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Wortgewaltige Identitätsfindung

VÖGEL
(Wajdi Mouawad)

Besuch am
15. März 2022
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Großer Saal

Wajdi Mouawad wurde 1968 im Libanon geboren. Mit acht Jahren nahmen ihn seine Eltern mit nach Frank­reich. Weil sie dort kein Bleibe­recht erhielten, ging es weiter nach Kanada. Dort studierte Mouawad Schau­spiel und gründete seine erste Theater­gruppe. Nach einigen weiteren Stationen in Kanada wurde er nach Frank­reich einge­laden, wo er seit 2016 Direktor des Théâtre national de la Colline in Paris arbeitet. Es vergehen keine fünf Jahre, in denen dem Schrift­steller, Schau­spieler und Regisseur nicht irgendein Preis für seine Arbeit verliehen wird.

In Deutschland gelang ihm der Durch­bruch 2006 mit seinem Stück Verbren­nungen. Treuer Wegbe­gleiter ist Uli Menke, der seine Werke ins Deutsche übersetzt. So auch das Stück Vögel – im Original Tous les oiseaux, alle Vögel – das 2018 in Stuttgart in einer Insze­nierung von Burkhard C. Kosminski seine deutsche Erstauf­führung erlebte. In der darauf­fol­genden Spielzeit war es bereits an vierzehn Bühnen zu sehen und gehört seitdem zu den meist­ge­spielten Werken. Ursprünglich dauerte es dreieinhalb Stunden und bis heute kann man das pseudo­in­tel­lek­tuelle Geschwurbel manch eines Kritikers nachlesen, der vor vier Jahren ausführte, wie unbedingt notwendig es sei, das Stück in vier Sprachen aufzu­führen. Jetzt zeigt das Forum Lever­kusen ein Gastspiel des Westfä­li­schen Landes­theaters, das seine Premiere vor gut einem Monat in der Stadt­halle von Castrop-Rauxel feierte. Einge­dampft auf knappe zwei Stunden, kommt es inzwi­schen mit ein paar fremd­spra­chigen Zitaten aus. Und so viel sei vorweg­ge­nommen: Die deutsch­spra­chige Version ist immer noch komplex genug, so dass man den Dialogen hochkon­zen­triert folgen muss.

Foto © Volker Beushausen

Die Handlung scheint zunächst recht bekannt. Zwei Twens lernen sich in einer New Yorker Univer­si­täts­bi­bliothek kennen und verlieben sich. Er ist Spross einer jüdischen Familie in Berlin, sie entstammt einer arabi­schen Familie, ihre Eltern sind gestorben. Der Versuch des jüdischen Studenten Eitan, die Dokto­randin Wahida seinen Eltern vorzu­stellen, scheitert grandios. Zwei Jahre später reist das Liebespaar nach Israel. Dort wird Eitan Opfer eines Bomben­an­schlags, überlebt aber. Nach und nach treffen an seinem Krankenbett ein: Großmutter Leah, Freundin Wahida, Eitans Eltern David und Norah sowie Großvater Etgar. Während eine Nachrich­ten­spre­cherin im Off immer neue Anschläge und Opfer­zahlen bekanntgibt, spitzen sich die Bezie­hungs­kon­flikte in zunächst unver­ständ­licher Weise am Krankenbett zu, ehe das Stück tragisch endet.

Regisseur Gert Becker hat das Werk für die große Bühne einge­richtet. Ob das wirklich nötig ist, kann man disku­tieren. Elke König baut darauf im hinteren Drittel einen schmalen weißge­ka­chelten Gang, der zwei seitliche Abgänge und den hinteren Abgang über eine trans­pa­rente Schwingtür bietet, über der ein Rotlicht angebracht ist. Hier bringen zwei Wärter mit blutver­schmierten Plastik­schürzen die Requi­siten in kurzen szeni­schen Abfolgen herein. Die daraus entste­henden Pausen geben den Besuchern Gelegen­heiten, das in der letzten Szene Gehörte sacken zu lassen. Bei den Kostümen verlässt sich König auf die Typisierung der Charaktere. Solide wie die ganze Insze­nierung. Den großen Wurf sucht man hier, vielleicht von zwei, drei Überra­schungs­ef­fekten, vergebens.

Foto © Volker Beushausen

Aber das muss ja auch nicht immer sein, vor allem dann nicht, wenn man über ein vorzüg­liches Ensemble wie an diesem Abend verfügt. Vögel kommt wortge­waltig mit wenig Handlung, dafür umso mehr Vulgär­sprache daher. Das haben die Darsteller aber prima im Griff. Tobias Schwieger spielt den jungen Studenten Eitan, der ahnungslos, aber eloquent durch die Welt seiner Jugend segelt, Simone Schuster muss sich rollen­be­dingt als Wahida allmählich steigern, kann dann aber vor allem in ihrem großen Monolog glänzen. Ähnlich wie Guido Thurk, der erst allmählich aus der Deckung kommt. Wenn er dann aller­dings zu seiner Erzählung über Sohn David ansetzt, vergessen einige Besucher das Atmen, weil er die Pointe elegant unauf­geregt setzt. Als David, Vater von Eitan, hat Mario Thomanek eine ordent­liche Leistung zu absol­vieren, was ihm aber wirklich glaub­würdig gelingt. Vom Erschei­nungsbild her eigentlich nicht stereotyp, nimmt man ihm den gläubigen Juden auf ganzer Strecke ab. Herrlich ist Kathrin-Marén Enders in der Rolle von Norah, Eitans Mutter, im Zicken­krieg und als glaub­hafte Vertei­di­gerin ihres Ehemanns zu erleben. Die Rolle von Leah wirkt nicht ganz konsistent. Aber Gabriele Brüning rettet gekonnt. Franziska Ferrari spielt die taffe israe­lische Soldatin, die ihre Wandlung glaubhaft durch­läuft. Als Rabbi muss Mike Kühne eine Maske über sich ergehen lassen, die eher an ein Karne­vals­kostüm erinnert, als Arzt stimmt nicht nur das Kostüm, sondern auch die Ausstrahlung, und als Hasan Al-Wazzan darf er dann endlich seinen großen Auftritt zelebrieren, auch wenn man für sein Gleichnis vermutlich über orien­ta­lische Weisheit verfügen muss, um es so richtig zu verstehen. Aber die ist ja in heutiger Zeit dem Orient selbst längst abhan­den­ge­kommen. Und so endet der Abend, wie es kommen musste: Der nächste Bomben­ein­schlag ist garantiert.

Das Publikum applau­diert artig einer soliden Aufführung mit insgesamt überzeu­genden Darstellern.

Michael S. Zerban

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