcom hat die National Dance Company Wales im Programm, mit dem sie bereits am vergangenen Samstag in leicht geänderter Form im Bonner Opernhaus aufgetreten ist und jetzt im Forum Leverkusen das Publikum zu begeistern versucht.
Wie bei Tanz-Aufführungen üblich, ist das Haus so gut wie ausverkauft. Dabei vertraut das Publikum anscheinend blind auf die Dramaturgie, die für die Auswahl der Gastspiele verantwortlich ist. Denn die Titel der drei Choreografien sprechen kaum an. Tundra klingt nach ganz viel altertümlicher Folklore aus dem Osten, They seek to find the happiness they seem scheint irgendwas mit Beziehung zu tun zu haben, aber den Titel versteht eh keiner und The green house berührt eher das Herz des Öko-Liebhabers als das des Tanzfreundes. Das sind ja schon mal gute Voraussetzungen für das Gelingen eines gut zweistündigen Abends, der zudem noch die Tücken einer Umbaupause beinhaltet. Aber dann wird doch noch – fast – alles gut.
Marcos Morau hat sich von der russischen Revolution zu Zeiten der Sowjetunion inspirieren lassen. Für den Choreografen des Stücks Tundra ist eine Revolution nur „als eine Vereinigung zwischen Menschen möglich und nicht als Ergebnis individueller Bemühungen“. Und das bringt er nicht nur passgenau, sondern vor allem sehr eindrucksvoll auf die Bühne. Gleich mit dem ersten Bild sorgt er in perfekter Zusammenarbeit mit Angharad Matthews, die grandiose Kostüme entworfen hat, und Joe Fletcher, der für ein im Wortsinn überwältigendes Bühnen- und Lichtdesign sorgt, für einen fulminanten Auftakt. Eine Person in folkloristischer Kleidung mit Maske steht unter einem einzelnen Spot. Ein Bild, das nicht funktioniert – es wird verworfen. In einem Lichtrahmen tritt die Compagnie an. In langen Röcken, die die Schritte verbergen. So entsteht eine gleitende, kollektive, häufig gegenläufige Bewegung, die die Solidarität der Revolution ausmacht. In den folgenden Bildern sind die Röcke abgelegt und entblößen die Genialität der Kostüme. Sorgsam aufeinander abgestimmt und durchdacht, entstehen so bei wechselnden Figuren immer wieder Wellenbewegungen, die das Kollektiv auch in überraschenden Positionswechseln stärken. Das hat man in dieser Schlüssigkeit noch nicht gesehen. Dass schließlich auch noch Schnee in der Tundra fällt, ist eigentlich überflüssig, sorgt aber nach dem Stück für eine längere Umbaupause.
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Das Saallicht geht an, und das Erwartbare tritt ein. Viele Besucher erheben sich, um in die Pause zu gehen. Aber die Saalbediensteten sind auf dem qui vive, und so kann der Zeitplan eingehalten werden. Vor der eigentlichen Pause steht nämlich noch ein Pas de deux auf dem Programm, der keiner ist.
In They seek to find the happiness they seem – etwa: Sie versuchen das Glück zu finden, das sie zu verkörpern scheinen – setzt sich Lee Johnston mit der Burgmauer auseinander, die langjährige Beziehungen zu schützen scheint. Nach den ersten 20 Jahren einer Beziehung entsteht dieser Eindruck der Unangreifbarkeit, der vervollkommneten Einheit. Johnston entlarvt sie, die zunächst als Pas de deux auftritt, alsbald als ein Doppelsolo. Da leben beide vor sich hin, nur scheinbar auf gemeinsamen Wegen, tatsächlich aber ist jeder in seiner Welt unterwegs. Den Konservatismus hat Zepur Agopyan in die Kostüme gegossen, mit zahlreichen Einzelspots und viel Nebel schafft Fletcher auch hier kongeniales Licht. Dreizehn Minuten dröhnt die Musik von Max Richter aus den Lautsprecherboxen in den Saal und unterstreicht gekonnt die Gesamtwirkung.

Im grünen Haus von Caroline Flimm, der Hauschoreografin der National Dance Company Wales, geht es zunächst ganz lustig los. Da wird von einer Leuchtreklame „Applause“ gefordert, worauf sich das Publikum im Saal lachend einlässt, später zeigt eine darunterhängende Leuchtreklame an, wenn die Sendung „on air“ ist. Gezeigt wird ein Filmset, in dessen Hintergrund die Innenansicht des grünen Hauses zu erkennen ist. Gabriella Slade hat für die Tänzer eher langweilige, spießbürgerliche Kostüme entworfen. Die Szenerie hat Fletcher in den Grundton grün getaucht und erhellt sie jeweils durch einzelne Scheinwerfer mit weißem Licht. Aus einer sich ständig wiederholenden und nur in Kleinigkeiten abweichenden Grundsituation entwickeln sich die verschiedenen Soli der erstarkenden Personen. Der Humor verfliegt, die Szene wird zunehmend unübersichtlich, die Tänzer schwanken zwischen Ausdruckstanz und weitgehend einfallsloser Choreografie. Und wenn die Musik in satten 45 Minuten allmählich von A Summer Place zu Max Richter wechselt, ist dem Stück damit auch nicht geholfen. Und eben so hilflos endet es auch.
Das Publikum applaudiert einigermaßen verwirrt und hilflos den tänzerischen Leistungen. Vermutlich hatten die Besucher in Bonn mit dem Stück Folk mehr Glück, zumindest, wenn man den Bildern trauen darf. Im Gesamteindruck aber bleibt ein überdurchschnittlicher Abend des zeitgenössischen Tanzes im Gedächtnis haften.
Michael S. Zerban