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ClariNoir - Foto © O-Ton

Wenn Hummeln zum Tango fliegen

2. KONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
11. Mai 2018
(Einmalige Aufführung)

 

28. Inter­na­tio­nales Lübecker Kammer­mu­sikfest, Kolosseum Lübeck

Der zweite Tag eines Festivals entscheidet über seinen Erfolg. Hält das Summen und Vibrieren an, erkennt man die Gäste des Vorabends wieder und vor allem: Kann das Festival sein Niveau vom Eröff­nungs­abend halten? Beim Inter­na­tio­nalen Kammer­mu­sikfest im Lübecker Kolosseum gibt es seit vielen Jahren ein treues Stamm­pu­blikum. Aber gerade dieses Publikum reagiert erfah­rungs­gemäß sehr sensibel auf alle möglichen äußeren Einflüsse. Das ist in diesem Jahr kein Problem. Die Auftakt­ver­an­staltung war ein mehr als großer Erfolg, und das Wetter hat an diesem Tag mit Lübeck ein Einsehen. So strömen die Besucher schon frühzeitig wieder zum Konzertsaal, um die Fortsetzung zu erleben. Und hier gilt’s der Kunst. Also sparen sich die Veran­stalter weitere große Ansprachen. Moderator Jürgen Feldhoff gibt einen eloquenten Kurzein­stieg, kündigt rasch das erste Ensemble an, und schon kann es losgehen.

Man darf das Trio ClariNoir durchaus als Nachwuchs-Ensemble bezeichnen – wenn man über seine Lebenszeit spricht. Was das Können angeht, kann man den Hinweis auf den Nachwuchs getrost streichen. Virtuos tragen die Klari­net­tisten drei von fünf Sätzen aus Wolfgang Amadeus Mozarts Diver­ti­mento Nummer eins vor. Dass die Zuschauer nach dem ersten Satz applau­dieren, ist wohl eher der fehlenden Konzen­tration geschuldet. Mögli­cher­weise braucht es doch einen allmäh­li­cheren Einstieg. Nach dem Adagio ist denn auch das Publikum im Konzertsaal angekommen, und so geht es ruhig zum Vortrag des Rondo, allegro. Aber, so schon der Eindruck vom Abend zuvor, mit Mozart kommt man bei diesem Festival ohnehin nicht so weit. Hier ist eher das Un- oder Außer­ge­wöhn­liche gefragt – natürlich, ohne zu sehr zu übertreiben. Das Publikum will unter­halten sein und nicht belehrt werden. Da schlägt das weiße Täubchen – Palomita Blanca – des Kompo­nisten Anselmo Aleta aus Uruguay sehr viel deutlicher ein. Die Brüder Ivo und Ilja Ruf scheinen mit dem Dritten im Bunde, Nikolai Gast, auch mehr Spiel­freude an den Tag zu legen. Den ersten echten Höhepunkt des Abends gibt es aller­dings erst mit der Eigen­kom­po­sition des gerade mal 17-jährigen Ilja. Was der junge Mann da mit seinem Interjú vorlegt, ist absolut hörens­werte Neue Musik, die zu Recht vom Publikum bejubelt wird. Hier muss man nichts „lernen“, seine „Hörge­wohn­heiten brechen“, sondern kann einfach richtig gute, eingängige Musik genießen. Es gibt keine Einspie­lungen vom Tonband, Hubschrau­ber­ge­räusch im Hinter­grund oder sphärische Klang­flächen, sondern virtuose Klari­net­ten­musik, die offen­sichtlich jedes Lebens­alter auf hohem Niveau anspricht. Gratu­lation zu dem Mut, ein solches Stück zu kompo­nieren. Dass es zum Abschluss einen außer­plan­mä­ßigen Hummelflug gibt, sorgt in Saal für Freude und gute Laune.

Jan Jachmann vom Trio Neuklang – Foto © O‑Ton

Was danach kommt, kann man schon als dekadent bezeichnen. Die Geschwister Lea und Esther Birringer an Geige und Klavier für zwei Stücke vom andern Ende der Republik anreisen zu lassen, ist schon eindrucksvoll. Beide betonen, dass sie auch solis­tisch auftreten, und vor dem Hinter­grund, dass bei musizie­renden Geschwis­ter­paaren eine gewisse Zurück­haltung in der Begeis­terung aufge­treten ist, ist das durchaus berechtigt. Nicht jedoch bei den Birringers. Ein Gast, der die familiäre Bindung offenbar nicht mitbe­kommen hat, fragt Esther, wie sie denn so zusam­men­ge­kommen sind. „Na ja, ich war drei Jahre alt, als Lea bei uns in den Haushalt einge­bracht wurde“, erzählt Esther ganz selbst­ver­ständlich. Sie wollen weder Wunder­kinder noch das Geschwis­terpaar sein, das durch eine „untrennbare Nabel­schnur“ mitein­ander verbunden ist. Sondern sie treten als Duo auf. Punkt. Und wollen nicht an irgend­welchen Legenden, sondern an ihrem Können gemessen werden. Und als sie auftreten, denkt man auch nicht an die Geschwister, sondern an die beiden Musike­rinnen, die mit der Sonate F‑Dur in drei Sätzen von Edvard Grieg eröffnen. Wenn Feldhoff das als „nordisch verschlei­ertes Stück“ ankündigt, vermag man das vielleicht nicht ganz nachzu­voll­ziehen. Was die Gäste aber sofort verstehen, ist, dass sie hier etwas ganz Beson­deres hören. Mit Eleganz und Engagement inter­pre­tieren die beiden einen Grieg, den man gespannt wie einen Krimi verfolgt. Für die Polonaise de concert D‑Dur von Henryk Wieniawski verspricht Feldhoff, dass sie „vor Seligkeit strömt“. Auch da irrt der ansonsten so versierte Experte. Hatten die Geschwister schon mit ihrem kürzlich erschie­nenen Album Lifelines begeistert, können sie live noch einmal eine Schippe drauf­legen. Romantik heißt in der Familie Birringer nicht, sich in Seligkeit zu verströmen, sondern mal zu zeigen, was in dem Stück eigentlich steckt. Da tobt Esther sich wunderbar am Klavier aus, während Lea mit schein­barer Beiläu­figkeit an der Geige ein Feuerwerk entfesselt. Mit dem Kultur­ex­perten Feldhoff kommt man erst bei der Zugabe wieder zusammen, als Lea und Esther Dvoraks Humoreske darbieten. Hier wird wahrhaftig Seligkeit verströmt. Aber das ist dann auch schön. Das Publikum jeden­falls ist hin und weg.

Im dritten Teil des gestrafften Abends, der dann trotzdem mehr als zweieinhalb Stunden dauert, ohne dass es irgend­jemand bemerkt, tritt das Trio Neuklang auf. Nachdem sie im vergan­genen Jahr Tangos „von Mozart, Brahms und Bach“ präsen­tiert haben, entführen Nikolaj Abramson an der Klari­nette, Arthur Hornig am Cello und Jan Jachmann am Konzert-Akkordeon das Publikum in die Welt der Oper. Der Begriff fake news bekommt hier ein ganz neues Gewicht. Von Opern gibt es hier allen­falls – mitunter kaum erkennbare – Zitate. Und schlaue Menschen hören bei den Anmode­ra­tionen ganz schnell weg und genießen die großar­tigen Arran­ge­ments von Abramson als das, was sie sind: eine Mischung aus Tango, Klezmer und Kaffee­haus­musik. Im Stück Wagner gibt es den fliegenden Holländer, die Walküre, Rienzi und Tannhäuser in viereinhalb Minuten. Außerhalb der Musik­wis­sen­schaft erkennt man mögli­cher­weise den Walkü­renritt. Geschenkt. Die Frage­stellung für die Musiker in diesem Jahr war: Was würde passieren, wenn der Barbier von Sevilla Ludwig van Beethoven die Haare schneiden würde? Selbst­ver­ständlich gibt es keine Antwort. Aber nach fünf Stücken fragt jeder, warum diese Musik schon vorbei ist. „Der Applaus ist ausrei­chend für eine Zugabe“, zitiert Hornig Loriot, und so gibt es zunächst einen Vivaldi, der es in sich hat, um mit dem Liber­tango von Piazzolla in einer sehr freien Inter­pre­tation abzuschließen.

So kurzweilig und unter­haltsam erlebt man einen Abend mit klassi­scher Musik selten. Ein paar junge Leute, die „ausnahms­weise“ den Abend erlebt haben, wundern sich, warum sie nicht schon vorher mal einem solchen Ereignis beigewohnt haben. Folgt man der These, dass der zweite Abend über den Erfolg eines Festivals entscheidet, hat das Kammer­mu­sikfest soeben alle Lorbeeren abgeräumt. „Der Abschied kommt zur rechten Zeit, wenn er die Freunde noch schmerzt“, beschließt Lea Birringer den Abend nach einer unter­halt­samen Runde im Foyer des Konzert­saals. Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.

Michael S. Zerban

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