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An diesem 20. Juni vor 200 Jahren wurde in Köln der Komponist geboren, der später unter dem Namen Jacques Offenbach in Paris Triumphe feiern sollte und den man nicht ganz zu Unrecht den „Vater der Operette“ nennt, hatte er doch auch Johann Strauss zu überreden gewusst, nicht nur Walzer, sondern auch Operetten zu komponieren. Er war bekannt dafür, mit seinen Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy nicht nur zu unterhalten, sondern auch – und man verzieh es ihm – dem Paris des Second Empire ziemlich schonungslos den Spiegel vors Gesicht zu halten. Seine Operetten waren doppelte Satiren, die der Gesellschaft, als auch die der Grand Opéra.
Um dieses Jubiläum zu feiern, hat die Opéra de Lyon die heute vielleicht weniger bekannte Operette Barbe-Bleue ausgewählt. Sie entstand 1866, als Offenbach den Höhepunkt seines Ruhms erreicht hatte, und wurde bald ein durchschlagender Erfolg auf allen europäischen Bühnen. In Deutschland sind vor allem die legendäre Leo-Slezak-Aufführung 1929 im Metropol Theater und Walter Felsensteins Inszenierung 1963 in der Komischen Oper in Berlin in Erinnerung geblieben.
Die Regie des Werkes in Lyon hat der Offenbach-Veteran Laurent Pelly übernommen. Es ist seine elfte Offenbach-Inszenierung, und was ihn diesmal, von der Parodie der Macht und der Sexualität abgesehen, besonders interessiert, ist „diese Leidenschaft für das Theater, die Offenbach hatte, seinen Traum und seine stets ungezügelte Fantasie. Dies ist eine Konstante in seinen Werken, die ich weiter erforschen möchte.“
Michele Spotti und das Orchester der Opéra de Lyon eröffnen den Reigen mit einer Ouvertüre, die durch Schwung und Rhythmus schon den Ton vorgibt für die folgende unablässige, rasche Abfolge von Walzer‑, Polka- oder Galoppmelodien, die einem kaum die Zeit zum Atemholen lässt. Die Melodien wechseln sich ab mit ebenso spritzigen, schlagfertigen gesprochenen Dialogen, in der Tradition der von Offenbach geschaffenen Opéra bouffe à la française.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zu Anfang der Operette besingen Jennifer Courcier als das Bauernmädchen Fleurette und Carl Gharzarossian als Saphir mit jugendlicher Frische und Verliebtheit ihr einfaches Liebesleben am Land, auf einem etwas verwahrlosten Bauernhof. Das Idyll wird unterbrochen durch das lautstarke Auftreten von Boulotte, einem eher nymphomanen Bauernmädchen, das es im Moment auf Saphir abgesehen hat. Die Magd wird sehr überzeugend in all ihrer wollüstigen, leiblichen Fülle und mit eindruckvollem, sinnlichem Mezzosopran von Héloise Mas dargestellt. Sie singt hier ihr Auftritts-Couplet Y’a des bergers dans le village. Saphir, der fast von dieser bäuerlichen Messalina vergewaltigt wird, kann sich gerade noch retten beim Auftreten von zwei Männer, die in ihren Regenmänteln wie Detektive aussehen. Es sind Graf Oskar, der „Groß-Kurtisane“ des Königs Bobèche, mit oberlehrerhafter Komik gespielt und gesungen von Thibault de Damas. Er ist ausgeschickt, die verschollene Königstochter Hermia zu suchen und erkennt sie wieder in der Gestalt von Fleurette. Der andere Mann ist der Alchemist Popolani, den sein Herr Barbe-Bleue – auf Deutsch Blaubart –immer damit betraut, die nicht mehr gewollten Ehefrauen zu vergiften. Christophe Gay nimmt sich verspielt und etwas dämonisch dieser Rolle an. Da er gerade mal wieder sein Werk verrichtet hatte, hat Barbe-Bleue ihn beauftragt, ihm durch eine Lotterie unter den Jungfrauen des Volkes eine neue Frau herbeizuschaffen. Alle Bauernmädchen, von ihren Eltern unterstützt, drängen heran. Doch wollen sie unter lautem Geschrei Boulotte, deren Jungfräulichkeit jeder anzweifelt, von der Lotterie ausschließen. Doch setzt sie sich nicht nur durch, sondern gewinnt auch das große Los, Barbe-Bleues sechste Frau zu werden.
In diesem Zusammenhang hat Karin Locatelli, die Chorleiterin, in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur nicht nur musikalisch den Chor genauestens einstudiert, sondern ihn auch in kollektiver Gestik und Bewegung choreografisch zu einem wesentlichen Bestandteil der Komik des Bühnengeschehens gemacht.
Zu Ende des ersten Akts rollt eine schwarze Limousine langsam auf die Bühne. Ihr entsteigt ganz schwarz gekleidet, mit blau-schwarzen Haupt- und Barthaaren Barbe-Bleue selbst. Mit pompösem Heldentenor und beachtenswerter Selbstherrlichkeit singt ihn Yann Beuron in Je suis Barbe-Bleue, ô gué! und gleich darauf, als man ihm seine neue Frau in all ihrer Leibesfülle vorstellt, im bekannten C’est un Rubens! C’est un Rubens! Und ergeht sich in langen Koloraturen.
Jacques Offenbach hat in seinen Operetten-Satiren vor keiner Übertreibung, keiner Groteske oder keiner Verrücktheit zurückgeschreckt. Durch moderne Kostüme und eine durchaus der heutigen Zeit angepasste Personenregie, die trotz aller Tollheit einen gewissen Realismus bewahrt, ist es Laurent Pelly gelungen, diesen närrischen Klamauk so aufzuarbeiten, dass er uns nicht völlig abwegig erscheint, sondern, von genialer Operettenmusik untermalt, ein verrückt-heiteres Schauspiel bietet. Der zweite Akt ist noch verrückter als der erste, vom dritten ganz zu schweigen.

Zu Beginn des zweiten Akts drillt Graf Oscar, der „Groß-Kurtisane“, mit äußerster Strenge alle Hofkurtisanen in der Kunst des Hofierens C’est un métier difficile que celui des courtisans! Darauf erscheint der eher jämmerliche, aber boshafte König Bobèche, in all seiner lachhaften Groteske mit goldener Krone auf dem Kopf gespielt von Christophe Mortagne. Er will für seine wiedergefundene Tochter sofort einen Bräutigam finden, natürlich setzt Fleurette-Hermia ihren geliebten Saphir durch, zumal der sich als verkleideter Prinz entpuppt. Als Barbe-Bleue bei Hof erscheint, um seine neue Gemahlin vorzustellen, küsst Boulotte, statt dem König die Hand, sämtliche Herren der Hofgesellschaft ab. Darauf will Barbe-Bleue sie gleich vergiften lassen. Doch Popolani flößt ihr in seinem Keller-Labor, wie er es mit den fünf anderen verurteilten Ehefrauen auch gehandhabt hat, kein Gift, sondern nur ein Schlafmittel ein und bringt sie dann in seinem Harem-Versteck unter.
Die Kostüme und das Dekor auf dem Bauernhof im ersten Akt sind grau und unscheinbar. Hingegen ist der Saal des Königsschlosses hoheitlich mit alten Möbeln und Empire-Kronleuchtern ausgestattet, und die Hofgesellschaft besonders bei der Hochzeit im dritten Akt, prächtig herausgeputzt, die Damen sogar mit Hüten ganz in englischer Form und Färbung, als kämen sie gerade von Ascot oder Henley zurück. Hier hat der Regisseur wieder eng mit seiner langjährigen Bühnenbildnerin Chantal Thomas zusammengearbeitet, um ein einheitliches Ganzes zu gestalten.
Im dritten Akt sollen Saphir und Hermia gerade getraut werden, als Barbe-Bleue plötzlich hereinplatzt. Das Lamento des Witwers Madame! Ah! Madame, plaignez mon tourment! schlägt schnell in neuen Heiratswillen um. Der Bräutigam Saphir wird verdrängt, und Barbe-Bleue verlangt nun selbst die Prinzessin zur Frau. Der armselige König hat Barbe-Bleues „Kanonen und Dragonern“ nichts entgegen zu stellen. Und Prinz Saphir wird im Zweikampf mit dem Eindringling besiegt und tot liegengelassen. Inzwischen haben Popolani und Graf Oscar ein Komplott geschmiedet. Sie lassen in prunkvollen Renaissancekostümen und mit schwarzen Sonnenbrillen Boulotte und die anderen fünf „vergifteten Ehefrauen“ als Zigeunerinnen auftreten, verstärkt von dem inzwischen wiedererstandenen Saphir und fünf vermeintlichen Liebhabern der Königin, die Oscar hätte köpfen sollen, aber auch nur versteckt hat. Sie alle enthüllen die Schandtaten, denen sie zum Opfer gefallen sind. Und so bekommt am Schluss jeder die, die er verdient: Saphir seine Hermia, Barbe-Bleue die jetzt sehr aufmüpfige Boulotte und die fünf Ehefrauen heiraten die fünf vermeintlichen Liebhaber der Königin.
Nachdem witzige Dialoge oder Situationskomik das Publikum verschiedentlich während der Aufführung zum Lachen gebracht haben, belohnt es die Ausführenden am Schluss dann auch mit begeistertem Beifall und zieht verschmitzt schmunzelnd von dannen.
Alexander Jordis-Lohausen