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Sprühendes Offenbach-Feuerwerk

BARBE-BLEUE
(Jacques Offenbach)

Besuch am
14. Juni 2019
(Premiere)

 

Opéra National de Lyon

An diesem 20. Juni vor 200 Jahren wurde in Köln der Komponist geboren, der später unter dem Namen Jacques Offenbach in Paris Triumphe feiern sollte und den man nicht ganz zu Unrecht den „Vater der Operette“ nennt, hatte er doch auch Johann Strauss zu überreden gewusst, nicht nur Walzer, sondern auch Operetten zu kompo­nieren. Er war bekannt dafür, mit seinen Libret­tisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy nicht nur zu unter­halten, sondern auch – und man verzieh es ihm – dem Paris des Second Empire ziemlich schonungslos den Spiegel vors Gesicht zu halten. Seine Operetten waren doppelte Satiren, die der Gesell­schaft, als auch die der Grand Opéra.

Um dieses Jubiläum zu feiern, hat die Opéra de Lyon die heute vielleicht weniger bekannte Operette Barbe-Bleue ausge­wählt. Sie entstand 1866, als Offenbach den Höhepunkt seines Ruhms erreicht hatte, und wurde bald ein durch­schla­gender Erfolg auf allen europäi­schen Bühnen. In Deutschland sind vor allem die legendäre Leo-Slezak-Aufführung 1929 im Metropol Theater und Walter Felsen­steins  Insze­nierung 1963 in der Komischen Oper in Berlin in Erinnerung geblieben.

Die Regie des Werkes in Lyon hat der Offenbach-Veteran Laurent Pelly übernommen. Es ist seine elfte Offenbach-Insze­nierung, und was ihn diesmal, von der Parodie der Macht und der Sexua­lität abgesehen, besonders inter­es­siert, ist „diese Leiden­schaft für das Theater, die Offenbach hatte, seinen Traum und seine stets ungezü­gelte Fantasie. Dies ist eine Konstante in seinen Werken, die ich weiter erfor­schen möchte.“

Michele Spotti und das Orchester der Opéra de Lyon eröffnen den Reigen mit einer Ouvertüre, die durch Schwung und Rhythmus schon den Ton vorgibt für die folgende unablässige, rasche Abfolge von Walzer‑, Polka- oder Galopp­me­lodien, die einem kaum die Zeit zum Atemholen lässt. Die Melodien wechseln sich ab mit ebenso sprit­zigen, schlag­fer­tigen gespro­chenen Dialogen, in der Tradition der von Offenbach geschaf­fenen Opéra bouffe à la française.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Zu Anfang der Operette besingen Jennifer Courcier als das Bauern­mädchen Fleurette und Carl Gharz­a­rossian als Saphir mit jugend­licher Frische und Verliebtheit ihr einfaches Liebes­leben am Land, auf einem etwas verwahr­losten Bauernhof. Das Idyll wird unter­brochen durch das lautstarke Auftreten von Boulotte, einem eher nympho­manen Bauern­mädchen, das es im Moment auf Saphir abgesehen hat. Die Magd wird sehr überzeugend in all ihrer wollüs­tigen, leiblichen Fülle und mit eindruck­vollem, sinnlichem Mezzo­sopran von Héloise Mas darge­stellt. Sie singt hier ihr Auftritts-Couplet Y’a des bergers dans le village. Saphir, der fast von dieser bäuer­lichen Messalina verge­waltigt wird, kann sich gerade noch retten beim Auftreten von zwei Männer, die in ihren Regen­mänteln wie Detektive aussehen. Es sind Graf Oskar, der „Groß-Kurtisane“ des Königs Bobèche, mit oberleh­rer­hafter Komik gespielt und gesungen von Thibault de Damas. Er ist ausge­schickt, die verschollene Königs­tochter Hermia zu suchen und erkennt sie wieder in der Gestalt von Fleurette. Der andere Mann ist der Alchemist Popolani, den sein Herr Barbe-Bleue – auf Deutsch Blaubart –immer damit betraut, die nicht mehr gewollten Ehefrauen zu vergiften. Chris­tophe Gay nimmt sich verspielt und etwas dämonisch dieser Rolle an. Da er gerade mal wieder sein Werk verrichtet hatte, hat Barbe-Bleue ihn beauf­tragt, ihm durch eine Lotterie unter den Jungfrauen des Volkes eine neue Frau herbei­zu­schaffen. Alle Bauern­mädchen, von ihren Eltern unter­stützt, drängen heran. Doch wollen sie unter lautem Geschrei Boulotte, deren Jungfräu­lichkeit jeder anzweifelt, von der Lotterie ausschließen. Doch setzt sie sich nicht nur durch, sondern gewinnt auch das große Los, Barbe-Bleues sechste Frau zu werden.

In diesem Zusam­menhang hat Karin Locatelli, die Chorlei­terin, in enger Zusam­men­arbeit mit dem Regisseur nicht nur musika­lisch den Chor genau­estens einstu­diert, sondern ihn auch in kollek­tiver Gestik und Bewegung choreo­gra­fisch zu einem wesent­lichen Bestandteil der Komik des Bühnen­ge­schehens gemacht.

Zu Ende des ersten Akts rollt eine schwarze Limousine langsam auf die Bühne. Ihr entsteigt ganz schwarz gekleidet, mit blau-schwarzen Haupt- und Barthaaren Barbe-Bleue selbst. Mit pompösem Helden­tenor und beach­tens­werter Selbst­herr­lichkeit singt ihn Yann Beuron in Je suis Barbe-Bleue, ô gué!  und gleich darauf, als man ihm seine neue Frau in all ihrer Leibes­fülle vorstellt, im bekannten C’est un Rubens! C’est un Rubens! Und ergeht sich in langen Koloraturen.

Jacques Offenbach hat in seinen Operetten-Satiren vor keiner Übertreibung, keiner Groteske oder keiner Verrücktheit zurück­ge­schreckt. Durch moderne Kostüme und eine durchaus der heutigen Zeit angepasste Perso­nen­regie, die trotz aller Tollheit einen gewissen Realismus bewahrt, ist es Laurent Pelly gelungen, diesen närri­schen Klamauk so aufzu­ar­beiten, dass er uns nicht völlig abwegig erscheint, sondern, von genialer Operet­ten­musik untermalt,  ein verrückt-heiteres Schau­spiel bietet. Der zweite Akt ist noch verrückter als der erste, vom dritten ganz zu schweigen.

Foto © Bertrand Stofleth

Zu Beginn des zweiten Akts drillt Graf Oscar, der „Groß-Kurtisane“, mit äußerster Strenge alle Hofkur­ti­sanen in der Kunst des Hofierens C’est un métier difficile que celui des courtisans! Darauf erscheint der eher jämmer­liche, aber boshafte König Bobèche, in all seiner lachhaften Groteske mit goldener Krone auf dem Kopf gespielt von Chris­tophe Mortagne. Er will für seine wieder­ge­fundene Tochter sofort einen Bräutigam finden, natürlich setzt Fleurette-Hermia ihren geliebten Saphir durch, zumal der sich als verklei­deter Prinz entpuppt. Als Barbe-Bleue bei Hof erscheint, um seine neue Gemahlin vorzu­stellen, küsst Boulotte, statt dem König die Hand, sämtliche Herren der Hofge­sell­schaft ab. Darauf will Barbe-Bleue sie gleich vergiften lassen. Doch Popolani flößt ihr in seinem Keller-Labor, wie er es mit den fünf anderen verur­teilten Ehefrauen auch gehandhabt hat, kein Gift, sondern nur ein Schlaf­mittel ein und bringt sie dann in seinem Harem-Versteck unter.

Die Kostüme und das Dekor auf dem Bauernhof im ersten Akt sind grau und unscheinbar. Hingegen ist der Saal des Königs­schlosses hoheitlich mit alten Möbeln und Empire-Kronleuchtern ausge­stattet, und die Hofge­sell­schaft besonders bei der Hochzeit im dritten Akt, prächtig heraus­ge­putzt, die Damen sogar mit Hüten ganz in engli­scher Form und Färbung, als kämen sie gerade von Ascot oder Henley zurück. Hier hat der Regisseur wieder eng mit seiner langjäh­rigen Bühnen­bild­nerin Chantal Thomas zusam­men­ge­ar­beitet, um ein einheit­liches Ganzes zu gestalten.

Im dritten Akt sollen Saphir und Hermia gerade getraut werden, als Barbe-Bleue plötzlich herein­platzt. Das Lamento des Witwers Madame! Ah! Madame, plaignez mon tourment! schlägt schnell in neuen Heirats­willen um. Der Bräutigam Saphir wird verdrängt, und Barbe-Bleue verlangt nun selbst die Prinzessin zur Frau. Der armselige König hat Barbe-Bleues „Kanonen und Dragonern“ nichts entgegen zu stellen. Und Prinz Saphir wird im Zweikampf mit dem Eindringling besiegt und tot liegen­ge­lassen. Inzwi­schen haben Popolani und Graf Oscar ein Komplott geschmiedet. Sie lassen in prunk­vollen Renais­sance­kos­tümen und mit schwarzen Sonnen­brillen Boulotte und die anderen fünf „vergif­teten Ehefrauen“ als Zigeu­ne­rinnen auftreten, verstärkt von dem inzwi­schen wieder­erstan­denen Saphir und fünf vermeint­lichen Liebhabern der Königin, die Oscar hätte köpfen sollen, aber auch nur versteckt hat. Sie alle enthüllen die Schand­taten, denen sie zum Opfer gefallen sind. Und so bekommt am Schluss jeder die, die er verdient: Saphir seine Hermia, Barbe-Bleue die jetzt sehr aufmüpfige Boulotte und die fünf Ehefrauen heiraten die fünf vermeint­lichen Liebhaber der Königin.

Nachdem witzige Dialoge oder Situa­ti­ons­komik das Publikum verschie­dentlich während der Aufführung zum Lachen gebracht haben, belohnt es die Ausfüh­renden am Schluss dann auch mit begeis­tertem Beifall und zieht verschmitzt schmun­zelnd von dannen.

Alexander Jordis-Lohausen

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