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DON CARLOS – CORRIDORS OF POWER
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
31. August 2018
(Premiere)
Oper in Lüdenscheid? Klar. Und auf der Kö in Düsseldorf haben sie Gold geschürft. Eins von beiden stimmt. Intendantin Rebecca Egeling hat das Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen mit seiner ersten Opernproduktion in das Kulturhaus Lüdenscheid zur Spielzeiteröffnung eingeladen. Und so wird in der sauerländischen Stadt Don Carlos – Corridors of Power in Kooperation mit dem Verein Zukunft Kultur gezeigt.
Bernd Schmitt ist der Auffassung, dass die jungen Mitglieder des Orchesters erleben sollen, wie die Oper Giuseppe Verdis aus dem 19. Jahrhundert durchaus in die heutige Zeit passt. Dementsprechend muss das Geschehen auf der Bühne neu gedeutet werden. Einen Lösungsansatz findet der Regisseur in der Gestalt des Großinquisitors. Einen Mann, der seine Leute an allen Schaltstellen der Macht, also den corridors of power, sitzen hat. Einen Mann, der Wissen über seine Mitmenschen sammelt, aus Prinzip, um es im rechten Moment gegen sie einzusetzen. Schmitt sieht im Großinquisitor nicht den alten, blinden Mann, der in anderen Inszenierungen gern als Gruselgestalt oder Persiflage gezeigt wird. Stattdessen verzwölffacht er die Figur und interpretiert sie als die smarten, uniformen Jungmanager, die uns erklären, wie ungefährlich big data ist. Damit sind die wichtigsten Rahmenbedingungen geschaffen, in denen sich das Spiel um einen infantilen Infanten und seine Familie ausbreiten kann. Gerade im Hinblick auf die Großinquisitoren bleibt manches szenisch nicht ganz durchschaubar. Aber wen interessiert’s? In der dreistündigen Aufführung kommt dank einer ausgezeichneten Personenführung – von Ausfällen abgesehen – und detailreichen, manchmal schwierig nachzuvollziehenden Regie-Einfällen keinen Moment Langeweile oder Langatmigkeit auf. Es ist das, was Schmitt als Prämisse setzt: Einfach eine gut erzählte Geschichte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wesentlichen Anteil daran hat auch Birgit Angele, die für die Bühnen- und Kostümausstattung zuständig ist. Auf der eher kleinen Bühne im Kulturhaus ist das Landesjugendorchester NRW im Hintergrund untergebracht. Davor ist eine Sperrholz-Schablone aufgebaut, die als Projektionsfläche für brillante Videos dient. Meistenteils wird ein liegendes Rehkitz abgebildet, aber auch Spielszenen im nicht einsehbaren Bühnenbereich oder Symbolhaftes wie die Schatulle der Élisabeth werden gezeigt. Dafür zeichnet Felix Hecker verantwortlich, der hier brilliert, aber mit dem Licht ziemlich patzt. Immer wieder wird – vollkommen überflüssig – eine ganze Scheinwerferbatterie gegen das Publikum gerichtet. Nein, auch hier ist es kein künstlerisches Mittel, sondern eine Gesundheitsgefährdung des Publikums. Und wer das als Lichtdesigner für einen originellen Einfall hält, hat seinen Beruf nicht verstanden. Da hilft auch die aufwändige Ausleuchtung des Holz-Panzers nicht, der rechts auf der Bühne aufgestellt ist und als Rückzugsort dient. Vorne links ist noch ein Tisch aufgebaut, auf dem immer wieder eine Schreibmaschine bedient wird.
Bei den Kostümen hat Angele auf die Zirkuswelt zurückgegriffen. Treffend wird die tragische Gestalt des Don Carlos als Clown wiedergegeben. Die pastellfarbenen, buntgemusterten Pullover der Großinquisitoren fallen bewusst ein wenig aus dem Rahmen, zeigen theatralisch fantasievoll das freundliche Antlitz des Bösen. Élisabeth wird als Zirkusprinzessin ausstaffiert – und zwar so reichlich mit rotem Tüll, dass für mehr als Opernstatuarisches in der Bewegung kaum mehr Platz bleibt. Ausgebreitete Arme, Schwerfälligkeit und der Griff zum Dekolleté werden einer von zwei Männern heißbegehrten Frau kaum gerecht. Da gefällt Prinzessin Eboli als Schlampe im schwarzen Mini-Kostüm mit Strapsen schon eher, zumal sich hier noch eine unbändige Spielfreude hinzugesellt. Der König zeigt mit nacktem Oberkörper und schwarzer Lederhose treffend den drohenden Machtverlust des ehemals Mächtigen. Und die Ambivalenz Posas drückt sich in verschiedenen Kostümen vom Cowboy über den Zirkusdirektor bis zum viel Theaterblut versprühenden entblößten Oberkörper markant aus. Thibault als Eisverkäufer bleibt dann immerhin die Hosenrolle. Dass die Orchestermusiker als Krieger in militärischen Tarnfarben auftreten, ist wohl auch eher dem verbliebenen Budget geschuldet, funktioniert aber im Umfeld. Pia Neises hat sechs der Großinquisitoren in die Geheimnisse des Stepptanzes in wenigen Wochen eingeführt. Mit dem Ergebnis brauchen sich Kotayba Al Rahmoun, Ibrahim Kodaimi, Omar Kodaimi, Bader Alabed, Mohammad Alfayad und Mohammad Almatar nicht zu verstecken. Der Spaß steht hier eindeutig im Vordergrund.

Vergleichsweise wenig Mitleid zeigt Schmitt mit den Sängern, wenn sie halb hängend, im Liegen oder im Käfig des Panzer-Innenraums verschwunden anspruchsvolle Partien zu absolvieren haben. Und Don Carlos auf dem Fahrrad trampelnd singen zu lassen, ist schon eine besondere Herausforderung. Aber auch die meistert Raymond Sepe gekonnt. Simon Stricker aus dem Ensemble der Oper Wuppertal ist ihm als Philipp II gesanglich ebenbürtig, darstellerisch sind die Anforderungen durchaus zu bewältigen. Auf hochhackigen Schuhen und viel Theaterblut verspritzend, zeigt sich Vladislav Pavliuk den Aufgaben des Marquis de Posa mehr als gewachsen. Kristin Ebner hat mit der Élisabeth de Valois so ihre Schwierigkeiten. Schauspielerisch ohnehin durch den Wust an Tüll gehemmt, versacken die unteren Register schon mal. Hier ist übungstechnisch bis zum nächsten Auftritt noch Luft nach oben. Dass Cornelia Lanz sich mit ihrem Debüt als Eboli einen langgehegten Wunsch erfüllt, hat sie im Vorfeld erzählt. Da hört und sieht man genauer hin, wie die Rollengestaltung ausfällt. Die Spielfreude ist der von Sepe ebenbürtig. Wie sie in einem Kostüm selbstbewusst auftritt, in dem man sich als Frau einfach unwohl fühlen muss, ist schon eindrucksvoll. Aber die bange Frage ist, wie sie sich im ersten Teil der zweiten Szene des vierten Aktes schlägt, wenn es heißt Pietà! Perdon per la rea che si pente, sie also ihre zwei „Verbrechen” bekennt. Und Lanz gelingt eine bewegende gesangliche Darstellung. Man nimmt ihr Emotion wie Reue voll und ganz ab. Chapeau! Bleibt noch Maria Bernius, die neben ihrer wunderbaren Stimme vor allem auch darstellerisch die Rolle des Thibault zur Gänze erfasst. Grandios erklingen die sechs Bässe der Großinquisitoren: Johannes Wedeking, Gabriel Klitzing, Andrejs Krutojs, Benoit Pitre, Patrick Ruyters und Pascal Zurek. Hier gibt es ein Sonderkompliment für sechs Solisten, die chorisch glänzen.
Sebastian Tewinkel trägt als Dirigent und Künstlerischer Leiter des Landesjugendorchesters die Verantwortung für die Nachwuchsmusiker. Und schnell wird klar, dass die Solisten hier auf sich gestellt sind. Tewinkel konzentriert sich ganz auf seine Musiker. Aber auch so gelingt ihm ein großer Auftritt. Eben weil er über souveräne Sänger verfügt. Und das Orchester begeistert mit einer anspruchsvollen Wiedergabe von Verdis Musik. In Lüdenscheid bekommt man das volle Programm an Finessen Verdischer Musik. Was die Kinder und Jugendlichen hier leisten, hat alle Hochachtung verdient. Zumal die Orchestermitglieder mit zusätzlichen Aufgaben betraut sind, wenn sie das ausgefallene Autodafé – Schmitt ist die „übliche“ Ausgestaltung zuwider, warum es aber gegen Ende an Pistolenschüssen und Theaterblut hagelt, ist nicht ganz nachvollziehbar – gesanglich mit Thank you for the music gestalten. Ein Gänsehaut-Moment.
Die Besucher reißt es von den Sitzen, der unbändige Applaus hält lange an. Viel zu viele der Sitze sind allerdings leer geblieben. Das belegt, wie viel Arbeit noch vor Intendantin Egeling liegt, um die Bürger Lüdenscheids in das Kulturhaus zu bringen. Aber der Abend zeigt, dass sie ihrem Publikum außergewöhnliche Produktionen bieten kann. Dass die lokale „Politprominenz“ Lüdenscheids diesem Ereignis fernbleibt, während das Kulturministerium des Landes einen Vertreter entsendet, hinterlässt Fragezeichen. Darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Egeling mit diesem Abend eine großartige Spielzeiteröffnung gelungen ist.
Das Landesjugendorchester NRW wird als nächstes mit dieser Produktion beim Flandern-Festival auftreten. Da kann man sich dann in Gent im September noch einmal anschauen und anhören, wozu der Nachwuchs gemeinsam mit den Profis in der Lage ist.
Michael S. Zerban