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LA CENERENTOLA
(Gioacchino Rossini)
Besuch am
22. Dezember 2019
(Premiere am 19. September 2014)
Was die italienische Oper angeht, setzt die Opéra Royal de Wallonie in Lüttich seit Jahren Maßstäbe. Zumindest, was die musikalische Qualität angeht. Und Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera ist in der Branche so gut vernetzt, dass er das kommende Jahr gleich mit einer Neuinszenierung von Verdis Don Carlo und einem Gastspiel von Anna Netrebko starten kann. Szenisch bewegen sich die Lütticher Inszenierungen zwar meist in einem gediegenen, bisweilen museal-konservativen Rahmen. Die fünf Jahre alte Inszenierung von Rossinis Aschenputtel-Version La Cenerentola in der Regie von Cécile Roussat und Julien Lubek, die auch noch in Personalunion Ausstattung, Kostüme, Choreografien und Beleuchtung besorgen, erweist sich jedoch als so frisch, temporeich und witzig, dass sie selbst als Wiederaufnahme einen quicklebendigen Schlusspunkt eines erfolgreichen Opernjahres ohne die geringsten Anzeichen von Patina beschert.
Es kommt bei Rossini nicht oft vor, dass Regisseure ihrem Sinn für Komik freien Lauf lassen, ohne in eine Gag-Parade von zweifelhaftem bis plattem Unterhaltungswert zu verfallen. An Einfällen mangelt es auch dem französischen Regie-Duo nicht. Aber als ehemalige Schüler der Pantomimen-Legende Marcel Marceau vermögen sie die Darsteller mit rasantem Spieltempo zu einem irrwitzig slapstickartigen Bewegungsstil von bestechender Virtuosität zu motivieren. Ein Furioso, dem mit geistreichen Gags noch kleine Schaumkrönchen aufgesetzt werden, wenn auf dem Festtisch die Gans zum Leben erwacht oder in der Badewanne, in der die tumben Schwestern sitzen, sechs statt vier Beine zum Vorschein kommen.

Das alles spielt sich auf einer dreigeteilten, märchenhaft üppig ausgestatteten Drehbühne ab, die ebenfalls flott rotiert und reibungslose Szenenwechsel ermöglicht. Dass die musikalische Direktorin des Opernhauses, Speranza Scappucci, mit dem nähmaschinenhaft präzis aufspielenden Orchester der wallonischen Oper das Tempo noch zusätzlich anheizt, könnte manchen Sänger in Bedrängnis bringen. Allerdings nicht die, die man in Lüttich engagiert hat und die durchweg über eine elegante Parlando-Technik verfügen, der man heute selbst an großen Bühnen nicht mehr oft begegnen kann.
Karine Deshayes verkörpert mit ihrem ebenso leichten wie geschmeidigen, dunkel timbrierten Sopran eine stimmlich nahezu perfekte Cenerentola, die sowohl den halsbrecherischen Koloraturen als auch den lyrischen Kantilenen und darstellerisch den anspruchsvollen Anforderungen der Regie nichts schuldig bleibt. Der junge Tenor Levy Sekgapane verfügt für den Don Ramiro über eine schöne, selbst den höchsten Tönen Glanz verleihende Stimme. Für die meisten anderen Rollen greift man auf Solisten der Aufführungsreihe vor fünf Jahren zurück mit zwei Künstlern, die sich in der Opera Buffa besonders wohl fühlen: Enrico Marabelli als Dandini und Bruno De Simone als Herr Papa Don Magnifico. Bei aller Liebe für seine italienischen Landsleute versäumt es Intendant Pralafera auch diesmal nicht, belgische Solisten in die Produktion einzubinden. Und zwar mit Erfolg, wie Laurent Kubla mit seinem sonoren Bass als Alidoro sowie Sarah Defrise und Angélique Noldus als die „bösen“ Schwestern Clorinda und Tisbe bewiesen.
Angesichts solcher Spiellaune auf hohem Niveau bleibt der begeisterte Beifall nicht aus.
Pedro Obiera