O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Andreas Tamme

Berührender Barbesuch

FREMDE IN DER NACHT
(Hajo Fouquet)

Besuch am
7. Oktober 2020
(Premiere am 1. Oktober 2020)

 

Theater Lüneburg, Großes Haus

Das Theater Lüneburg kann man durchaus als typisches Stadt­theater bezeichnen. 1946 gegründet, bezog es 1961 das ehemalige Kino der briti­schen Besat­zungs­truppen. Das Gebäude wurde seither regel­mäßig erneuert und erweitert. Es ist beileibe kein Schmuck­stück, sondern glänzt eher durch hansea­tische Zurück­haltung. Ein unauf­fäl­liger Backsteinbau, der von außen auch als Stadt­bü­cherei durch­gehen könnte, solange man den Theaterturm nicht sieht. Im Innern kein übertrie­bener Pomp, aber alles freundlich und adrett. Das Große Haus verfügt über rund 540 – bequeme – Plätze. Eine Studio­bühne und eine Spiel­stätte für junges Theater komplet­tieren das Angebot. Seit 2010 verant­wortet Intendant Hajo Fouquet die künst­le­ri­schen Geschicke des Hauses und ist stolz darauf, alle gängigen Sparten anbieten zu können. Schauspiel‑, Musik­theater- und Ballett­ensemble müssen sich dabei auf hohem Niveau permanent bewähren, denn Bremen, Lübeck oder Hamburg beispiels­weise sind mit dem Auto von Lüneburg aus gut für eine Abend­ver­an­staltung zu erreichen.

Auch am Lüneburger Theater gehen die Corona-Auflagen nicht vorüber. Eine Abend­kasse gibt es ebenso wenig wie das Theatercafé, das großzügig, aber verwaist neben dem Foyer liegt. Trotzdem haben die Verant­wort­lichen alles unter­nommen, um ihren Besuchern den Besuch des Theaters so sicher und angenehm wie möglich zu machen. Es gibt abgegrenzte Wege, ein Farbsystem regelt den Zugang des Publikums, so dass auch ein geord­neter Zugang im Saal möglich ist. Die Abstands­regel ist hier sehr großzügig ausgelegt. Zwei Plätze bleiben zu beiden Seiten ebenso frei wie die Reihe vor und hinter den belegten Plätzen. Das ist luxuriös und sicher schmerzhaft für das Ensemble, aber so können die Masken am Platz abgenommen werden, wenn man will. Haupt­sache Spielen und dem Publikum dabei die nötige Sicherheit vermitteln, scheint die Devise der Hausleitung. Und das Haus ist gut besucht, auch wenn noch Plätze verfügbar sind. Was dem Programm nicht gerecht wird. Große Oper ist derzeit auch hier nicht angesagt, aber deshalb soll das Musik­theater nicht verstummen. Fouquet hat mit Fremde in der Nacht – Bar der Sehnsucht einen „musika­li­schen Theater­abend“ entwi­ckelt und auch gleich selbst insze­niert. Nein, klassi­sches Musik­theater ist das nicht, aber eben auch nicht der derzeit aller­orten abgespulte Arien-Abend.

Alexander Tremmel – Foto © Andreas Tamme

So einen Abend kann man mit An‑, Ab- und Zwischen­mo­de­ra­tionen ordentlich aufpeppen, aber das geht alles bei einer Stunde Spielzeit zu Lasten des Gesangs. Fouquet vertraut auf die assoziative Kraft des Theaters und verzichtet auf allen Schnick­schnack. Den gibt es bei Bühnen- und Kostüm­bildner Sebastian Rieckhoff. Dem ist es gelungen, eine wunder­volle Bar auf die Bühne zu bringen, die längst vergangene, dekadente Eleganz ausstrahlt. Die Rückwand zieht sich schief von links vorne nach rechts hinten. Davor hat ein langge­zo­gener Tresen Platz. In der Mitte der Bühne steht der Flügel. Dahinter ein Podium mit einer Sitzgruppe. Rechts ist Platz für eine weitere Sitzgruppe. Die Rückwand birgt ein Geheimnis, das erst im zweiten Teil gelüftet wird. Das ist ohne richtig großen Aufwand liebevoll und stimmig gestaltet, so dass die Figuren, die Fouquet ins Rennen schickt, großartig wirken können. Da gibt es den Barkeeper, der jedem Klischee genügt – und zu Beginn erst mal die Bühne ordentlich desin­fi­ziert, einschließlich der Hände des Pianisten. Ihm zur Seite die junge Frau im kecken Kleid, von der man nicht genau weiß, welche Rolle sie in seinem Leben spielt. Und all die andern Typen, die man in jeder Bar dieser Welt trifft und die den Abend in solchen Bars so einzig­artig und weltent­rückt machen. Schon beim Eintritt erklingt diese vertraute Bar-Musik vom Flügel her, und sogleich sind die Assozia­tionen eigener Besuche, das Wohlsein und die Sehnsucht in der Fremde da. Dirk Glowalla beweist dabei ein glück­liches Händchen für das Licht, das intime Situa­tionen schafft, ohne die großen Auftritte mit der rechten Aufhellung zu verpassen. Nicht ganz so perfekt gelingt Wolfgang Ziemer der Ton, wenn es um die Zuordnung der Micro­ports geht. Aber es hält sich im erträg­lichen Rahmen, und so gibt es an diesem Abend vor allem zu genießen: Gesang, Sehnsucht, Wehmut, Liebe und schöne, schlanke Musik.

Wenn man einen Abend mit Welthits bestreitet, ist eigentlich schon im Vorfeld klar, dass man nur alles falsch machen kann. Schließlich hat jeder Besucher die eigene Version im musika­li­schen Gedächtnis tief einge­brannt. Was diesen Abend besonders macht: Schon vom ersten Lied an ist zu spüren, dass sich jeder Sänger sehr intensiv mit einer eigenen Inter­pre­tation ausein­an­der­ge­setzt hat. Tenor Alexander Tremmel fragt sich als Barkeeper schon bei der Reinigung der Bar, ob denn Liebe Sünde sein kann. Und er macht das so gelungen, dass man die Version von Zarah Leander glatt für einen Moment vergisst. Wobei auch der Rollen­tausch, den es an diesem Abend häufiger gibt, ein bisschen den Ruch der gewollten Diver­sität hat, aber vielleicht, hoffentlich, ist es einfach nur ein kleiner Spaß, den sich das Ensemble hier erlaubt. Franka Kraneis gefällt mit jugend­lichem Esprit, zeigt nicht nur ihr sänge­ri­sches Können in dem fröhlichen Duett mit Tremmel Anything you can do, I can do better von Irving Berlin, sondern begleitet die Kollegen an passenden Stellen auch gekonnt mit dem Akkordeon. Einen nicht ganz so glück­lichen, weil wenig spekta­ku­lären Einstand findet Signe Heiberg als vom Partner verlassene Geschäftsfrau mit Je t’ai dans la peau – Ich habe dich unter der Haut – von Louis Guglielmi. Umso stärker trumpft Tenor Karl Schneider mit dem Jacques-Brel-Hit Ne me quitte pas – Verlass mich nicht – auf, dem er auch noch eine deutsche Strophe beifügt. Warum Ulrich Kratz ausge­rechnet die englisch­spra­chige Version von Kurt Weills Mackie Messer bringen muss, erschließt sich nicht ganz, zumal die deutsch­spra­chige Version doch sprit­ziger daher­kommt. Mit Send in the clowns – Schickt die Clowns herein – von Stephen Sondheim gelingt es Kraneis, die Menschen anzurühren. Schneider bleibt bei Brel und legt noch einmal gründlich mit Amsterdam nach. Da kommt schon viel von der Origi­nal­version rüber. Obwohl es über die sänge­rische Qualität keinerlei Diskussion gibt, mag man auch bei Heibergs Inter­pre­tation von Weills Surabaya Johnny unter­schied­licher Ansicht sein. Mit seiner Auffassung von Strangers in the Night – Fremde in der Nacht – dem Welterfolg von Bert Kämpfert, beschließt Kratz den ersten Teil.

Karl Schneider – Foto © Andreas Tamme

Auf ein Zeichen Tremmels geht der bislang bläulich schim­mernde Vorhang der Rückwand nach oben und gibt den Blick auf die dahinter sitzende kleine Besetzung der Lüneburger Sympho­niker frei. Die inter­pre­tieren Cy Colemans Big Spender. Auch dieses Arran­gement stammt wie alle anderen dieses Abends von Thomas Dorsch und darf als äußerst gelungen bezeichnet werden. Trotzdem kann sich gerade bei diesem Lied doch manche Stimme außer­or­dentlich profi­lieren. Soll nicht sein. Also weiter mit Weills Kanonensong in einer schönen Version von Kratz und Schneider. Nächster Höhepunkt ist Theo Macklebens Nur nicht aus Liebe weinen, mit dem Heiberg noch einmal brillieren darf, ehe Tremmel mit Macklebens Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da ein weiteres Mal zu großer Form aufläuft. Im Finale tragen alle fünf Sänger gemeinsam My Way vor. Schon ist eine Stunde um, in der das Publikum nach jedem Lied applaudierte.

Jetzt ist auch die Zeit gekommen, sich ausführlich bei Phillip Barczewski zu bedanken, der die Lüneburger Sympho­niker im Blindflug mit dem Spiel von Ulrich Stöcker am Flügel hervor­ragend abglich und begleitete. Auch die Leistung der Sänger wird vom Publikum noch einmal ausführlich gewürdigt.

Beson­deres Lob gebührt zudem einem ordent­lichen Programmheft, das auch die deutschen Überset­zungen der fremd­sprachig gesun­genen Titel liefert. Es geht also doch. Dann heißt es, den Saal geordnet wieder zu verlassen. Fouquet ist ein außer­or­dent­licher Abend gelungen, der ganz auf Arien verzichtet und trotzdem das Publikum auf beste Weise zu unter­halten vermag. Musik­theater kommt in einer neuen Qualität daher. Ob es so weiter­gehen kann, darüber möchte man gern an diesem Abend noch in irgend­einer Bar mit den Sängern philo­so­phieren. Zur Bar-Musik am Flügel mit Whisky und sicher bis zum frühen Morgen. Aber das wird wohl nichts. Nur die Sehnsucht bleibt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: