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Foto © Lorraine Wauters

Vokaler Glanz im Hollywood-Dekor

NORMA
(Vincenzo Bellini)

Besuch am
19. Oktober 2017
(Premiere)

 

Opéra Royal de Wallonie Liège

Man darf von der Opéra Royal de Wallonie in Lüttich szenisch keine innova­tiven Sensa­tionen erwarten, muss aber dem Inten­danten Stefano Mazzonis di Pralafera beschei­nigen, dass er über ein denkbar glück­liches Händchen für die Besetzung auch anspruchs­vollster Partien im italie­ni­schen Fach verfügt. Dem Terrain, das er mit Herzblut pflegt und bei dem sich seine weitrei­chenden Kontakte im inter­na­tio­nalen Sänger­zirkus besonders fruchtbar auswirken.

Wenn es um ein Gesangs­spek­takel wie Bellinis Norma handelt, das weiß der versierte Theatermann Pralafera natürlich, muss bei der Besetzung geklotzt und nicht gekle­ckert werden. Ohne große und nahezu perfekt geführte Stimmen ist das Stück verloren. Und so vertraut er die drei Haupt­partien namhaften Solisten an, die allesamt an den großen Bühnen der Welt zu Hause sind und die etwa das vokale Niveau der neuesten Kölner Traviata um Klassen überflügeln.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Szenisch fällt die Ausbeute nüchterner, wenn auch nicht sparsam, lieblos oder unreflek­tiert aus. Die Geschichte um die Druiden­pries­terin Norma, die sich in den feind­lichen römischen Offizier Pollione verliebt, sogar heimlich zwei Kinder von ihm gebärt, aber letztlich von ihm verlassen wird und ihre Todsünde mit einem spekta­ku­lären Opfertod auf dem Schei­ter­haufen sühnt, stellt aller­dings jeden ambitio­nierten, auf zeitgemäße Darstel­lungen erpichten Regisseur vor eine schwere Aufgabe. Zu sehr ist die Aufmerk­samkeit in diesem Werk auf die vokalen Leistungen gerichtet. Regisseur Davide Garattini Raimondi fügt sich in dieses Schicksal, lässt den Sängern viel Freiraum und führt die Figuren feinfühlig, aber zurück­haltend. Dafür spart man in Lüttich nicht an der Ausstattung. Paolo Vitale schuf eine monumentale Felsen­land­schaft, die er geschickt illumi­niert, Giada Masi steuert aufwändige Kostüme bei, die einem Hollywood-Film früherer Zeiten entlehnt sein könnten. Dass eine Tänzer­truppe das Geschehen permanent kommen­tiert, mal hilfreich, mal eher ablenkend: Über den Sinn dieses Einfalls lässt sich streiten.

Foto © Lorraine Wauters

Nicht jedoch über das musika­lische Niveau. Das gilt insbe­sondere für Patrizia Ciofi in der Titel­rolle, die mit ihrer weichen, dennoch substanz­reichen Stimme die langen melodi­schen Linien dank ihrer exzel­lenten Legato-Kultur bruchlos entfalten und die halsbre­che­ri­schen Kolora­turen ebenso mühelos wie ausdrucks­stark bewäl­tigen kann. Inklusive schwe­relos angesetzter Spitzentöne in zartesten Piano-Schat­tie­rungen. Besser geht es kaum. Nicht nur in der Parade-Arie Casta Diva.

José Maria Lo Monaco präsen­tiert eine Adalgisa auf ähnlich hohem Niveau, auch wenn ihre Stimme durch ein leichtes Vibrato getrübt wird. Dennoch gehören die Duette der beiden Frauen sowohl stimmlich als auch durch die Bühnen­präsenz der Sänge­rinnen zu den Höhepunkten des Abends. Einen Ausbund an jugend­licher Ausstrahlung liefert Gregory Kunde als Pollione zwar nicht, doch beein­druckt er mit einer Stimme von enormer tenoraler Strahl­kraft. Und selbst die kleineren Partien können sich allesamt in Lüttich hören lassen. Wenn dann noch Chor und Orchester des Lütticher Opern­hauses unter der kundigen, spannungs­ge­la­denen und dennoch sänger­freund­lichen Leitung von Massimo Zanetti den glänzenden musika­li­schen Eindruck naht- und bruchlos abrunden, kann von einem musika­li­schen Ereignis gesprochen werden.

Gewiss eine konser­vative Produktion ohne besondere szenische Origi­na­lität, die jedoch den Sängern und Musikern einen idealen Nährboden für ihre Spitzen­leis­tungen bietet. Eine würdige Fortsetzung des italie­ni­schen Stimm­fests in Lüttich nach dem bereits geglückten Saison-Auftakt mit einer mehr als nur bemer­kens­werten Produktion von Puccinis Manon Lescaut.

Das Premieren-Publikum reagiert entspre­chend begeistert.

Pedro Obiera

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