O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Das Musiktheater im Landestheater Linz bietet in seinem in dieser Spielzeit mit Neuproduktionen von unter anderem Elektra, Tristan und Isolde und Medea bereits höchst anspruchsvollen Spielplan auch noch die szenische österreichische Erstaufführung von Othmar Schoecks Penthesilea. Bei der Inszenierung handelt es sich um eine Koproduktion mit der Oper Bonn, wo sie bereits im Oktober 2017 herauskam.
Penthesilea und der griechische Held Achilles haben sich im Schlachtgetümmel, in dem sie sich zunächst bekämpfen, ineinander verliebt. Als Amazonenkönigin, die sich Männer nur als Samenspender gefügig machen darf, verstößt Penthesilea damit gegen das Gesetz. Da sie weiterhin ihre eigene Niederlage nicht verkraften könnte, nähert sich Achill ihr mit der Lüge, dass er ihr unterlegen sei. In der anschließenden Begegnung der Liebenden fordern beide vom anderen, mit in die eigene Heimat in den Amazonenstaat oder nach Griechenland zu folgen. Achill will den Streit damit beenden, dass er Penthesilea zum Zweikampf herausfordert, um sich von ihr besiegen zu lassen. Er will ihr sodann in ihre Heimat folgen, um diese allerdings nach den Flitterwochen wieder zu verlassen. Penthesilea missversteht die Herausforderung zum Duell als ernst gemeint und fühlt sich verraten. Sie zerfleischt ihn mit ihren Hunden. Die Priesterinnen berichten über den Zweikampf live. Penthesilea besingt die Einheit von Liebe und Tod.
Unaufführbar! – so lautete das Verdikt Goethes zu Kleists sich in komplexeste Sprachwelten emporschraubendes Werk. Heute bietet Penthesilea eine Vielzahl von aktuellen Deutungs- und Bedeutungsebenen, denen man sich nur mit Konzentration und Beschränkung nähern kann.
Das hat bereits Othmar Schoeck, der Komponist der 1927 in Dresden uraufgeführten Oper beherzigt, indem er den Text zusammen mit Leon Oswald erheblich verkürzt und einen Chor eingeführt hat, der allerdings nur wenige Worte oder Laute beiträgt. Die Musik von Schoeck ist stark rhythmisch geprägt, weist durch den Einsatz nur weniger Tutti-Violinen einen tendenziell dunklen Klang auf und lässt viele Elemente der spätromantischen und farbenfrohen musikalischen Stile aus den 1920-er Jahren erkennen. Immer wieder kommt auch der für die Zeit typische Sprechgesang zum Einsatz.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auch Regisseur Peter Konwitschny zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker haben Vorgänge und Bebilderung noch einmal weiter fokussiert und konzentriert. Es gibt kein Bühnenbild mit Bezügen zur Antike oder Kostüme im Stil vergangener Zeiten. Über den abgedeckten Orchestergraben ragt eine Spielfläche wie ein Boxring in den Zuschauerraum. Das Orchester sitzt in großer Besetzung erhöht am hinteren Ende der Bühne. Der Chor ist um die Spielfläche positioniert und zunächst gar nicht als solcher erkennbar, die Sänger agieren in aktueller Tageskleidung scheinbar als Teil des Publikums. Auf der Spielfläche sind zwei Flügel positioniert, die alternierend mit zwei Klavieren im Orchester spielen und mit ihren Pianisten aktiv in die Handlung eingebunden sind.
Die Handlung fokussiert auf zwei Kernbereiche. Zum einen den ewigen Geschlechterkampf, hier zwischen Penthesilea und Achill. Zum anderen auf die Darstellung der wahren Macht im Staate durch Chefideologen, hier die Oberpriesterin, deren Kategorisierung gesellschaftlichen Handelns in Gut und Böse und den dadurch induzierten Gegensatz von Macht und menschlicher Liebe. Auch ein ewiges Thema.
Dabei setzt Konwitschny trotz und gegen die blutrünstigen Handlungselemente die Mittel der Ironie und des Humors wiederholt höchst wirkungsvoll ein. Zum Beispiel in den hüftschwingenden Machogesten des Achill in seiner blondmähnigen Heroenerscheinung. Die Schilderung der bluttriefenden Zerfleischung Achills wird durch die Oberpriesterin und andere weibliche Stützen der Amazonengesellschaft wie bei einer Live-Schaltung im Fernsehen vorgetragen. Dieser wirkungsvolle Aktualisierungseffekt zusammen mit den modernen Kostümen vermeidet jede vergangenheitsbezogene Relativierung oder Verflüchtigung der Thematiken. Wenn am Schluss Penthesilea in einem eleganten Abendkleid wie in einem Konzert Liebe und Tod besingt, wirkt das wie eine aus dem gesellschaftlichen Diskurs vorsätzlich in die Kunst delegierte Überhöhung, sprich gesellschaftliche Verdrängung der ewigen Konflikte.
Zusammen mit der bei Konwitschny üblichen, eindringlichen psychologischen Personenführung sowie der vom gesamten Ensemble und vom Chor gelebten Intensität und Spielfreude gelingt damit in Linz ein äußerst spannendes Opernereignis.
Von der Oper Bonn nach Linz kommt die hervorragende Penthesilea der Dshamilja Kaiser. Sie verkörpert die Facetten einer stolzen, liebenden Frau, deren wild-lodernder Zorn angesichts ihres Betrugs in die Katastrophe des Mordrausches an ihrem Geliebten mündet. Ihr souveräner Mezzosopran meistert die Anforderungen der komplexen Partie uneingeschränkt und mit Bravour. Martin Achrainer als Achilles steht dem nicht nach. Er verfügt über eine souverän geführte Baritonstimme, die er flexibel in klug gesetzten Schattierungen den atmosphärischen Erfordernissen der Handlungsabläufe anzupassen vermag. Auch fehlt es ihm nicht an den vom Regisseur so wirkungsvoll eingesetzten humorvollen Darstellungsdetails.

Mehr als überzeugend auch das weitere Ensemble. Vaida Raginskytė als Oberpriesterin der Diana, die Meroe der Katherine Lerner sowie Prothoe der Julia Borchert verkörpern gesanglich und darstellerisch ihre Rollen überzeugend und eindringlich wie auch Matthäus Schmidlechner den Diomedes, König des Griechenvolkes.
Chor und Extrachor des Landestheaters Linz unter der Leitung von Elena Pierini und Martin Zeller singen und spielen das gefühls- und stimmungsanfällige Volk als Publikum mit Hingabe und Spaß am Spiel.
Die Besonderheiten des Orchesterapparates und seines Klangbildes mit einer großen, differenzierten Schlag- und Rhythmusgruppe, vielfältig besetzten und farbig aufspielenden Klarinetten und einen insgesamt dunkleren Gesamtklang durch nur wenige Violinen werden durch die optische Präsenz der Musiker auf der Bühne sogar deutlich erhöht. Das gelingt erstaunlicherweise ohne Einschränkungen. Denn obgleich das Brucknerorchester Linz unter der Leitung von Leslie Suganandarajah hinten auf der Bühne gruppiert ist, spielt es mit einer Präzision und Balance zu Solisten und Chor, als ob das nachgerade die Standardanordnung sei. Eine besondere Rolle übernehmen die in der Partitur vielbeschäftigten Klaviere. Zwei sind als Teil des Orchesterensembles integriert, zwei weitere Flügel spielen bei dramaturgisch von diesen maßgeblich begleiteten Szenen vorne im Boxring. Die Bühnenpianisten Andrea Szewieczek und Elias Gillesberger sind neben ihren anspruchsvollen musikalischen Anforderungen vereinzelt auch wirkungsvoll in das turbulente Spiel der Protagonisten einbezogen.
Großer und langer Applaus für alle Beteiligten der Produktion. Man kann das Musiktheater Linz für diese großartige Neuproduktion nur beglückwünschen. Ein sinnvolles Beispiel dafür, dass Opernhäuser in Ko-Produktionen gemeinsam selten gespielte, anspruchsvolle Werke überzeugend und wirkungsvoll auf die Bühne bringen können.
Achim Dombrowski