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Szene aus She wore red - Foto © Bettina Stöß

Visionen

VISIONEN
(Douglas Lee, Wubjke Kuindersma, Jacopo Gordani)

Besuch am
10. April 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Ballett Dortmund im Forum Leverkusen

Wieder einmal ist der große Saal im Lever­ku­sener Forum bis auf den nahezu letzten Platz gefüllt. Und das zu Recht. Denn Drama­turgin Claudia Scherb hat eine Produktion einge­laden, die vor gerade mal einem Monat in Dortmund mit zwei Urauf­füh­rungen und einer Erstauf­führung glänzte. Aktueller geht es wohl kaum. Scherb riskiert viel mit ihrer Strategie, nicht „wohl abgehangene Produk­tionen“ nach Lever­kusen zu verpflichten, sondern nah am Puls der Zeit zu bleiben. Der heutige Abend wird einmal mehr zeigen, ob dieser Mut belohnt wird.

Am 8. März dieses Jahres feierte der Ballett­abend Visionen in Dortmund Premiere, der jetzt in ähnlicher Form in Lever­kusen auf die Bühne kommt.  Zur Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts zeigen Douglas Lee, Wubjke Kuindersma und Jacopo Godani, was modernes Ballett ist: Geheim­nisvoll, arche­ty­pisch, poetisch und mit radikalem Spitzentanz. Dass die Musik an diesem Abend in Lever­kusen wieder einmal „vom Band“ kommt, darf man getrost als Manko empfinden, selbst wenn die Stereo-Effekte eindrucksvoll sind.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Douglas Lee will kein Handlungs­ballett, will keine Geschichten auf der Bühne erzählen, sondern das Publikum emotional erreichen. Diese Sprüche kennen wir von anderen Choreo­grafen, die dann lieber einen Schwa­nensee verhunzen, anstatt sich die Gedanken zu machen, die Lee zu einem Höhepunkt des modernen Balletts verleitet haben. In She wore red – Sie trug Rot – erzählt Lee nicht die Geschichte vom Rotkäppchen der Gebrüder Grimm nach, sondern findet ein Szenario, das die Zuschauer tatsächlich noch einmal anders berührt. Auf der Bühne, die er ebenso selbst entwi­ckelt hat wie die Kostüme, finden sich mobile Versatz­stücke, die nicht nur das Licht von Bonnie Beecher gekonnt reflek­tieren, sondern auch für eine im Wortsinne fantas­tische Choreo­grafie sorgen, die zwischen Verstecken immer wieder neue Situa­tionen bewirkt, in der die Figuren auf sich selbst oder gar nur auf Ausschnitte ihrer selbst reduziert werden. Dazu wählt Lee eine Bewegungs­sprache, die an Flexidolls erinnert, lebende Puppen. Jelena-Ana Stupar schreitet im roten Kostüm, zunächst mit einer Kopfbe­de­ckung, die ihre Sicht­be­hin­derung erklärt, über eine Bühne, die zwar spärlich ausge­leuchtet ist, aber nur deshalb, weil sie tatsächlich etwas zu verbergen hat. Die relevante Handlung liegt im gleißenden Spot. Nichts, was wesentlich ist, bleibt geheim. Auch so kann man leuchten. Das Wolfs­motiv bleibt erst mit Handmasken, dann figural im Vorder­grund. Und Sae Tamura gibt eine beein­dru­ckende Großmutter ab. Lee hat dazu die Musik von Bernard Herrmann ausge­wählt. Ein Musiker, der viele Filme von Alfred Hitchcock vertont hat. Und Kenner werden darin die Musik Outer Space Suite erkennen, die für einen Science-Fiction-Film in den 1950-er Jahren kompo­niert wurde. Alle anderen lassen sich einfach so von der Musik, in der die Streicher im Vorder­grund bleiben, beeindrucken.

Szene aus Kintsukuroi – Foto © Bettina Stöß

Gegen die Stärke der Geschichte und der Bilder von Lee kommt das Stück Kintsukuroi von Wubjke Kuindersma nicht an. Was als Poesie in Gold gefasst wird, verzichtet in Lever­kusen auf den Hinter­grund-Vorhang aus Dortmund aus. So werden klarere Struk­turen geschaffen, vor denen die Tänzer in spröden Kostümen und mit goldge­färbten Gesichtern daran erinnern, dass chine­sische Tontöpfer zerborstene Gefäße nicht mit Ton reparierten, sondern Gold in die Brüche einfügten, um so der Vergäng­lichkeit entge­gen­zu­wirken. Carlo Carri wechselt das Licht in den Grund­farben weiß und rot, lässt genügend Helligkeit, um die Handbe­we­gungen der Compagnie in ruhige, fließende, koral­len­artige Bewegungen zu überführen. Viele Elemente aus der indischen Tanzkunst finden hier Einfluss, werden aber modern inter­pre­tiert. Die Musik von Michael Gordon und Peter Gregson unter­stützt die meditative Ausführung.

Jacopo Godani holt das Publikum mit Moto Perpetuo in die Zukunft des Balletts. Zu den metal­li­schen Rhythmen von 48nord, hinter diesem Kürzel verbergen sich Ulrich Müller und Siegfried Norbert, zeigt der Choreograf nichts weniger als Spitzentanz auf höchstem Niveau. Soli und Pas de deux sind eindrucksvoll, aber die Ensemble-Einlagen stehen eindeutig im Vorder­grund. Hier geht nichts mehr ohne Kommandos aus den eigenen Reihen, die bis in den Saal schallen, um die hohen Anfor­de­rungen des Choreo­grafen zu erfüllen.

Wie viel Glück muss man haben, um an einem solchen Abend teilnehmen zu dürfen. Das Publikum applau­diert lautstark und feiert die Tänzer wie Helden. Lever­kusen hat einen großen Abend erlebt. Wer wissen will, wie tradi­tio­nelles Ballett 2019 aussieht, und die Gelegenheit in Lever­kusen verpasst hat, muss dann aller­dings doch wieder nach Dortmund fahren. Dort gibt es noch wenige Auffüh­rungen. Es lohnt sich.

Michael S. Zerban

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