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Foto © O-Ton

In der Fremde

WEIßBROT­MUSIK
(Sasha Marianna Salzmann)

Besuch am
29. Oktober 2018
(Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Studio

Das Studio im Forum Lever­kusen gibt es nur, wenn ein passendes Stück ansteht. Dann wird auf der Bühne der Eiserne Vorhang herun­ter­ge­lassen, ein paar Stühle werden aufge­stellt und schon verfügt das Forum über einen wunder­baren Spielort, der über fast alle Beleuch­tungs­mög­lich­keiten, Auf- und Abgänge einer großen Bühne verfügt. In diese fast schon intime Umgebung ist das Theater Strahl einge­laden, um erstmals in Nordrhein-Westfalen das Stück Weißbrot­musik nach dem Buch von Sasha Marianna Salzmann zu zeigen.

2007 erschien das Buch, seit 2010 führt das Jugend­theater Strahl das Stück auf, das in Kopro­duktion mit der Studio­bühne bat und der Univer­sität der Künste Berlin entstanden ist. Und es wirkt frisch wie am Premie­ren­abend, vielleicht sogar noch eine Spur aktueller. Erschre­ckend daran ist, dass die gesell­schaft­liche Situation sich in den vergan­genen acht Jahren noch deutlich verschärft hat, was einem im Alltag gar nicht so bewusst wird. Dabei reicht einem als Zuschauer eigentlich schon das, was die Schau­spieler in Lever­kusen auf die exzel­lente Bühne bringen.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Veronika Witlandt hat – vermutlich in Anbetracht eines margi­nalen Budgets – eine minimale Bühne entwi­ckelt, die man in ihrer Schlichtheit schon als genial bezeichnen kann. Eine weiße Plattform dient als Haupt­spiel­fläche. Am rückwär­tigen Ende ist ein Podest aufgebaut, dass sowohl als Aufent­haltsort für die „spiel­freien“ Schau­spieler als auch als Sitzbank für einzelne Szenen dienen kann. Dahinter ist eine weiße, halbtrans­pa­rente Fläche in den schwarzen Vorhang einge­lassen, hinter der sich vortrefflich Schat­ten­spiele veran­stalten lassen. Wenige zusätz­liche Requi­siten reichen aus, um Regisseur Nick Hartnagel eine Spiel­fläche an die Hand zu geben, auf der sich sämtliche Konflikte einer Pubertät der Gegenwart darstellen lassen. Und davon hat Salzmann reichlich vorge­geben. Aron ist Jude, Serdat Moslem, Nurit Christin. Die Jugend­lichen sind Deutsche, wenn auch mit auslän­di­schen Wurzeln. In der vorgeb­lichen Heimat Deutschland sind sie Fremde, im Land ihrer Väter wären sie Ausländer. Dass Nurit von Serdat schwanger ist, hilft da genauso wenig wie Aron, der als bester Freund von Serdat in das deutsch-türkische Mädchen verschossen ist. Von den Eltern sind sie ebenso weit entfernt wie von der Mitte der Gesell­schaft. Das alles szenisch darzu­stellen, ist schon schwierig genug. Und dann stört auch noch ein Rentner die Aufführung lautstark mit reichlich abwegigen Sprüchen. Faselt von Asylanten, die das Land unter­wandern, den Deutschen die Wohnungen wegnehmen. Tatsächlich hat sich die Stadt Lever­kusen entschieden, Asylbe­werber nicht zu kaser­nieren, sondern sie in menschen­wür­digen Wohnungen im Stadt­innern aufzu­nehmen, um so eine rasche Integration voran­zu­treiben. Der Rentner kann zur Ruhe gebracht werden, die Aufführung weitergehen.

Foto © O‑Ton

Hier zeigt sich die Schwach­stelle im Stück. Salzmann war so entsetzt darüber, dass zwei Jugend­liche mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in München einen alten Mann totschlugen, weil der sie auffor­derte, das Rauchen im Nicht­rau­cher­be­reich zu unter­lassen, dass sie das in ihr Stück einbauen wollte. Und der Alte wettert nun gegen die Verän­derung der Gesell­schaft. Das ist ein schiefes Bild. Nicht die Alten sind es, die gegen die Erneuerung unserer Gesell­schaft sind. Die sind allen­falls verun­si­chert, wenn nicht verängstigt. Weil es jüngere bis junge Menschen sind, die gegen neue Mitbürger hetzen und ihre inhumane Haltung im „Vaterland“ verbreiten. Die sind die eigent­liche Gefahr für ein fried­liches Mitein­ander. Männer in Anzügen, die eigentlich einer ordent­lichen Arbeit nachgehen sollten und statt­dessen auf den Plätzen der Republik Hass und Fremden­feind­lichkeit schüren. Anderer­seits: Konnte Salzmann das vor elf Jahren voraus­sehen? Aber der Alte gibt ja auch vorerst Ruhe.

Und so können die heraus­ra­genden Schau­spieler ihre Arbeit fortsetzen. Allen voran Christine Smuda, die als Nurit von der ersten Sekunde eines schnoddrig-verträumten Auftritts bis zum großen Abschluss­mo­nolog begeistert. Jeder, der sie in dieser Rolle erlebt, wird sie ohne Zögern für größere Aufgaben empfehlen. Dass man nach einer solch langen Zeit eine Rolle aus dem Eff-eff beherrscht, ist die eine Seite. Dass man sie dann noch so lustvoll, charis­ma­tisch und frisch inter­pre­tiert die andere. Und der Regisseur, der nach ihrem Monolog nicht nach neuen Rollen für sie sucht, sollte sich Gedanken über seinen Job machen. Kaum weniger überzeugend zeigen sich die übrigen Darsteller. Claudia Lietz spielt die Mutter aller drei Jugend­licher. Und hier wird das Stück richtig stark. Unter­schiede zwischen den Kulturen verwi­schen im Ablösungs­prozess der Pubertät, egal, in welchem Land oder welcher Kultur gerade so puber­tiert wird. Und: die Sorgen aller Mütter dieser Welt sind ähnlich. Wunderbar gemacht. Randolph Herbst spielt mit viel Genuss den Halbstarken Serdat, während Bardo Böhlefeld den eher unsicheren Aron gibt, der sich allzu gern von seinen Hormonen leiten lassen möchte. Dass Bernd Ocker-Hölters in seiner Rolle aus dem Publikum heraus sein verdammtes Maul nicht halten kann, wird ihm als rechtem Queru­lanten schließlich zum Verhängnis.

Fast eine Stunde lang werden die Zuschauer in Atem gehalten, obwohl das Stück nicht durch­läuft, sondern in immer neuen Bildern mit entspre­chenden Pausen dazwi­schen gezeigt wird. Und dass sie hinterher selbst nicht wissen, wie sie mit ihrer eigenen Situation umgehen sollen – einem Unsym­pathen helfen oder doch lieber so tun, als hätten sie den Spiel­cha­rakter sofort durch­schaut? – veran­lasst erstaunlich viele Zuschauer, zum Publi­kums­ge­spräch nach dem Stück zu bleiben.

Bei aller Stärke dieses Werkes wundert am Ende der wahrhaft lieblose Umgang mit der titel­ge­benden Weißbrot­musik. Dass die Musik eines deutschen Kompo­nisten vom Band einge­spielt wird, geht in diesem Rahmen in Ordnung. Ein paar rüde Zitate aus dem Konzert für Violine und Oboe in c‑moll respektive aus dem Vorspiel der Cello-Suite Nummer 1 von Johann Sebastian Bach als Pausen­füller eingefügt: Das zeugt eher von Fanta­sie­lo­sigkeit denn von sinnstif­tendem Einsatz. Das ist annähernd so verstörend wie der gesell­schaft­liche Zustand, dem hier ein so starker Spiegel vorge­halten wird, dass an diesem Abend niemand ungerührt aus dem Theater geht.

Michael S. Zerban

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