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Blick in das obere Foyer des Kulturhauses - Foto © O-Ton

„Emotions are welcome“

SWEET APOCALYPSE
(Lambert)

Besuch am
20. Januar 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Kulturhaus Lüden­scheid

Das Kulturhaus ist ein kleines Juwel im Stadtkern von Lüden­scheid. Von außen ein reprä­sen­ta­tiver Blickfang, innen mischen sich warme Holzma­te­rialien mit Sicht­beton. Hier kann man sich richtig wohlfühlen. Das wissen nur noch wenige Lüden­scheider. Das Haus ist, wie man so sagt, „leerge­spielt“. Rebecca Egeling ist als Inten­dantin angetreten, das zu ändern. Und hat gerade ihre erste eigene Spielzeit zu verant­worten. Nach dem fulmi­nanten Auftakt mit der Aufführung von Giuseppe Verdis Don Carlo hat sie jetzt ein weiteres Signal gesetzt.

Viele Jahre haben die Bürger von Lüden­scheid mit einem Programm leben müssen, das ihnen allzu übliches Konzert­re­per­toire von osteu­ro­päi­schen Orchestern unter dem Siegel Meister­kon­zerte präsen­tierte. Längst sind sie es leid, kommen einfach nicht mehr. Egeling will ein neues Angebot schaffen. Und hat zu einem drasti­schen Mittel gegriffen. Kein Orchester. Punkt. Meister­kon­zerte sind schließlich nicht für große Klang­körper reser­viert. Sondern ein einzelner Musiker soll das Publikum in einem solchen Meister­konzert begeistern. Das ist mutig. Vor allem, wenn es sich um einen ungewöhn­lichen Musiker wie Lambert handelt. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, sagt der Kölner, wenn er auf einen Menschen mit, na, ein paar Macken trifft. Der Kölner ist ja mindestens so weltoffen wie der Lüdenscheider.

Lambert hat viele Pläsierchen. Sein Geburts­datum gibt er mit 198283 an. Immerhin wissen wir, dass er aus Hamburg kommt und heute in Berlin lebt. Er ist studierter Jazz-Pianist, Komponist und hat seinen Durch­bruch bei YouTube geschafft, indem er bekannte Stücke auf dem Klavier neu inter­pre­tierte. Zu seinen Macken zählt sicherlich auch, dass er ausschließlich mit einer sardi­ni­schen Stier­maske auftritt. Fotos von ihm ohne Maske sind verboten. Besucher seiner Konzerte dürfen ihn dann trotzdem beim anschlie­ßenden CD- und Schall­platten-Verkauf ohne Maske sehen. Und es ist gar nicht so schlimm, wie man glauben möchte. Ein ganz normaler, junger Mann, der längst kraft seiner eigenen Kompo­si­tionen auf jeder Bühne bestehen kann. Dass er statt­dessen auch noch in der Dunkelheit von ein paar funze­ligen Schein­werfern auftritt, die kaum ausreichen, ihn die Tasten des Flügels erkennen zu lassen, ist ja dann vielleicht schon wieder Kunst, nervt aber trotzdem. Und ist grotesk überflüssig.

Lambert – Foto © O‑Ton

Sweet Apoca­lypse ist das Thema seines Programms. Ein „süßer Weltun­tergang“ wird es zwar nicht, was er auf dem Flügel präsen­tiert, aber die Musik ist eingängig, entspannt und folgt einem Duktus. Links werden die Läufe erzeugt, rechts die Impro­vi­sa­tionen, die manchmal nicht ganz sauber klingen, aber immer inter­essant und abwechs­lungs­reich das Publikum erreichen. Dass er auch einmal in die Saiten greift und damit ungewöhn­liche Töne erzeugt, wird sofort goutiert. Den Menschen, die überra­schend zahlreich erschienen sind, gefällt der samtene Gleich­klang mit seinen zahlreichen Varia­tionen. Und darüber hinaus gibt es ja auch noch jede Menge Spaß. Der lakonische Humor, wenn Lambert seine Zwischen­mo­de­ra­tionen einfügt, kommt bei den Besuchern an. „Liebes Lüden­scheid“, so Lamberts Ansprache, erzeugt bereits beim zweiten Mal Gelächter. Zwischen­zeitlich scheinen die Anmode­ra­tionen wichtiger – und lustiger – zu werden als die Musik. Dazu gehört auch, dass er die englisch­spra­chigen Lüden­scheider anspricht. „Emotions are welcome“, gibt er ihnen vor. Aber dann, nach einer guten Stunde, kommt seine erste Zugabe. Etwas überra­schend, zugegeben. War doch die Aufführung von 18 bis 20 Uhr angekündigt. Aber genau so egal wie diese sardi­nische Stier­maske, die längst überflüssig wie ein Kropf ist. Locked ist kraftvoll, ist Punk auf dem Klavier, zeigt den ganzen Einfalls­reichtum des Kompo­nisten und weist in die richtige Richtung. Davon hätte man sich mehr gewünscht. Und wenn Lambert in dieser Richtung weiter­mar­schiert, hat er das Zeug, einer der ganz großen Meister zu werden.

Egeling hat derweil ihre nächste Meister­prüfung abgelegt. Sie hat das Publikum in der Stadt erreicht. Jetzt muss sie es halten. Und erweitern. Ja, es sind dicke Bretter zu bohren. Aber es ist schön zu sehen, dass der Anfang geschafft ist. Die Lüden­scheider mitgehen und ihrer Inten­dantin vertrauen. So kann es wieder richtig gemütlich werden im Kulturhaus Lüdenscheid.

Michael S. Zerban

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